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43.7 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: IV. Vikramâditja’s Gemahlin Tsetsen Büdschiktschi – Der weise Papagei – Der falsche Eid

Am heutigen letzten Tag der Abenteuer Ardschi-Bordschi Chans muss sich nicht nur der, sondern nun auch noch eine seiner Frauen beweisen vor dem Thron. Dabei erhärtet sich aber der Verdacht, dass die Holzfiguren sich vor allem gerne selber reden hören. Lest selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
Vikramâditja’s Gemahlin Tsetsen Büdschiktschi – Der weise Papagei – Der falsche Eid

Der König Ardschi-Bordschi hatte 71 Gemahlinnen. Eine der vornehmsten unter ihnen forderte er auf, sich vor dem Throne zu verneigen und die Weihe zu empfangen. Als sie dem Throne nahe gekommen war, da rief eine Holzfigur: „O halt! Berühre mit deinem Haupte den Thron nicht. Tsetsen Büdschiktschi, vormaleinst die Gemahlin des hochheiligen Königs Vikramâditja, pflegte nie abseits von ihrem Manne unrechten Gedanken nachzuhängen; wenn du eine solche Fürstin sein solltest, dann nahe dich und empfang die Weihe; wenn aber nicht, so lass es sein!“ Außerdem aber erzählte sie noch dazu die Geschichte von den 71 Papageien. –

Früh vor Zeiten war einmal die Gemahlin eines Königs krank geworden und die Ärzte waren nicht im Stande sie zu heilen. Weil aber in Folge des Genusses eines Vogelhirnes nach und nach ihre Krankheit sich zum Bessern gewendet hatte, gedachte der Großkönig von seinen Untertanen Vogelgehirn als Abgabe zu erheben. Deshalb berief er einen Vogelsteller zu sich, und als dieser erschien, sprach er zu ihm: „Wenn du mir aus der hiesigen Umgebung 71 Vogelgehirne lieferst, so werde ich dich belohnen; vermagst du sie nicht aufzutreiben, so bestrafe ich dich.“ Während der Mann nun in der äußersten Verlegenheit war, fiel ihm ein, dass auf einem Baume immer 71 Papageien zu übernachten pflegten. „Auf demselben werde ich Netze spannen,“ dachte er, und so spannte er denn auch in der Tat auf dem Baume die Netze auf.

Allein unter diesen Papageien befand sich ein besonders kluger; dieser kluge Papagei sprach zu seinen Gefährten also: „Auf diesem Baume hat sich unser Feind niedergelassen; wir wollen auf einem Felsen übernachten.“ Nachdem sie dort vier bis fünf Nächte zugebracht hatten, nahm der Mann seine Netze und stellte sie auf dem Felsen auf. Da sprach der kluge Papagei abermals zu seinen Gefährten: „Auf diesem Felsen hat sich wiederum ein Feind niedergelassen; wir wollen uns nach einem andern Platz wenden.“ Darüber gerieten die Gefährten in Zorn und versetzten: „Wir sind von unserm ursprünglichen Baum, indem du sagtest, dass daselbst ein Feind sich eingeschlichen habe, auf diesen Felsen gezogen; jetzt sagst du abermals, auf dem Felsen sei ein Feind erschienen; wohin willst du denn gehen? Wenn man die Sache genauer betrachtet, so dürfte im Gegenteil der Feind es auf dich allein abgesehen haben.“ Der kluge Papagei versetzte: „Wenn der Feind es auf mich absehen würde, so handelte es sich nur um ein einziges Wesen; allein es hat sich der Feind 71 Köpfen genähert und so dürfte das Verderben über alle kommen. Wie könnte ich aber trotz meines bestimmten Wissens ganz allein mich davonmachen? Auf diese Weise dürfte denn, scheinbar als hätten wir nichts gewusst, das Verderben über uns alle kommen.“

