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36.4 Kamer-taj, das Mondross – ein herzschmelzendes Zaubermärchen

In der goldenen Mitte der türkischen Märchenwoche gibt es ein wunder-, wunderschönes Zaubermärchen mit allen besten Zutaten, also einem sich opfernden Helfertier, einer hinreißenden Liebesgeschichte mit allerlei Verwicklungen und einem ordentlichen Bösewicht, nämlich einem Dew.

Dews sind laut Herrn Kunos eine grausige Mischung aus Riese und Teufel und somit – von Ausnahmen abgesehen – keine netten Zeitgenossen. Dews verstecken sich gerne an ebenso grausigen, düsteren Orten, also z.B. Höhlen oder verfallenen Brunnen – und essen am liebsten Menschenfleisch und zwar am allerliebsten von zarten Sultanstöchtern. Guten Appetit oder besser: Lest selbst… 🙂

Kamer-taj, das Mondross

Es war einmal wo’s nicht war, der Lügen gibt’s ja viel hier auf Erden, es war einmal ein Padischah. Wie es nun geschah, genug er suchte und fand einmal eine – Laus. In damaliger Zeit wusste man noch nicht, was eigentlich eine Laus sei.

Der Padischah rief seinen Lala herbei, sie guckten sich das Tierchen an, was das wohl sein könne und womit es sich nähre? Vielleicht gar mit Menschenblut? Jeden Tag schlachteten sie daher ein Tier, nährten mit demselben die Laus, die so lang wuchs, bis sie so groß wie eine Katze ward. Dann fingen sie sie, zogen ihr das Fell ab und hingen dasselbe an’s Tor des Palastes und ließen verkündigen, dass wer es errate, von welchem Tiere das Fell sei, der würde des Padischahs Tochter zur Gattin erhalten.

Viel Volk versammelte sich, man guckte sich das Fell von allen Seiten an, aber es fand sich niemand, der Antwort auf die Frage geben konnte. Die Kunde von diesem Felle verbreitete sich so sehr, dass auch ein Dew davon erfuhr. „Das kommt mir gerade recht,“ dachte er sich, „seit drei Tagen habe ich nicht gegessen, wenigstens sättige ich mich an der Sultanstochter.“ Er ging also zum Padischah, sagte ihm den Namen des Felles und verlangte sofort die Maid. „O wehe!“ jammerte der Padischah, „wie soll ich diesem Dew meine einzige Tochter geben!“ Er versprach ihm als Lösegeld für seine Tochter so viele Sklaven, als er nur haben wollte, aber alles vergeblich! Den Dew gelüstete es nach der Sultanstochter. Der Padischah ließ also seine Tochter herbeirufen und teilte ihr mit, dass sie sich zur Reise rüsten solle, denn ihr Kismet habe sie einem Dew bestimmt. Vergeblich war alles Jammern und Weinen; man kleidete die Jungfrau an, während der Dew voraus ging, um auf dem Wege die Maid zu erwarten und zu übernehmen.

Der Padischah hatte ein Ross, das man anstatt mit Wasser stets mit Rosenöl tränkte, dem man anstatt Heu stets Weinreben zu fressen gab. Mondross (Kamer-taj) war sein Name. Auf diesem Rosse wollte die Sultanstochter sich zum Dew begeben; sie wurde auf’s Ross gesetzt, Reiter gaben ihr das Geleite bis zur Wohnung des Dew. Als sie sich dem Dew näherten, kehrten die Reiter um und ließen die Maid auf dem Rosse zurück. Die begann zu beten, zu Allah zu flehen, damit er sie von dieser Teufelsbrut befreie. Da begann plötzlich das Mondross zu sprechen: „O Herrin, fürchte dich nicht! Schließe beide Augen und packe meine Mähne fest an.“ Kaum dass sie ihre Augen schloss, so erhob sich das Ross, flog mit ihr von dannen und als sie die Augen öffnete, befand sie sich in einem Garten vor einem schönen Palaste, der weit draußen auf einer Insel im Meere sich befand. Der Dew ärgerte sich über das Verschwinden der Maid. „Ich werde dich schon finden!“ murmelte er und trollte heim. Weiterlesen

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35.4 Baron Münchhausens Wunderbare Reise – zieht in den Krieg

Nach den Exkursen zu Jagd und Hunden wie Pferden kommt der Baron nun apropos seines Lieblingspferdes zurück zur eigentlichen Handlung. Lest selbst…

Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen
Heute: Im Krieg gegen die Türken

Ein angenehmeres Geschenk hätte mir nun wohl nicht leicht gemacht werden können, besonders da es mir so viel Gutes von einem Feldzuge weissagte, in welchem ich mein erstes Probestück als Soldat ablegen wollte. Ein Pferd, so gefügig, so mutvoll und feurig – Lamm und Bucephal* zugleich –, musste mich allezeit an die Pflichten eines braven Soldaten und an die erstaunlichen Taten erinnern, welche der junge Alexander im Felde verrichtet hatte.

