43.3 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: II.a Vikramâditja’s Jugend – Schalû das indische Wolfskind

Heute erfahren wir – zusammen mit dem ungeduldigen Ardschi-Bordschi – über die Konsequenzen von zu viel Lust und Vikramâditja jugendliche Diebeseskapaden mit einem Hauch von Dschungelbuch-Feeling. Aber lest selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
II.a Vikramâditja’s Jugend – Schalû das indische Wolfskind

Ardschi-Bordschi Chân stieg abermals die Stufen empor, um sich auf den Thron zu setzen. Da rief eine Holzfigur: „Halt König! Habe ich es dir denn nicht gesagt? Bisher habe ich umständlich erzählt, in welcher Weise, nachdem der hehre heldenmütige König Vikramâditja zur Zeit seiner Kindheit in einer Einöde ausgesetzt worden und so sinnvolle Worte gesprochen, sein Vater, der König Gandharva, und die ganze erhabene Dynastie ihm ihre Huldigung dargebracht haben. Jetzt will ich vom Wandel des hochheiligen heldenmütigen Königs Vikramâditja zur Zeit seines Heranwachsens erzählen. Du König und alle ihr Anwesenden, tretet heran und höret zu.“ –

Als einst König Gandharva, der Vater des hehren heldenmütigen Vikramâditja, zum Kampfe mit dem Heere der Schimnus auszog, ließ er seinen eigenen Leib in der Nähe einer Buddha-Statue zurück. Nachdem er nun als Geist den Himmelsgöttern gleich entschwunden war, trat die jüngere Fürstin aus niederem Stande zu der reizend schönen Gemahlin Üdsessküleng-Gôa Chatun und sprach: „So lange unser Gebieter mit uns verkehrte, war er in menschlicher Gestalt; jetzt bei seiner Abreise ist er in so reizender, schöner, glänzender Erscheinung abgezogen! Möchte er doch im Verkehre mit uns so reizend sein!“ Auf diese Worte versetzte Üdsessküleng Chatun lächelnd: „Weil du noch jung bist, so verstehst du das nicht; da er wusste, dass durch die Spitzen der schneidenden Schwerter sein Leib Schaden leiden könnte, so ist er als Geist in Gestalt der Himmelsgötter entschwunden!“

Während ihrer Rückkehr dachte die Fürstin also: „Wenn ich des Königs zurückgelassenen Leichnam verbrenne, so dürfte er nach seiner Wiederkehr wohl beständig in derselben reizenden Gestalt bleiben.“ Mit diesem Gedanken begab sie sich zu dem Tempel des Buddha-Bildes, nahm den dort zurückgelassenen Leichnam des Königs, und indem sie von zahlreichen Dienerinnen Sandelholz herbeibringen ließ, verbrannte sie den Leichnam. Während dies vorging, erschien der König in den Lüften und ließ sich aus dem Himmelsraume also vernehmen: „Von meinen mit so vieler Mühe zusammengebrachten Untertanen und von meinen mit so vieler Liebe behandelten Frauen und Kindern und von meinem vielgeliebten Leibe bin ich nun geschieden! Euch aber, meine Geliebten, wird das Heer der Schimnus, welches nach Verlauf von sieben Tagen erscheint und einen Metallhagel herabfallen lässt, euch, meine Teuern, wird es aufzehren. Es wäre gut, wenn ihr vor Ablauf der sieben Tage euch flüchten und von hier wegziehen würdet.“ Nach diesen Worten entschwand er zum Nirvâṇa.