Als sie nun ungeachtet dieser Warnung auf dem Felsen weiter übernachteten, blieben sie alle in den Netzen hangen, und während sie so dalagen, sprachen die andern klagend: „Für uns Unverständige musst du, der Verständige, nun mit büßen!“ Dann aber fragten sie den klugen Papagei: „Da der Besitzer dieser Schlingen mit einem Stocke in der Hand daherkommt, sollte dir nicht noch ein Rettungsmittel einfallen?“ Der kluge Papagei sprach: „Was für ein anderes Mittel gäbe es für uns, als zu entfliehen! Indes wollen wir alle, scheinbar als wären wir tot, uns auf den Rücken, kopfüber und auf die Seite legen. Denn er wird denken, ‚die lebenden muss ich töten‘, und so könnte er uns alle totschlagen; wozu sollte er aber die Toten noch einmal totschlagen? Er wird uns ja doch wohl nur um unseres Fleisches willen töten wollen. Nachdem wir einmal in die Hände des Mannes gefallen sind, dürfte es von Vorteil sein, ruhig liegen zu bleiben. Betrachtet man diesen unsern Fels genauer, so ist der Zugang sehr eng; wenn er auch durch eine Felsspalte hindurchkriecht und herankommt, so hat er hier keinen Platz; und wenn er uns mit sich fortschleppen will, so wird er, weil er uns nicht erträgt, uns abzählen und wahrscheinlich sogar hinabwerfen; diejenigen von uns, die zuerst hinabgefallen, bleiben wie tot liegen; sobald er aber bei seinem Abzählen 71 gesagt, dann wollen wir alle der Reihe nach uns erheben und davonfliegen.“

Auf diesen Rat legten sie sich ruhig hin. Als der Mann kam und sie sah, sprach er: „O ihr schlimmen, listigen Papageien, das dürfte euer Tod sein! Ichr habt mir durch euer schlaues Hin- und Herwandern ordentlich Kummer verursacht; ich will euch weich klopfen!“ Als er hinzutrat und sie auf dem Rücken und kopfüber liegend tot sah, rief er: „Sie sind ja tot! Ich will sie sämtlich, weil der Platz so eng ist, im Abzählen hinabwerfen und dann aufheben.“ Und so warf er sie, indem er sie zählte, hinab; ganz zuletzt war noch der kluge Papagei allein übrig. Während er ihn losknüpfte und, schon 71 ausrufend, eben hinabwerfen wollte, fiel der Wetzstein, den er im Gürtel bei sich trug, mit Geräusch hinunter; die andern, in der Meinung, die Zahl 71 sei voll, flogen insgesamt auf und davon und der kluge Papagei blieb allein in den Händen des Mannes zurück. Weiterlesen

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43.6 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: III.b Zwei Binnenerzählungen

Nahtlos knüpfen wir heute also mit den beiden Erzählungen an, zu denen Vikramâditja gestern angehoben hatte, um die schweigende ‚Göttersonne‘-Chatun zum Reden zu verführen. Aber lest selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
Zwei Binnenerzählungen

Die hölzerne Frau

In längst vergangenen Zeiten pflegten vier Knaben aus vier Dörfern ihre Herden zu hüten, wobei sie einen bestimmten Platz verabredet hatten. Derjenige von ihnen, der zuerst gekommen war, wartete lange vergebens auf seine Gefährten. Bei seinem Weggehen machte er aus einem Stück Holz die Figur einer Frau, stellte sie auf und ging dann selbst fort. Als der zweite von ihnen schließlich doch kam, trug er ihr gelbe Farbe auf, bevor er ebenfalls wegging. Als der dritte kam, blieb er lächelnd stehen, gab der Frau noch die charakteristischen Zeichen, und entfernte sich gleichfalls. Endlich erschien der vierte, und nachdem er ihr Leben eingehaucht, ward sie eine schöne reizende Frau zum Heiraten. Indem nun alle vier sich um die Frau stritten, sagte der Erste: „Ich habe sie zu allererst aus Holz geformt.“ Der Zweite sagte: „Ich habe die Farbe aufgetragen.“ Der Dritte sprach: „Ich habe die charakteristischen Zeichen hinzugefügt.“ Der Vierte sagte: „Ich habe sie beseelt.“ –

