Kurzes Lebenszeichen

Hallo ihr Lieben,

und ein ganz großes mea culpa meinerseits, dass ich so sang- und klanglos in der märchenlosen Versenkung verschwunden bin.

Am Freitag um 14h darf/muss ich meine Doktorarbeitung verteidigen und gleich noch zu zwei weiteren Themen Rede und Antwort stehen. Und also bin ich seit Wochen auf Lern- und Panikhochtouren.

Und am Montag drauf habe ich gleich noch ein Vorstellungsgespräch, wo ich jedenfalls bislang weder Panik- noch Vorbereitungshochtouren schiebe, aber ja. Nicht lockerlassen ist das Motto, im Moment.

Ich hoffe aber stark, euch spätestens übernächste Woche wieder ein frisches Märchen zu präsentieren. :)

Viele liebe Grüße
eure Berlinickerin

43.7 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: IV. Vikramâditja’s Gemahlin Tsetsen Büdschiktschi – Der weise Papagei – Der falsche Eid

Am heutigen letzten Tag der Abenteuer Ardschi-Bordschi Chans muss sich nicht nur der, sondern nun auch noch eine seiner Frauen beweisen vor dem Thron. Dabei erhärtet sich aber der Verdacht, dass die Holzfiguren sich vor allem gerne selber reden hören. Lest selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
Vikramâditja’s Gemahlin Tsetsen Büdschiktschi – Der weise Papagei – Der falsche Eid

Der König Ardschi-Bordschi hatte 71 Gemahlinnen. Eine der vornehmsten unter ihnen forderte er auf, sich vor dem Throne zu verneigen und die Weihe zu empfangen. Als sie dem Throne nahe gekommen war, da rief eine Holzfigur: „O halt! Berühre mit deinem Haupte den Thron nicht. Tsetsen Büdschiktschi, vormaleinst die Gemahlin des hochheiligen Königs Vikramâditja, pflegte nie abseits von ihrem Manne unrechten Gedanken nachzuhängen; wenn du eine solche Fürstin sein solltest, dann nahe dich und empfang die Weihe; wenn aber nicht, so lass es sein!“ Außerdem aber erzählte sie noch dazu die Geschichte von den 71 Papageien. –

Früh vor Zeiten war einmal die Gemahlin eines Königs krank geworden und die Ärzte waren nicht im Stande sie zu heilen. Weil aber in Folge des Genusses eines Vogelhirnes nach und nach ihre Krankheit sich zum Bessern gewendet hatte, gedachte der Großkönig von seinen Untertanen Vogelgehirn als Abgabe zu erheben. Deshalb berief er einen Vogelsteller zu sich, und als dieser erschien, sprach er zu ihm: „Wenn du mir aus der hiesigen Umgebung 71 Vogelgehirne lieferst, so werde ich dich belohnen; vermagst du sie nicht aufzutreiben, so bestrafe ich dich.“ Während der Mann nun in der äußersten Verlegenheit war, fiel ihm ein, dass auf einem Baume immer 71 Papageien zu übernachten pflegten. „Auf demselben werde ich Netze spannen,“ dachte er, und so spannte er denn auch in der Tat auf dem Baume die Netze auf.

Allein unter diesen Papageien befand sich ein besonders kluger; dieser kluge Papagei sprach zu seinen Gefährten also: „Auf diesem Baume hat sich unser Feind niedergelassen; wir wollen auf einem Felsen übernachten.“ Nachdem sie dort vier bis fünf Nächte zugebracht hatten, nahm der Mann seine Netze und stellte sie auf dem Felsen auf. Da sprach der kluge Papagei abermals zu seinen Gefährten: „Auf diesem Felsen hat sich wiederum ein Feind niedergelassen; wir wollen uns nach einem andern Platz wenden.“ Darüber gerieten die Gefährten in Zorn und versetzten: „Wir sind von unserm ursprünglichen Baum, indem du sagtest, dass daselbst ein Feind sich eingeschlichen habe, auf diesen Felsen gezogen; jetzt sagst du abermals, auf dem Felsen sei ein Feind erschienen; wohin willst du denn gehen? Wenn man die Sache genauer betrachtet, so dürfte im Gegenteil der Feind es auf dich allein abgesehen haben.“ Der kluge Papagei versetzte: „Wenn der Feind es auf mich absehen würde, so handelte es sich nur um ein einziges Wesen; allein es hat sich der Feind 71 Köpfen genähert und so dürfte das Verderben über alle kommen. Wie könnte ich aber trotz meines bestimmten Wissens ganz allein mich davonmachen? Auf diese Weise dürfte denn, scheinbar als hätten wir nichts gewusst, das Verderben über uns alle kommen.“