Während die Fürstin, die Adjutanten und Minister und das ganze zahlreiche Volk, indem sie sich an des Königs trefflichen Wandel erinnerten, einer fast sinnverwirrenden Trauer sich hingaben, sprach Üdsessküleng Chatun: „Wenn ich auch noch so sehr dem Schmerze mich überlasse, so hilft das doch nichts; dagegen dürfte es von Nutzen sein, wenn ich nach dem Rate des wundervollen Königs dieses eine Kind in Sicherheit bringe.“ Und so machte sie sich in Begleitung ihrer fünf Dienerinnen auf, um in die Heimat zurückzukehren. Weiterlesen

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43.2 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: I. Vikramâditja’s Geburt

Heute kommen wir also endlich zur eigentlichen und Binnenerzählung, in der sich das indische Original ganz wunderbar mischt mit mongolischer Kultur. Aber lest selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
I. Vikramâditja’s Geburt

In grauer Vorzeit lebte ein mächtiger König Namens Gandharva; er hatte Üdsesskülengtu-Gôa, die reizend schöne Tochter des mächtigen Königs Galindari, geheiratet. Glaube und Gesetz dieser Welt befestigte und schützte er. Weil er indessen ohne Nachkommen blieb, flehte er stets darum zu Buddha und den Himmelsgöttern und grämte sich unaufhörlich in seinem Herzen darüber. Deshalb sprach Üdsessküleng-Chatun* einst zu ihrem Gemahl also: „Mein Fürst, da du um der Nachkommenschaft willen unaufhörlich im Herzen dich grämst, so meine ich, wenn du noch eine andere Frau nehmen würdest, könntest du vielleicht mit Nachkommen beglückt werden.“ Der König war mit diesem Vorschlag einverstanden, wählte ein Mädchen aus der Zahl seiner Untertanen aus und heiratete dasselbe. Bald gebar diese Gemahlin von niedrigem Stande einen Sohn. Weil der König zu dieser seiner zweiten Gemahlin eine große Zuneigung gefasst hatte, betrübte sich Üdsessküleng-Chatun in ihrem Herzen und dachte bei sich: „Durch meines Vaters Einfluss ist er König geworden; auf meine Ermächtigung hin hat er diese zweite Gemahlin genommen; jetzt bedarf er meiner nicht mehr; allein was soll ich anfangen? In einer Felsengrotte auf der Rückseite dieses Berges wohnt ein wunderkräftiger Einsiedler; zu ihm will ich mich begeben, ihm meine tiefe Verehrung bezeigen und ihn um Kindersegen bitten.“

Von fünf Dienerinnen begleitet und mit dem nötigen Speisevorrat, mit Tee und dergleichen sich versehend begab sie sich auf den Weg zu dem Einsiedler. Dort angelangt machte sie die üblichen Verbeugungen und wollte ihr Anliegen vortragen. Weil aber der Einsiedler eben in seinen frommen Betrachtungen versunken war, umwandelte sie inzwischen ehrerbietig die Stätte. Als der Lama** sie um die Mittagszeit gewahrte, sprach er: „Erhabene Königin, was für einen Kummer hast du auf dem Herzen, dass du in gläubiger Andacht zur ehrfurchtsvollen Huldigung hier erschienen bist?“ Auf diese Worte brachte die Königin ihr Anliegen vor, indem sie sprach: „Ich erflehe Kindersegen.“ „Mögest du mit zahlreicher Nachkommenschaft beglückt werden!“ antwortete der Lama und reichte ihr eine Handvoll Erde, welche er segnete. „Koche dies,“ sagte er, „in Rüböl, verdünne es dann mit Wasser in einem Porzellan-Gefäß und iss es auf.“ Weiterlesen

43.1 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – ein mongolisches Heldenepos aus Indien sozusagen

Es handelt sich nicht wirklich um einen mongolischen Märchenzyklus, wie der Titel der dieswöchigen Textgrundlage vermuten lässt. Der Zyklus des Ardschi-Bordschi Chan ist vielmehr die mongolische Adaption eines klassischen indischen Erzählzyklus bzw. von zwei Zyklen aus der Zeit um unser Jahr Null. Nämlich – ich zitiere Hrn. Prof. Dr. Jülg (1825–1886), einem bedeutenden Gelehrten für die indische, aber auch ost- bzw. zentralasiatische Sprachen – dem „Kreis des Vikramaḱaritra (‚Abenteuer des Vikramâditja‘) oder der Sinhâsana-dvâtrinçati (‚die 32 Erzählungen vom Throne des Vikramâditja‘)“.

