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Die zwei guten Pferden – oder: 250. Märchen im Märchensammler!

Wie angekündigt, gibt es zum Neustart des Märchensammlers einen Monat voller mongolischer Tiermärchen. Ihr wisst schon – die schönsten, klügsten, lustigsten und also einfach tollsten Märchen der Welt. Meiner bescheidenen Meinung nach.

Heute gibt es nicht nur direkt ein Paradebeispiel, sondern zugleich das – Achtung: Trommelwirbel – 250. Märchen im Märchensammler!!

Aber lest selbst…

Die zwei guten Pferde

Vor langer, langer Zeit sehnten sich zwei Pferde, die an einen weit entfernten Ort verkauft worden waren, nach ihrer Heimat und beschlossen, zurück nach Hause zu laufen. Das eine von den beiden Pferde war jedoch alt geworden und konnte irgendwann nicht mehr weiter. Dem jungen Pferd gab es folgende Ratschläge mit auf seinen Weg:

„Nun, mein junges Geschwisterchen, laufe schön auf dem Weg entlang zurück. Dein betagter älterer Bruder wird jetzt sterben. Brüderchen, weiche nicht vom festen Weg ab. Gehe nicht auf ein braunes, sich schemenhaft bewegendes Etwas zu. Mache nicht die Öffnung eines verschnürten Etwas auf.“ So belehrte es seinen jungen Gefährten.

Das junge Pferd lief zögerlich alleine weiter. Zunächst blieb es brav auf dem Weg. Doch bald sah es am Horizont die Umrisse eines sich schemenhaft bewegenden, braunen Etwas, so erzählt man. Zwar hatte es die Ratschläge des älteren Gefährten nicht vergessen, aber es konnte seiner Neugier nicht widerstehen. Es wollte dieses Etwas untersuchen. Als es das braune Ding erreichte, war es ein Sack, dessen Öffnung fest verschnürt war. In dem Sack aber schien ein Lebewesen zu stecken. Er bewegte sich. Wieder konnte das Pferd seiner Neugier nicht widerstehen. Es musste sehen, was aus dem Sack zum Vorschein kommen würde. Weiterlesen

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41.1 Der Hase und die Schildkröte – oder: Die koreanische Märchenwoche ist eröffnet

Diese Woche verschlägt es uns nach Korea, nachdem ich es doch noch geschafft habe, eine gemeinfreie Textquelle aufzutun. Es handelt sich um eine deutsche Übersetzung der englischsprachigen Sammlung Korean Tales (1889) von Horace Newton Allen, einem US-amerikanischen Arzt, Missionar und Diplomat. Er kam zunächst als Leibarzt des Königs an den koreanischen Hof; später brachte er es zum Konsul. Allen trug mit dazu bei, koreanische Literatur und Folklore durch seine Übersetzung im ‚Westen‘ bekannt zu machen.

Auch sein deutscher Übersetzer Hr. H. G. Arnous kannte Korea aus eigener Erfahrung. Laut Hans-Alexander Kneider kam er zu Beginn der 1880er nach Korea und war ab Ende des Jahrzehnts bis 1903 im Zollamt beschäftigt. Das heißt, er arbeitet offiziell in koreanischen Diensten. Hintergrund hierfür ist das Handelsabkommen zwischen dem koreanischen Königreich Joseon und dem Deutschen Reich.

Des Englischen war er aber offenbar nicht absolut mächtig, wenn er – und das als Zollbeamter! – in der Einleitung wie in verschiedenen Märchen die Landeswährung ‚cash‘ heißen lässt. Also Englisch für schlicht ‚Bargeld‘. Tatsächlich hieß die koreanische Währung bis 1892 Mun und danach erstmal Yang. Ebenso hat er erklärende Einschübe von Hrn. Allen gestrichen. Vielleicht sogar aus editorisch vorbildlichem Eifer, handelte es sich doch um künstliche Zufügungen zum Märchentext. Schließlich muss ja kein Koreaner einem anderen erklären, warum und wie ihr Speicher heißt. Nur wäre es ja hübsch gewesen, die Erklärungen als Anmerkungen mitzuliefern, aber nix ist. Ich reiche sie euch also nach dem englischen Original nach.

