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252. Der Spatz mit dem Kropf – oder ein Kettenmärchen zum Thema „Selbst ist noch das kleinste Vögelchen!“

Heute gibt es ein Tiermärchen, das zugleich ein Kettenmärchen ist und auch noch eine Moral hat. Drei Dinge auf einmal, das geht nun wirklich nicht? Lest selbst!

Der Spatz mit dem Kropf

In früheren Zeiten lebte ein kleiner Spatz, der seinen stets mit Körnern gefüllten Kropf sehr lieb hatte,so erzählt man. Als er sich eines Tages, nachdem er geschäftig auf der Suche nach Körnern umhergeflogen war und sein Kropf besonders gut gefüllt war, auf einen Erbsenstrauch setzte, wollte der doch seinen Kropf aufschlitze!

Empört flog der Spatz daraufhin zur Ziege, um sie den Erbsenstrauch aufessen zu lassen. „Frau Ziege, Frau Ziege, der Erbsenstrauch hat meinen geliebten Kropf aufschlitzen wollen! Bitte gehen sie zum Erbsenstrauch und essen Sie ihn auf,“ sagte er. Die Ziege sagte: „Das sagst Du so, dass ich Deinen Strauch essen soll. Vorher muss ich aber noch das Gras hier zu Ende essen.“

Empört flog der Spatz daraufhin zum Wolf, um ihn die Ziege fressen zu lassen. Weiterlesen

28.2 Warum sich das Kamel in der Asche wälzt

Natürlich gibt es auch Legenden, ätiologische Tiermärchen, in denen die Entstehung oder das Aussehen von Tieren erklärt werden. Eine spezielle Herausforderung war da offenbar das Kamel. Lest selbst…

Warum sich das Kamel in der Asche wälzt

Als vor langer Zeit die Namen der Tiere für die zwölf Jahre des mongolischen Kalenders* benannt wurden, wurden elf Tiere direkt festgelegt, und dann fragte man sich, welches Tier als Tier des zwölften Jahres den Zyklus beginnen sollte. Das Kamel und die Maus schlugen beide ihre eigenen Namen vor und stritten sich heftig darum, wer in den Zyklus hineinkommen sollte. Weil Buddha keinen von ihnen beleidigen wollte, sprach er: „Entscheidet das unter euch!“

Die beiden Tiere schlossen folgende Wette ab: wer am nächsten Morgen die Strahlen der aufgehenden Sonne als erstes sehen würde, der würde den zwölfjährigen Zyklus anführen. Weiterlesen

25.7 Einhörner, Oma-Wölfe, nee klar – Fabeln von James Thurber

Zum Abschluss gibt es, okay ja, keine deutschen Fabeln. Es sind US-amerikanische Fabeln von James Thurber (1894-1961), dem berühmten Schriftsteller und Cartoonist. Der unter anderem eben eine Menge Fabeln geschrieben hat, die das Genre unvergleichlich brillant in unsere Zeit bringen. Indem er Klassiker am modernen Großstadtleben auflaufen lässt oder eigene Varianten schafft, die – aber lest selbst…

 
 
 

Das Einhorn im Garten

Ein Mann schaute an einem sonnigen Morgen von seinem Frühstück auf und sah ein Einhorn in seinem Garten, das an den Rosen knabberte. Er ging hinaus und gab ihm eine Lilie und das Einhorn aß sie mit gebührendem Ernst. Er erzählte seiner Frau davon und sie sagte, er sei irre und sie würde ihn ins Irrenhaus einliefern müssen, denn Einhörner seien Fantasiewesen. Während er im Garten war, rief sie einen Psychiater und die Polizei und als sie kamen, sagte sie ihnen, ihr Mann hätte ein Einhorn gesehen. Die Männer sahen sie an und steckten sie in eine Zwangsjacke, obwohl sie sich wild wehrte. Als ihr Ehemann hereinkam, fragten sie ihn, ob er seiner Frau erzählt hätte, er habe ein Einhorn gesehen. „Natürlich nicht,“ sagte er, „ein Einhorn ist ein Fantasiewesen.“ Sie brachten also die kreischende Frau ins Irrenhaus und der Mann lebte glücklich und zufrieden bis ans Ende seiner Tage.

Moral: Man weiß erst, wer irre ist, wenn die Tür vom Irrenhaus hinter einem zufällt.

