42.5 Kurze und lange afrikanische Rätsel

Aus Asien machen wir nun einen Riesensatz und landen in Afrika. Los geht es mit einigen knappen Rätselsprüchen der Shambala bzw. Shambaa, einem Volk in Tansania. Danach kommen wir zu einem wirklich kunstvollen, kleinen Rätselmärchen der Zulu, einem weiteren Bantu-Volk. Aber rätselt los…

Rätsel der Shambala

Dort in der Wüste schnäuzt sich ein Mkuafi die Nase. Alle Leute fürchten sich. Was ist das?
– Lösung: der Löwe

Ich gehe in ein Gebüsch; dort höre ich einen Topf mit Maiskörnern brodeln. Was ist das?
– Lösung: der Bienenkorb

Hier ist er; hier ist er. Greife ihn! Was ist das?
– Lösung: der Schatten

Der Fellmantel meines Großvaters bedeckt die ganze Erde.
– Lösung: die Wolken

Es gibt ein Haus, das hat keine Tür.
– Lösung: Ei

Tag und Nacht hat es keine Ruhe.
– Lösung: das Wasser

Schürze dein Kleid, wir wollen in den Ameisenhaufen treten.
– Lösung: der Tau – denn, so erklärt Hr. Seidel freundlicherweise, auf Tau zu treten prickelt, wie in einen Ameisenhaufen zu treten, und schon habe ich wieder was gelernt

Ein Rätsel

Rate einen Mann, der den König spielt. Er tut nichts, sondern sitzt ganz still. Seine Leute arbeiten allein, er selbst tut nichts. Er zeigt ihnen, was sie wünschen, aber er tut nichts. Seine Leute können nicht sehen, er sieht für sie. Sie sind blind, sein ganzes Volk, er allein kann sehen. Sie wissen, dass sie durch ihn sehen, obwohl sie selbst nicht sehen können. Denn sie gehen nicht, ohne dass sie etwas wünschen. Er nimmt sie bei der Hand und führt sie dahin, wo die Speise ist, und sie bringen sie in ihr Haus. Aber er selbst rührt nichts an, denn er ist König. Er bleibt immer König, denn er hilft seinen Untertanen.

Zuerst entstand ein Streit und seine Leute sagten: „Du kannst nicht unser König sein und nichts tun; wir fühlen sonst die Macht deiner Herrschaft nicht.“ Er aber antwortete: „Da ihr sagt, ich sei kein König, so will ich still sitzen und zu Boden schauen. Dann werdet ihr sehen, dass ich wirklich ein König bin; denn wenn ich zu Boden schaue, so wird das Land öde sein, ihr werdet in Gruben und Abgründe stürzen, von wilden Tieren verschlungen werden, da ihr sie nicht seht, und Hungers sterben, da ihr nichts zu essen findet. Weil ihr mit mir streitet, seid ihr blind!“

Nun sahen sie ein, dass er ein König war und sprachen: „Lasst uns offen anerkennen, dass er unser König ist, damit wir leben können. Wenn wir Hungers sterben, wird die Majestät, die wir für uns in Anspruch nehmen, schnell zu Ende gehen. Wir sind nur Könige, wenn wir leben.“ So wurde er als König anerkannt und regierte, und das Land war glücklich.

Er ist ein Mann, der sich niemals wäscht, er sitzt immer nur still. Und wenn ihn nur die geringste Krankheit befällt, so gerät all sein Volk in Bedrängnis, Hungers zu sterben, und die Leute fürchten sich das Haus zu verlassen, weil sie in Abgründe stürzen und zerschellen würden. Sie flehen für seine Gesundheit und freuen sich, wenn es ihm gut geht.

Auflösung: das Auge.

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Ich nehme mal an, das Zulu-Rätsel ist im Original noch rätselhafter. Ich habe auch fieberhaft überlegt, ob mir für sehen/schauen etwas einfällt, was nicht gleich das Auge verrät, aber ohne Erfolg. Und überhaupt geht es wohl mehr um die Regeln zwischen Herrschern und Beherrschten.

 
Textquelle: A. Seidel: Geschichten und Lieder der Afrikaner. Berlin: Schall & Grund 1896, S. 177 und 268–269.

44.4 Burjatische Rätsel zu Häusern, Zelten und Seen

Die Burjaten sind ein mongolisches Volk, dessen Territorien jedoch seit Jahrhunderten zu Russland gehören. So gibt es neben den traditionellen nomadischen Viehzüchtern, auch viele Burjaten, die sesshaften Ackerbau betreiben und dem Christentum angehören.

Dieser Zwiespalt – wenn man es so nennen will – spiegelt sich auch in der Erzähltradition und somit auch in den Rätseln. Wie natürlich auch die riesige Rolle, die der ebenfalls riesige Baikalsee im Leben der Burjaten spielt. Aber rätselt erst einmal selbst…

Burjatische Rätsel

Auf dem Scheitel maß ein langer Mensch mit den Armen.
– Lösung: die Milchstraße – eigentlich, wie Hr. Seidel erklärt, des Himmels Naht oder Weg

Ohne Mund mit Stimme versehen, ohne Ruhm mit einem Namen begabt.
– Lösung: das Echo

Auf dem Hügel sind sieben Löcher.
– Lösung: das Gesicht

In der Grube zwanzig Ziegen.
– Lösung: die Zähne

Galba beleckte die Erde.
– Lösung: die Stiefelsohle – dabei ist, so Hr. Seidel, Galba hier ein beliebiger Eigenname

Auf dem Eise eine silberne Schale.
– Lösung: der Mond

War es auch kleiner als du, warf es dich fort. Weiterlesen

42.3 Keine Komischen, sondern Komi-Rätsel

Heute geht es also wirklich nicht um ‚komische‘ Rätsel – oder höchstens zufällig –, sondern um Rätsel der Komi, früher auch Syrjänen bzw. heute Syrjanen genannt, die die namensgebende Bevölkerungsgruppe der Republik Komi in Russland sind. Es handelt sich um eine Gruppe von Völkern, deren Sprache zu den finno-uigurischen gehört.