Jetzt aber ohne weiteren Aufschub zum ersten Märchen, das gleich ein wunderschönes Tiermärchen ist. Lest selbst…

Der Hase und die Schildkröte

Als der Fischkönig einst in seinem Reiche umher schwamm, sah er einen fetten Wurm dicht vor seinen Augen auf- und niederhüpfen und gierig nach ihm schnappend, geriet ein Angelhaken in seinen Rachen. Es gelang ihm jedoch bald die Leine, an welcher der Haken mit dem Wurm befestigt war, zu zerreißen und so dem traurigen Schicksale zu entgehen, seinen königlichen Leichnam den gewöhnlichen Sterblichen zur Nahrung hingeben zu müssen.

Alle Großen des Reiches, vom Wallfische an bis zur Schildkröte wurden an das Krankenlager des Königs berufen. Sie erschienen mit ernsten Gesichtern und jeder nachdenkend, auf welche Weise der Haken wohl aus dem königlichen Schlunde entfernt werden könne. Endlich meinte die Schildkröte, dass das einzige dazu wirksame Mittel Umschläge von einem Paar ganz frischer Hasenaugen wären. Den Rat fand man wohl gut, woher aber ein Paar frische Hasenaugen bekommen? Auch hierfür wusste die Schildkröte Abhilfe; sie sagte, sie kenne einen Hasen und würde es versuchen ihn zum Palaste zu bringen. Sobald sie ihn jedoch hergeleitet haben würde, wolle sie sich wieder entfernen, es wäre dann Sache der Ärzte dem Hasen die Augen herauszunehmen, ihr wäre der Anblick von Blut zuwider, und sie könne es nicht riechen. Der König bedankte sich huldvoll für den guten Rat und die Schildkröte wusste wohl, dass ihr Glück gemacht sei, wenn es ihr nur gelänge des Hasen habhaft zu werden. Weiterlesen

20.7 Und zum Finale? Der Hase bei Aesop und andern ollen Griechen

Die letzte Etappe der Hasenreise steht heute ein bißchen unter dem Motto „Wer hat’s erfunden?“ Die Antwort lautet natürlich, wo es ja um Tiermärchen geht und Indien schon vorbei ist, Aesop. Oder doch zumindest die ollen Griechen. Aber lest selbst… (und zwar gleich mal 3!)

Die Schildkröte und der Hase

Eine Flussschildkröte und ein Hase forderten sich zu einem Wettlaufe heraus und setzten einen bestimmten Ort als Ziel fest. Der Hase, der seiner Schnellfüssigkeit wegen sorglos war, behandelte die Angelegenheit nachlässig und schlief; die Schildkröte hingegen ließ, weil sie die Schwerfälligkeit ihrer Natur kannte, vom Laufen nicht ab. Sie lief während der Hase schlief und kam ihm darum zuvor.

Dies lehrt, dass Sorgfalt und unausgesetztes Streben besser, als Sorglosigkeit und Nachlässigkeit sind.

Textquelle: Die Fabeln des Sophos […] von Dr. Julius Landsberger. Posen 1859, S. 69.
Bildquelle: Illustration zur Fabel von Jean Grandeville (1803-1847)

Der Löwe und der Hase
(von Gotthold Ephraim Lessing)

Ein Löwe würdigte einen drolligen Hasen seiner nähern Bekanntschaft. Aber ist es denn wahr, fragte ihn einst der Hase, dass euch Löwen ein elender krähender Hahn so leicht verjagen kann?

Allerdings ist es wahr, antwortete der Löwe; und es ist eine allgemeine Anmerkung, daß wir großen Tiere durchgängig eine gewisse kleine Schwachheit an uns haben. So wirst du, zum Exempel, von dem Elefanten gehört haben, dass ihm das Grunzen eines Schweins Schauder und Entsetzen erwecket. –

Wahrhaftig? Unterbrach ihn der Hase. Ja, nun begreif ich auch, warum wir Hasen uns so entsetzlich vor den Hunden fürchten.