* Blöde Wahl diese Fabel, weil nicht gut zu übersetzen, aber so großartig. Okay. Also der eigentlich Kick ist der, dass Irrer/Trottel im englisches ‚booby‘ heißt und ‚Irrenhaus‘ ‚booby hatch‘. Da macht die Originalmoral natürlich Sinn: Don’t count your boobies until they are hatched.

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Das kleine Mädchen und der Wolf

Eines Nachmittags wartete ein großer Wolf in einem dunklen Wald darauf, dass ein kleines Mädchen mit einem Korb voller Essen auf dem Weg zu ihrer Großmutter vorbeikäme. Schließlich kam ein kleines Mädchen und sie trug einen Korb voll Essen. „Trägst du diesen Korb zu deiner Großmutter?“ fragte der Wolf. Das kleine Mädchen sagte ja, das täte sie. Da fragte der Wolf, wo ihre Großmutter lebte und das kleinen Mädchen sagt es ihm und er verschwand in den Wald. Weiterlesen

25.6 Kafkas Kleine Fabel

Nach Tagen und Tagen in der Aufklärung machen wir in unserer Zeitreise mit der deutschen Fabel heute einen großen Satz ins 20. Jahrhundert. Zwar ist die Fabel nun meistenteils ins Klassenzimmer verbannt, aber hier und da hat sie doch nochmal Aufmerksamkeit erregt.

Das erste Beispiel ist Franz Kafkas (1883-1924) Kleine Fabel, die er 1920 geschrieben hat. Allerdings ohne Titel. Den bekam der Mini-Text von Max Brod, der ihn mit anderen unveröffentlichten Texten 1931 herausgab. Und tatsächlich kann man sich gleich fragen – ist das eine Fabel? Lest selbst…

Kleine Fabel

„Ach,“ sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern,“ sagte die Katze und fraß sie.

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Die Forschung sieht das Textchen eher als Parabel, zumal es keine ausgesprochene Moral gibt. Nun hat ja nicht jede Fabel eine explizite Moral und implizit ist Kafkas Text natürlich durchaus moralisch. Es ist nur eben keine Moral mit erhobenen, dozierendem Zeigefinger.
Für mich geht es weniger um Fragen von Schicksal und Menschheit, sondern vielmehr darum, wie sehr man als Individuum gefangen sein kann in einem Weg, der einem aufgrund der eigenen Erfahrungen, Macken und Scheuklappen als der einzig mögliche vorkommt. Und selbst wenn einem jemand anders die Lösung sagt, die objektiv simpel wie nur was ist, gibt es für einen selbst eben keinen Ausweg. Bis zum hier bitteren Ende.
Unabhängig von der Einordnung des Texts in eine Gattung regt er so doch auf jeden Fall zum Denken an. Oder was meint ihr?
 

Textquelle: Franz Kafka: Gesammelte Werke. Bd. 8. Frankfurt am Main 1950ff., S. 91-92.
Bildquelle: Foto von Kafka, 1914

24.2 Hans Sachs über Land- und Stadtmaus

Wir bleiben in der frühen Frühen Neuzeit, in der auch der Nürnberger Meistersinger Hans Sachs (1494-1576) Fabeln schrieb. Auch wenn Sachs mit Luther in Sachen Reformation völlig einer Meinung war, so zeigt sich nicht zuletzt in seinen Fabeln doch ein anderer Blick. Aber lest selbst… Und zwar so ziemlich im Original, mit nur ein paar Erklärungen meinerseits, wo ich dachte, ist wohl besser…dafür nur eine! Und jetzt lest aber wirklich… 🙂

 
 

Fabel der zweier meus
(besser bekannt als: Stadtmaus und Feldmaus)