Wir zogen, wie es scheint, unter anderm auch in der Absicht zu Felde, um die Ehre der russischen Waffen, welche in dem Feldzuge unter Zar Peter am Pruth ein wenig gelitten hatte, wiederherzustellen.** Dieses gelang uns auch vollkommen durch verschiedene zwar mühselige, aber doch rühmliche Feldzüge unter Anführung des großen Feldherrn, dessen ich vorhin erwähnte.

Die Bescheidenheit verbietet es Subalternen, sich große Taten und Siege zuzuschreiben, wovon der Ruhm gemeiniglich den Anführern, ihrer Alltagsqualitäten ungeachtet, ja wohl gar verkehrt genug Königen und Königinnen in Rechnung gebracht wird, welche niemals anders als Musterungspulver rochen, nie außer ihren Lustlagern ein Schlachtfeld, noch außer ihren Wachtparaden ein Heer in Schlachtordnung erblickten.

Ich mache also keinen besondern Anspruch an die Ehre von unsern größern Affären mit dem Feinde. Wir taten insgesamt unsere Schuldigkeit, welches in der Sprache des Patrioten, des Soldaten und kurz des braven Mannes ein sehr viel umfassender Ausdruck, ein Ausdruck von sehr wichtigem Inhalt und Belang ist, obgleich der große Haufen müßiger Kannegießer sich nur einen sehr geringen und ärmlichen Begriff davon machen mag. Da ich indessen ein Korps Husaren unter meinem Kommando hatte, so ging ich auf verschiedene Expeditionen aus, wo das Verhalten meiner eigenen Klugheit und Tapferkeit überlassen war. Den Erfolg hiervon, denke ich denn doch, kann ich mit gutem Fug auf meine eigene und die Rechnung derjenigen braven Gefährten schreiben, die ich zu Sieg und Eroberung führte.

Einst, als wir die Türken in Oczakow hineintrieben, ging’s bei der Avantgarde sehr heiß her. Mein feuriger Litauer hätte mich beinahe in des Teufels Küche gebracht. Ich hatte einen ziemlich entfernten Vorposten und sah den Feind in einer Wolke von Staub gegen mich anrücken, wodurch ich wegen seiner wahren Anzahl und Absicht gänzlich in Ungewissheit blieb. Mich in eine ähnliche Wolke von Staub einzuhüllen, wäre freilich wohl ein Alltagspfiff gewesen, würde mich aber ebenso wenig klüger gemacht als überhaupt der Absicht näher gebracht haben, warum ich vorausgeschickt war. Ich ließ daher meine Flankeurs zur Linken und Rechten auf beiden Flügeln sich zerstreuen und so viel Staub erregen, als sie nur immer konnten. Ich selbst aber ging gerade auf den Feind los, um ihn näher in Augenschein zu nehmen. Dies gelang mir. Denn er stand und focht nur so lange, bis die Furcht vor meinen Flankeurs ihn in Unordnung zurücktrieb. Nun war’s Zeit, tapfer über ihn herzufallen. Wir zerstreuten ihn völlig, richteten eine gewaltige Niederlage an und trieben ihn nicht allein in seine Festung zu Loche, sondern auch durch und durch, ganz über und wider unsere blutgierigsten Erwartungen.

Weil nun mein Litauer so außerordentlich geschwind war, so war ich der Vorderste beim Nachsetzen, und da ich sah, dass der Feind so hübsch zum gegenseitigen Tore wieder hinausfloh, so hielt ich’s für ratsam, auf dem Marktplatze anzuhalten und da zum Rendezvous blasen zu lassen. Ich hielt an, aber stellt euch, ihr Herren, mein Erstaunen vor, als ich weder Trompeter noch irgendeine lebendige Seele von meinen Husaren um mich sah. – „Sprengen sie etwa durch andere Straßen? Oder was ist aus ihnen geworden?“ dachte ich. Indessen konnten sie meiner Meinung nach unmöglich fern sein und mussten mich bald einholen. In dieser Erwartung ritt ich meinen atemlosen Litauer zu einem Brunnen auf dem Marktplatze und ließ ihn trinken. Er soff ganz unmäßig und mit einem Heißdurste, der gar nicht zu löschen war. Allein das ging ganz natürlich zu. Denn als ich mich nach meinen Leuten umsah, was meint ihr wohl, ihr Herren, was ich da erblickte? – Der ganze Hinterteil des armen Tieres, Kreuz und Lenden waren fort und wie rein abgeschnitten. So lief denn hinten das Wasser ebenso wieder heraus, als es von vorn hineingekommen war, ohne dass es dem Gaul zugutekam oder ihn erfrischte. Wie das zugegangen sein mochte, blieb mir ein völliges Rätsel, bis endlich mein Reitknecht von einer ganz entgegengesetzten Seite angejagt kam und unter einem Strome von treuherzigen Glückwünschen und kräftigen Flüchen mir folgendes zu vernehmen gab.

