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251. Der kluge Bär

In mongolischen Tiermärchen brauchen nicht nur neugierige Jungpferde manchmal einen Retter. Auch andere Nutztiere geraten in jungen Jahren gerne in Not und statt dem kleinen Hasen, der nur durch Mutterwitz helfen kann, greift im folgenden Tiermärchen der kluge und starke Bär einem Kälbchen unter die Arme. Gegen wen es Hilfe braucht? Lest selbst…

Der kluge Bär

Es war einmal ein Kalb, das den Anschluss an seine Herde verloren hatte. Zu allem Überfluss war es auch noch von einer Biene gestochen worden, und so rannte es in der sommerlichen Hitze mit hochaufgerichtetem Schwanz aufgeregt durch die Steppe, bis es sich schließlich in einem weit, weit entfernten Wald verirrte. Dort traf es einen alten, erfahrenen Wolf.

„Da stehe ich auf und da kommt ein verwaistes, weißes Kälbchen angerannt. Ja, Dich werde ich verschlingen,“ sagte der Wolf. Das Kalb bekam Angst und fing an zu zittern. „Sind Sie etwa ein sogenannter Wolf? Ich bin so ein schönes Tier, und Sie wollen mich fressen. Das glaube ich nicht,“ sagte es. „Du mußt mir nicht schmeicheln. Das hat Dir wohl eine Mutter gezeigt. Ich kann auf das Lob verzichten. Seit ewigen Zeiten verfluchen mich Menschen und Tiere,“ sagte der Wolf und ihm lief schon das Wasser im Mund zusammen. Er riss sein Maul weit auf, als von einer Waldlichtung plötzlich ein starker Braunbär auf die beiden zukam. Weiterlesen

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34.5 Der Tiere Herbstgespräch

Heute gibt es noch ein Tiermärchen, das diesmal jedoch vielmehr das Wissen um die Eigenheiten der eigenen Tiere zeigt. Lest selbst…

Der Tiere Herbstgespräch

Im Herbst, wenn der scharfe Wind bläst, beginnt die Ziege, weil sie erfroren ist, sich auf der Weide zu schütteln, und schreit damit der Hirt sie nach Hause treibe, so laut sie kann: „Mich friert schon weh!“ Der Widder, der noch nicht nach Hause mag, weil er einen warmen Pelz hat, geht um die Schafe herum, und antwortet der Ziege verdrießlich: „Noch liegt ja kein Schnee!“ Zur Kirchenweih’ hat’s das Flügelvieh gut; es bekommt Brocken von den Kuchen und manchmal auch eine Handvoll Korn. Das gefällt dem Hahn, er schlägt mit den Flügeln, streckt den Hals und fragt: „Wie lang’ noch schmausen wir so froh?“ Der Gänserich, der im Hof herumwackelt, antwortet ihm: „’ne Woche lang, ’ne Woche lang,“ und der Enterich stimmt ihm bei: „Sieben Tag’, sieben Tag’.“ Aber das abgespänte Kalb im Stalle, das kein Futter bekommt, weil die Magd in’s Wirtshaus zur Musik ist, und sich dort verspätet hat, und das nun hört, wie lang noch die Kirchweih’ währen soll, das klagt erbärmlich. „Muh, muh! Hu, hu!“

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Und natürlich das Wissen warum, wie sehr die Einschätzung von etwas als negativ oder positiv von der eigenen Perspektive abhängt. Also doch wieder mit Moral sozusagen.

 
Textquelle: Westslawischer Märchenschatz. Ein Charakterbild der Böhmen, Mährer und Slowaken in ihren Märchen, Sagen, Geschichten, Volksgesängen und Spruchwörtern. Deutsch bearbeitet von Joseph Wenzig. Mit Musikbeilagen. Leipzig: Lorck 1857, S. 128.

22.1 Das weiße Kalb vom Knocksheogowna – oder: Irland und seine Märchen

Irgendwie lassen mich Inseln anscheinend nicht los, obwohl es keine bewusste Entscheidung ist… Hmm. Aber wie dem auch sei (mit dem merkwürdigen Unterbewusstsein), diese Woche gibt es jedenfalls bei mir irische Märchen und Sagen zu lesen.

