Die zwei guten Pferden – oder: 250. Märchen im Märchensammler!

Wie angekündigt, gibt es zum Neustart des Märchensammlers einen Monat voller mongolischer Tiermärchen. Ihr wisst schon – die schönsten, klügsten, lustigsten und also einfach tollsten Märchen der Welt. Meiner bescheidenen Meinung nach.

Heute gibt es nicht nur direkt ein Paradebeispiel, sondern zugleich das – Achtung: Trommelwirbel – 250. Märchen im Märchensammler!!

Aber lest selbst…

Die zwei guten Pferde

Vor langer, langer Zeit sehnten sich zwei Pferde, die an einen weit entfernten Ort verkauft worden waren, nach ihrer Heimat und beschlossen, zurück nach Hause zu laufen. Das eine von den beiden Pferde war jedoch alt geworden und konnte irgendwann nicht mehr weiter. Dem jungen Pferd gab es folgende Ratschläge mit auf seinen Weg:

„Nun, mein junges Geschwisterchen, laufe schön auf dem Weg entlang zurück. Dein betagter älterer Bruder wird jetzt sterben. Brüderchen, weiche nicht vom festen Weg ab. Gehe nicht auf ein braunes, sich schemenhaft bewegendes Etwas zu. Mache nicht die Öffnung eines verschnürten Etwas auf.“ So belehrte es seinen jungen Gefährten.

Das junge Pferd lief zögerlich alleine weiter. Zunächst blieb es brav auf dem Weg. Doch bald sah es am Horizont die Umrisse eines sich schemenhaft bewegenden, braunen Etwas, so erzählt man. Zwar hatte es die Ratschläge des älteren Gefährten nicht vergessen, aber es konnte seiner Neugier nicht widerstehen. Es wollte dieses Etwas untersuchen. Als es das braune Ding erreichte, war es ein Sack, dessen Öffnung fest verschnürt war. In dem Sack aber schien ein Lebewesen zu stecken. Er bewegte sich. Wieder konnte das Pferd seiner Neugier nicht widerstehen. Es musste sehen, was aus dem Sack zum Vorschein kommen würde.

Als es den Sack aufschnürte, kam ein großer, hungriger, brauner Wolf hrausgesprungen. „Was für ein Pferd bist du denn, dass du mein Bündel aufgemacht hast? Als ich Vieh von einem Ail* gefangen und gefressen habe, jagte mir der Besitzer dieses Ails auf seinem schnellen Pferd, wie du eines bist, hinterher, fing mich ein und steckte mich in diesen Sack. Jetzt werde ich dich fressen,“ sagte er.

Als er es gerade packen wollte, kam ein Hase daher und fragte, kaum dass er die beiden sah: „Was für ein Pferd und was für ein Wolf seid ihr denn?“ Als sie alles erzählt hatten, überlegte der Hase nach einer Möglichkeit, das Leben des Pferdes zu retten. Wie man erzählt, kam er schließlich auf Folgendes: „Nein, Herr Wolf, wo Sie ein so schöner, großer Wolfsmann sind, muss es eine Lüge sein, dass Sie in diesem Sack gesteckt haben, dessen Öffnung zugeschnürt war. Aber falls es wahr ist, will ich Ihnen als Belohnung zusätzlich zu dem Pferd noch mich selbst zum Fressen geben.“ Daraufhin sagte der Wolf: „Es ist wahr, ich war in diesem Sack.“ Der Hase erwiderte: „Verehrter Herr Wolf, wie sollten Sie in diesem Sack Platz finden? Ich kann es nicht glauben, bevor ich es nicht gesehen habe.“

Da der Wolf Pferd und Hasen fressen wollte, kroch er zum Beweis wieder in den Sack. Da sein Kopf noch nicht ganz verschwunden war, schrie der Hase: „Sehen Sie, Ihr Kopf passt nicht hinein.“ Da ließ der Wolf seinen Kopf sofort ganz verschwinden. Der Hase aber band die Öffnung des Sacks schnell wieder zu, und so kam das junge Pferd durch den Verdienst des gescheiten, wenn auch kleinen Hasen mit dem Leben davon, kehrte in seine Heimat zurück und lebte gut und zufrieden, so erzählt man.

* Ein Ail bezeichnet eine Ansammlung von Jurten (mongolisch: ger).

Textquelle: Khojor sajn mor‘ (Die zwei guten Pferde). Aus: Mal adsch akhujn kholbogdoltoj ardyn aman zokhiol (Mündliche Volksliteratur in Zusammenhang mit der Viehwirtschaft). Zusammengestellt von B. Sodnom. Redakteur G. Rentschinsambuu. Ulaanbaatar 1956. – Übersetzung: Berlinickerin.
Bildquelle: Zwei Pferde an einem Wasserloch in der Gobi, von denen das rechte doch ganz wunderbar das neugierige Jungfperdchen sein könnte…

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Der gierige, dumme Wolf (oder ist es der Wolf, der vor lauter Gier dumm ist?), der kluge, hilfsbereite Hase und das arg neugierige Jungpferd gehören zum Stammpersonal mongolischer Tiermärchen, in denen es sehr selten Gewalt gibt. Dafür gewinnt eine Prise Witz, im doppelten Wortsinn.

5 Gedanken zu „Die zwei guten Pferden – oder: 250. Märchen im Märchensammler!

  1. Bettina von Hanffstengel

    Ein wunderbares Märchen! Ich bin hingerissen! Mongolische Märchen sind für mich der Motivschüttler schlechthin, weil sie Motive miteinander verknüpfen, wie ich es sonst nicht kenne. Das macht Spaß!

    Antwort

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