Allein in dem Buch, aus dem ich heute abgeschrieben habe, finden sich 294 (!) Komi-Rätsel. Oft handelt es sich jedoch um beinahe identische Varianten, die nur für die Forschung interessant sind. Andere – zu bestimmten Werkzeugen, Wetterlagen, Alltagssituationen – sind kulturhistorisch spannend, sagen uns heute aber gar nix. Also habe ich so an die 20 ausgesucht, auf die wir realistisch kommen können. Aber rätselt selbst…

Komische Rätsel

In jeder Stube liegt eine Schwiegertochter mit dem Gesicht gegen die Wand.
– Lösung: die Axt

Ein Viehhof voller Schafe, aber nur ein Schwanz.
– Lösung: die Brote im Ofen samt Brotschaufel

Ein Kahlkopf tauchte in ein zottiges Loch hinein.
– Lösung: das Anziehen eines Fausthandschuhes

Unter der Diele ein feuchtes Kalb.
– Lösung: die Zunge

Tags eine Bank, aber nachts eine Semmel.
– Lösung: der Hund

Man haut Holz in Petrograd, die Späne aber fallen hierher. Weiterlesen

42.2 Buntgemischte Rätsel aus dem schönen Litauen

Auf unserer Rätselweltreise kommen wir heute nach Litauen, wo es nicht nur wunderschöne Landschaften, sondern auch prima Rätsel gibt. Ein paar philosophische Highlights in einem Füllsel von Rätseln zu einer Alltagskultur, mit der wir nicht mehr viel anfangen können. Da habe ich also ein bißchen danach ausgewählt, was wir – als Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts – auch realistisch erraten können. Rätselt also selbst…

Litauische Rätsel

So hoch wie ein Dach, so klein wie eine Maus, so süß wie Honig. Was ist das?
– Lösung: der Apfel

Zwei Schwestern kommen über ein Berglein nicht zusammen. Was ist das?
– Lösung: die Augen

Bald größer als ein Dach, bald kleiner als eine Maus; grün wie Gras, süß wie Honig. Was ist das?
– Lösung: die Birne

Ein blindes Täubchen flattert durch die ganze Welt. Was ist das?
– Lösung: der Brief

Ein gestoßenes Mütterchen schäumt. Was ist das?
– Lösung: der geknetene Brotteig

Ein verstricktes Verflochtenes jagt die Sperlinge durch das Dickicht. Was ist das?
– Lösung: die Bürste

In der Ferne wiehert ein Ross, in der Nähe tönt der Zaum. Was ist das?
– Lösung: der Donnerschlag

Ein kleines Fässchen, ohne Dauben und ohne Reife, innen zweierlei Bier. Was ist das? Weiterlesen

42.1 Deutsche Rätsel – oder: auf der Suche nach der Frage zur Antwort in der Frage

Heute läute ich die 42. Woche, in der es im Märchensammler Texte der Volksdichtung zu lesen gibt. Bislang habe ich mich dabei auf erzählende Texte konzentriert, also auf Fabeln, Legenden, Zaubermärchen usw. Natürlich haben die Erzähltraditionen der verschiedenen Völker noch mehr zu bieten und deswegen kommen wir diese Woche zu Rätseln. Denn welche Woche wäre da besser geeignet als die 42. Schließlich ist die 42 ja, wie wir dank Douglas Adams’ Hitchhiker’s Guide to the Galaxy wissen, die Antwort auf die ultimative Frage nach dem Leben, dem Universum und eben Allem. Nur die Frage ist wohl nach wie vor ein Rätsel und also auf zur Trainingswoche im Rätselraten. Und wenn das jetzt keine elegante Ein- und Überleitung war. Räusper.

Los geht es, wie kann es anders sein, auf der dieswöchigen Märchen- oder eigentlich Rätselweltreise in deutschen Landen. Verrückterweise waren die gar nicht so einfach zu finden. Aber wer lange sucht und also, um euch nicht länger auf die Folter zu spannen, rätselt los…

Ach, noch eine Sekunde. Die Lösung findet ihr, wenn ihr mit eurer Maus die Stelle nach der Lösung markiert. Jetzt aber –

Deutsche Rätsel

Ein rotes Ställchen
Voll weißer Hühnerchen
Was ist das?
– Lösung: der Mund mitsamt Zähnen

Es kommt vom Leben,
Hat kein Leben,
Und kann doch jedem
Antwort geben.
– Lösung: die Schreibfeder

Oben eine Seele,
Unten eine Seele,
In der Mitt’ ein Leder:
Rat’, mein lieber Peter!
– Lösung: Reiter, Pferd und Sattel

Sage mir, Kindchen,
Wo ist das zu schau’n:
Es bellt ein rot’ Hündchen
Durch ’nen knöchernen Zaun?
– Lösung: die Zunge zwischen den Zähnen

Erst seh’ ich weiß wie Schnee,
Dann bin ich grün wie Klee,
Dann werd’ ich rot wie Blut
Und schmeck’ allen Kindern gut. Weiterlesen

41.7 Hong Kil Tong oder die Abenteuer eines verstoßenen Jungen – als koreanischer Robin Hood

Zum Abschluss der koreanischen Wochen gibt es noch eine märchenhafte Legende, in der allerdings weniger Liebe als soziale Kritik im Mittelpunkt steht. Lest selbst…

Hong Kil Tong oder die Abenteuer eines verstoßenen Jungen

Unter der Regierung des dritten Königs von Korea lebte ein Edelmann von hohem Range, welcher aus der berühmten Familie Hong stammte und den Titel eines Ye Cho Pansa führte. Er hatte aus der Ehe mit seiner rechtmäßigen Gattin zwei Söhne und einen Sohn aus der Verbindung mit einer Konkubine. Letzterer, welcher von Geburt an viel von sich reden machte, wird der Held folgender Geschichte sein.

Als Hong Pansa nur erst zwei Söhne besaß, träumte ihm eines nachts, dass ein Drache von so ungeheurer Größe in sein Zimmer käme, dass er selbst keinen Platz mehr darin hatte. Der Träumer erwachte und begriff sofort, dass ihm etwas Gutes bevorstände. Da er hoffte, es würde ihm ein dritter Sohn geboren werden, hatte er nichts Eiligeres zu tun als seiner Gemahlin den Traum mitzuteilen. Doch diese wollte ihn nicht sehen, da sie es ihm sehr übelgenommen, dass er sich eine Konkubine aus der Klasse der Tänzerinnen genommen hatte. Der große Mann war darüber sehr traurig und zog sich unverrichteter Sache in seine Gemächer zurück, wo er allein über seinen Traum und die ihm möglicherweise bevorstehenden Ereignisse nachdachte.