Erste Aossiziation? Feen! Jedenfalls bei mir. Und also gibt es heute zum stilechten Einstand ein Märchen über das ‚stille Volk‘, wie sie in meiner Textgrundlage genannt werden. Die ist eine Neuauflage einer Übersetzung der Brüder Grimm und somit aus dem 19. Jahrhundert und gibt auch gleich eine quasi ethnographische (!) Einführung in Feen. Vieles davon findet sich im folgenden Märchen wieder. Aber lest selbst…

Das weiße Kalb – oder die Legende von Knocksheogowna

In Tipperary liegt ein Berg so seltsam gestaltet, wie einer auf der Welt. Seine Spitze sieht aus wie ein Nachtmütze, die dir im Schlaf verrutscht ist. Auf seinem höchsten Punkt aber ist ein kleines Haus zur Erlustigung in den Sommertagen aufgebaut worden. Das war aber lang nach der Zeit der Elfen und nun ist das Häuschen, meine ich, verlassen.

Bevor man aber jenes Haus baute oder einen Acker besäte, war dort ein geräumiger Weideplatz eingehegt, wo ein Hirte Tag und Nacht seine Herde hütete. Grund und Boden gehörte von Alters her den Elfen und die verdross es, dass die Wiesen, auf dem sie sonst behend und lustig umher gesprungen waren, von den schweren Klauen der Ochsen und Kühe zertreten wurde. Das Gebrüll der Herde klang ihren Ohren unerträglich und die Königin des Volkes entschloss sich endlich selbst, die Ankömmlinge wieder zu vertreiben.

Als die Erntenächte kamen, der Mond über den Berg sein Licht ausgoss, das Vieh still und gesättigt auf dem Boden lag und der Hirte, in seinen Mantel eingewickelt, hin und her sinnend sich der Gesellschaft der Sterne erfreute, die über ihm flimmerten, da zeigte sie sich in verschiedenen, aber immer hässlichen und furchtbaren Gestalten vor ihm tanzend. Einmal erschien sie als ein mächtiges Ross mit Adlerflügeln und einem Drachenschweif, laut zischend und Feuer ausatmend. Plötzlich verwandelte sie sich in ein kleines Männchen, lahm an einem Bein, mit einem Ochsenkopf und von einer lodernden Flamme umkreist. Dann war sie ein großer Affe mit Entenfüßen und schlug ein Rad dazu, wie ein welscher Hahn. Aber ich könnte tagelang erzählen, wenn ich sagen sollte, was für Gestalten sie noch annahm. Sie brüllte, oder wieherte, oder blökte, oder heulte, oder krächzte, wie bisher noch niemand auf der Welt hatte brüllen, wiehern, blöken, heulen oder krächzen hören. Der arme Hirte bedeckte sein Gesicht, aber was half ihm das! Sie hauchte ihn nur einmal an und das Stück Mantel, das er mit aller Kraft vor die Augen drückte, war weggeblasen; nun stand er da, ohne sich zu rühren; nicht einmal seine Augen konnte er zuschließen: von unbekannter Macht gefesselt, musste er diese schrecklichen Gesichte anstarren, bis seine sträubenden Haare seine Mütze einen halben Fuß über seinen Kopf hoben und seine Zähne vor lauter Klappern auszufallen drohten. Das Vieh aber riss panisch aus, als wäre es von Bremsen gestochen und der Spuk dauerte, bis die Sonne über den Hügel schien. Weiterlesen

2.3 Der dumme Wolf

Heute zu einem Tiermärchen, das dem europäischen Leser bekannter vorkommt. Zumindest der titelgebende dumme Wolf deckt sich ja mit dem Wolfsbild im europäischen Märchen, aber auch hier wieder – kein Blut!

Der dumme Wolf
In längst vergangenen Zeiten ging ein Wolf einen Weg entlang, wie man sich erzählt. Da lag mitten auf dem Weg eine Blutwurst. Als der Wolf sie sah, wollte er sie fressen, aber da fehlte die Blutwurst:

zoologische Zeichnung eines Wolfs„Herr Wolf, fresst mich nicht! Ein Stückchen weiter steckt eine drei- oder vierjährige Stute im Schlamm fest. Geht doch dorthin und fresst sie?“

Der Wolf folgte den Worten der Blutwurst und als er an der entsprechenden Stelle ankam, lag tatsächlich eine dicke, drei- oder vierjährige Stute im Schlamm. Als er sie sah, wollte er sie gleich fressen, aber das Pferd sagte:

„Herr Wolf, wenn Sie mich fressen wollen, dann ziehen Sie mich erst aus dem Schlamm und fressen Sie mich dann.“

So wie sie gesagt hatte, zog er sie aus dem Schlamm und wollte sie gerade fressen, als sie wieder sprach:

„Anstatt mich jetzt so Schlamm verschmiert zu fressen, sollten Sie mich erst vom Schlamm sauber lecken und dann fressen.“ Hier geht es zum Rest des Märchens