Als sie nun ungeachtet dieser Warnung auf dem Felsen weiter übernachteten, blieben sie alle in den Netzen hangen, und während sie so dalagen, sprachen die andern klagend: „Für uns Unverständige musst du, der Verständige, nun mit büßen!“ Dann aber fragten sie den klugen Papagei: „Da der Besitzer dieser Schlingen mit einem Stocke in der Hand daherkommt, sollte dir nicht noch ein Rettungsmittel einfallen?“ Der kluge Papagei sprach: „Was für ein anderes Mittel gäbe es für uns, als zu entfliehen! Indes wollen wir alle, scheinbar als wären wir tot, uns auf den Rücken, kopfüber und auf die Seite legen. Denn er wird denken, ‚die lebenden muss ich töten‘, und so könnte er uns alle totschlagen; wozu sollte er aber die Toten noch einmal totschlagen? Er wird uns ja doch wohl nur um unseres Fleisches willen töten wollen. Nachdem wir einmal in die Hände des Mannes gefallen sind, dürfte es von Vorteil sein, ruhig liegen zu bleiben. Betrachtet man diesen unsern Fels genauer, so ist der Zugang sehr eng; wenn er auch durch eine Felsspalte hindurchkriecht und herankommt, so hat er hier keinen Platz; und wenn er uns mit sich fortschleppen will, so wird er, weil er uns nicht erträgt, uns abzählen und wahrscheinlich sogar hinabwerfen; diejenigen von uns, die zuerst hinabgefallen, bleiben wie tot liegen; sobald er aber bei seinem Abzählen 71 gesagt, dann wollen wir alle der Reihe nach uns erheben und davonfliegen.“

Auf diesen Rat legten sie sich ruhig hin. Als der Mann kam und sie sah, sprach er: „O ihr schlimmen, listigen Papageien, das dürfte euer Tod sein! Ichr habt mir durch euer schlaues Hin- und Herwandern ordentlich Kummer verursacht; ich will euch weich klopfen!“ Als er hinzutrat und sie auf dem Rücken und kopfüber liegend tot sah, rief er: „Sie sind ja tot! Ich will sie sämtlich, weil der Platz so eng ist, im Abzählen hinabwerfen und dann aufheben.“ Und so warf er sie, indem er sie zählte, hinab; ganz zuletzt war noch der kluge Papagei allein übrig. Während er ihn losknüpfte und, schon 71 ausrufend, eben hinabwerfen wollte, fiel der Wetzstein, den er im Gürtel bei sich trug, mit Geräusch hinunter; die andern, in der Meinung, die Zahl 71 sei voll, flogen insgesamt auf und davon und der kluge Papagei blieb allein in den Händen des Mannes zurück. Weiterlesen

43.6 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: III.b Zwei Binnenerzählungen

Nahtlos knüpfen wir heute also mit den beiden Erzählungen an, zu denen Vikramâditja gestern angehoben hatte, um die schweigende ‚Göttersonne‘-Chatun zum Reden zu verführen. Aber lest selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
Zwei Binnenerzählungen

Die hölzerne Frau

In längst vergangenen Zeiten pflegten vier Knaben aus vier Dörfern ihre Herden zu hüten, wobei sie einen bestimmten Platz verabredet hatten. Derjenige von ihnen, der zuerst gekommen war, wartete lange vergebens auf seine Gefährten. Bei seinem Weggehen machte er aus einem Stück Holz die Figur einer Frau, stellte sie auf und ging dann selbst fort. Als der zweite von ihnen schließlich doch kam, trug er ihr gelbe Farbe auf, bevor er ebenfalls wegging. Als der dritte kam, blieb er lächelnd stehen, gab der Frau noch die charakteristischen Zeichen, und entfernte sich gleichfalls. Endlich erschien der vierte, und nachdem er ihr Leben eingehaucht, ward sie eine schöne reizende Frau zum Heiraten. Indem nun alle vier sich um die Frau stritten, sagte der Erste: „Ich habe sie zu allererst aus Holz geformt.“ Der Zweite sagte: „Ich habe die Farbe aufgetragen.“ Der Dritte sprach: „Ich habe die charakteristischen Zeichen hinzugefügt.“ Der Vierte sagte: „Ich habe sie beseelt.“ –

Da sie nun alle vier so miteinander stritten, fuhr Vikramâditja als König fort, welchem von ihnen wird man sie geben müssen? Da versetzten Altar und Rosenkranz: „Naran-Chatun antwortet in der Regel nicht. Von unpersönlichen Gegenständen, wie wir zwei, Altar und Rosenkranz, sind, pflegt sonst auch keine Rede zu erfolgen; allein da der großmächtige König erschienen ist und bei Erzählung einer Geschichte um die Meinung fragt, wie könnte man da die Antwort schuldig bleiben? Weil mir jedoch davon, dass Naran-Chatun Tag und Nacht Gebete hersagt, der Kopf ganz schwindelig geworden ist, so bin ich, da mein Inneres beständig unaufgeklärt bleibt, nicht im Stande, das richtige zu unterscheiden; indes sollte doch wohl, scheint mir, derjenige, welcher zu allererst die Figur gemacht hat, sie zu erhalten berechtigt sein.“ Bei diesen Worten warf Naran-Chatun einen Blick auf ihren Altar und Rosenkranz und sprach also: „Ein persönliches Wesen wie ich fühlte nicht den Mut zu antworten, geschweige denn zwei unpersönliche Gegenstände, wie ihr seid; wenn ihr daher mit eurer so eben gegebenen Antwort das richtige nicht treffet, ist das ein Wunder? Derjenige,“ fuhr sie fort, „der die Figur zuerst gemacht hat, ist der Vater: der die Farbe aufgetragen, ist die Mutter; der die charakteristischen Zeichen hinzugefügt hat, ist der Lama; der ihr das Leben einhauchte, wie sollte der nicht ihr Mann sein?“ Also hatte sie zur Antwort gegeben.