Bald darauf wurde ihm von einer seiner Konkubinen ein Sohn von so tadelloser Schönheit geboren, dass seine erste, rechtmäßige Gemahlin sehr neidisch und er selbst aber höchst unglücklich darüber ward, denn er wäre begreiflicherweise hoch erfreut gewesen, wenn dieser Sohn eine standesgemäße Geburt gehabt hätte und dadurch befähigt gewesen wäre, die Beamtenlaufbahn einzuschlagen. So wurde der schöne Knabe einfach Kil Tong oder Hong Kil Tong genannt. Je älter er wurde, desto mehr entwickelte sich seine Schönheit und sein Verstand. Er lernte sehr leicht und seine Umgebung bewunderte seinen Scharfsinn und seine Geisteskräfte ebenso wie das Ebenmaß seines Körpers und seine schönen Gesichtszüge. Als er heranwuchs, ärgerte er sich sehr darüber, dass ihm sein Platz bei der Dienerschaft angewiesen wurde und er nicht die Erlaubnis hatte, seine Eltern bei dem Namen zu nennen. Die anderen Söhne seines Vaters lachten ihn aus und verspotteten ihn, so dass sein Leben ihm sehr unglücklich erschien.

Eines Tages warf er während des Schulunterrichts voll Missmut seinen Tisch um und erklärte, er wolle Soldat werden. In der nächsten hellen Mondscheinnacht sah ihn Hong Pansa im Hofe Waffenübungen machen und fragte ihn, höchst verwundert darüber, was er damit bezwecke. Kil Pang antwortete ihm unumwunden, dass ihm die steten Ungerechtigkeiten, deren er in seinem Hause ausgesetzt sei, zuwider wären. Er wolle sich daher auf diese Weise für seinen späteren Beruf vorbereiten, damit alle Menschen dann Ehrfurcht und Achtung vor ihm haben sollten. „Denn,“ sagte er, „der Himmel hat alles für den Gebrauch der Menschen erschaffen, diese müssen es nur verstehen, richtig damit umzugehen und der Himmel unterstützt diejenigen, welche sich selbst zu helfen wissen.“

„Welch ein bewunderungswürdiger Knabe,“ sagte Hong Pansa zu sich selbst, „wie sehr bedauere ich es, dass er nicht mein anerkanntes Kind ist, was würde er mir sonst für Ehre bringen. Wie die Sache aber jetzt liegt, befürchte ich noch viel Unangenehmes mit ihm zu erleben.“ Laut rief er Kil zu, er solle schlafen gehen. Doch dieser antwortete ihm, dass, wenn er sich auch zum Schlafen niederlege, ihm alle Ungerechtigkeiten, die ihm tagsüber widerfahren wären, in den Sinn kämen und er so lange darüber nachdächte, bis ihn die Tränen den Schlaf verscheuchten und er wieder aufstände. Da seufzte sein Vater und ließ ihn stillschweigend gewähren. Weiterlesen

41.6 Sim Chung, die gute Tochter – in einem Märchen um Pflicht, Schicksal und doch auch Liebe

Auch heute gibt es ein Märchen, in dem um Liebe und Pflicht geht. Mit einer vorbildlichen Tochter, kaum Bösewichtern und dafür einem funkelnden Palast unter Wasser. Aber lest selbst…

Sim Chung, die gute Tochter

Sim Hyung, oder Herr Sim, war in dem Dorfe, in welchem er lebte, hoch geachtet. Er gehörte der Klasse der Yang-Ban, also den Edelleuten, an. Wenn er daher die Straße entlang ging, tat er dies mit dem vornehmen ausholenden Schritt seiner Klasse. Und wenn er auf seinem Lieblingsesel ritt oder im Stuhle getragen seinen Beschäftigungen nachging, lief stets ein Diener voraus, welcher den Leuten, die ihm begegneten, zurief, Platz zu machen, damit sein Herr ungehindert passieren könne. Er bekleidete keinen hohen Rang, obgleich seine Kenntnisse hochgeschätzt wurden; das Gehalt, welches ihm seine Stelle einbrachte, genügte kaum zu den nötigsten Bedürfnissen, Privatvermögen besaß er nicht und konnte daher nur bei größter Sparsamkeit seinem Stande gemäß leben.

Er war so glücklich gewesen von seinen Eltern an ein ebenso schönes als gut erzogenes Mädchen verheiratet worden zu sein. Dieselbe ward wegen ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit von jedermann gerühmt und ihre geistigen Fähigkeiten wurden weit und breit anerkannt. Nicht allein konnte sie das einheimische Ernmum* lesen, sondern war auch in den chinesischen Schriftzeichen bewandert. Aber diese hochgebildete Jungfrau war auch in, allen weiblichen Handarbeiten sehr geschickt. Ihre kunstvoll in Seide und Gold ausgeführten Stickereien waren der Stolz ihrer Eltern und Freunde, und als sie einst einen Abschnitt der Geschichte Koreas mit prachtvollen chinesischen Schriftzeichen in Seide gearbeitet hatte, machte ihr Vater dem Könige damit ein Geschenk. Diesem gefiel die schöne Arbeit so sehr, dass er sie zu einem Wandschirm verwenden ließ, den er stets neben die Matte, auf welcher er saß, zu stellen befahl, um die kunstvolle Arbeit immerfort anschauen zu können.

Sim war zuerst gar nicht von der Wahl seiner Eltern erfreut, da er ein Vorurteil gelehrten Frauen gegenüber hatte, als aber seine Zukünftige bei der Hochzeitsfeierlichkeit ihr Antlitz entschleierte und er ihre bezaubernden Züge sah, war er so sehr von ihrer Lieblichkeit berauscht, dass er kaum das Ende der Zeremonien erwarten konnte, um sie für ewig sein zu nennen.

Die Ehe war eine überaus glückliche. Einer schien für den anderen geschaffen zu sein und jeder gerade die Eigenschaften zu besitzen, die der andere am höchsten schätzte, sodass beide Teile sehr mit der Wahl zufrieden waren, welche die beiderseitigen Eltern getroffen hatten. Oft saßen sie abends beim Mondschein im Garten, der sich an die Frauengemächer anschloss und machten Pläne für die Zukunft. Ihr einziger Wunsch bestand darin, einen Sohn zu haben; doch Jahre gingen dahin, ohne dass ihnen ein Kind geboren wurde. Die Frau befragte Priesterinnen und der Mann wurde ganz trübsinnig und zog sich von allem Verkehr mit Menschen zurück, denn er glaubte die Leute rechneten es ihm zur Schande an, kinderlos zu sein. Er lebte nur mit seinen Büchern und vernachlässigte seine Gattin, welche er nie mehr in ihren Gemächern aufsuchte. Infolge dieser ununterbrochenen geistigen Tätigkeit und des einsamen Lebens fing er an zu kränkeln, wurde mager und bleich und seine Augen verloren ihren Glanz. Seine Frau trug ihr Missgeschick standhafter und gab die Hoffnung, Kinder zu bekommen, nicht auf, obwohl sie sich schämte keinen anderen Namen zu haben als ‚die Frau des Sim‘ und es doch so sehnlich gewünscht hatte, sich ‚die Mutter des kleinen Sim‘ genannt zu hören, von dem sie beide Tag und Nacht geträumt hatten. Endlich blieben auch diese Träume aus.