Mit dem Buddhismus, der im 16. Jahrhundert endgültig in der Mongolei als Lamaismus Einzug hielt, kamen auch eine Flut buddhistischer bzw. überhaupt sanskritischer Texte. Also sowohl religiöse Texte als auch Fabeln und eben Heldenepen. Und den Ardschi-Bordschi nehmen wir uns diese Woche vor.

Noch eine sozusagen editorische/redaktionelle Anmerkung, bevor es endlich losgeht. Prof. Jülg erklärt, er habe sich „möglichst eng an das Original angeschlossen und das ursprüngliche Colorit, so weit es mit dem Genius der deutschen Sprache vereinbar schien, beizubehalten gesucht.“ Nun funktioniert die mongolische Sprache aber völlig anders als die deutsche und im Bemühen, auch den mongolischen Satzbau zu spiegeln, ist Hr. Prof. Jülg meines Erachtens gelegentlich ins Umständliche und Unverständliche abgeschlittert. An diesen Stellen habe ich mich beschlossen, behutsam ein bisserl einzugreifen, denn die fremden Namen sind ja schon verwirrend genug.

So, und nun aber: Lest selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
Einleitung: Der Knaben-König – Der veruntreute Edelstein – Die zwei gleichen Brüder – Vikramâditja’s goldener Thron

Früh vor Zeiten herrschte in einem Reiche Indiens ein Großkönig namens Ardschi-Bordschi. Knaben aus der Bevölkerung des Hoflagers dieses Königs pflegten, während sie die Kälber hüteten, zum Behufe ihres Spieles auf den Gipfel eines Hügels zu steigen und von da einen allgemeinen Wettlauf anzustellen. Diejenigen Knaben, die dabei als Sieger hervorgingen, setzte man jedesmal für eben diesen Tag zum König ein; die übrigen Knaben dagegen mussten als Würdenträger, Minister und Adjutanten fungieren. Wer dem König spielenden Knaben nahe kam, musste sich auf die Knie werfen und tiefe Ehrfurcht bezeigen, um ihn gleich einem Könige zu ehren. Da des Knaben Herrlichkeit und Majestät gewaltig war, so war er in der Tat gewissermaßen einem Könige ganz gleich. Als diejenigen, welche ein solches Auftreten gelegentlich erfahren hatten, es dem Herrscher des Landes Ardschi-Bordschi Chân zur Kenntnis brachten, sprach der König: „Wenn es stets ein und derselbe Knabe bliebe, dann würde ich unter ihm einen Bodhisattva vermuten; nachdem man aber wahrnimmt, dass bei dem alltäglichen Spiele an jedem Tage andere mit der Würde und Majestät bekleidet werden, so dürfte wohl die Ursache im Innern der Stätte selbst liegen.“