Da sie nun alle vier so miteinander stritten, fuhr Vikramâditja als König fort, welchem von ihnen wird man sie geben müssen? Da versetzten Altar und Rosenkranz: „Naran-Chatun antwortet in der Regel nicht. Von unpersönlichen Gegenständen, wie wir zwei, Altar und Rosenkranz, sind, pflegt sonst auch keine Rede zu erfolgen; allein da der großmächtige König erschienen ist und bei Erzählung einer Geschichte um die Meinung fragt, wie könnte man da die Antwort schuldig bleiben? Weil mir jedoch davon, dass Naran-Chatun Tag und Nacht Gebete hersagt, der Kopf ganz schwindelig geworden ist, so bin ich, da mein Inneres beständig unaufgeklärt bleibt, nicht im Stande, das richtige zu unterscheiden; indes sollte doch wohl, scheint mir, derjenige, welcher zu allererst die Figur gemacht hat, sie zu erhalten berechtigt sein.“ Bei diesen Worten warf Naran-Chatun einen Blick auf ihren Altar und Rosenkranz und sprach also: „Ein persönliches Wesen wie ich fühlte nicht den Mut zu antworten, geschweige denn zwei unpersönliche Gegenstände, wie ihr seid; wenn ihr daher mit eurer so eben gegebenen Antwort das richtige nicht treffet, ist das ein Wunder? Derjenige,“ fuhr sie fort, „der die Figur zuerst gemacht hat, ist der Vater: der die Farbe aufgetragen, ist die Mutter; der die charakteristischen Zeichen hinzugefügt hat, ist der Lama; der ihr das Leben einhauchte, wie sollte der nicht ihr Mann sein?“ Also hatte sie zur Antwort gegeben.

Darauf sprach der König: „Von einem persönlichen Wesen, der Naran-Chatun, ist eine Antwort erfolgt; von zwei unpersönlichen Gegenständen, dem Altar und Rosenkranz, ist eine Antwort erfolgt. Erzählet nun auch ihr eine Geschichte.“ Während Naran-Chatun, ohne irgendeinen Laut von sich zu geben, ruhig dasaß, sprach der Opferkrug: „Weil mein Inneres bestimmt ist, mit Weihwasser angefüllt zu werden, und ich stets in Rauch gehüllt bin, so bin ich nicht im Stande zu erzählen; erzähle daher du, o König, eine Geschichte.“ Naran-Chatun warf bei diesen Worten ihrem Opferkrug einen Blick zu und blieb ruhig sitzen. Da erzählte der König folgende Geschichte:

Bestrafte Untreue

Einstmals zogen zwei Verheiratete, Mann und Frau, mit einander am Fuße einer Felswand vorüber. Von der Felswand herab ließ sich eine wohlklingende, liebliche Stimme vernehmen; selbst die berittenen Rosse blieben stehen und hörten zu, geschweige denn die Menschen. Die Frau sich danach hinwendend dachte bei sich: „Einem Manne, der mit einer so lieblichen Stimme begabt ist, möchte ich angehören!“ Während sie mit diesem Gedanken weiterging, kamen sie zu einem reichlich mit Wasser versehenen Brunnen. Da sprach die Frau zu ihrem Manne: „Hole mir doch von diesem Wasser, ich habe Durst.“ Der Mann machte Halt; indem er aber zum Wasser nicht hinabreichte und das Gleichgewicht zu behalten suchend sich über den Brunnen lehnte, fasste die Frau, die ebenfalls abgestiegen war, ihn an den beiden Füssen, stieß ihn in das Wasser und tötete so ihren Mann.