Textquelle: Gotthold Ephraim Lessing: Fabeln (1759&1777). Abhandlungen über die Fabel. Hrsg. Von Heinz Rölleke. Stuttgart: Reclam 2004, S. 12.

Die Hasen und die Frösche

Die Hasen klagten einst über ihre missliche Lage. „Wir leben,“ sprach ein Redner, „in steter Furcht vor Menschen und Tieren, eine Beute der Hunde, der Adler, ja fast aller Raubtiere! Unsere stete Angst ist ärger als der Tod selbst. Auf, lasst uns ein für allemal sterben.“

In einem nahen Teich wollten sie sich nun ersäufen; sie eilten ihm zu; allein das außerordentliche Getöse und ihre wunderbare Gestalt erschreckte eine Menge Frösche, die am Ufer saßen, so sehr, dass sie aufs schnellste untertauchten.

„Halt!“ rief nun eben dieser Sprecher, „wir wollen das Ersäufen noch ein wenig aufschieben, denn auch uns fürchten, wie ihr seht, einige Tiere, welche also wohl noch unglücklicher sein müssen als wir.“

Laß dich nie durch’s Unglück niederschlagen; es gibt immer noch Unglücklichere, mit deren Lage du nicht tauschen würdest.

Textquelle: Weil mich meine Bücher im Stich gelassen haben – Gutenberg
Bildquelle: Illustration zum Text von dem großartigen Wenzel Hollar (1607-1677)

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Na, habe ich zuviel versprochen? Wettlauf mit Hase, wenn es auch hier nicht Cleverness, sondern Fleiß ist, der die Schildkröte siegen lässt. Da mag Herr Landsberger nachgeholfen haben, wenn auch nicht für die christliche Moral ausnahmsweise, denn der Julius? Rabbiner.

Gut, gut. Lessings Fabel ist eher die Gegenvariante. Aber immerhin Hase und Löwe. Mit reizend naiv-arrogantem Hasen. Eine andere Variante zum Thema Angst überwinden.

Und damit sind wir auch schon bei der letzten Fabel. Den Angsthasen. Schafe statt Hasen und nix mit füchsischen Nebendarstellern, aber dafür verflixt nah an der mongolischen Version. Und die geht garantiert auf eine Vorlage von Außen zurück. Ich dachte immer an etwas Indisches, aber wer weiß, wer da von wem letztlich… 😉

20.6 Wie die Hasen zu ihrer Hasenscharte gekommen sind – die mongolische Erklärung

Wie versprochen gibt es heute ein ätiologisches Tiermärchen, dass ein bisschen erklärt, wie aus den schüchternen Hasen in manchen Tiermärchen die selbstbewussten, ja arroganten Hasen in anderen werden konnten. Die Mongolen wissen eben Bescheid. ;D Aber lest selbst…

Wie die Hasen zu ihrer Hasenscharte gekommen sind

In viel, viel früheren Zeiten rief eines Tages der Älteste der Hasen alle seine Brüder in der mongolischen Steppe zusammen und sagte: „Auf der ganzen weiten Welt gibt es kein Lebewesen, das nicht weiß, wie man einem Feind einen Schrecken einjagt oder wie man sich verteidigt. Wir sind doch wirklich die armseligsten Tierchen. Wenn nur die Blätter an den Bäumen im Wind ein wenig rascheln, rutschen uns schon die Herzchen in die Pelzhosen. Brüder, es ist wohl besser, wenn wir uns im kleinen See ertränken, als dass wir so weiterleben und vor allem und jeden Angst haben.“

Die anderen Hasen stimmten dem Ältesten zu und so machten sie sich alle zusammen – ängstlich und traurig – auf den Weg. Als sie schon das Ufer des Sees sehen konnten, begegneten sie einer Elster. Weiterlesen

20.5 Der Fuchs und der Hase – in Finnland

Gelernt haben wir auf unserer Reise ja schon, dass der Hase mit verflixt vielen Gesichtern daherkommt. Da fragt man sich doch, ob diese schon fast schizophrenen Züge nicht auch mal erklärt werden? Werden sie. Und dazu machen wir nochmal eine kleine Extrareise. Anfangen tun wir in Finnland. Aber lest selbst…