So waren ihnen fünfzehn Jahre vergangen, als die Frau wieder einen Glück verheißenden Traum hatte: sie sah einen Stern vom Himmel auf sich herabfallen. Sogleich schickte sie zu ihrem Gemahl und sagte ihm, dass sie fest glaube, jetzt würde sich ihr Wunsch er füllen – und ihre Hoffnung täuschte sie nicht. Ein Kind wurde ihnen geboren; aber statt des erwarteten Knaben war es nur ein Mädchen. Trotzdem beide Eltern gern einen Sohn gehabt hätten, freuten sie sich doch sehr, dass sie nach fünfzehnjährigem Warten doch noch ein Kind bekommen hatten und nahmen sich vor, ihre kleine Tochter recht herzlich zu lieben.

Das Elternpaar wurde durch dieses gemeinsame Familienband wieder inniger verbunden und das Kind wuchs unter ihren Augen prächtig heran. Es blieb von allen Kinderkrankheiten verschont und überwand selbst die Pocken so glücklich, dass sein Gesicht nicht von den schrecklichen Narben verunziert wurde, welche diese Krankheit so oft hinterlässt. Als die Kleine drei Jahre alt war, schien es, dass sie noch schöner als ihre Mutter werden würde. Ihre Wangen glichen aufgeblühten Rosen und jedesmal wenn sie ihren kirschroten Mund öffnete und ihre kleinen Perlenzähne zeigte, sagte sie etwas Kluges und Angenehmes oder brach in ein silberhelles Lachen aus. Die früher so trübseligen Eltern lebten in dem Kinde wieder auf und waren voll Stolz über das Lob, welches seiner Klugheit und Schönheit gezollt wurde. Der Vater vergaß fast, dass es ein Mädchen war und behielt es den ganzen Tag um sich, seine Schritte behütend und es vor allem Schaden bewahrend.

Doch dies Glück war zu groß, um für lange Zeit zu dauern. Die Mutter der kleinen Sim ward krank und starb plötzlich. Der Gatte war der Verzweiflung nahe, weinte und wehklagte Tag und Nacht über den Verlust seines Weibes und als er endlich seine Gemächer verließ und sich vor Menschen zeigte, war seine Gestalt gebeugt, sein Haar gebleicht und seine Augen von den vielen vergossenen Tränen tot. Er war erblindet. Da der Vater sich nun nicht mehr um den Lebensunterhalt seines Kindes durch eigene Arbeit kümmern konnte, so fing er an Stück für Stück seines ganzen Eigentums zu verkaufen und nach zehn Jahren war alles, selbst das Haus, in dem sie wohnten, in andere Hände übergegangen. Jetzt musste der Vater betteln und seine Tochter, die inzwischen zur Jungfrau herangewachsen war, durfte ihn nach den Landesgesetzen, welche den erwachsenen Mädchen in einem gewissen Alter verbieten auszugehen, nicht mehr begleiten. Eines Tages hatte der arme Blinde das Unglück in eine mit Wasser angefüllte Grube zu fallen.

Lange Zeit bemühte er sich vergebens aus derselben herauszukriechen, als er sich ihm nähernde Schritte hörte und nun um Hilfe rief: „Hilf mir Armen,“ schrie er, „ich bin blind und nicht etwa betrunken.“ „Ich weiß, dass du nicht betrunken, sondern erblindet bist, doch dir kann geholfen werden,“ antwortete die Stimme des Herankommenden. „Wer bist du, dass du so genau über meine Verhältnisse Bescheid weißt?“ fragte Sim. „Ich bin der Priester aus dem Tempel der Bergfeste,“ erwiderte der Fremde. „Du meinst, das Augenlicht könne mir wiedergegeben werden?“ fragte der Blinde. „Ja,“ gab ihm der Priester zur Antwort, „ich hatte einen Traum, dich betreffend. Im Falle du dem Buddha meines Tempels ein Opfer von dreihundert Sack Reis bringst, wirst du dein Augenlicht wieder erhalten. Du wirst dann einen hohen Beamtenposten bekommen und reich an Ehren und Würden werden und deine Tochter wird zur vornehmsten Frau im ganzen Reiche erhoben.“ „Aber ich bin alt und arm,“ entgegnete Sim, „wie kann ich wohl solch fürstliches Opfer bringen?“ „Du brauchst es nicht gleich zu geben,“ sagte der Priester, „gib mir nur ein schriftliches Versprechen, den Reis zu opfern, die Zeit der Erfüllung aber überlasse ich dir.“ „Schon recht,“ antwortete Sim, „gib mir Papier und Tinte, dann will ich versuchen die Schrift zu verfassen.“

Sie gingen in ein Haus und dort schrieb der Blinde, dem der Priester die Hand führte, das Versprechen, dreihundert Sack Reis zu geben, wofür er wieder sehend werden sollte. Müde, hungrig und an allen Gliedern wie zerschlagen kehrte Sim in seine Wohnung zurück, wo er sich lächelnd seines Versprechens, dreihundert Sack Reis zu liefern, erinnerte, während er nicht so viel Reis besaß, um seinen Hunger stillen zu können.

Endlich war es ihm gelungen eine Beschäftigung zu finden, bei welcher er einen kärglichen Verdienst hatte. Man beschäftigte ihn mit Reinigen und Aushülsen von Reis. Es war schwere Arbeit für ihn, Tagelöhnerdienst zu verrichten, aber er tat sie gern, denn so konnte er sich selbst und sein Kind vor der bittersten Not schützen. Kam er dann abends von der Arbeit heim, so fand er stets einen sauber gedeckten Tisch mit Speisen, welche von seiner Tochter selbst bereitet waren. Eines Abends als er sich gerade auf die Matte vor seinem Tisch niedergelassen hatte und sein einfaches Mahl verzehren wollte, erschien der Priester aus dem Tempel der Bergfeste, um ihn an sein Versprechen zu erinnern. Sim verging aller Hunger, denn nun musste er seiner Tochter von dem schriftlich gegebenen Versprechen erzählen, wovon er bisher geschwiegen hatte. So sehr diese sich auch freute, dass die Erfüllung des Versprechens ihrem Vater das Augenlicht wiedergeben sollte, so war sie doch von der Unmöglichkeit überzeugt, es jemals einlösen zu können. Weiterlesen