Als sie nun jene liebliche Stimme aufsuchte und sich danach umschaute, stellte es sich heraus, dass es die stöhnende Stimme eines am Rücken und Hals mit Wunden und Beulen bedeckten Mannes war, die, an der Felswand wiederhallend, sich so lieblich vernehmen ließ. Die Frau war über diese Entdeckung sehr betroffen. „Weil ich,“ sprach sie, „als ich die Stimme eines solchen Leidenden vernahm, meinen edlen Mann getötet habe, so ist nun meine Begegnung mit diesem unglücklichen Manne die Wiedervergeltung dafür.“ Mit diesen Worten nahm sie den kranken Mann auf ihre Schultern, und indem sie sich mühsam mit ihm dahin schleppte, schrumpfte sie allmählich zusammen und magerte ab, bis sie zuletzt starb. –

„Ist das ein gutes oder ein schlechtes Weib?“ fragte Vikramâditja wieder als König. Doch Naran-Chatun gab keinen Laut von sich. Die Lampe aber sprach: „Naran-Chatun hier lässt die Lampe Tag und Nacht ohne Unterlass brennen; weil ich dadurch ganz erschöpft und zusammengeschrumpft bin, so bleibe ich stets ohne die nötige Sammlung, um in richtiger Unterscheidung zu sprechen. Indes, wenn ich berücksichtige, dass die Frau, nachdem sie ihren biederen Mann getötet und dafür einen kranken Mann gefunden hat, diesen doch nicht unter dem Vorwande, er sei schlecht, im Stiche ließ, so verdient sie als gutes Weib zu gelten.“ Nachdem Naran-Chatun bei diesen Worten ihrem Opferkrug und der Lampe einen Blick zugeworfen, ließ sie sich also vernehmen: „Ich für meine Person gebe doch, nicht wahr, gewöhnlich keine Antwort, geschweige denn ihr vier unpersönlichen Gegenstände. Wenn ihr daher bei einer einmaligen Antwort das richtige nicht treffet, ist das ein Wunder? Was konntet ihr Gutes finden an einer Frau, welche, als sie die an einer Felswand wiederhallende kunstvoll melodische Stimme vernahm, den ihr zu eigen gehörenden Mann tötete, und, indem sie einen kranken dahinschleppte, nach Erschöpfung ihrer Kräfte zusammenbrach? Ein solches schlechtgesinntes Weib dürfte eine Schimnus sein!“

Nachdem sie also sich hatte vernehmen lassen, sprach der König: „Naran-Chatun, als derjenige, welcher dich zweimal zum Sprechen gebracht hat, darf ich dich jetzt heimführen!“« Mit diesen Worten nahm er Naran-Chatun in Empfang, und von Schalû und seinen drei weisen Ministern begleitet machte er, nachdem er die früher erwähnten im Felsengewölbe eingeschlossenen Söhne von 500 Königen befreit hatte, sich auf den Weg in sein Reich. Dort angelangt berief er sein Volk Tai-tsing zu einer Versammlung, begann sofort Glaube und Religion in hohen Ehren zu halten, machte Hohe und Niedere so glücklich, als man es sich nur vorstellen kann, und saß als der vom Schicksal bestimmte hochheilige König Vikramâditja mit seiner Milde und Gnade übenden Gemahlin Ḍâkinî fest auf diesem Thron. –

„König Ardschi-Bordschi,“ schloss die Holzfigur auf den Treppen zum Thron, „wenn du ein solcher Gesetz und Glaube gleichmäßig hochhaltender König sein solltest, dann setze dich auf den Thron; bist du das aber nicht, dann lass es sein!“ Und mit diesen Worten verwehrte sie es ihm.