Der Fuchs und der Hase
(aus Satakunta)

Einstmals traten sich Fuchs und Hase. Der Fuchs sagte zum Hasen: „Dich fürchtet doch Niemand!“ „Wer fürchtet dich denn?“ fragte der Hase. „Mich fürchtet Jedermann,“ meinte der Fuchs, „ich besitze einen langen Schwanz, deshalb hält man mich aus der Ferne für den Wolf und fürchtet mich in Folge dessen. Aber dich fürchtet doch Niemand.“ „Lass uns eine Wette eingehen,“ sagte der Hase, „ich werde dir zeigen, dass auch ich gefürchtet bin.“

Danach wandelten die Beiden miteinander dahin; da erblickte der Hase eine Herde Schafe, die hinter einem Zaune ruhten. Mit einem Satze sprang er mitten unter sie. Im blinden Schrecken darüber stoben die Schafe auseinander, so schnell sie nur irgend konnten. Der Hase war überglücklich, seine Wette gewonnen zu haben und fing an zu lachen, und lachte so unbändig, dass ihm das Mäulchen kreuzweise zerriss. Von der Zeit an tragen alle Hasen die Lippen kreuzweis gespalten.

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Man ist ja fast ein bißchen nervös, so mit einem wettenden Hasen. Aber zum Glück wird ja nicht um die Wette gelaufen, sondern nur erschreckt.

Nett, nett, und jetzt wissen wir, woher die Hasenscharte kommt, aber das erklärt doch nix zum Charakter, denkt hier vielleicht? Schaut morgen wieder vorbei und es gibt die Auflösung. ;D

Textquelle: Finnische Märchen übersetzt von Emmy Schreck. Mit einer Einleitung von Gustav Meyer. Weimar: Hermann Böhlau 1887, S. 228.

20.4 Der böse Hase – in Afrika

Wir machen weiter mit dem Kontinentehüpfen und kommen also heute auf unserer Märchenweltreise nach Afrika. Der Titel ist heute Programm, aber lest selbst…

Der böse Hase

Es war einmal ein Hase, der sah einen toten Elefanten; er öffnete ihm den Bauch, nahm die Eingeweide heraus und wusch sie. Dann sah er einen Baum und machte sich daraus einen großen Stock.

Darauf sah er ein Zebra, das Junge hatte, und sprach: „Ei, diese Jungen des Zebra sind gut zum Töten.“ Das Zebra erwiderte: „O, Hase, diese meine Kinder möchtest du töten?“ Darauf sagte der Hase: „Jawohl,“ und er nahm seinen Stock und schlug damit ein Junges, dass es starb. Der Hase floh, das Zebra verfolgte ihn. Er kroch in den Bauch des Elefanten und rief mit starker Stimme: „Wer da? Wer da?“ Das Zebra antwortete: „Ich bin es, ich laufe dem Hasen nach, der mir mein Kleines getötet hat.“ Da rief der Hase wiederum mit starker Stimme: „Geht weg! Ihr könnt später streiten.“ Das Zebra ging weg.

Der Hase kam heraus, sah einen Leoparden mit seinen Jungen und sprach: „Ho! Ho! Ho! Diese Jungen des Leoparden sind gut zum Töten.“ Der Leopard erwiderte: „Hase, du möchtest diese meine Kinder umbringen?“ Der Hase antwortete: „Wer wird mir das verbieten?“ Der Leopard erwiderte: „Nun, bringe sie um, wir wollen sehen.“ Der Hase schlug ein Junges nieder, lief davon und flüchtete sich in den Bauch des Elefanten. Dann rief er mit starker Stimme: „Wer da?“ Der Leopard antwortete: „Ich bin es, ich laufe dem Hasen nach, der mir mein Kind ermordet hat.““ Der Hase schrie mit starker Stimme: „Ihr werdet später mit uns streiten können.“ Der Leopard ging also weiter. Weiterlesen

