252. Der Spatz mit dem Kropf – oder ein Kettenmärchen zum Thema „Selbst ist noch das kleinste Vögelchen!“

Heute gibt es ein Tiermärchen, das zugleich ein Kettenmärchen ist und auch noch eine Moral hat. Drei Dinge auf einmal, das geht nun wirklich nicht? Lest selbst!

Der Spatz mit dem Kropf

In früheren Zeiten lebte ein kleiner Spatz, der seinen stets mit Körnern gefüllten Kropf sehr lieb hatte,so erzählt man. Als er sich eines Tages, nachdem er geschäftig auf der Suche nach Körnern umhergeflogen war und sein Kropf besonders gut gefüllt war, auf einen Erbsenstrauch setzte, wollte der doch seinen Kropf aufschlitze!

Empört flog der Spatz daraufhin zur Ziege, um sie den Erbsenstrauch aufessen zu lassen. „Frau Ziege, Frau Ziege, der Erbsenstrauch hat meinen geliebten Kropf aufschlitzen wollen! Bitte gehen sie zum Erbsenstrauch und essen Sie ihn auf,“ sagte er. Die Ziege sagte: „Das sagst Du so, dass ich Deinen Strauch essen soll. Vorher muss ich aber noch das Gras hier zu Ende essen.“

Empört flog der Spatz daraufhin zum Wolf, um ihn die Ziege fressen zu lassen. „Herr Wolf, Herr Wolf! Bitte fressen Sie die Ziege! Sie weigert sich, den Erbsenstrauch für mich zu essen,“ sagte er. Der Wolf erwiderte: „Das sagst Du so, dass ich Deine Ziege fressen soll. Vorher muss ich noch das Wild hier zu Ende fressen.“

Empört flog der Spatz daraufhin zum Khan, um ihn den Wolf töten zu lassen. „Verehrter Khan, verehrter Khan! Bitte töten Sie den Wolf. Der Wolf will die Ziege nicht für mich fressen!“ sagte er. „Das sagst Du so, dass ich Deinen Wolf töten soll. Ich bin müde und kann meinen Schmerbauch nicht heben,“ erwiderte der Khan.

Empört flog der Spatz daraufhin zur Maus, um sie das Bauchfett des Khans annagen zu lassen. „Frau Maus, Frau Maus! Bitte nage das Bauchfett des Khans an! Der Khan will den Wolf nicht für mich töten,“ sagte der Spatz. „Das sagst Du so, dass ich das Bauchfett Deines Khans annagen soll. Vorher muss ich noch meinen eigenen Futtervorrat an Gras sammeln,“ sagte die Maus.

Empört flog der Spatz daraufhin zum Lämmerhirtejungen, um ihn die Maus töten zu lassen. „Lämmerhirte, Lämmerhirte! Bitte töte die Maus für mich. Die Maus will das Bauchfett des Khans nicht für mich annagen,“ sagte er. „Das sagst Du so, ich soll Deine Maus töten. Vorher muss ich noch meine Lämmer und Zicklein hüten,“ sagte er.

Als der Spatz daraufhin empört zu seiner Jurte flog, um den Jungen von seinen Eltern verprügeln zu lassen, waren die Eltern des Jungen gerade dabei, Wolle zu schlagen, um Filz zu machen. Das Vögelchen rief die Eltern des Jungen zu: „Ihr Sohn will die Maus nicht für mich töten, bitte prügeln Sie ihren Sohn für mich.“ Die Eltern des Jungen aber sagten: „Das sagst Du so, wir sollen unseren Sohn prügeln. Vorher müssen wir noch die Wolle zu Ende schlagen.“

Empört beschloss der Spatz mit dem Körner gefüllten Kropf daraufhin, Wind zu machen. Er flog auf einen nahen Pfosten und schlug so stark mit seinen Flügeln, dass die Wolle des Ails, die geschlagen wurde, um Filz zu machen, im Wind davon wehte. Daraufhin gingen die Eltern des Lämmerhirtejungen zum Spatz und baten ihn inständig, seinen Wind zu mindern. Sie würden gleich dafür sorgen, dass ihr Junge die Maus töten würde.

Da hörte der Spatz mit dem Windmachen auf, die Eltern schimpften ihren Sohn aus, der daraufhin gleich die Maus töten wollte, die daraufhin doch gleich das Bauchfett des Khans annagen wollte, der daraufhin doch direkt den Wolf töten lassen wollte, der daraufhin gleich die Ziege fressen wollte, die schnell den Erbsenstrauch essen wollte, der daraufhin sofort versprach, den gut gefüllten Kropf des Spatzen in Frieden zu lassen.

Textquelle: Betegtej bor bjalzuukhaj (Der Spatz mit dem Kropf). Aus: Mongol ardyn ülger (Mongolische Volksmärchen). Zusammengestellt von Dsh. Nadmid, Redakteur C. Ölzijkhutag. Ulaanbaatar 1957, S. 18f. – Übersetzung: Berlinickerin.
Bildquelle: Studie eines fligenden Spatzen von Giovanni da Udine, ca. 1515-1520(

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Also: Nicht lange rum-mimimi-en, sondern selbst ran an den Speck…das Khanbauchfett…die Flügel. Ach, Ihr wisst schon! 😉

Um Euch aber doch noch ein bisschen was Seriöses – außer natürlich dem prima Tiermärchen an sich – mit auf den Weg zu geben, setze ich nochmal den Wissenschaftlerinnenhut auf: Es handelt sich um eine Variante eines Typs von Kettenmärchen, der in Europa recht weit verbreitet ist und unter Märchenforschern als „AaTh 2030 The Old Woman and the Pig“ (AaTh ist die Abkürzung für den berühmten Index von Märchentypen von Atti Aarne und Stith Thompson) bekannt ist. In AaTh 2030 gibt es immer eine Verkettung von zuerst verwehrter und dann doch gewährter Hilfeleistung. Das Besondere an der Variante hier ist nicht nur, dass sie mongolisch ist, sondern auch, dass das Tiere als Protagonisten auftreten, was dem Ganzen doch einen besonderen Witz gibt.

Und wer wissen will, wie man Wolle zu Filz schlägt, kann jetzt auf Youtube ein Video zum Filzmachen in der Mongolei gucken. Man achte auf das Vögelchen, das über die Wolle durchs Bild zischt!

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