Mittlerweile hatte ein Untertan des Großkönigs sich an das Meer begeben, um Edelsteine zu suchen. Einem Bekannten, der eben im Begriffe war zurückzureisen, hatte er einen Edelstein mitgegeben, mit dem Auftrage, ihn seiner Frau und den Kindern zu überbringen. Der Mann nahm den Edelstein mit; ohne ihn aber der Frau und den Kindern übergeben zu haben, hatte er selbst ihn verkauft und so für sich verwendet. Als der Mann, der auf den Erwerb von Edelsteinen ausgezogen, nach Hause zurückgekehrt war, fragte er seine Frau: „Durch einen Mann namens Dsük habe ich einen Edelstein übersendet; hat er ihn abgegeben?“ Weil nun die Frau dies verneinte und er den Umstand, dass er den Edelstein abgesendet habe, derselbe aber seiner Frau und den Kindern nicht übergeben worden sei, zur Kenntnis seines Königs brachte, so befahl dieser den Mann namens Dsük zu rufen. Als der Mann von diesem Umstände Wind bekommen hatte, so überreichte er zwei mächtigen Ministern Geschenke mit den Worten: „In Gegenwart von euch beiden als Zeugen will ich den besagten Edelstein übergeben haben“, und diese waren mit dem Vorschlag einverstanden. Als sie nun erschienen waren, fragte der König den Mann namens Dsük: „Hast du den Edelstein dieses Mannes der Frau und den Kindern desselben übergeben?“ „In Gegenwart dieser beiden Minister,“ sprach er, „habe ich ihn übergeben.“ Und als man die beiden Minister fragte, erklärten diese in Übereinstimmung mit den Worten Dsük’s, dass es so gewesen sei. Nachdem der König, die Übergabe als geschehen annehmend, das Urteil in diesem Sinne gefällt hatte, entließ er sie.

Sobald die vier nun, mit einander umkehrend, auf dem Heimwege in der Nähe des an diesem Tage den König spielenden Knaben-Königs vorübergingen, beschied sie der Knaben-König vor sich. Nachdem die vier erschienen, ihre Verbeugung gemacht und zu wiederholten Malen ihre Huldigung dargebracht hatten, fragte sie der Knaben-König: „Was seid ihr für Leute und was für eine Angelegenheit habt ihr?“ Nachdem man den Verlauf des Rechtshandels vollständig zu seiner Kenntnis gebracht, sprach der Knaben-König: „Nach der Entscheidung eures Königs kann es unmöglich gehen; ich will die Sache noch einmal untersuchen; wollt ihr euch danach richten?“ Da des Knaben-Königs Würde und Majestät gewaltig war, so erklärten sie nach dem Ausspruche des gefürchteten Königs sich richten zu wollen. Er ließ die vier Personen von einander abgesondert sich niedersetzen und gab ihnen vier Klumpen Ton, indem er also sprach: „Da ihr alle vier, der Absender und der Überbringer des Edelsteines sowie die beiden als Augenzeugen dienenden Minister, nur den einen Edelstein gesehen habt, so bildet mir die Gestalt des Edelsteines, den ihr gesehen, jeder für sich in einer Form aus Ton nach.“ Weiterlesen

42.7 Maltesische Rätsel zwischen Orient und Okzident

Von Syrien aus steuern wir so langsam wieder in Richtung Mitteleuropa und gelangen so auf unserer (vorerst) letzten Rätseletappe nach Malta, wo wir uns im maltesischen Gemisch europäischer und orientalischer Erzähltraditionen wieder langsam akklimatisieren können. Rätselt selbst…

Maltesische Rätsel

Ein Junge schlägt seine Mutter.
– Lösung: die Glocke

Sie isst Schwarzes und mistet Rotes.
– Lösung: die Flinte

Recht hübsch lang ist sie; schneid’ mit rundem Schnitte von ihr ab ein kleines Stückchen und leg’s in ein Körbchen.
– Lösung: die Wurst

Rot wie Feuer, und doch kein Feuer; sie lässt Wasser hervorquellen und ist doch keine Quelle. Weiterlesen

42.6 Schön-schwierige Rätsel aus Syrien

Von Afrika geht es heute nach Syrien und damit zu einem Land, das für seine Erzählkultur zurecht berühmt ist. Und wie ist das mit den Rätseln? Ratet selbst…

Syrische Rätsel

Ich weiß etwas, das ist schwarz und ist kein Ochse; es fliegt und ist kein Vogel; es läuft und ist kein Wolf; rate was es ist oder gib mir Damaskus, dass ich es aufesse und auftrinke. – Nimm dir Damaskus, antwortet der andere, welcher das Rätsel nicht lösen kann. – Damaskus, ich will dich aufessen und auftrinken; ich will auf eine weiße Stute steigen, die mit einem Sprung nach hause springt, und du sollst hungrig bleiben; warum hast du nicht gesagt: der Mistkäfer.