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Schweigende, meistens übrigens Frauen, durch ordentlich durchgeknallte Geschichten zum Reden zu bringen, ist ja ein international beliebtes Erzählmotiv. Hier in sehr stilisierter Form, aber auch mit besonders feinem Humor. Denn das innere Augenrollen der Chatun kann man sich denken, wenn ihr Eigentum erst pro forma buckelt und dann Quatsch redet.

 
Textquelle: Mongolische Märchen. Die neun Nachtrags-Erzählungen des Siddhi-Kür und die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan. Eine Fortsetzung zu den „Kalmückischen Märchen“. Aus dem Mongolischen übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Prof. Dr. Bernhard Jülg. Innsbruck: Verlag der Wagner’schen Universiäts-Buchhandlung 1868, S. 103–105.
Bildquelle: Holzschnitzerei der Dvārapālikā aus dem 17. Jahrhundert in Indien & Untreue Ehefrau – hier allerdings eines Schusters und ohne Horrorstrafe (bislang)

43.5 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: III.a Vikramâditja besteigt als Bettler den Thron – Der Minister mit den Opferkerzen – Vikramâditja und die schweigende Jungfrau

Heute lernen wir mit Ardschi-Bordschi Chan, wie Vikramâditja als clever einen verfluchten Thron enthexte, dass sich Opferkerzen nicht gern essen lassen und Göttinnen nicht gerne reden. Oder so ähnlich. Lest am besten selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
Vikramâditja besteigt als Bettler den Thron – Der Minister mit den Opferkerzen – Vikramâditja und die schweigende Jungfrau

Als der König Ardschi-Bordschi abermals den Wunsch äußerte, sich auf den Thron setzen zu wollen, sprach eine Holzfigur: „Halt König! Du kannst dich nicht darauf setzen. Ich will eine Begebenheit aus dem Leben des hehren heldenmütigen Königs Vikramâditja erzählen.“ Und damit erzählte sie folgende Geschichte. –

Während König Vikramâditja sein ganzes Volk fortwährend beglückte, war ein anderer mächtiger König zum Nirvâṇa eingegangen. Weil kein Sprössling vorhanden war, um seinen Thron zu besteigen, so wählte man einen Jüngling aus dem Volke und setzte ihn als König ein. Weil nun aber, wenn einer einen Tag regiert hatte, derselbe jedesmal in der Nacht starb, so machte der hochheilige König Vikramâditja, als er den fortwährenden Kummer und das Leiden des zahlreichen Volkes erfuhr, von Schalû begleitet in Bettlergestalt sich auf den Weg, um dem Volke Rettung zu bringen. Als er bei seiner Ankunft in ein Haus eintrat, fand er einen Greis mit seiner betagten Frau, welche, für einen schönen Jüngling einen Thron zurecht machend und ihm alle Ehre erweisend, voll Betrübnis dasaßen.

„Worüber seid ihr betrübt?“ fragte er sie. „Unser König,“ antworteten sie, „ist verschieden; und da er ohne Nachkommen ist, und auch die edlen Jünglinge unseres Volkes bereits ausgegangen sind, so trifft unsern einzigen Sohn das Los heute den Thron zu besteigen, und so wird er in der Nacht sterben müssen. Deswegen sind wir betrübt.“ Vikramâditja sprach: „Da für uns zwei Bettler der Tod gleichgültig ist, so wollen wir um deines Sohnes willen 24 Stunden lang König werden und dann sterben.“ Da versetzte der Greis: „Wir können darüber nicht entscheiden; drei mit der Bestimmung der hierbei zu beobachtenden Reihenfolge beauftragte einsichtsvolle Minister haben darüber zu entscheiden. Ich will es zu ihrer Kenntnis bringen.“ Weiterlesen

43.4 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: II.b Vikramâditja der Besieger der Schimnus

Heute wird unser Held endlich zum Helden und zwar wie es sich gehört im Kampf gegen Monster. Und so kann Ardschi-Bordschi denn auch endlich was lernen, was ihn auf den Pfad der Tugend führt, sozusagen. Lest selbst…