Darauf sprach der König: „Von einem persönlichen Wesen, der Naran-Chatun, ist eine Antwort erfolgt; von zwei unpersönlichen Gegenständen, dem Altar und Rosenkranz, ist eine Antwort erfolgt. Erzählet nun auch ihr eine Geschichte.“ Während Naran-Chatun, ohne irgendeinen Laut von sich zu geben, ruhig dasaß, sprach der Opferkrug: „Weil mein Inneres bestimmt ist, mit Weihwasser angefüllt zu werden, und ich stets in Rauch gehüllt bin, so bin ich nicht im Stande zu erzählen; erzähle daher du, o König, eine Geschichte.“ Naran-Chatun warf bei diesen Worten ihrem Opferkrug einen Blick zu und blieb ruhig sitzen. Da erzählte der König folgende Geschichte:

Bestrafte Untreue

Einstmals zogen zwei Verheiratete, Mann und Frau, mit einander am Fuße einer Felswand vorüber. Von der Felswand herab ließ sich eine wohlklingende, liebliche Stimme vernehmen; selbst die berittenen Rosse blieben stehen und hörten zu, geschweige denn die Menschen. Die Frau sich danach hinwendend dachte bei sich: „Einem Manne, der mit einer so lieblichen Stimme begabt ist, möchte ich angehören!“ Während sie mit diesem Gedanken weiterging, kamen sie zu einem reichlich mit Wasser versehenen Brunnen. Da sprach die Frau zu ihrem Manne: „Hole mir doch von diesem Wasser, ich habe Durst.“ Der Mann machte Halt; indem er aber zum Wasser nicht hinabreichte und das Gleichgewicht zu behalten suchend sich über den Brunnen lehnte, fasste die Frau, die ebenfalls abgestiegen war, ihn an den beiden Füssen, stieß ihn in das Wasser und tötete so ihren Mann.

Als sie nun jene liebliche Stimme aufsuchte und sich danach umschaute, stellte es sich heraus, dass es die stöhnende Stimme eines am Rücken und Hals mit Wunden und Beulen bedeckten Mannes war, die, an der Felswand wiederhallend, sich so lieblich vernehmen ließ. Die Frau war über diese Entdeckung sehr betroffen. „Weil ich,“ sprach sie, „als ich die Stimme eines solchen Leidenden vernahm, meinen edlen Mann getötet habe, so ist nun meine Begegnung mit diesem unglücklichen Manne die Wiedervergeltung dafür.“ Mit diesen Worten nahm sie den kranken Mann auf ihre Schultern, und indem sie sich mühsam mit ihm dahin schleppte, schrumpfte sie allmählich zusammen und magerte ab, bis sie zuletzt starb. –

„Ist das ein gutes oder ein schlechtes Weib?“ fragte Vikramâditja wieder als König. Doch Naran-Chatun gab keinen Laut von sich. Die Lampe aber sprach: „Naran-Chatun hier lässt die Lampe Tag und Nacht ohne Unterlass brennen; weil ich dadurch ganz erschöpft und zusammengeschrumpft bin, so bleibe ich stets ohne die nötige Sammlung, um in richtiger Unterscheidung zu sprechen. Indes, wenn ich berücksichtige, dass die Frau, nachdem sie ihren biederen Mann getötet und dafür einen kranken Mann gefunden hat, diesen doch nicht unter dem Vorwande, er sei schlecht, im Stiche ließ, so verdient sie als gutes Weib zu gelten.“ Nachdem Naran-Chatun bei diesen Worten ihrem Opferkrug und der Lampe einen Blick zugeworfen, ließ sie sich also vernehmen: „Ich für meine Person gebe doch, nicht wahr, gewöhnlich keine Antwort, geschweige denn ihr vier unpersönlichen Gegenstände. Wenn ihr daher bei einer einmaligen Antwort das richtige nicht treffet, ist das ein Wunder? Was konntet ihr Gutes finden an einer Frau, welche, als sie die an einer Felswand wiederhallende kunstvoll melodische Stimme vernahm, den ihr zu eigen gehörenden Mann tötete, und, indem sie einen kranken dahinschleppte, nach Erschöpfung ihrer Kräfte zusammenbrach? Ein solches schlechtgesinntes Weib dürfte eine Schimnus sein!“

Nachdem sie also sich hatte vernehmen lassen, sprach der König: „Naran-Chatun, als derjenige, welcher dich zweimal zum Sprechen gebracht hat, darf ich dich jetzt heimführen!“« Mit diesen Worten nahm er Naran-Chatun in Empfang, und von Schalû und seinen drei weisen Ministern begleitet machte er, nachdem er die früher erwähnten im Felsengewölbe eingeschlossenen Söhne von 500 Königen befreit hatte, sich auf den Weg in sein Reich. Dort angelangt berief er sein Volk Tai-tsing zu einer Versammlung, begann sofort Glaube und Religion in hohen Ehren zu halten, machte Hohe und Niedere so glücklich, als man es sich nur vorstellen kann, und saß als der vom Schicksal bestimmte hochheilige König Vikramâditja mit seiner Milde und Gnade übenden Gemahlin Ḍâkinî fest auf diesem Thron. –

„König Ardschi-Bordschi,“ schloss die Holzfigur auf den Treppen zum Thron, „wenn du ein solcher Gesetz und Glaube gleichmäßig hochhaltender König sein solltest, dann setze dich auf den Thron; bist du das aber nicht, dann lass es sein!“ Und mit diesen Worten verwehrte sie es ihm.