Ich weiß etwas, das, wenn es keine Speise bekommt, zwanzig Tage hungern kann, und wenn es Speise bekommt, wird es nicht satt.
– Lösung: der Wolf

Ich weiß drei Wölfe; einer liegt da und steht nicht auf, einer wird nicht satt, so viel er auch frisst, und einer entflieht.
– Lösung: Asche, Feuer und Rauch

Ich weiß etwas, das ist ein Brett und nicht von Holz; es frisst Blätter und ist doch kein Zicklein.
– Lösung: die Schildkröte

Ich weiß etwas, das ist die Hälfte seiner Lebenszeit tot und die Hälfte seiner Lebenszeit lebendig; wenn es stirbt, wird die Rechnung zusammengezählt.
– Lösung: der Mensch

Ich kenne ein weißes Zimmerchen, das hat keine Tür, darin sind zwei Soldaten; als es gebaut wurde, wurde es um die Soldaten errichtet.
– Lösung: Ei mit Eiweiß und Dotter

Ich weiß etwas, das ist blind; es hat weder Füße noch Flügel und läuft doch.
– Lösung: das Wasser

Ich kenne etwas, das schläft nicht, weder bei Nacht noch bei Tag; wenn es sich niederlegt, so entschwindet seine Besinnung nicht, sondern es schließt nur seine Augen.
– Lösung: der Hund

Ich kenne etwas, das braucht zehn Tage, bis es sein Haus gemacht hat mit seiner Frau; sie bekommen einen Sohn und zwei Töchter, aber eine Tochter stirbt; Gott will es so.
– Lösung: die Fliege

Ich weiß etwas, das geht nie auf einem Wege und hat keine Flügel, aber die Menschen machen es fliegen; es ist blind und hat weder Fleisch noch Knochen an seinem Körper.
– Lösung: der Stein

Ich kenne etwas, es gibt nichts plumperes und nichts hässlicheres als dies; sowohl der Mann als die Frau verdrehen ihr Maul und schielen mit den Augen; sie begatten sich mit einander zugekehrten Hintern.
– Lösung: das Kamel

Ich kenne etwas, das begräbt man und zieht es gesund wieder heraus: dann schlägt man es und tötet es; man kommt und benetzt es, drückt es und kocht es am Feuer.
– Lösung: der Weizen

Ich weiß etwas, das ist zwischen Himmel und Erde, seine Haut ist aus einem Stück: es ist ein Arzt; man tötet es und nimmt das, was in seinem Bauche ist, heraus und isst es.
– Lösung: der Granatapfel

Ich kenne etwas zwischen zwei Bergen: Nachts fällt ein Berg auf dasselbe, und der andere legt sich darunter; Gott beschützt es, dass es nicht von den Bergen zerquetscht wird. Sein Kopf schaut nach unten, seine Beine nach oben; es schwebt zwischen Himmel und Erde.
– Lösung: das männliche Glied

Ich kenne etwas, dessen Kopf ist größer als sein Hinterteil, an seinem Rücken kann es umgebogen werden; es trägt etwas, das größer ist als es selbst, und bringt es nach Hause: leer geht’s hinaus und beladen kehrt’s heim.
– Lösung: die Ameise

Ich weiß etwas Rundes und weiß etwas Langes; das Lange sprach zum Runden: „Ich bin süß.“ Aber das Runde sagte zum Langen: „Nach dir suchen die Hühner nicht; aber nach mir sehr wohl.“ Da spaltete sich das Lange vor Zorn.
– Lösung: Mais- und Weizenkorn

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Ja doch, man muss feststellen, Rätsel aus Syrien sind auch beeindruckend kunstvoll. Meine Ratequote ist entsprechend schlecht. Und das wo ich gerade im Sherlock Holmes-Fieber bin, im Lese- und Fernsehrausch (dabei: vergesst Sherlock und erjagt die ältere britische Adaption der Originalerzählungen mit Jeremy Brett!).