Ein hausmaus die gieng über felt,
het doch weder zerung noch gelt;
der begegnet da ein feltmaus,
dieselbige bat sie zu haus,
die nachtherberg bei ir zu han (haben).
das nam die hausmaus willig an,
gieng mit ir in ein hecken nein,
da schloffen (schlüpften) sie in ein löchlein.
die feltmaus gar freuntlicher weis
ir fürsetzt ir geringe speis,
als eicheln, haselnüß und koren.
als sie waren gesettigt woren,
schliefens dahin in senfter ru;
aber des andren tages fru
nam urlaub und ir danken was
die hausmaus und zog hin ir stras.
als sie nun ir sach richtet aus
und wolt widerumb heim zu haus,
kerts wider bei der feltmaus ein
und saget: liebe schwester mein,
du hast mir mitteilt dein armut,
kom mit mir heim, da ich als gut
dir auch wil tun und herberg geben,
da du solt frölich und wol leben!
da gieng mit ir heim die feltmaus
in ein schön köstliches steinhaus,
in die speiskamer schloffens frei,
darin sie funden mancherlei
der guten speis von fleisch und fisch,
was man aufhub vons herren tisch,
confect, rosin, mandel und feigen,
das tet sie als der feltmaus zeigen
und sprach: hie tu trinken und eßen
und deiner armut gar vergeßen.
die feltmaus aß, war wolgemut
und sprach: wie hast du es so gut!
nöten bist du so feist und vol.
sie sprach: teglich leb ich so wol,
so must du mit hartseling dingen
dein spröd narung zu wegen bringen.
wilt du, so magst du bei mir bleiben,
dein zeit in disem haus vertreiben,
also wol leben für und für.
in dem da rumpelt an der tür
der kelner, spert auf, gieng hinein;
die meus erschrakn, doch schlof balt ein Weiterlesen

20.4 Der böse Hase – in Afrika

Wir machen weiter mit dem Kontinentehüpfen und kommen also heute auf unserer Märchenweltreise nach Afrika. Der Titel ist heute Programm, aber lest selbst…

Der böse Hase

Es war einmal ein Hase, der sah einen toten Elefanten; er öffnete ihm den Bauch, nahm die Eingeweide heraus und wusch sie. Dann sah er einen Baum und machte sich daraus einen großen Stock.

Darauf sah er ein Zebra, das Junge hatte, und sprach: „Ei, diese Jungen des Zebra sind gut zum Töten.“ Das Zebra erwiderte: „O, Hase, diese meine Kinder möchtest du töten?“ Darauf sagte der Hase: „Jawohl,“ und er nahm seinen Stock und schlug damit ein Junges, dass es starb. Der Hase floh, das Zebra verfolgte ihn. Er kroch in den Bauch des Elefanten und rief mit starker Stimme: „Wer da? Wer da?“ Das Zebra antwortete: „Ich bin es, ich laufe dem Hasen nach, der mir mein Kleines getötet hat.“ Da rief der Hase wiederum mit starker Stimme: „Geht weg! Ihr könnt später streiten.“ Das Zebra ging weg.

Der Hase kam heraus, sah einen Leoparden mit seinen Jungen und sprach: „Ho! Ho! Ho! Diese Jungen des Leoparden sind gut zum Töten.“ Der Leopard erwiderte: „Hase, du möchtest diese meine Kinder umbringen?“ Der Hase antwortete: „Wer wird mir das verbieten?“ Der Leopard erwiderte: „Nun, bringe sie um, wir wollen sehen.“ Der Hase schlug ein Junges nieder, lief davon und flüchtete sich in den Bauch des Elefanten. Dann rief er mit starker Stimme: „Wer da?“ Der Leopard antwortete: „Ich bin es, ich laufe dem Hasen nach, der mir mein Kind ermordet hat.““ Der Hase schrie mit starker Stimme: „Ihr werdet später mit uns streiten können.“ Der Leopard ging also weiter. Weiterlesen

2.5 Das Märchen von der lahmen Elster mit den sieben grünen Eiern

Zur Einstimmung auf das Wochenende eines der – wie ich finde – allerschönsten Tiermärchen. Wunderschöne Sprache voll mongolischem Witz!

Das Märchen von der lahmen Elster mit den sieben grünen Eiern

In längst vergangenen Zeiten lebte eine lahme Elster, die sieben grüne Eier hatte, so erzählt man sich. Eines Tages jedoch kam ein Fuchs und sagte:

„Gib mir eines von deinen sieben Eiern! Ich will es fressen!“ Darauf, so sagt man, erwiderte die Elster:
„Ich werde dir keines meiner Eier geben.“

„Wenn du mir keines deiner Eier gibst, werde ich alles hier zu feinem Staub zermalmen und deine goldene Espe mit meinem Kopf umstoßen,“ sagte der Fuchs. Da bekam die Elster schreckliche Angst und gab ihm ein Ei.

So kam dann der Fuchs jeden Tag, wiederholte seine Worte und fraß die Eier der Reihe nach auf, bis nur noch ein einziges Ei übrig war. Als daraufhin die Elster anfing zu weinen, traf es sich, dass eine Maus des Weges kam. Klick hier für den Rest des Märchens