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Schweigende, meistens übrigens Frauen, durch ordentlich durchgeknallte Geschichten zum Reden zu bringen, ist ja ein international beliebtes Erzählmotiv. Hier in sehr stilisierter Form, aber auch mit besonders feinem Humor. Denn das innere Augenrollen der Chatun kann man sich denken, wenn ihr Eigentum erst pro forma buckelt und dann Quatsch redet.

 
Textquelle: Mongolische Märchen. Die neun Nachtrags-Erzählungen des Siddhi-Kür und die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan. Eine Fortsetzung zu den „Kalmückischen Märchen“. Aus dem Mongolischen übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Prof. Dr. Bernhard Jülg. Innsbruck: Verlag der Wagner’schen Universiäts-Buchhandlung 1868, S. 103–105.
Bildquelle: Holzschnitzerei der Dvārapālikā aus dem 17. Jahrhundert in Indien & Untreue Ehefrau – hier allerdings eines Schusters und ohne Horrorstrafe (bislang)

43.5 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: III.a Vikramâditja besteigt als Bettler den Thron – Der Minister mit den Opferkerzen – Vikramâditja und die schweigende Jungfrau

Heute lernen wir mit Ardschi-Bordschi Chan, wie Vikramâditja als clever einen verfluchten Thron enthexte, dass sich Opferkerzen nicht gern essen lassen und Göttinnen nicht gerne reden. Oder so ähnlich. Lest am besten selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
Vikramâditja besteigt als Bettler den Thron – Der Minister mit den Opferkerzen – Vikramâditja und die schweigende Jungfrau

Als der König Ardschi-Bordschi abermals den Wunsch äußerte, sich auf den Thron setzen zu wollen, sprach eine Holzfigur: „Halt König! Du kannst dich nicht darauf setzen. Ich will eine Begebenheit aus dem Leben des hehren heldenmütigen Königs Vikramâditja erzählen.“ Und damit erzählte sie folgende Geschichte. –

Während König Vikramâditja sein ganzes Volk fortwährend beglückte, war ein anderer mächtiger König zum Nirvâṇa eingegangen. Weil kein Sprössling vorhanden war, um seinen Thron zu besteigen, so wählte man einen Jüngling aus dem Volke und setzte ihn als König ein. Weil nun aber, wenn einer einen Tag regiert hatte, derselbe jedesmal in der Nacht starb, so machte der hochheilige König Vikramâditja, als er den fortwährenden Kummer und das Leiden des zahlreichen Volkes erfuhr, von Schalû begleitet in Bettlergestalt sich auf den Weg, um dem Volke Rettung zu bringen. Als er bei seiner Ankunft in ein Haus eintrat, fand er einen Greis mit seiner betagten Frau, welche, für einen schönen Jüngling einen Thron zurecht machend und ihm alle Ehre erweisend, voll Betrübnis dasaßen.

„Worüber seid ihr betrübt?“ fragte er sie. „Unser König,“ antworteten sie, „ist verschieden; und da er ohne Nachkommen ist, und auch die edlen Jünglinge unseres Volkes bereits ausgegangen sind, so trifft unsern einzigen Sohn das Los heute den Thron zu besteigen, und so wird er in der Nacht sterben müssen. Deswegen sind wir betrübt.“ Vikramâditja sprach: „Da für uns zwei Bettler der Tod gleichgültig ist, so wollen wir um deines Sohnes willen 24 Stunden lang König werden und dann sterben.“ Da versetzte der Greis: „Wir können darüber nicht entscheiden; drei mit der Bestimmung der hierbei zu beobachtenden Reihenfolge beauftragte einsichtsvolle Minister haben darüber zu entscheiden. Ich will es zu ihrer Kenntnis bringen.“ Weiterlesen

43.4 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: II.b Vikramâditja der Besieger der Schimnus

Heute wird unser Held endlich zum Helden und zwar wie es sich gehört im Kampf gegen Monster. Und so kann Ardschi-Bordschi denn auch endlich was lernen, was ihn auf den Pfad der Tugend führt, sozusagen. Lest selbst…

43.3 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
II.b Vikramâditja der Besieger der Schimnus

Eines Tages sprach der Prinz Vikramâditja zu seiner Mutter: „Meine Mutter! Lebe hier ruhig weiter; von meinem Schalû begleitet will ich in der Residenz, in welcher mein königlicher Vater herrschte, mich umsehen.“ „Mein Sohn Vikramâditja!“ versetzte die Mutter, „die Entfernung ist gar weit, der bösen Menschen gibt es so viele; wie willst du, mein Teurer, hingelangen?“ Doch der Prinz Vikramâditja antwortete: „Mag auch die Entfernung weit sein, ich werde durch rüstiges Wandern schon hingelangen; wenn der Feinde auch viele sind, ich werde sie zu überwinden trachten.“ Und so machte er sich auf den Weg in die heimatliche Residenz.

Nachdem er endlich angekommen war, erfuhr er, dass der König Galischa auf die Nachricht, dass König Gandharva gestorben sei und zahlreiche Untertanen sich flüchteten, daselbst in der Absicht erschienen war, sich dort niederzulassen und sich in den Besitz der Residenz des Königs Gandharva zu setzen. Allein schon früher waren die Schimnus erschienen und hatten Besitz davon ergriffen. Die Schimnus kehrten zurück, ließen den König Galischa zwar eindringen, nahmen ihn aber dann gefangen und pflegten nun als Tributlieferung von ihm 100 Menschen mit einem Edelmann an der Spitze in Empfang zu nehmen.