 
Textquelle: E. Prym und A. Socin: Syrische Sagen und Märchen aus dem Volksmunde. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1881, S. 368–372.

42.5 Kurze und lange afrikanische Rätsel

Aus Asien machen wir nun einen Riesensatz und landen in Afrika. Los geht es mit einigen knappen Rätselsprüchen der Shambala bzw. Shambaa, einem Volk in Tansania. Danach kommen wir zu einem wirklich kunstvollen, kleinen Rätselmärchen der Zulu, einem weiteren Bantu-Volk. Aber rätselt los…

Rätsel der Shambala

Dort in der Wüste schnäuzt sich ein Mkuafi die Nase. Alle Leute fürchten sich. Was ist das?
– Lösung: der Löwe

Ich gehe in ein Gebüsch; dort höre ich einen Topf mit Maiskörnern brodeln. Was ist das?
– Lösung: der Bienenkorb

Hier ist er; hier ist er. Greife ihn! Was ist das?
– Lösung: der Schatten

Der Fellmantel meines Großvaters bedeckt die ganze Erde.
– Lösung: die Wolken

Es gibt ein Haus, das hat keine Tür.
– Lösung: Ei

Tag und Nacht hat es keine Ruhe.
– Lösung: das Wasser

Schürze dein Kleid, wir wollen in den Ameisenhaufen treten.
– Lösung: der Tau – denn, so erklärt Hr. Seidel freundlicherweise, auf Tau zu treten prickelt, wie in einen Ameisenhaufen zu treten, und schon habe ich wieder was gelernt

Ein Rätsel

Rate einen Mann, der den König spielt. Er tut nichts, sondern sitzt ganz still. Seine Leute arbeiten allein, er selbst tut nichts. Er zeigt ihnen, was sie wünschen, aber er tut nichts. Seine Leute können nicht sehen, er sieht für sie. Sie sind blind, sein ganzes Volk, er allein kann sehen. Sie wissen, dass sie durch ihn sehen, obwohl sie selbst nicht sehen können. Denn sie gehen nicht, ohne dass sie etwas wünschen. Er nimmt sie bei der Hand und führt sie dahin, wo die Speise ist, und sie bringen sie in ihr Haus. Aber er selbst rührt nichts an, denn er ist König. Er bleibt immer König, denn er hilft seinen Untertanen.

Zuerst entstand ein Streit und seine Leute sagten: „Du kannst nicht unser König sein und nichts tun; wir fühlen sonst die Macht deiner Herrschaft nicht.“ Er aber antwortete: „Da ihr sagt, ich sei kein König, so will ich still sitzen und zu Boden schauen. Dann werdet ihr sehen, dass ich wirklich ein König bin; denn wenn ich zu Boden schaue, so wird das Land öde sein, ihr werdet in Gruben und Abgründe stürzen, von wilden Tieren verschlungen werden, da ihr sie nicht seht, und Hungers sterben, da ihr nichts zu essen findet. Weil ihr mit mir streitet, seid ihr blind!“

Nun sahen sie ein, dass er ein König war und sprachen: „Lasst uns offen anerkennen, dass er unser König ist, damit wir leben können. Wenn wir Hungers sterben, wird die Majestät, die wir für uns in Anspruch nehmen, schnell zu Ende gehen. Wir sind nur Könige, wenn wir leben.“ So wurde er als König anerkannt und regierte, und das Land war glücklich.