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31.2 Vom Löwen, Pferd und Fuchs

Natürlich muss es auch ein Tiermärchen aus Sizilien geben, denn sonst wäre der Märchensammler ja nicht der Märchensammler. 🙂 Aber lest selbst…

Vom Löwen, Pferd und Fuchs

Der Löwe war einmal in einen Engpass geraten und konnte nicht wieder heraus. Da kam eben ein Pferd vorbei, und der Löwe rief ihm zu: „Hilf mir aus diesem Engpass heraus.“ „Das will ich schon tun,“ antwortete das Pferd, „versprich mir aber, dass du mich nicht fressen willst.“ Der Löwe versprach es, und das Pferd arbeitete so lange mit seinen Hufen, bis es den Löwen frei gemacht hatte. Als der sich aber frei sah, sprach er: „Jetzt fresse ich dich.“ „Wie waren die Bedingungen?“ sagte das Pferd, „hatten wir nicht ausgemacht, du wolltest mich nicht fressen?“ „Das ist jetzt einerlei,“ rief der Löwe, „wenn du aber willst, so gehen wir vor einen Schiedsrichter.“ „Gut,“ erwiderte das Pferd, „wen wählen wir aber dazu?“ „Den Fuchs,“ sprach der Löwe.

Das Pferd war es zufrieden, und sie gingen zum Fuchs, und der Löwe legte ihm die Frage vor. „Ja,“ antwortete der Fuchs, „es kommt mir vor, als wenn Ihr recht haben müsstet, Herr Löwe; ich kann aber kein Urteil fällen, wenn ich nicht vorher gesehen habe, wie ihr beide standet.“

Also gingen sie alle drei zum Engpass, und das Pferd stellte sich auf denselben Platz, wo es vorher gestanden hatte. Den Löwen aber hieß der Fuchs sich wieder in den Engpass drücken. „Standet Ihr gerade so?“ fragte er. „Dieses Bein war noch ein wenig mehr gedrückt,“ antwortete der Löwe. »Nun, so presst Euch nur noch ein wenig; Ihr müsst Euch genau so hinstellen, wie Ihr in dem Augenblicke waret, als Ihr das Pferd um Hilfe batet.“ Der Löwe drückte sich noch ein wenig, und der Fuchs fragte wieder: „Standet ihr gerade so?“ „Dieses Vorderbein war noch ein wenig weiter drin.“ „Nun, so presst Euch noch ein wenig weiter hinein.“ Endlich hatte sich der Löwe so fest hineingepresst, dass er nicht wieder heraus konnte. „So,“ sagte der Fuchs, „jetzt seid Ihr gerade so weit, wie vorher; nun kann das Pferd zusehen, ob es euch noch einmal helfen will.“ Das Pferd aber wollte nicht, sondern warf so lange Steine herunter, bis es den Löwen erschlug.

„Ja, ja, der Fuchs ist schlau!“

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Also ich muss sagen, diese Tiermärchen finde ich super spannend. Jetze aus meiner nerdigen Wissenschaftlerperspektive. Denn nicht nur, dass es ähnliche Märchen überall auf der Welt gibt, hier sind zudem jede Menge Typen verbunden. Eins ist allerdings immer gleich: Der Räuber verliert. Allerdings ist der Fuchs wohl selten der Helfer.
 
Textquelle: Sicilianische Märchen. Aus dem Volksmund gesammelt von Laura Gonzenbach. Mit Anmerkungen Reinhold Kößler’s und einer Einleitung herausgegeben von Otto Hartwig. Zweiter Theil. Leipzig: Verlag von Wilhelm Engelmann 1870, S. 76-78.
Bildquelle: Das von einem Löwen erschreckte Pferd (1770) von George Stubbs (1724-1806)

28.4 Erkhii mergen

Zum Abschluss unserer mongolischen Legendenwoche gibt es noch einmal eine echte Berühmtheit, die in einem Schwung Murmeltier, Wüstenrennmaus und Schwalbenschwanz erklärt. Und alles nur, weil ein gewisser junger Mann den Mund zu voll nehmen musste, aber lest selbst…