Als der Prinz Vikramâditja bei seiner Ankunft in ein Haus am äußersten Ende der Stadt eintrat, fand er daselbst ein altes Mütterchen, welches mit dem Antlitz nieder zur Erde gekehrt dalag und in einem fort sich das Gesicht zerkratzte, die Haare ausraufte und Staub und Asche kaute. Der Prinz Vikramâditja hob sie auf und fragte sie: „Mütterchen! worüber grämst und kümmerst du dich so außerordentlich?“ Die Alte versetzte: „Ihr meine Jünglinge, wisst ihr es denn nicht? Ich hatte nur zwei Söhne. Unser König Galischa war hierhergekommen, um die Residenz des früheren Königs Namens Gandharva in Besitz zu nehmen; allein da er sich von den Schimnus beherrschen lässt, pflegt er diesen an einem Tage 100 Menschen mit einem Edelmann an der Spitze als Tribut zu überliefern. Einen meiner Söhne habe ich bereits früher zum Tribut hingegeben; jetzt haben sie auch den einzigen mir noch übrig gebliebenen Sohn abgeholt, indem sie sagten, dass ich ihn hergeben müsse; deshalb werde ich nun einsam und allein in der Verbannung sterben müssen; das ist meine Klage!“ Auf diese Worte erwiderte der Prinz Vikramâditja: „Mütterchen, bewahre, dass du sterben solltest! Deinen Sohn werde ich dir zurückschicken und ich will an seiner Stelle mich aufspeisen lassen!“ „Ei bewahre, du mein mutiges Söhnlein!“ sagte die Frau; „ich bin ein altes Mütterchen, mit dem es zu Ende ist; wenn du, mein lieber, das versuchen wolltest, so würde deine alte Mutter gleich mir sich unaufhörlich grämen.“ Doch der Prinz Vikramâditja sprach: „Mütterchen, lass das gut sein! Wenn ich den Sohn dir nicht zurückzuschicken im Stande bin, so nimm du an Kindes Statt diesen meinen Jüngern Bruder an, indem du ihn Sohn heißest.“ Weiterlesen

43.3 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: II.a Vikramâditja’s Jugend – Schalû das indische Wolfskind

Heute erfahren wir – zusammen mit dem ungeduldigen Ardschi-Bordschi – über die Konsequenzen von zu viel Lust und Vikramâditja jugendliche Diebeseskapaden mit einem Hauch von Dschungelbuch-Feeling. Aber lest selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
II.a Vikramâditja’s Jugend – Schalû das indische Wolfskind

Ardschi-Bordschi Chân stieg abermals die Stufen empor, um sich auf den Thron zu setzen. Da rief eine Holzfigur: „Halt König! Habe ich es dir denn nicht gesagt? Bisher habe ich umständlich erzählt, in welcher Weise, nachdem der hehre heldenmütige König Vikramâditja zur Zeit seiner Kindheit in einer Einöde ausgesetzt worden und so sinnvolle Worte gesprochen, sein Vater, der König Gandharva, und die ganze erhabene Dynastie ihm ihre Huldigung dargebracht haben. Jetzt will ich vom Wandel des hochheiligen heldenmütigen Königs Vikramâditja zur Zeit seines Heranwachsens erzählen. Du König und alle ihr Anwesenden, tretet heran und höret zu.“ –

Als einst König Gandharva, der Vater des hehren heldenmütigen Vikramâditja, zum Kampfe mit dem Heere der Schimnus auszog, ließ er seinen eigenen Leib in der Nähe einer Buddha-Statue zurück. Nachdem er nun als Geist den Himmelsgöttern gleich entschwunden war, trat die jüngere Fürstin aus niederem Stande zu der reizend schönen Gemahlin Üdsessküleng-Gôa Chatun und sprach: „So lange unser Gebieter mit uns verkehrte, war er in menschlicher Gestalt; jetzt bei seiner Abreise ist er in so reizender, schöner, glänzender Erscheinung abgezogen! Möchte er doch im Verkehre mit uns so reizend sein!“ Auf diese Worte versetzte Üdsessküleng Chatun lächelnd: „Weil du noch jung bist, so verstehst du das nicht; da er wusste, dass durch die Spitzen der schneidenden Schwerter sein Leib Schaden leiden könnte, so ist er als Geist in Gestalt der Himmelsgötter entschwunden!“

Während ihrer Rückkehr dachte die Fürstin also: „Wenn ich des Königs zurückgelassenen Leichnam verbrenne, so dürfte er nach seiner Wiederkehr wohl beständig in derselben reizenden Gestalt bleiben.“ Mit diesem Gedanken begab sie sich zu dem Tempel des Buddha-Bildes, nahm den dort zurückgelassenen Leichnam des Königs, und indem sie von zahlreichen Dienerinnen Sandelholz herbeibringen ließ, verbrannte sie den Leichnam. Während dies vorging, erschien der König in den Lüften und ließ sich aus dem Himmelsraume also vernehmen: „Von meinen mit so vieler Mühe zusammengebrachten Untertanen und von meinen mit so vieler Liebe behandelten Frauen und Kindern und von meinem vielgeliebten Leibe bin ich nun geschieden! Euch aber, meine Geliebten, wird das Heer der Schimnus, welches nach Verlauf von sieben Tagen erscheint und einen Metallhagel herabfallen lässt, euch, meine Teuern, wird es aufzehren. Es wäre gut, wenn ihr vor Ablauf der sieben Tage euch flüchten und von hier wegziehen würdet.“ Nach diesen Worten entschwand er zum Nirvâṇa.