Er ist ein Mann, der sich niemals wäscht, er sitzt immer nur still. Und wenn ihn nur die geringste Krankheit befällt, so gerät all sein Volk in Bedrängnis, Hungers zu sterben, und die Leute fürchten sich das Haus zu verlassen, weil sie in Abgründe stürzen und zerschellen würden. Sie flehen für seine Gesundheit und freuen sich, wenn es ihm gut geht.

Auflösung: das Auge.

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Ich nehme mal an, das Zulu-Rätsel ist im Original noch rätselhafter. Ich habe auch fieberhaft überlegt, ob mir für sehen/schauen etwas einfällt, was nicht gleich das Auge verrät, aber ohne Erfolg. Und überhaupt geht es wohl mehr um die Regeln zwischen Herrschern und Beherrschten.

 
Textquelle: A. Seidel: Geschichten und Lieder der Afrikaner. Berlin: Schall & Grund 1896, S. 177 und 268–269.

44.4 Burjatische Rätsel zu Häusern, Zelten und Seen

Die Burjaten sind ein mongolisches Volk, dessen Territorien jedoch seit Jahrhunderten zu Russland gehören. So gibt es neben den traditionellen nomadischen Viehzüchtern, auch viele Burjaten, die sesshaften Ackerbau betreiben und dem Christentum angehören.

Dieser Zwiespalt – wenn man es so nennen will – spiegelt sich auch in der Erzähltradition und somit auch in den Rätseln. Wie natürlich auch die riesige Rolle, die der ebenfalls riesige Baikalsee im Leben der Burjaten spielt. Aber rätselt erst einmal selbst…

Burjatische Rätsel

Auf dem Scheitel maß ein langer Mensch mit den Armen.
– Lösung: die Milchstraße – eigentlich, wie Hr. Seidel erklärt, des Himmels Naht oder Weg

Ohne Mund mit Stimme versehen, ohne Ruhm mit einem Namen begabt.
– Lösung: das Echo

Auf dem Hügel sind sieben Löcher.
– Lösung: das Gesicht

In der Grube zwanzig Ziegen.
– Lösung: die Zähne

Galba beleckte die Erde.
– Lösung: die Stiefelsohle – dabei ist, so Hr. Seidel, Galba hier ein beliebiger Eigenname

Auf dem Eise eine silberne Schale.
– Lösung: der Mond

War es auch kleiner als du, warf es dich fort. Weiterlesen

42.3 Keine Komischen, sondern Komi-Rätsel

Heute geht es also wirklich nicht um ‚komische‘ Rätsel – oder höchstens zufällig –, sondern um Rätsel der Komi, früher auch Syrjänen bzw. heute Syrjanen genannt, die die namensgebende Bevölkerungsgruppe der Republik Komi in Russland sind. Es handelt sich um eine Gruppe von Völkern, deren Sprache zu den finno-uigurischen gehört.

Allein in dem Buch, aus dem ich heute abgeschrieben habe, finden sich 294 (!) Komi-Rätsel. Oft handelt es sich jedoch um beinahe identische Varianten, die nur für die Forschung interessant sind. Andere – zu bestimmten Werkzeugen, Wetterlagen, Alltagssituationen – sind kulturhistorisch spannend, sagen uns heute aber gar nix. Also habe ich so an die 20 ausgesucht, auf die wir realistisch kommen können. Aber rätselt selbst…

Komische Rätsel

In jeder Stube liegt eine Schwiegertochter mit dem Gesicht gegen die Wand.
– Lösung: die Axt

Ein Viehhof voller Schafe, aber nur ein Schwanz.
– Lösung: die Brote im Ofen samt Brotschaufel

Ein Kahlkopf tauchte in ein zottiges Loch hinein.
– Lösung: das Anziehen eines Fausthandschuhes