41.5 Ching Yuh und Kyain Oo, die Liebe der Sterne

Heute gibt es noch eine epische Liebesgeschichte mit unzähligen dramatischen Verwicklungen, großartigen Fieslingen. Mit anderen Worten – Dallas/Denver Clan nix dagegen. 😉 Aber lest selbst…

Ching Yuh und Kyain Oo, die Liebe der Sterne

Ching Yuh und Kyain Oo waren Sterne, welche der Sonne zu dienen hatten. Sie verliebten sich ineinander und heirateten, nachdem sie die königliche Erlaubnis dazu erhalten hatten. Diese Verbindung war eine sehr glückliche Zeit für sie, denn sie lebten einer für den anderen und lasen sich die Wünsche von den Augen ab. Sie hielten sich fortwährend umfangen, und es schien, als wolle ihr Honigmonat nie zu Ende gehen. Da sie jedoch durch ihre Liebeständelei unaufmerksam und nachlässig in ihrem Berufe wurden, so beschloss der Herr des Himmels, sie zu bestrafen. Er trieb sie auseinander, und verbannte den einen an die äußerste Spitze des östlichen Himmels, den anderen an das äußerste Ende in entgegengesetzter Richtung, dem großen Flusse gegenüber, welcher die Ebene des Himmels teilt*. Auf diese Weise waren sie so weit voneinander getrennt, dass sie gerade ein halbes Jahr brauchten, um sich zu treffen, oder ein ganzes Jahr zur Hin- und Rückreise. Da sie aber zur jährlichen Inspektion auf ihren Posten sein mussten, und die weite Reise nicht für die kurze Freude, auf eine Nacht zusammen sein zu können, unternehmen wollten, selbst wenn sie den erhaltenen Befehlen ungehorsam gewesen wären, so mussten sie sich damit begnügen, sich von den Ufern des breiten Stromes aus zu besuchen und dies ging nur zu der Zeit möglich zu machen, wenn die Krähen die große Brücke über den Fluss fertig gemacht hatten. Die Krähen tragen nämlich das Material zu dieser Brücke auf ihren Köpfen herbei, was jedermann wissen muss, der sich die Mühe gegeben hat zu beobachten, wie kahl die Köpfe der Krähen im siebenten Monat des Jahres sind.

Natürlich werden die Liebenden sehr entmutigt und traurig darüber, dass sie sich nach einer so kurzen Glücksdauer so bald und so weit wieder trennen müssen und man wird es nicht wunderbar finden, wenn sie vor Kummer weinen. Sie weinen dann aber so viel, dass die ganze Erde davon mit Regen überschüttet wird. Diese traurige Zusammenkunft kommt mit seltener Ausnahme nur einmal im Jahre vor und zwar am siebenten Tage des siebenten Monats. In einem solchen Ausnahmefall tritt die gewöhnliche Regenzeit nicht pünktlich ein, und dann vereinigt die durstige und vertrocknete Erde ihre Klagen mit denen der Liebenden, deren vermehrte Leiden sie so traurig machen, dass selbst die Tränen sich weigern, ihnen Erleichterung zu verschaffen.

I.

You Tah Yung war ein sehr weiser Beamter und ein ausnehmend guter Mensch. Mit großem Unbehagen sah er auf die Schlechtigkeit der meisten seiner Kollegen und beschloss um die Erlaubnis zu bitten, sich vom öffentlichen Leben zurückziehen zu dürfen, damit er den Rest seines Lebens auf dem Lande zubringen könne. Da er so glücklich gewesen war, eine vortreffliche Frau gefunden zu haben, so hoffte er, sich die Einförmigkeit des Landlebens doch so angenehm wie möglich zu machen. Seine Gattin war eine Dame von hervorragenden Eigenschaften des Herzens und des Geistes, so dass sie bei den gleichen Lebensansichten und Neigungen den Verkehr mit ihren Mitmenschen nicht vermissten.

Nur eine Sorge hatten sie: Ihre Ehe war kinderlos. Wenn You Tah Yung seine Ländereien übersah und sich ihres guten Gedeihens freute, so fühlte er, dass er doch nur ganz glücklich sein könne, wenn er einen Erben besäße.

Er füllte seine Zeit mit dem Fischfang aus und lauschte dem Gesänge der Vögel, um sich in der schönen Natur zu vergnügen. Wenn aber im Frühjahr die Vögel sich paarten, wurde er ganz missgestimmt und beklagte sein trauriges Geschick, dass mit ihm sein Name aussterben sollte, denn er war der letze seines Geschlechtes. Er machte sich darüber besonders schwere Gedanken, dass seine Vorfahren erzürnt darüber sein würden, wenn er kinderlos stürbe; ja er fürchtete, sie im Jenseits nicht wieder zu sehen, wenn er nicht einmal jemand hinterließe, der an seinem Grabe betete und seinem Geiste Opfer brächte. Auch sein treues Weib klagte mit ihm und riet ihm, sich von ihr zu scheiden und eine andere Frau zu nehmen; davon wollte er aber nichts hören und sagte, er würde unter keinen Umständen den schönen Frieden ihrer Ehe stören.

Statt dass das Unglück diese guten Menschen trennte, führte es sie nur um so inniger zusammen; da beide aber sehr fromm waren, so vereinigten sie ihre Gebete um einen Erben. Einmal geschah es, dass die Frau mitten im Gebet einschlief und einen wunderbaren Traum hatte. Sie sah eine Erscheinung in der Nähe des Nordsternes. Ein bildschöner Knabe kam, auf einem weißen Fächer reitend, vom Sterne herab auf sie zu. Als sie ihn fragte, wer er sei und woher er käme, antwortete er ihr: „Ich bin ein Diener des Nordsterns und ward eines begangenen Fehlers halber für lange Zeit auf die Erde verbannt; ich habe den Auftrag dir den weißen Fächer zu übergeben, welcher dereinst dein Leben und das meinige retten wird.“ – Als die Frau aufwachte, sah sie zu ihrem Schmerze, dass alles nur ein Traum gewesen und nun dachte sie an nichts anderes mehr als an diesen schönen Traum.