Erkhii mergen

In längst vergangenen Zeiten kreisten sieben Sonnen um die Erde und brachten eine furchtbare Dürre. Der Erdboden wurde rissig, die Flüsse versiegten, die Pflanzen verdorrten, die Tiere verhungerten. Auch die Menschen litten unter der Hitze, sahen aber keinen Ausweg. Es gab in dieser Gegend jedoch einen herausragenden und stattlichen Bogenschützen namens Erkhii mergen, der mit seinem Bogen auf das schoss, was er sah, und das traf, auf was er schoss. Die Menschen und Tiere kamen zu ihm und baten: „Bitte schieß die vielen Sonnen vom Himmel hinunter und vernichte sie.“

Der Bogenschütze Erkhii mergen bildete sich viel auf seine Treffsicherheit ein und hielt sich für einen kühnen, stolzen und starken Menschen. So leistete er denn folgenden Schwur: „Wenn ich die sieben Sonnen nicht mit sieben Pfeilen herunter schießen kann, will ich mir die Daumen abschneiden und nicht ein länger ein Mann sein. Ich werde kein klares Wasser mehr trinken, das trockene Gras vom Vorjahr essen und als Murmeltier in einem dunklen Erdloch leben.“

Also schoss er von Osten aus auf die sieben Sonnen, die nacheinander von Osten nach Westen über den Himmel zogen. Nachdem er die sechste Sonne abgeschossen hatte, zielte er sorgfältig auf die siebte. Aber gerade in diesen Moment kam eine Schwalbe angeflogen und verdeckte die Sonne. Als sich nun der Pfeil von Erkhii mergens Bogen löste, traf er nicht die Sonne sondern den Schwanz der Schwalbe. Deswegen hat die Schwalbe bis heute einen gegabelten Schwanz. Die letzte Sonne aber hatte Angst, doch noch getroffen zu werden, und verbarg sich hinter den Bergen im Westen.

Erkhii mergen dachte bei sich: „Die Schwalbe hat mich behindert.“ Und so machte er sich mit seinem buntgescheckten Pferd auf, um den Vogel zu verfolgen und zu töten. Sein Pferd versprach ihm: „Ich will die Schwalbe von Abenddämmerung zu Abenddämmerung verfolgen. Wenn ich sie bis dahin noch nicht eingeholt habe, dann hacke mir die Beine ab und wirf sie fort. Dann will ich nicht länger ein Reitpferd sein, sondern an einem rauen, unebenen Ort leben.“ Weiterlesen

28.3 Die Legende von Khökhöö Namdschil

Heute gibt es eine der berühmtesten Legenden, die es daher in unzähligen Varianten gibt. Schön und herzzerreißend sind sie aber alle. Lest selbst…

Die Legende von Khökhöö Namdschil

Vor langer Zeit lebte an der östlichen Grenze der Mongolei ein Mann namens Khökhöö Namdschil. Weil er eine einzigartig wunderschöne Stimme hatte, war er in seiner Heimat sehr berühmt. Aber dann musste Khökhöö Namdschil seinen Militärdienst leisten und ging an die westliche Grenze der Mongolei. Sein Vorgesetzter bemerkte sofort seine schöne Stimme und anstatt Khökhöö Namdschil normalen Dienst leisten zu lassen, ließ er ihn die drei Jahre bis zum Ende seiner Militärzeit Lieder vortragen.

Doch eines Tages bat Khökhöö Namdschil die Verwaltungsbeamten: „Ich war noch kein einziges Mal draußen bei dem Vieh und bin geritten. Und obwohl es mir hier eigentlich sehr gut geht, so fehlt mir doch etwas. Erlauben Sie mir doch für einige Tage die Pferde zu versorgen.“

„Der Zeitpunkt deiner Entlassung ist nah und du hast uns mit deiner Stimme erfreut. Dieses eine Mal magst du also, wie du es wünscht, für fünf Tage mit einer Pferdeherde reiten,“ erwiderten sie. So trieb Khökhöö Namdschil seine Herde und kam schließlich an das Ufer eines Sees, wo er seine Pferde tränkte. Als er dort am Ufer stand, erschien ein Mädchen in einem grünen Seidendeel, das auf einem schönen, schwarzen Pferd ritt.

„Meine Eltern schicken mich, um Sie zu ihnen zu führen,“ sagte sie.