Unter der Diele ein feuchtes Kalb.
– Lösung: die Zunge

Tags eine Bank, aber nachts eine Semmel.
– Lösung: der Hund

Man haut Holz in Petrograd, die Späne aber fallen hierher. Weiterlesen

42.2 Buntgemischte Rätsel aus dem schönen Litauen

Auf unserer Rätselweltreise kommen wir heute nach Litauen, wo es nicht nur wunderschöne Landschaften, sondern auch prima Rätsel gibt. Ein paar philosophische Highlights in einem Füllsel von Rätseln zu einer Alltagskultur, mit der wir nicht mehr viel anfangen können. Da habe ich also ein bißchen danach ausgewählt, was wir – als Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts – auch realistisch erraten können. Rätselt also selbst…

Litauische Rätsel

So hoch wie ein Dach, so klein wie eine Maus, so süß wie Honig. Was ist das?
– Lösung: der Apfel

Zwei Schwestern kommen über ein Berglein nicht zusammen. Was ist das?
– Lösung: die Augen

Bald größer als ein Dach, bald kleiner als eine Maus; grün wie Gras, süß wie Honig. Was ist das?
– Lösung: die Birne

Ein blindes Täubchen flattert durch die ganze Welt. Was ist das?
– Lösung: der Brief

Ein gestoßenes Mütterchen schäumt. Was ist das?
– Lösung: der geknetene Brotteig

Ein verstricktes Verflochtenes jagt die Sperlinge durch das Dickicht. Was ist das?
– Lösung: die Bürste

In der Ferne wiehert ein Ross, in der Nähe tönt der Zaum. Was ist das?
– Lösung: der Donnerschlag

Ein kleines Fässchen, ohne Dauben und ohne Reife, innen zweierlei Bier. Was ist das? Weiterlesen

42.1 Deutsche Rätsel – oder: auf der Suche nach der Frage zur Antwort in der Frage

Heute läute ich die 42. Woche, in der es im Märchensammler Texte der Volksdichtung zu lesen gibt. Bislang habe ich mich dabei auf erzählende Texte konzentriert, also auf Fabeln, Legenden, Zaubermärchen usw. Natürlich haben die Erzähltraditionen der verschiedenen Völker noch mehr zu bieten und deswegen kommen wir diese Woche zu Rätseln. Denn welche Woche wäre da besser geeignet als die 42. Schließlich ist die 42 ja, wie wir dank Douglas Adams’ Hitchhiker’s Guide to the Galaxy wissen, die Antwort auf die ultimative Frage nach dem Leben, dem Universum und eben Allem. Nur die Frage ist wohl nach wie vor ein Rätsel und also auf zur Trainingswoche im Rätselraten. Und wenn das jetzt keine elegante Ein- und Überleitung war. Räusper.

Los geht es, wie kann es anders sein, auf der dieswöchigen Märchen- oder eigentlich Rätselweltreise in deutschen Landen. Verrückterweise waren die gar nicht so einfach zu finden. Aber wer lange sucht und also, um euch nicht länger auf die Folter zu spannen, rätselt los…

Ach, noch eine Sekunde. Die Lösung findet ihr, wenn ihr mit eurer Maus die Stelle nach der Lösung markiert. Jetzt aber –

Deutsche Rätsel

Ein rotes Ställchen
Voll weißer Hühnerchen
Was ist das?
– Lösung: der Mund mitsamt Zähnen

Es kommt vom Leben,
Hat kein Leben,
Und kann doch jedem
Antwort geben.
– Lösung: die Schreibfeder

Oben eine Seele,
Unten eine Seele,
In der Mitt’ ein Leder:
Rat’, mein lieber Peter!
– Lösung: Reiter, Pferd und Sattel

Sage mir, Kindchen,
Wo ist das zu schau’n:
Es bellt ein rot’ Hündchen
Durch ’nen knöchernen Zaun?
– Lösung: die Zunge zwischen den Zähnen

Erst seh’ ich weiß wie Schnee,
Dann bin ich grün wie Klee,
Dann werd’ ich rot wie Blut
Und schmeck’ allen Kindern gut. Weiterlesen