20.3 Der Löwe und der Hase – aus dem indischen Pantschatantra

Wir bleiben beim Thema des erzwungen…naja, wehrhaften Hasens, springen aber direkt nach Indien ins Pantschatantra. Mehr zu dieser altindischen Fabelsammlung habe ich euch ja schon hier erzählt. Wer da also noch mal nachschauen möchte… Sonst lest los! 😀

Der Löwe und der Hase

In der Mitte eines Waldes lebte ein Löwe, Namens Bhasuraka*. Dieser nun brachte infolge seiner übermäßigen Stärke ohne Unterbrechung viele Gazellen, Hasen und andere Tiere um. Da versammelten sich eines Tages alle Geschöpfe des Waldes: Gazellen, Eber, Büffel, Gayal, Hasen und so weiter, gingen zu ihm und sagten: „O Herr! Wozu diese unnütze Ermordung alles Wildes, da ja schon ein Tier genügt, dich zu sättigen? Schließe deswegen mit uns eine Übereinkunft: Von heute an magst du hier ruhig sitzen bleiben und jeden Tag soll nach der Reihenfolge der Geschöpfe ein Tier zu dir kommen, um sich von dir fressen zu lassen. Auf diese Weise wird dir doch dein Lebensunterhalt ohne Anstrengung zu Teil, und wir andrerseits werden nicht ausgerottet. Das ist Königsrecht und demgemäß möge gehandelt werden. Man sagt auch: Weiterlesen

20.2 Der Hase und der Fuchs

Wir bleiben noch ein bißchen in deutschen Landen. Aber diesmal trifft der Hase nicht auf den Igel, sondern auf den Fuchs und schon sieht alles ein wenig anders aus. Lest selbst…

Der Hase und der Fuchs

Ein Hase und ein Fuchs reisten beide mit einander. Es war Winterszeit, grünte kein Kraut, und auf dem Felde kroch weder Maus noch Laus. „Das ist ein hungriges Wetter,“ sprach der Fuchs zum Hasen, „mir schnurren alle Gedärme zusammen.“ – „Ja wohl,“ antwortete der Hase. „Es ist überall Dürrhof, und ich möchte meine eignen Löffel fressen, wenn ich damit in’s Maul langen könnte.“

So hungrig trabten sie mit einander fort. Da sahen sie von weitem ein Bauernmädchen kommen, das trug einen Handkorb, und aus dem Korbe kam dem Fuchs und dem Hasen ein angenehmer Geruch entgegen, der Geruch von frischen Semmeln. „Weißt du was!“ sprach der Fuchs: ,„Lege dich hin der Länge lang, und stelle dich tot. Das Mädchen wird seinen Korb hinstellen, und dich aufbeben wollen, um deinen armen Balg zu gewinnen, denn Hasenbälge geben Handschuhe; derweilen erwische ich den Semmelkorb, uns zum Troste.“

Der Hase tat nach des Fuchses Rat, fiel hin und stellte sich tot, und der Fuchs duckte sich hinter eine Windwehe von Schnee. Das Mädchen kam, sah den frischen Hasen, der alle Viere von sich streckte, stellte richtig den Korb hin und bückte sich nach dem Hasen. Jetzt wischte der Fuchs hervor, erschnappte den Korb und strich damit querfeldein, gleich war der Hase lebendig und folgte eilend seinem Begleiter. Dieser aber stand gar nicht still und machte keine Miene, die Semmeln zu teilen, sondern ließ merken, dass er sie allein fressen wollte. Das vermerkte der Hase sehr übel. Als sie nun in die Nähe eines kleinen Weihers kamen, sprach der Hase zum Fuchs: „Wie wär es. wenn wir uns eine Mahlzeit Fische verschafften? Wir haben dann Fische und Weißbrot, wie die großen Herren! Hänge deinen Schwanz ein wenig in’s Wasser, so werden die Fische die jetzt auch nicht viel zu beißen haben, sich daran hängen. Eile aber, ehe der Weiher zufriert.“

Das leuchtete dem Fuchs ein, er ging hin an den Weiher, der eben zufrieren wollte, und hing seinen Schwanz hinein, und eine kleine Weile, so war der Schwanz des Fuchses fest angefroren. Da nahm der Hase den Semmelkorb, fraß die Semmeln vor des Fuchses Augen ganz gemächlich, eine nach der andern, und sagte zum Fuchs: „Warte nur, bis es auftaut, warte nur bis ins Frühjahr, warte nur bis es auftaut!“ und lief davon, und der Fuchs bellte ihm nach, wie ein böser Hund an der Kette.