Während die Fürstin, die Adjutanten und Minister und das ganze zahlreiche Volk, indem sie sich an des Königs trefflichen Wandel erinnerten, einer fast sinnverwirrenden Trauer sich hingaben, sprach Üdsessküleng Chatun: „Wenn ich auch noch so sehr dem Schmerze mich überlasse, so hilft das doch nichts; dagegen dürfte es von Nutzen sein, wenn ich nach dem Rate des wundervollen Königs dieses eine Kind in Sicherheit bringe.“ Und so machte sie sich in Begleitung ihrer fünf Dienerinnen auf, um in die Heimat zurückzukehren. Weiterlesen

43.2 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: I. Vikramâditja’s Geburt

Heute kommen wir also endlich zur eigentlichen und Binnenerzählung, in der sich das indische Original ganz wunderbar mischt mit mongolischer Kultur. Aber lest selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
I. Vikramâditja’s Geburt

In grauer Vorzeit lebte ein mächtiger König Namens Gandharva; er hatte Üdsesskülengtu-Gôa, die reizend schöne Tochter des mächtigen Königs Galindari, geheiratet. Glaube und Gesetz dieser Welt befestigte und schützte er. Weil er indessen ohne Nachkommen blieb, flehte er stets darum zu Buddha und den Himmelsgöttern und grämte sich unaufhörlich in seinem Herzen darüber. Deshalb sprach Üdsessküleng-Chatun* einst zu ihrem Gemahl also: „Mein Fürst, da du um der Nachkommenschaft willen unaufhörlich im Herzen dich grämst, so meine ich, wenn du noch eine andere Frau nehmen würdest, könntest du vielleicht mit Nachkommen beglückt werden.“ Der König war mit diesem Vorschlag einverstanden, wählte ein Mädchen aus der Zahl seiner Untertanen aus und heiratete dasselbe. Bald gebar diese Gemahlin von niedrigem Stande einen Sohn. Weil der König zu dieser seiner zweiten Gemahlin eine große Zuneigung gefasst hatte, betrübte sich Üdsessküleng-Chatun in ihrem Herzen und dachte bei sich: „Durch meines Vaters Einfluss ist er König geworden; auf meine Ermächtigung hin hat er diese zweite Gemahlin genommen; jetzt bedarf er meiner nicht mehr; allein was soll ich anfangen? In einer Felsengrotte auf der Rückseite dieses Berges wohnt ein wunderkräftiger Einsiedler; zu ihm will ich mich begeben, ihm meine tiefe Verehrung bezeigen und ihn um Kindersegen bitten.“

Von fünf Dienerinnen begleitet und mit dem nötigen Speisevorrat, mit Tee und dergleichen sich versehend begab sie sich auf den Weg zu dem Einsiedler. Dort angelangt machte sie die üblichen Verbeugungen und wollte ihr Anliegen vortragen. Weil aber der Einsiedler eben in seinen frommen Betrachtungen versunken war, umwandelte sie inzwischen ehrerbietig die Stätte. Als der Lama** sie um die Mittagszeit gewahrte, sprach er: „Erhabene Königin, was für einen Kummer hast du auf dem Herzen, dass du in gläubiger Andacht zur ehrfurchtsvollen Huldigung hier erschienen bist?“ Auf diese Worte brachte die Königin ihr Anliegen vor, indem sie sprach: „Ich erflehe Kindersegen.“ „Mögest du mit zahlreicher Nachkommenschaft beglückt werden!“ antwortete der Lama und reichte ihr eine Handvoll Erde, welche er segnete. „Koche dies,“ sagte er, „in Rüböl, verdünne es dann mit Wasser in einem Porzellan-Gefäß und iss es auf.“ Weiterlesen

43.1 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – ein mongolisches Heldenepos aus Indien sozusagen

Es handelt sich nicht wirklich um einen mongolischen Märchenzyklus, wie der Titel der dieswöchigen Textgrundlage vermuten lässt. Der Zyklus des Ardschi-Bordschi Chan ist vielmehr die mongolische Adaption eines klassischen indischen Erzählzyklus bzw. von zwei Zyklen aus der Zeit um unser Jahr Null. Nämlich – ich zitiere Hrn. Prof. Dr. Jülg (1825–1886), einem bedeutenden Gelehrten für die indische, aber auch ost- bzw. zentralasiatische Sprachen – dem „Kreis des Vikramaḱaritra (‚Abenteuer des Vikramâditja‘) oder der Sinhâsana-dvâtrinçati (‚die 32 Erzählungen vom Throne des Vikramâditja‘)“.

Mit dem Buddhismus, der im 16. Jahrhundert endgültig in der Mongolei als Lamaismus Einzug hielt, kamen auch eine Flut buddhistischer bzw. überhaupt sanskritischer Texte. Also sowohl religiöse Texte als auch Fabeln und eben Heldenepen. Und den Ardschi-Bordschi nehmen wir uns diese Woche vor.

Noch eine sozusagen editorische/redaktionelle Anmerkung, bevor es endlich losgeht. Prof. Jülg erklärt, er habe sich „möglichst eng an das Original angeschlossen und das ursprüngliche Colorit, so weit es mit dem Genius der deutschen Sprache vereinbar schien, beizubehalten gesucht.“ Nun funktioniert die mongolische Sprache aber völlig anders als die deutsche und im Bemühen, auch den mongolischen Satzbau zu spiegeln, ist Hr. Prof. Jülg meines Erachtens gelegentlich ins Umständliche und Unverständliche abgeschlittert. An diesen Stellen habe ich mich beschlossen, behutsam ein bisserl einzugreifen, denn die fremden Namen sind ja schon verwirrend genug.