Khökhöö Namdschil fragte: „Wie soll ich denn zu ihnen gelangen?“ Weiterlesen

27.2 Das verzauberte Pferd

Auch heute gibt es noch einmal eine historische Legende um einen aber anderen berühmten Rabbi. Aber lest selbst…

Das verzauberte Pferd

Der heilige Rabbi Baal-Schem kam auf einer seiner Reisen in ein Dorf, wo ein Pächter, der sein eifriger Anhänger war, wohnte. Der Pächter ließ für den Gast ein feines Mahl bereiten. Während des Mahles unterhielt sich Baal-Schem mit ihm über seine Wirtschaft und fragte ihn: „Hast du gute Pferde?“ Und als der Pächter das bejahte, schlug der Rabbi vor: „Wir wollen in den Stall gehen und deine Pferde sehen.“ Im Stalle gefiel dem Rabbi ein kleines Pferdchen ganz besonders, und er bat den Pächter, er möchte es ihm schenken. Darauf sagte der Pächter: „Dieses kleine Pferd ist mir besonders lieb, denn es kann mehr als drei andere Pferde leisten. Wo drei Pferde einen Wagen nicht herausziehen können, zieht es ihn ganz allein heraus, wie ich es schon oft erlebt habe. Wenn Ihr ein anderes Pferd wollt, so will ich Euch das beste aus meinem Stalle schenken.“

Baal-Schem erwiderte nichts. Sie sprachen über andere Dinge, und nach einer Stunde fragte der Rabbi den Pächter, ob ihm die Leute viel schuldeten. Der Pächter sagte, er habe viele Schuldner. Baal-Schem sagte ihm darauf: „Zeige mir, bitte, die Schuldscheine.“ Der Pächter brachte alle Schuldscheine, und als der Rabbi einen gewissen Schuldschein sah, sagte er zum Pächter: „Schenke mir diesen Schuldschein!“ Der Pächter darauf: „Rabbi, was taugt Euch dieser Schuldschein? Der Mann, der ihn gezeichnet hat, ist schon längst tot, und er hat nichts hinterlassen, womit man seine Schulden bezahlen könnte.“ Doch der Rabbi wiederholte seine Bitte, und der Pächter schenkte ihm den Schuldschein.

Baal-Schem nahm den Schuldschein und zerriss ihn in kleine Fetzen: so erlöste er den Verstorbenen von seiner Schuld. Dann sagte er zum Pächter: „Geh, schau jetzt nach deinem kleinen Pferde!“ Der Pächter ging in den Stall und sah, dass das kleine Pferd tot war. Er begriff, dass die Sache nicht so einfach war, und Baal-Schem erklärte sie ihm: „Über den Mann, der dir den unbezahlten Schuldschein zurückließ, wurde am himmlischen Gerichtshofe beschlossen, dass er dir die Schuld abarbeiten soll. Da wurde er in ein Pferd verwandelt und hat dir als solches zu deiner Zufriedenheit gedient. Als du mir aber den Schuldschein schenktest und ich diesen zerriss, wurde er frei von seiner Schuld. Darum ist nun das Pferd tot, und seine Seele ist erlöst.“

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Der ‚Held‘ dieser Sage/Legende ist Rabbi Israel ben Elieser (ca. 1700-1760), genannt Baal Schem Tov („Meister des guten, d.h. göttlichen Namens“), der als Begründer des chassidischen Judentums im Osteuropa des 18. Jahrhunderts gilt.

 

Textquelle: Alexander Eliasberg: Sagen polnischer Juden. München: Müller 1916, S. 37-39.
Bildquelle: Porträt von Baal Schem Tov

26.2 Das Mädchen mit dem Pferdekopf

Das heutige Märchen geht los wie ein normales Zaubermärchen, aber wird dann zur Göttersage. Lest selbst…

Das Mädchen mit dem Pferdekopf

In uralten Zeiten lebte einmal ein Greis, der ging auf Reisen. Niemand war zu Hause, als nur seine einzige Tochter und ein weißer Hengst. Jeden Tag fütterte die Tochter das Pferd. In ihrer Einsamkeit hatte sie Heimweh nach ihrem Vater.

So redete sie einmal im Scherz zu ihrem Pferd: „Wenn du mir meinen Vater zurückbringst, so will ich dich heiraten.“

Kaum hatte das Pferd die Worte gehört, da riss es sich los und lief weg. Es lief in einem fort, bis es an den Ort kam, wo der Vater war. Als der Vater das Pferd erblickte, war er freudig überrascht, fing es ein und setzte sich drauf. Das Pferd wandte sich zurück nach dem Weg, auf dem es gekommen war, und wieherte unablässig.

„Was hat nur das Pferd?“ dachte der Vater. „Sicher muss zu Hause irgendetwas los sein.“

So ließ er ihm denn die Zügel und ritt zurück.