Und wirklich, im Laufe der Zeit ward jener Traum Erfüllung; als die große Flut kam, gebar sie einen Knaben. Die ganze Nachbarschaft verwunderte sich des schönen Kindes und alle Leute hatten ihre Freude an seiner Klugheit. Die ersten zehn Jahre nach der Geburt des Knaben vergingen den Eltern wie ein Festtag. Sie nannten ihren Sohn ‚Pan Noo‘ und da der Familienname ‚You‘ war, so hieß das Kind You Pan Noo.

Die ersten Anfangsgründe der Wissenschaft lehrte ihn die Mutter, doch je älter er wurde, desto klüger ward er auch und bald waren weder Vater noch Mutter imstande das Kind zu unterrichten, welches so außergewöhnliche Fortschritte machte. Zu der Zeit lebte in einer entfernten Provinz ein berühmter Lehrer, namens Nam Juh Oon, dessen Klugheit von jedermann bewundert ward; zu diesem beschlossen die Eltern ihren Sohn zu geben, obwohl ihnen die Trennung von ihm sehr schwer wurde. Als der Trennungstag herangekommen, entließen ihn die Eltern mit ihren Segenswünschen und gaben ihm einen wunderbar schönen Fächer, ein altes Familienstück, mit auf den Weg. Sie gaben ihm auch den Rat, recht sorglich auf den Fächer zu achten, von dem sie glaubten, er würde Pan Noo zu einem Talisman werden, weil derselbe jenem so gliche, den die Mutter damals im Traume gesehen. Weiterlesen

41.4 Chun Yang Ye, die treue Tänzerin – oder: eine laaange koreanische Liebesgeschichte

Heute gibt es eine Liebesgeschichte in (langer!) Legendenform. Lest selbst…

Chun Yang Ye, die treue Tänzerin

Der Präfekt Ye Tung Uhi lebte in der Stadt Nam Won, in der südlichen Provinz Chull Lah Dò. Er hatte einen Sohn, welcher sechszehn Jahre alt war und als einziges Kind sehr verhätschelt wurde. Der Jüngling war hübsch von Gesicht, hatte eine schöne Gestalt und galt als das Muster eines guten Sohnes, da er außerdem auch noch sehr talentvoll war. Er bewohnte eines der Hintergebäude in der Amtswohnung seines Vaters und brachte den ganzen Tag mit seinem Studium zu. Abends ging er stets zu seinem Vater, erkundigte sich nach seinem Befinden und wünschte ihm eine angenehme Nacht und morgens war seine erste Beschäftigung, dass er fragte, wie sein Vater geruht habe und wie sein Gesundheitszustand sei.

Der Präfekt war erst soeben in diese Provinz versetzt und zu seiner jetzigen Stellung erhoben worden, als sich die folgenden Begebenheiten abspielten.

Der kalte Winter, den der Sohn meistens im Hause zugebracht hatte, war vor dem nahenden Frühling geflohen und als die Bäume zu knospen begannen, das Wetter wärmer wurde und die Vögel zu zwitschern anfingen, dachte der fleißige Jüngling Ye Toh Ryung oder kurzweg Toh Ryung genannt, er wolle auch die Frühjahrszeit genießen. Wie das Getier, welches seinen Winterschlaf gehalten hat, sich freudig an der Sonne wärmt und in derselben neu aufzuleben scheint, so auch Toh Ryung. Er entzückte sich an allem, was er sah und befragte seinen Pan San – den ihn begleitenden Diener – nach den schönsten Plätzen der Umgebung. Dieser, ein Einheimischer der Provinz, gab mit Vergnügen den gewünschten Bescheid, war aber von einem Orte ganz besonderen Lobes voll, indem er sagte: „Die schönste Szenerie bietet Kang Hal Loo dar und alle Beamten besuchen diesen Platz. Die Tempel dort sind mit den Namen der Besucher bemalt, welche die schöne Gegend preisen.“ „Gut,“ antwortete ihm Toh Ryung, „gehen wir auch dorthin. Reise du voraus und mache alles zu meiner Ankunft bereit.“

Der Diener hatte nichts Eiligeres zu tun, als den Befehlen seines jungen Herrn nachzukommen und als dieser in Kang Hal Loo anlangte, war er sehr zufrieden mit den Anordnungen, welche der Diener getroffen hatte. Er hatte ihm in einem der schönsten Tempel ein Unterkommen besorgt und alle Bequemlichkeiten für einen längeren Aufenthalt herbeigeschafft. Der Fußboden war mit neuen schönen Matten bedeckt und weiche Polster luden zum Ausruhen ein. Toh Ryung ließ sich auf einem derselben nieder und freute sich der prachtvollen Aussicht; obgleich er todmüde war, rief er doch seinen Pan San herbei und gab seiner Zufriedenheit über die gute Unterkunft und prachtvolle Aussicht Ausdruck, indem er sagte, er fände alles so herrlich, dass selbst Götter damit zufrieden sein müssten und es gewiss auch wären.

„Ja,“ antwortete ihm der Diener hocherfreut, „es ist so, wie du sagst, selbst Geister erfreuen sich öfters an dem Anblick dieser schönen Gegend und wohnen als Gäste in den Räumen, welche jetzt die deinigen sind.“

Während dieser Rede des Dieners sah der Herr, welcher seine Blicke ins Freie hinaus schweifen ließ, plötzlich die Gestalt eines sehr schönen Mädchens in der Luft schweben, und ebenso schnell wieder verschwinden. Toh Ryung glaubte einen Geist gesehen zu haben. Ehe er sich ganz von seinem Erstaunen erholt hatte, erschien und verschwand die Gestalt schon wieder. Es war ein junges Mädchen, welches, sich schaukelnd, vor den Blicken der Erstaunten auf- und niederschwebte. Toh Ryung konnte sich von dem lieblichen Anblick gar nicht losreißen und als das Mädchen längst aufgehört hatte sich zu schaukeln, war er noch immer nicht mit sich einig, ob die schwebende Gestalt ein Geist oder ein menschliches Wesen war, oder ob er vielleicht gar nur geträumt.

Sein Diener überzeugte ihn aber bald, dass die liebliche Erscheinung kein Geist gewesen sei, sondern eine öffentliche Tänzerin. „Sie heißt Yang Ye,“ fuhr er fort, „und wohnt nur wenige Schritte von hier entfernt mit ihrer Mutter, welche Uhl Mah genannt wird.“ „Oh!“ rief Toh Ryung, „das trifft sich ja ganz prächtig. Geh sogleich zu den Frauen und bescheide die Tänzerin zu mir, damit sie vor mir singe und tanze.“

In der Zeit, welche der Diener zu seiner Botschaft gebrauchte und die ziemlich lang währte, weil er bis zur Vorderfront des Hauses laufen musste, in welchem Uhl Mah wohnte, denn sie hatten das Mädchen von der Gartenseite her gesehen, wusste sich Toh Ryung vor Ungeduld nicht zu lassen.

