251. Der kluge Bär

In mongolischen Tiermärchen brauchen nicht nur neugierige Jungpferde manchmal einen Retter. Auch andere Nutztiere geraten in jungen Jahren gerne in Not und statt dem kleinen Hasen, der nur durch Mutterwitz helfen kann, greift im folgenden Tiermärchen der kluge und starke Bär einem Kälbchen unter die Arme. Gegen wen es Hilfe braucht? Lest selbst…

Der kluge Bär

Es war einmal ein Kalb, das den Anschluss an seine Herde verloren hatte. Zu allem Überfluss war es auch noch von einer Biene gestochen worden, und so rannte es in der sommerlichen Hitze mit hochaufgerichtetem Schwanz aufgeregt durch die Steppe, bis es sich schließlich in einem weit, weit entfernten Wald verirrte. Dort traf es einen alten, erfahrenen Wolf.

„Da stehe ich auf und da kommt ein verwaistes, weißes Kälbchen angerannt. Ja, Dich werde ich verschlingen,“ sagte der Wolf. Das Kalb bekam Angst und fing an zu zittern. „Sind Sie etwa ein sogenannter Wolf? Ich bin so ein schönes Tier, und Sie wollen mich fressen. Das glaube ich nicht,“ sagte es. „Du mußt mir nicht schmeicheln. Das hat Dir wohl eine Mutter gezeigt. Ich kann auf das Lob verzichten. Seit ewigen Zeiten verfluchen mich Menschen und Tiere,“ sagte der Wolf und ihm lief schon das Wasser im Mund zusammen. Er riss sein Maul weit auf, als von einer Waldlichtung plötzlich ein starker Braunbär auf die beiden zukam.

„Herr Bär, dieses Tier namens Wolf sagt, dass es mich fressen wird. Darf dieser Wolf mich fressen?,“ fragte das Kälbchen. Der Bär brummte und sagte: „Ich bin der König der wilden Tiere. Der Wolf darf Dich nicht fressen. Ich werde Dich nämlich fressen. Falls Dich der Wolf frisst, dann werde ich ihn mit meinen Tatzen zerfetzen.“ Da bekam der Wolf Angst und lief davon.

Der Bär brummte böse und brüllte. Das Kalb fürchtete sich und sagte: „Warum machen Sie so schreckliche Geräusche? Ich bekomme Angst und…“ „Das macht man so. So hat der Wolf Angst bekommen und ist fortgelaufen. Hab‘ keine Angst vor mir!“ sagte der Bar und bedeutete dem Kalb, ihm zu folgen. Er führte es zurück zu seinesgleichen und ging auf Vater Stier und Mutter Kuh zu.

„Wie kann Vieh, das Nachkommen hat, nicht an seine Nachkommen denken? Das gehört sich nicht für Tiere, die sind, wie richtige Tiere zu sein haben. Wenn das noch einmal geschieht, muss ich ein ernstes Wort reden mit ihnen, Vater Stier, und mit ihnen, Mutter Kuh,“ sagte er. Der Stier und die Kuh muhten dies und jenes, so erzählt man.

Im tapsigen, leichten Galopp rief der Bär zurück: „Erinnere Dich an meine gute Tat, mein kleiner Jungbulle!“ Und so lief er davon, so erzählt man.

Textquelle: Ukhaant baawgaj (Der kluge Bär). Aus: Baga tenger khüü. (Mongol ardyn ülgerüüd) Surguulijn baga nasnykhand zoriulav. Ulaanbaatar 1979, S. 74. – Übersetzung: Berlinickerin.
Bildquelle: Illustration von Bärin mit Jungen aus All about animals. Facts, stories and anecdotes (1900)

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Ja, es ist wieder der Wolf. Aber auch wenn der Bär das Kalb wirklich körperlich verteidigen hätte können, gewinnt auch hier der Trick und damit der Mutterwitz. Als typisch mongolisches Tiermärchen weist es auch aus, dass der Bär ganz oben in der Nahrungskette steht. Wird an der Stelle ein Löwe genannt, handelt es sich meist um Importe aus dem reichen indischen Fabelschatz.

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