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Deutlich ist dieses Tiermärchen nicht zur Fabel gegen bürgerliche Arroganz geworden, sondern funktioniert ganz nach dem internationalen Reglement von Tiermärchen, wo das schwächere Beutetierchens sich durch Cleverness rettet. Und hier dem Fuchs eine eiskalte Lektion erteilt.

 

Textquelle: Ludwig Bechstein’s Märchenbuch. Mit 90 Holzschnitten und Originalzeichnungen von Ludwig Richter. 32. Auflage. Leipzig: Verlag von Georg Wigand 1879, S. 120ff.
Bildquelle: Illustrationen zum Tiermärchen von Ludwig Richter

20.1 Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel – oder: Die Woche des Hasen mit deutschem Start

So, jetzt aber! Wie versprochen gibt es nun diese Woche den nur aufgeschobenen Hasen in einer Märchenweltreise. Denn wo es ja praktisch überall Hasen gibt, kommt der auch in den Märchen fast aller Völker vor. Aber ist es immer der gleiche Meister Lampe? Schauen wir mal.

Los geht es in heimatlichen Gefilden mit einem Märchenklassiker. Bevor ihr wie immer selbst lest – lasst euch nicht verwirren: Bei allem Hochdeutsch hat Herr Bechstein den Igel im Text selbst als Swinegel gelassen. Warum auch immer.

Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel

Diese Geschichte ist ganz lügenhaft zu erzählen, Jungens, aber wahr ist sie doch, denn mein Großvater, von dem ich sie habe, pflegte immer, wenn er sie erzählte, dabei zu sagen: „Wahr muss es doch sein, meine Söhne, denn sonst könnte man sie ja nicht erzählen.“ Die Geschichte aber hat sich so zugetragen:

Es war einmal an einem Sonntagsmorgen in der Herbstzeit, just als der Buchweizen blühte. Die Sonne war goldig am Himmel aufgegangen, der Morgenwind ging frisch über die Stoppeln, die Lerchen sangen in der Luft, die Bienen summten in dem Buchweizen und die Leute gingen in ihren Sonntagskleidern nach der Kirche, kurz, alle Kreatur war vergnügt und der Swinegel auch.

Der Swinegel aber stand vor seiner Tür, hatte die Arme übereinander geschlagen, kuckte dabei in den Morgenwind hinaus, trällerte ein Liedchen vor sich hin, so gut und so schlecht als es nun eben am lieben Sonntagmorgen ein Swinegel zu singen vermag. Indem er nun noch so halbleise vor sich hinsang, fiel ihm auf einmal ein, er könne wohl, während seine Frau die Kinder wüsche und anzöge, ein bisschen im Felde spazieren und dabei sich umsehen, wie seine Steckrüben stünden. Die Steckrüben waren das nächste bei seinem Hause und er pflegte mit seiner Familie davon zu essen und deshalb sah er sie denn auch als die seinigen an. Der Swinegel machte die Haustüre hinter sich zu und schlug den Weg nach dem Felde ein.