So, und nun aber: Lest selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
Einleitung: Der Knaben-König – Der veruntreute Edelstein – Die zwei gleichen Brüder – Vikramâditja’s goldener Thron

Früh vor Zeiten herrschte in einem Reiche Indiens ein Großkönig namens Ardschi-Bordschi. Knaben aus der Bevölkerung des Hoflagers dieses Königs pflegten, während sie die Kälber hüteten, zum Behufe ihres Spieles auf den Gipfel eines Hügels zu steigen und von da einen allgemeinen Wettlauf anzustellen. Diejenigen Knaben, die dabei als Sieger hervorgingen, setzte man jedesmal für eben diesen Tag zum König ein; die übrigen Knaben dagegen mussten als Würdenträger, Minister und Adjutanten fungieren. Wer dem König spielenden Knaben nahe kam, musste sich auf die Knie werfen und tiefe Ehrfurcht bezeigen, um ihn gleich einem Könige zu ehren. Da des Knaben Herrlichkeit und Majestät gewaltig war, so war er in der Tat gewissermaßen einem Könige ganz gleich. Als diejenigen, welche ein solches Auftreten gelegentlich erfahren hatten, es dem Herrscher des Landes Ardschi-Bordschi Chân zur Kenntnis brachten, sprach der König: „Wenn es stets ein und derselbe Knabe bliebe, dann würde ich unter ihm einen Bodhisattva vermuten; nachdem man aber wahrnimmt, dass bei dem alltäglichen Spiele an jedem Tage andere mit der Würde und Majestät bekleidet werden, so dürfte wohl die Ursache im Innern der Stätte selbst liegen.“

Mittlerweile hatte ein Untertan des Großkönigs sich an das Meer begeben, um Edelsteine zu suchen. Einem Bekannten, der eben im Begriffe war zurückzureisen, hatte er einen Edelstein mitgegeben, mit dem Auftrage, ihn seiner Frau und den Kindern zu überbringen. Der Mann nahm den Edelstein mit; ohne ihn aber der Frau und den Kindern übergeben zu haben, hatte er selbst ihn verkauft und so für sich verwendet. Als der Mann, der auf den Erwerb von Edelsteinen ausgezogen, nach Hause zurückgekehrt war, fragte er seine Frau: „Durch einen Mann namens Dsük habe ich einen Edelstein übersendet; hat er ihn abgegeben?“ Weil nun die Frau dies verneinte und er den Umstand, dass er den Edelstein abgesendet habe, derselbe aber seiner Frau und den Kindern nicht übergeben worden sei, zur Kenntnis seines Königs brachte, so befahl dieser den Mann namens Dsük zu rufen. Als der Mann von diesem Umstände Wind bekommen hatte, so überreichte er zwei mächtigen Ministern Geschenke mit den Worten: „In Gegenwart von euch beiden als Zeugen will ich den besagten Edelstein übergeben haben“, und diese waren mit dem Vorschlag einverstanden. Als sie nun erschienen waren, fragte der König den Mann namens Dsük: „Hast du den Edelstein dieses Mannes der Frau und den Kindern desselben übergeben?“ „In Gegenwart dieser beiden Minister,“ sprach er, „habe ich ihn übergeben.“ Und als man die beiden Minister fragte, erklärten diese in Übereinstimmung mit den Worten Dsük’s, dass es so gewesen sei. Nachdem der König, die Übergabe als geschehen annehmend, das Urteil in diesem Sinne gefällt hatte, entließ er sie.

Sobald die vier nun, mit einander umkehrend, auf dem Heimwege in der Nähe des an diesem Tage den König spielenden Knaben-Königs vorübergingen, beschied sie der Knaben-König vor sich. Nachdem die vier erschienen, ihre Verbeugung gemacht und zu wiederholten Malen ihre Huldigung dargebracht hatten, fragte sie der Knaben-König: „Was seid ihr für Leute und was für eine Angelegenheit habt ihr?“ Nachdem man den Verlauf des Rechtshandels vollständig zu seiner Kenntnis gebracht, sprach der Knaben-König: „Nach der Entscheidung eures Königs kann es unmöglich gehen; ich will die Sache noch einmal untersuchen; wollt ihr euch danach richten?“ Da des Knaben-Königs Würde und Majestät gewaltig war, so erklärten sie nach dem Ausspruche des gefürchteten Königs sich richten zu wollen. Er ließ die vier Personen von einander abgesondert sich niedersetzen und gab ihnen vier Klumpen Ton, indem er also sprach: „Da ihr alle vier, der Absender und der Überbringer des Edelsteines sowie die beiden als Augenzeugen dienenden Minister, nur den einen Edelstein gesehen habt, so bildet mir die Gestalt des Edelsteines, den ihr gesehen, jeder für sich in einer Form aus Ton nach.“ Weiterlesen

42.7 Maltesische Rätsel zwischen Orient und Okzident

Von Syrien aus steuern wir so langsam wieder in Richtung Mitteleuropa und gelangen so auf unserer (vorerst) letzten Rätseletappe nach Malta, wo wir uns im maltesischen Gemisch europäischer und orientalischer Erzähltraditionen wieder langsam akklimatisieren können. Rätselt selbst…