Der Diener klopfte mit aller Macht an die Haustür, die zu Uhl Mahs Wohnung führte und rief die Tänzerin beim Namen. „Wer ruft nach mir?“ fragte diese, auf den Lärm aufmerksam gemacht. „Wer dich ruft ist ganz gleich,“ antwortete ihr dar Diener, „mache du nur die Tür auf.“ Nachdem sie ihm geöffnet hatte, fragte die Tänzerin: „Wer bist du und was willst du von mir?“ „Ich bin nichts und ich will nichts,“ entgegnete ihr der Diener, „aber Ye Toh Ryung, der Sohn des Präfekten, wünscht ‚den blühenden Frühling‘ zu sehen.“ Dies war nämlich die Bedeutung des Namens Chun Yang Ye. „Wer hat denn Toh Ryung meinen Namen gesagt?“ fragte ihn die Tänzerin. „Das tut gar nichts zur Sache, wer ihm deinen Namen gesagt hat,“ erhielt sie zur Antwort. „Wenn du nicht wünschst, öffentlich gekannt zu sein, musst du dich nicht schaukeln, dass dich jedermann sehen kann. Mein Herr kam hierher, um die Naturschönheiten zu bewundern und nun will er nichts anderes mehr sehen, seitdem er dich erblickte. Er ist ein sehr anständiger junger Mann, du hast nichts von ihm zu befürchten und wenn du ihm Freude mit deinem Tanz gemacht hast, wird er dich reichlich belohnen, denn er ist der einzige Sohn des Präfekten.“

Die Tänzerin seufzte tief auf und bedauerte zu der Klasse zu gehören, die nichts anderes zu tun hat, als den Launen der Großen zu gehorchen. Sie kleidete sich an, machte sich so hübsch als nur möglich und folgte dann dem Diener zu dem Tempel, worin Toh Ryung seine Wohnung aufgeschlagen hatte. Dann wartete sie geduldig an der Tür der Vorhalle, bis ihre Ankunft dem Sohn des Präfekten gemeldet worden war, denn einer Gee Sang – einer öffentlichen Tänzerin – ist es verboten ohne Erlaubnis die Wohnung eines Edelmannes zu betreten. Toh Ryung ließ sie bitten näher zu kommen.

„Wie heißt du? Und wie alt bist du?“ fragte er sie. „Ich heiße Chun Yang Ye,“ antwortete sie mit silberheller Stimme, „und ich bin zweimal acht Jahre alt.“ Lachend erwiderte Toh Ryung: „Das passt ja sehr gut, ich bin viermal vier Jahre alt. Wir haben also das gleiche Alter. Du bist sehr schön,“ fuhr er fort, „dein Name bezeichnet deine Gestalt und deine Wangen blühen wie die zarten Blumen, welche der Frühling bringt. Deine Augen sind klar wie die des Adlers, dabei aber sanft wie der Mondschein! Wann ist dein Geburtstag?“ fragte er weiter. „Mein Geburtstag,“ antwortete die geschmeichelte Schöne, „fällt auf den achten Tag des vierten Monats. Gerade um die Mitternachtsstunde wurde ich geboren.“ Und dabei bemerkte sie mit Vergnügen, welch einen guten Eindruck ihre Worte auf den Jüngling machten. „Ist es möglich!“ rief freudig erstaunt Toh aus, „das ist ja gerade am Tage des Laternenfestes; an diesem Tage bin auch ich geboren, aber nicht erst um zwölf, sondern schon um elf Uhr. Ich bedauere es, nicht eine Stunde später das Licht der Welt erblickt zu haben, dann wären wir ganz genau gleich alt. Trotzdem glaube ich aber, dass die Götter bestimmte Zwecke damit verbanden, uns einen gemeinsamen Geburtstag zu geben und uns in unserm sechszehnten Lebensjahre zusammenzuführen. Es muss in der Absicht des Himmels liegen, uns durch eine Heirat zu verbinden.“

Erschrocken sprang Chun Yang auf, um davon zu laufen, doch er hieß ihr, sich ruhig wieder niederzusetzen, lief aber selbst im Zimmer auf und nieder und wusste vor Aufregung nicht, was er reden sollte. Endlich fasste er sich und sagte: „Oft schon habe ich mir in lauen Frühlingsnächten von schönen Gee Sang vortanzen und vorsingen lassen, oft auch schon besang ich sie in selbst gedichteten Versen, aber noch nie habe ich an einer mein Herz verloren, wie ich auch noch nie eine gesehen habe, welche dir an Schönheit gleich käme. Du erscheinst mir mehr, als eine gewöhnliche Sterbliche, du bist mir von Anfang an bestimmt gewesen und ich will kein anderes Mädchen als dich heiraten.“

Chun Yang Ye legte ihre Stirn in Falten, obwohl sie sich beinahe von den zärtlichen Worten des Jünglings gefangen nehmen ließ, und bedachte die Folgen, welche ihr und ihm aus einer Heirat erwachsen würden. Dann sagte sie: „Du weißt es, dass eines Edelmannes Sohn keine Gee Sang ohne Erlaubnis seiner Eltern heiraten darf; ich bin nun leider dem Namen nach und vom Geschick auserkoren eine Gee Sang. Aber ich bin bisher ein ehrbares Mädchen gewesen und will es auch bleiben.“ „Gewiss,“ sagte Toh, „wir können nicht die sechs öffentlichen Zeremonien vornehmen*, aber wir können uns im Geheimen verheiraten.“ „Nein, das ist unmöglich,“ erwiderte die Tänzerin, „dein Vater würde nie seine Einwilligung dazu geben und sollte er einstmals von hier versetzt werden, so würdest du nicht den Mut haben, mich mit dir zu nehmen. Dann würdest du dir eine Lebensgefährtin aus deinem Stande nehmen und mich bald vergessen. Es kann und es darf nicht sein,“ beschloss sie ihre Rede indem sie sich erhob, um fortzugehen.