Weil das Pferd so klug gewesen war, so gab er ihm reichliches Futter. Aber das Pferd fraß nichts, und wenn es das Mädchen sah, so schlug es nach ihr und wollte sie beißen. Der Vater verwunderte sich darüber und fragte das Mädchen. Die Tochter sagte ihm alles der Wahrheit gemäß.

„Du darfst keinem Menschen etwas davon sagen,“ sprach der Vater, „wir könnten sonst in übles Gerede kommen.“

Dann nahm er seine Armbrust und schoss das Pferd tot. Seine Haut aber hängte er im Hof zum Trocknen auf. Dann verreiste er wieder.

Eines Tages ging die Tochter mit einer Nachbarin spazieren. Als sie zu dem Hofe kamen, da stieß sie mit dem Fuß an das Pferdefell und sprach: „Ein unvernünftiges Tier wie du – und wolltest ein Menschenmädchen zur Frau! Es geschieht dir ganz recht, dass du jetzt tot bist.“

Aber noch ehe sie ausgeredet, da bewegte sich die Pferdehaut und richtete sich auf. Sie wickelte sich um das Mädchen herum und rannte weg.

Entsetzt lief die Nachbarin zu ihrem Vater und erzählte ihm, was vorgefallen. Überall suchte man nach dem Mädchen, aber es blieb verschwunden.

Endlich nach einigen Tagen sah man in den Zweigen eines Baumes das Mädchen in der Pferdehaut hängen. Allmählich verwandelte sie sich in eine Seidenraupe und verpuppte sich. Die Fäden, in die sie sich einspann, waren stark und dicht. Die Nachbarin nahm sie herunter und ließ sie ausschlüpfen. Dann spann sie die Seide und fand reichlichen Gewinn.

Ihre Angehörigen aber sehnten sich sehr nach ihr. Da erschien eines Tages das Mädchen in den Wolken auf ihrem Pferde reitend mit einem großen Gefolge und sprach: „Im Himmel ist mir nun das Amt übertragen, zu wachen über die Zucht der Seidenraupen. Ihr müsst euch nicht mehr nach mir sehnen.“ Darauf wurden ihr in ihrer Heimat Tempel errichtet, und jedes Jahr zur Zeit der Seidenraupen fleht man sie unter Opfern an um ihren Schutz. Sie heißt die Göttin mit dem Pferdekopf.

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Hr. Wilhelm vermutet als Ursprung dieser Sage Szetschuan. Und er erklärt – danke! – den Zusammenhang von Pferd und Seidenraupe damit, dass das Pferd das Himmelszeichen ist, dass im Frühling angesagt ist, wenn die Seidenraupen gepflegt werden. Tatsächlich habe es in China drei verschiedenen Göttinnen, die im Jahreswechsel für die Seidenraupen zuständig sind. – Haben wir doch wieder was gelernt. 😀

 
Textquelle: Richard Wilhelm: Chinesische Volksmärchen. Jena: Diederichs 1914, S. 47-48.
Bildquelle: Das Gemälde ist nicht so richtig chinesisch, sondern aus einer Pferde-Reihe von Giuseppe Castiglione; dieses heißt „Chaoni’er (超洱骢, literally Exceeding Piebald)“ – so wiki.commons.

25.2 Lichtwer über Pferde, Esel und beraubte Fabeln

Dass so ein bißchen oder gerne auch ein bißchen mehr Disput ja gar nix schaden kann, zeigt auch das Beispiel von Magnus Gottfried Lichtwer (1719-1783), eines der berühmtesten Fabeldichters seiner Zeit, wobei die Geburt seiner Fabeln in vier Büchern eine schwere war.

1748 wurde eine erste Variante anonym gedruckt und offenbar meistenteils schlicht ignoriert. 1757 gab er sie überarbeitet noch einmal heraus und hatte nun – dank Gottscheds Lob, Moses Mendelsohns sicherlich ebenso publikumswirksamer Kritik und die unerlaubte und vor allem verfälschende Neuausgabe von Karl Ramler, den er denn auch in seiner Vorrede zerreißt – enormen Erfolg.

Und die Fabeln? Orientierten sich an Aesop, den er in einer Art zweiter Vorrede in Versen für die Natürlichkeit lobt, mit der er das Wunderbare sprechender Tiere doch wahrscheinlich fasst. Schweizer Einschlag scheint es. Aber nun die Fabeln? Lest selbst…

 

Die beraubte Fabel

Es zog die Göttin aller Dichter,
Die Fabel, in ein fremdes Land,
Wo eine Rotte Bösewichter
Sie einsam auf der Straße fand.

Ihr Beutel, den sie liefern müssen,
Befand sich leer; sie soll die Schuld
Mit dem Verlust der Kleider büßen,
Die Göttin litt es mit Geduld.