43.3 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
II.b Vikramâditja der Besieger der Schimnus

Eines Tages sprach der Prinz Vikramâditja zu seiner Mutter: „Meine Mutter! Lebe hier ruhig weiter; von meinem Schalû begleitet will ich in der Residenz, in welcher mein königlicher Vater herrschte, mich umsehen.“ „Mein Sohn Vikramâditja!“ versetzte die Mutter, „die Entfernung ist gar weit, der bösen Menschen gibt es so viele; wie willst du, mein Teurer, hingelangen?“ Doch der Prinz Vikramâditja antwortete: „Mag auch die Entfernung weit sein, ich werde durch rüstiges Wandern schon hingelangen; wenn der Feinde auch viele sind, ich werde sie zu überwinden trachten.“ Und so machte er sich auf den Weg in die heimatliche Residenz.

Nachdem er endlich angekommen war, erfuhr er, dass der König Galischa auf die Nachricht, dass König Gandharva gestorben sei und zahlreiche Untertanen sich flüchteten, daselbst in der Absicht erschienen war, sich dort niederzulassen und sich in den Besitz der Residenz des Königs Gandharva zu setzen. Allein schon früher waren die Schimnus erschienen und hatten Besitz davon ergriffen. Die Schimnus kehrten zurück, ließen den König Galischa zwar eindringen, nahmen ihn aber dann gefangen und pflegten nun als Tributlieferung von ihm 100 Menschen mit einem Edelmann an der Spitze in Empfang zu nehmen.

Als der Prinz Vikramâditja bei seiner Ankunft in ein Haus am äußersten Ende der Stadt eintrat, fand er daselbst ein altes Mütterchen, welches mit dem Antlitz nieder zur Erde gekehrt dalag und in einem fort sich das Gesicht zerkratzte, die Haare ausraufte und Staub und Asche kaute. Der Prinz Vikramâditja hob sie auf und fragte sie: „Mütterchen! worüber grämst und kümmerst du dich so außerordentlich?“ Die Alte versetzte: „Ihr meine Jünglinge, wisst ihr es denn nicht? Ich hatte nur zwei Söhne. Unser König Galischa war hierhergekommen, um die Residenz des früheren Königs Namens Gandharva in Besitz zu nehmen; allein da er sich von den Schimnus beherrschen lässt, pflegt er diesen an einem Tage 100 Menschen mit einem Edelmann an der Spitze als Tribut zu überliefern. Einen meiner Söhne habe ich bereits früher zum Tribut hingegeben; jetzt haben sie auch den einzigen mir noch übrig gebliebenen Sohn abgeholt, indem sie sagten, dass ich ihn hergeben müsse; deshalb werde ich nun einsam und allein in der Verbannung sterben müssen; das ist meine Klage!“ Auf diese Worte erwiderte der Prinz Vikramâditja: „Mütterchen, bewahre, dass du sterben solltest! Deinen Sohn werde ich dir zurückschicken und ich will an seiner Stelle mich aufspeisen lassen!“ „Ei bewahre, du mein mutiges Söhnlein!“ sagte die Frau; „ich bin ein altes Mütterchen, mit dem es zu Ende ist; wenn du, mein lieber, das versuchen wolltest, so würde deine alte Mutter gleich mir sich unaufhörlich grämen.“ Doch der Prinz Vikramâditja sprach: „Mütterchen, lass das gut sein! Wenn ich den Sohn dir nicht zurückzuschicken im Stande bin, so nimm du an Kindes Statt diesen meinen Jüngern Bruder an, indem du ihn Sohn heißest.“ Weiterlesen

43.3 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: II.a Vikramâditja’s Jugend – Schalû das indische Wolfskind