Maltesische Rätsel

Ein Junge schlägt seine Mutter.
– Lösung: die Glocke

Sie isst Schwarzes und mistet Rotes.
– Lösung: die Flinte

Recht hübsch lang ist sie; schneid’ mit rundem Schnitte von ihr ab ein kleines Stückchen und leg’s in ein Körbchen.
– Lösung: die Wurst

Rot wie Feuer, und doch kein Feuer; sie lässt Wasser hervorquellen und ist doch keine Quelle. Weiterlesen

42.6 Schön-schwierige Rätsel aus Syrien

Von Afrika geht es heute nach Syrien und damit zu einem Land, das für seine Erzählkultur zurecht berühmt ist. Und wie ist das mit den Rätseln? Ratet selbst…

Syrische Rätsel

Ich weiß etwas, das ist schwarz und ist kein Ochse; es fliegt und ist kein Vogel; es läuft und ist kein Wolf; rate was es ist oder gib mir Damaskus, dass ich es aufesse und auftrinke. – Nimm dir Damaskus, antwortet der andere, welcher das Rätsel nicht lösen kann. – Damaskus, ich will dich aufessen und auftrinken; ich will auf eine weiße Stute steigen, die mit einem Sprung nach hause springt, und du sollst hungrig bleiben; warum hast du nicht gesagt: der Mistkäfer.

Ich weiß etwas, das, wenn es keine Speise bekommt, zwanzig Tage hungern kann, und wenn es Speise bekommt, wird es nicht satt.
– Lösung: der Wolf

Ich weiß drei Wölfe; einer liegt da und steht nicht auf, einer wird nicht satt, so viel er auch frisst, und einer entflieht.
– Lösung: Asche, Feuer und Rauch

Ich weiß etwas, das ist ein Brett und nicht von Holz; es frisst Blätter und ist doch kein Zicklein.
– Lösung: die Schildkröte

Ich weiß etwas, das ist die Hälfte seiner Lebenszeit tot und die Hälfte seiner Lebenszeit lebendig; wenn es stirbt, wird die Rechnung zusammengezählt.
– Lösung: der Mensch

Ich kenne ein weißes Zimmerchen, das hat keine Tür, darin sind zwei Soldaten; als es gebaut wurde, wurde es um die Soldaten errichtet.
– Lösung: Ei mit Eiweiß und Dotter

Ich weiß etwas, das ist blind; es hat weder Füße noch Flügel und läuft doch.
– Lösung: das Wasser

Ich kenne etwas, das schläft nicht, weder bei Nacht noch bei Tag; wenn es sich niederlegt, so entschwindet seine Besinnung nicht, sondern es schließt nur seine Augen.
– Lösung: der Hund

Ich kenne etwas, das braucht zehn Tage, bis es sein Haus gemacht hat mit seiner Frau; sie bekommen einen Sohn und zwei Töchter, aber eine Tochter stirbt; Gott will es so.
– Lösung: die Fliege

Ich weiß etwas, das geht nie auf einem Wege und hat keine Flügel, aber die Menschen machen es fliegen; es ist blind und hat weder Fleisch noch Knochen an seinem Körper.
– Lösung: der Stein

Ich kenne etwas, es gibt nichts plumperes und nichts hässlicheres als dies; sowohl der Mann als die Frau verdrehen ihr Maul und schielen mit den Augen; sie begatten sich mit einander zugekehrten Hintern.
– Lösung: das Kamel

Ich kenne etwas, das begräbt man und zieht es gesund wieder heraus: dann schlägt man es und tötet es; man kommt und benetzt es, drückt es und kocht es am Feuer.
– Lösung: der Weizen

Ich weiß etwas, das ist zwischen Himmel und Erde, seine Haut ist aus einem Stück: es ist ein Arzt; man tötet es und nimmt das, was in seinem Bauche ist, heraus und isst es.
– Lösung: der Granatapfel

Ich kenne etwas zwischen zwei Bergen: Nachts fällt ein Berg auf dasselbe, und der andere legt sich darunter; Gott beschützt es, dass es nicht von den Bergen zerquetscht wird. Sein Kopf schaut nach unten, seine Beine nach oben; es schwebt zwischen Himmel und Erde.
– Lösung: das männliche Glied

Ich kenne etwas, dessen Kopf ist größer als sein Hinterteil, an seinem Rücken kann es umgebogen werden; es trägt etwas, das größer ist als es selbst, und bringt es nach Hause: leer geht’s hinaus und beladen kehrt’s heim.
– Lösung: die Ameise

Ich weiß etwas Rundes und weiß etwas Langes; das Lange sprach zum Runden: „Ich bin süß.“ Aber das Runde sagte zum Langen: „Nach dir suchen die Hühner nicht; aber nach mir sehr wohl.“ Da spaltete sich das Lange vor Zorn.
– Lösung: Mais- und Weizenkorn

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Ja doch, man muss feststellen, Rätsel aus Syrien sind auch beeindruckend kunstvoll. Meine Ratequote ist entsprechend schlecht. Und das wo ich gerade im Sherlock Holmes-Fieber bin, im Lese- und Fernsehrausch (dabei: vergesst Sherlock und erjagt die ältere britische Adaption der Originalerzählungen mit Jeremy Brett!).

 
Textquelle: E. Prym und A. Socin: Syrische Sagen und Märchen aus dem Volksmunde. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1881, S. 368–372.