Mehr, als man hoffte, ward gefunden,
Man nahm ihr Alles; was geschah? Weiterlesen

22.4 Das Geisterpferd

Wir bleiben bei den übernatürlichen Wesen, die in Irland echt bestens zu gedeihen scheinen. Nach Elfen und Klageweibern heute zu einem Pferdchen. Aber lest selbst…

Das Geisterpferd

Die Geschichte von Morty Sullivan mag allen jungen Männern zur Warnung dienen, in der Heimat zu bleiben, still und redlich zu leben und nicht in der Welt umherzuziehen. Als Morty eben das fünfzehnte Lebensjahr erreicht hatte, lief er seinen Eltern fort, die ein altes, ehrenwertes Paar waren und seinetwegen viele Tränen vergossen. Es wird erzählt, dass beide mit gebrochenem Herzen ob seinem Verlust starben; alles, was sie je über ihn in Erfahrung brachten war, dass er an Bord eines nach Amerika bestimmten Schiffes gegangen wäre.

Dreißig Jahre, nachdem die Alten friedlich in ihr Grab gelegt worden waren, kam ein Fremder nach Beerhaven und erkundigte sich nach ihnen – es war ihr Sohn Morty. Und um die Wahrheit zu sagen, sein Herz schien kummervoll, als er hörte, dass seine Eltern gestorben wären. Doch welche Antwort konnte er sonst erwarten? Reue kommt gewöhnlich, wenn es zu spät ist.

Morty Sullivan, jedoch, wurde als Buße für seine Sünden eine Wallfahrt nach der Kapelle von St. Gobnate angeraten, die in einer wilden Gegend namens Ballyvourney liegt.

Er war sogleich bereit dazu und in der Absicht keine Stunde zu verlieren, trat er noch denselben Nachmittag seine Reise an. Morty war noch nicht sehr weit gekommen, als schon die Nacht anbrach. Es schien kein Mond und das Sternenlicht wurde verdeckt durch dichten Nebel, der aus den Tälern aufstieg. Der Weg ging durch eine Berggegend mit vielen Kreuzwegen und Nebenpfaden, so dass es für einen Fremden wie Morty schwer war, sich ohne Führer zurecht zu finden. Er war ungeduldig, sein Ziel zu erreichen, und trieb sich selbst unnachgiebig an. Aber der Nebel wurde dichter und dichter und schließlich zweifelte er, ob er auf rechtem Wege zu St. Gobnate-Kapelle sei. Als er daher ein Licht erblickte, welches ihm nicht weit entfernt schien, ging er darauf zu, und wie er sich ganz nah glaubte, so schien das Licht plötzlich wieder in weiter Entfernung zu sein und schimmerte nur ganz schwach durch den Nebel. Zwar war Morty darüber ziemlich erstaunt, aber entmutigt war er keineswegs, denn er dachte, es sei ein Licht, welches die heilige Gobnate gesendet habe, um seine Füße sicher durch das Gebirge zu ihrer Kapelle zu leiten.

So wanderte er noch viele Meilen fort, immer, wie er glaubte, dem Lichte sich nähernd, welches plötzlich in eine weite Entfernung gesprungen war. Endlich kam er doch so nah, dass er bemerkte, das Licht rühre von einem Feuer her, neben welchem er deutlich ein altes Weib sitzen sah. Jetzt, in der Tat, wurde sein Glaube ein wenig erschüttert, und es nahm ihn sehr Wunder, dass beides, das Feuer und das alte Weib vor ihm hergezogen waren, so manche saure Stunde und über so holprigen Weg. Weiterlesen

19.7 Märchen von der höchst wunderbaren und herrlichen selbstspielenden Harfe

Zum Abschluss der russischen Woche gibt es noch mal ein echtes Sahnestückchen. Mit Prinzen und Prinzessinen, also Zarewna, die aber eigentlich Sultantöchter sind. Nämlich hier geht es verflixt transnational zu. Neugierig? Dann lest selbst…