„Bleibe noch,“ bat er. „Du tust mir Unrecht; ich werde dich nie vergessen und nie ein anderes Weib als dich nehmen. Das schwöre ich dir und du weißt der Mund eines Yang Ban – eines Edelmannes – ist nicht doppelzüngig, er kann nicht lügen. Sollten wir wirklich den Aufenthalt in dieser Provinz aufgeben müssen und ich im ersten Augenblick verhindert sein, dich mit mir zu nehmen, so will ich bald zu dir zurückkehren. Du musst mir nicht widersprechen und dich nicht länger weigern.“ „Aber, nehmen wir an, du vergisst dein Versprechen,“ entgegnete sie, noch immer zögernd. „Ein Versprechen ist bald gegeben, aber es halten ist schwer. Gib mir das Versprechen, dass du mich heiraten willst, schwarz auf weiß, dann will ich dir glauben und nicht länger widerstehen.“ Weiterlesen

41.3 Die verzauberte Weinkanne oder weswegen Hunde und Katzen Feinde sind

Wie Katze und Hund Feinde wurden, wird in vielen Märchentraditionen irgendwie erklärt. So auch in Korea. Aber lest selbst…

Die verzauberte Weinkanne oder weswegen Hunde und Katzen Feinde sind

Vor langen Jahren lebte an dem Ufer eines großen Flusses, an der Stelle, wo die Boote zu landen pflegten, ein alter Mann mit schneeweißem Haar.

Er war arm, aber ehrlich und gut, hatte weder Weib noch Kind und ernährte sich durch einen Weinausschank. So klein sein Geschäft auch nur war, so hatte dasselbe doch in der ganzen Gegend einen guten Ruf, weil der Wein von der besten Sorte war und der Alte weder Zank noch Schlägereien bei sich erlaubte. Er zog auch die Kundschaft, die nur zu ihm kam Wein zu kaufen, derjenigen vor, welche kam, um bei ihm zu trinken. Er schien nie auf Reisen zu gehen, neue Einkäufe zu besorgen und sein Weinvorrat ging nie zu Ende. Immer schenkte er nur aus der nämlichen Kanne und niemand hatte gesehen, dass der Alte Fässer im Hause hielt, aus denen er seine Kanne füllte und doch blieb diese Kanne stets gefüllt, mochten so viel Leute kommen als da wollten. Die getrocknete, langhalsige, gelbe Kürbisflasche war durch den langen Gebrauch schon ganz schwarz geworden und glänzte wie poliert. Wunderlich war es auch, dass der Schankwirt nicht zu altern schien, er behielt immer dasselbe Aussehen, wie vor undenklichen Zeiten.

All dieses war schon so stadtbekannt, dass gar nicht mehr darüber gesprochen wurde – es sei denn, dass einmal ein Fremder kam, den der sonderbare Krug auffiel und der die Leute danach ausfragte; auch der verließ dann den Platz mit derselben Meinung, dass der Alte ein guter Mann sei, sein Wein aber noch besser. Im übrigen kümmerte sich niemand darum wo der Wein herkam, solange es immer dieselbe gute Sorte war, die man erhielt. Man gewöhnt sich eben an alles.

Die einzigen Genossen, mit denen der alte Mann lebte, waren ein Hund und eine Katze und mit ihnen teilte er auch sein Bett und seine Mahlzeit. Es gab in der ganzen Welt keinen klügeren Hund, obgleich man nicht gerade behaupten konnte, dass er hübsch war. Sehr geduldig und gutmütig von Natur, wurde er nur ungemütlich, wenn sein Herr von irgendeinem Kunden Unbill erlitt, oder wenn ihn die Flöhe von allen Seiten angriffen, – dann aber kam ihm die Katze zu Hilfe und bald waren die Feinde besiegt.

Der Kater war ein Original. Zwar schon längst über die Jahre hinaus, in welchen Katzen sich die größte Mühe geben ihren eigenen Schwanz zu fangen, war er doch ebenso hoch als übermütig. Wenn er seinen Freund, den Hund, schlafen sah, vergnügte er sich manchmal damit, ihm eine tote Ratte auf die Nase fallen zu lassen. Der Hund, auf so unangenehme Weise aus dem Schlaf geweckt, fuhr erschrocken in die Höhe und jagte dann, wie vom Bösen besessen im Zimmer umher, während der schadenfrohe Kater ein sehr würdevolles Gesicht machte, wie die Unschuld selbst, sich über die schlechten Manieren seines Freundes zu wundern schien, einen Katzenbuckel machte und den Schwanz dick aufgeplustert kerzengerade in die Höhe streckte.

Mit ihrem Herrn lebten beide Tiere aber in der größten Eintracht. Ging der Alte abends vor die Tür, um seine Pfeife zu rauchen, so begleiteten sie ihn und bewiesen durch ihr Gebell und Miauen der Nachbarschaft, dass sie noch vergnüglich lebten und jederzeit bereit wären, es mit den besten ihres Geschlechtes im Kampfe aufzunehmen.

Dem Alten war es nicht immer so gut ergangen wie jetzt, wo er den Weinhandel betrieb. Er hatte auch Zeiten gekannt, in welchen er nicht wusste, woher er seinen Reis für den nächsten Tag nehmen sollte. Seine guten Tage zählten erst von der Zeit, wo er den letzten Trunk aus seiner Weinflasche einem müden, alten Bettler gegeben hatte. Als derselbe sich an dem Wein gelabt hatte, gab er dem Alten einen kleinen Stein, welcher wie Bernstein aussah und sagte: „Hier Alter, wirf das in deine Flasche und solange der Stein darin bleibt wird es dir nie an Wein fehlen.“

Der Alte tat, wie ihm der Bettler geheißen und siehe da, die leere Flasche ward wieder voll und der Alte mochte so viel trinken, wie er nur konnte, die Flasche blieb immer voll und leerte sich nie. Nun betrachtete er sie von allen Seiten, nahm immer wieder einen Schluck, schüttelte sie und trank noch einmal. Dann guckte er hinein und trank von neuem, bis ihm der alte Bettler einfiel, dem er doch nun auch noch einen Trunk anbieten wollte. Doch, siehe da, der Bettler war verschwunden. Weil er nun niemand von seinem Weine anbieten konnte, so trank er allein weiter; das machte ihm aber kein Vergnügen und er dachte bei sich, er könne doch unmöglich den ganzen Tag über trinken, denn da würde er sich berauschen und es käme dann vielleicht jemand, der ihm seine Flasche raubte. So kam er auf den Gedanken einen Weinausschank zu eröffnen. Mit welchem Erfolg sahen wir schon. Er war jedoch weise genug, sein Geschäft ganz klein und in der Stille zu betreiben, um nicht die Habgier diebischer Beamten zu erwecken. Nur der Hund und die Katze wussten um das Geheimnis und sie ließen das Gefäß nie aus den Augen.

Doch jedes Ding währt seine Zeit, so auch hier und der Weinausschank nahm ein plötzliches Ende. Weiterlesen