Heute erfahren wir – zusammen mit dem ungeduldigen Ardschi-Bordschi – über die Konsequenzen von zu viel Lust und Vikramâditja jugendliche Diebeseskapaden mit einem Hauch von Dschungelbuch-Feeling. Aber lest selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
II.a Vikramâditja’s Jugend – Schalû das indische Wolfskind

Ardschi-Bordschi Chân stieg abermals die Stufen empor, um sich auf den Thron zu setzen. Da rief eine Holzfigur: „Halt König! Habe ich es dir denn nicht gesagt? Bisher habe ich umständlich erzählt, in welcher Weise, nachdem der hehre heldenmütige König Vikramâditja zur Zeit seiner Kindheit in einer Einöde ausgesetzt worden und so sinnvolle Worte gesprochen, sein Vater, der König Gandharva, und die ganze erhabene Dynastie ihm ihre Huldigung dargebracht haben. Jetzt will ich vom Wandel des hochheiligen heldenmütigen Königs Vikramâditja zur Zeit seines Heranwachsens erzählen. Du König und alle ihr Anwesenden, tretet heran und höret zu.“ –

Als einst König Gandharva, der Vater des hehren heldenmütigen Vikramâditja, zum Kampfe mit dem Heere der Schimnus auszog, ließ er seinen eigenen Leib in der Nähe einer Buddha-Statue zurück. Nachdem er nun als Geist den Himmelsgöttern gleich entschwunden war, trat die jüngere Fürstin aus niederem Stande zu der reizend schönen Gemahlin Üdsessküleng-Gôa Chatun und sprach: „So lange unser Gebieter mit uns verkehrte, war er in menschlicher Gestalt; jetzt bei seiner Abreise ist er in so reizender, schöner, glänzender Erscheinung abgezogen! Möchte er doch im Verkehre mit uns so reizend sein!“ Auf diese Worte versetzte Üdsessküleng Chatun lächelnd: „Weil du noch jung bist, so verstehst du das nicht; da er wusste, dass durch die Spitzen der schneidenden Schwerter sein Leib Schaden leiden könnte, so ist er als Geist in Gestalt der Himmelsgötter entschwunden!“

Während ihrer Rückkehr dachte die Fürstin also: „Wenn ich des Königs zurückgelassenen Leichnam verbrenne, so dürfte er nach seiner Wiederkehr wohl beständig in derselben reizenden Gestalt bleiben.“ Mit diesem Gedanken begab sie sich zu dem Tempel des Buddha-Bildes, nahm den dort zurückgelassenen Leichnam des Königs, und indem sie von zahlreichen Dienerinnen Sandelholz herbeibringen ließ, verbrannte sie den Leichnam. Während dies vorging, erschien der König in den Lüften und ließ sich aus dem Himmelsraume also vernehmen: „Von meinen mit so vieler Mühe zusammengebrachten Untertanen und von meinen mit so vieler Liebe behandelten Frauen und Kindern und von meinem vielgeliebten Leibe bin ich nun geschieden! Euch aber, meine Geliebten, wird das Heer der Schimnus, welches nach Verlauf von sieben Tagen erscheint und einen Metallhagel herabfallen lässt, euch, meine Teuern, wird es aufzehren. Es wäre gut, wenn ihr vor Ablauf der sieben Tage euch flüchten und von hier wegziehen würdet.“ Nach diesen Worten entschwand er zum Nirvâṇa.

Während die Fürstin, die Adjutanten und Minister und das ganze zahlreiche Volk, indem sie sich an des Königs trefflichen Wandel erinnerten, einer fast sinnverwirrenden Trauer sich hingaben, sprach Üdsessküleng Chatun: „Wenn ich auch noch so sehr dem Schmerze mich überlasse, so hilft das doch nichts; dagegen dürfte es von Nutzen sein, wenn ich nach dem Rate des wundervollen Königs dieses eine Kind in Sicherheit bringe.“ Und so machte sie sich in Begleitung ihrer fünf Dienerinnen auf, um in die Heimat zurückzukehren. Weiterlesen