Märchen von der höchst wunderbaren und herrlichen selbstspielenden Harfe

In einem Lande lebte ein König namens Filon. Dieser König hatte eine Gemahlin namens Chaltura, mit welcher er einen einzigen Sohn namens Astrach erzeugte, und dieser ihr Sohn hatte in den Jugendjahren Neigung zu Rittertaten. Als er zu reifem Alter gelangte, fing er an darauf zu denken, sich zu verheiraten, und er fragte seinen Vater, den König Filon, in welchem Reiche die schönste von allen Zaren- oder Königstöchtern sei. Darauf sprach sein Vater, der König: „Mein liebster Sohn, mein holdes Kind, wenn du Lust hast, dich zu verheiraten, so will ich dir die Bilder der Zaren- und Königstöchter aller Reiche zeigen.“ Da begann Prinz Astrach ihn um diese Bilder zu bitten, und König Filon führte ihn in ein abgesondertes Gemach und zeigte ihm alle diese Bilder. Er betrachtete sie und wählte sich aus diesen Bildern eine Braut und verliebte sich leidenschaftlich in die Tochter des ägyptischen Zaren Afor, die Zarewna Osida, und Astrach entbrannte gegen sie in seiner Liebe und fing an nachzusinnen, wie er sie sich zur Gattin verschaffen könne. Da begann er, seinen Vater um den Segen zu bitten, damit er ihn zum ägyptischen Zaren entließe, um sich mit der Zarewna Osida mit Ringen zu verloben. König Filon freute sich sehr darüber, dass sein Sohn, Prinz Astrach, heiraten wollte, und deshalb entließ er ihn mit seinem Segen zum Zaren Afor.

Prinz Astrach ging fort, um sich ein gutes Ritterross auszusuchen, und durchschritt alle königlichen Ställe, doch konnte er kein Ross nach seinem Sinne finden. Deshalb nahm er Abschied von Vater und Mutter, empfing von ihnen noch ein Mal den Segen und ging zu Fuße ab nach Ägypten ganz allein; und er ging lange oder kurze Zeit, nah oder fern, und sah auf dem Felde einen weißsteinernen Palast stehen, welcher so vergoldet war, dass Strahlen von ihm glänzten, wie von der Sonne. Prinz Astrach ging auf diesen Palast zu, und als er ihn erreicht hatte, ging er um ihn herum und sah nach den Fenstern, ob er nicht Jemanden erblickte; allein er konnte Niemanden bemerken. Und so ging er auf den Hof und wandelte sehr lange auf dem Hofe herum; aber auch dort sah er keinen einzigen Menschen, und dann ging er in den weißsteinernen Palast, und als er hineingekommen war, durchschritt er alle Gemächer, allein auch da fand er keine Seele, und er ging durch diese Gemächern überaus lange und kam in ein Zimmer, worin ein Tisch für einen einzigen Menschen gedeckt war. Und da Prinz Astrach gerade hungrig war, so setzte er sich an diesen Tisch und aß und trank sich satt. Dann legte er sich auf ein Bette und schlief sehr fest ein. Sobald er erwacht war, ging er wieder durch die Zimmer und kam in ein Gemach, wo er durch’s Fenster einen so schönen Garten erblickte, als er in seinem Leben noch niemals gesehen hatte, und er bekam Lust, in diesem Garten spazieren zu gehen. Deshalb ging er auch dorthin und wandelte daselbst sehr lange, und gelangte dann an eine steinerne Mauer, in welcher eine eiserne Türe war, an der sich ein großes Schloss befand.

Als Prinz Astrach dieses Schloss berührte, hörte er hinter der Türe ein Ritterross wiehern, und Prinz Astrach wünschte dieses Schloss abzunehmen, und so ging er, um etwas zu suchen, womit er es abschlagen könnte, und er fand einen großen Stein von der Größe eines Klafter und einer halben Arschine*, und diesen Stein nahm er mit in den Armen und fing an, das Schloss abzuschlagen; allein nicht bloß das Schloss, sondern auch die Türe zerschlug er mit diesem Steine. Und als die Türe sich öffnete, sah er noch eine andere eiserne Türe mit einem Schlosse; er zerschlug auf gleiche Weise auch diese Türe, und hinter dieser Türe waren noch zehn Türen, und er erbrach sie alle mit diesem Steine und erblickte ein gutes Ritterross und eine vollständige Ritterrüstung. Er ging zu dem Rosse und fing an, es zu streicheln, und sobald das Ross einen Reiter für sich hörte, stand es wie angewurzelt. Und dann fing Prinz Astrach an, das Ross zu satteln, legte ihm den tscherkassischen Sattel auf, gab ihm die Trense von schemachanischer Seide, und führte es, nachdem er es angeschirrt hatte, aus diesem Stalle, saß auf und ritt in das freie Feld, um das Ross zu versuchen. Er schlug es auf die straffen starken Hüften; das Ross wurde hitzig, trennte sich von der Erde, erhob sich höher als der stehende Wald und niedriger als die ziehende Wolke, Berge und Täler ließ es zwischen den Hufen, kleine Flüsse bedeckte es mit dem Schweife und breite Flüsse übersprang es, und so ermüdete Prinz Astrach dieses gute Ross, dass der Schaum wie Seife von ihm floss. Weiterlesen