Er war noch nicht sehr weit vom Hause und wollte just um den Schlehenbusch, der da vor dem Felde liegt, hinauf schlendern, als ihm der Hase begegnete, der in ähnlichen Geschäften ausgegangen war, nämlich um seinen Kohl zu besehen. Als der Swinegel des Hasen ansichtig wurde, bot er ihm einen freundlichen guten Morgen. Der Hase aber, der nach seiner Weise ein gar vornehmer Herr war und grausam hochfahrig dazu, antwortete nichts auf des Swinegels Gruß, sondern sagte zu ihm, wobei er eine gewaltig höhnische Miene annahm: „Wie kommt es denn, dass du schon bei so frühem Morgen im Felde rumläufst?“ „Ich gehe spazieren,“ sagte der Swinegel. „Spazieren?“ lachte der Hase, „mir däucht, du könntest deine Beine auch wohl zu besseren Dingen gebrauchen.“ Diese Antwort verdross den Swinegel über alle Maßen, denn alles kann er vertragen, aber auf seine Beine lässt er nichts kommen, eben weil sie von Natur schief sind, „Du bildest dir wohl ein,“ sagte nun der Swinegel, „dass du mit deinen Beinen mehr ausrichten kannst?“ „Das denk’ ich,“ sagte der Hase. „Nun es käme auf einen Versuch an,“ meinte der Swinegel, „ich pariere, wenn wir wettlaufen, ich laufe dir vorbei.“ „Das ist zum Lachen, du mit deinen schiefen Beinen!“ sagte der Hase, „aber meinetwegen mag es sein, wenn du so übergroße Lust hast. Was gilt die Wette?“ „Einen goldnen Lujedor* und eine Buttelje Schnapps,“ sagte der Swinegel. „Angenommen,“ sprach der Hase, „schlag ein und dann kann’s gleich losgehen.“ „Nein, so große Eile hat es nicht,“ meinte der Swinegel, „ich bin noch ganz nüchtern; erst will ich zu Haust gehn und einen Bissen frühstücken. In einer halben Stunde bin ich auf dem Platze.“ Darauf ging der Swinegel, denn der Hase war es zufrieden. Weiterlesen

9.5 Die Tiere und der Teufel

Befriedigte das gestrige Märchen meine sämtliche Finnland-Märchen-Klischeevorstellungen, so kommt einem das heutige Tiermärchen – ihr dachtet ja wohl nicht, es bleibt bei dem einen? – verdammt, verdammt vertraut vor. Praktisch Bremer Stadtmisukanten auf Finnisch mit anderen Tieren und Teufel statt Räubern – also viel, viel cooler. Verdammter. ;D Aber lest selbst…

Die Tiere und der Teufel
(Ans Karelen)

Es war einmal ein alter Mann, der drei Tiere besaß: eine Katze, einen Hahn und einen Ochsen. Als man nun einst beim Abendessen saß, sagte der Hauswirth zum Knechte: „Morgen früh musst du die Katze töten.“

Aber nach dem Essen gab der Knecht der Katze den Rat: „Fliehe, sonst wirst du morgen früh geschlachtet.“ Die Katze nahm sich die Warnung zu Herzen, und als man sie am frühen Morgen töten wollte, war das Opfer fort, von der Katze nichts zu sehen noch zu hören.

Am folgenden Abend sagte der Hauswirth wieder: „Morgen früh muss man unsern Hahn schlachten.“ Diesen Befehl des Hausherrn hinterbrachte der Knecht auch dem Hahn, der schleunigst das Gehöft verließ. Auch an den Ochsen kam die Reihe zu fliehen, und alle drei fanden sich im Walde wieder zusammen.

Sie wanderten unter den Bäumen dahin; da kommt ihnen ein Wolf entgegen. „Wohin gehst du?“ fragen sie diesen. „Ich suche die Herde dort auf,“ antwortete der Wolf; „ich will sehen, ob ich nicht ein Lämmchen zum Imbiss erwischen kann.“ „Geh nicht hin!“ warnten die Andern. „Dort wird man dich töten; komm lieber mit uns.“ Der Wolf willigte ein und sie gingen vier Mann hoch weiter. Da kommt ihnen ein Bär entgegen. „Wohin gehst du?“ fragen sie wiederum. „In die Nähe des Dorfes dort; ich will Hafer fressen,“ antwortete der Bär. „Geh nicht hin, du könntest zu Schaden kommen,“ sagten die Andern, „komm lieber mit uns.“ Der Bär ging denn auch mit ihnen, und als sie zu Fünfen ein Stückchen weitergewandert waren, begegneten sie einem Hasen. Den redeten sie ebenfalls an und auch ihn gewannen sie zum Gefährten, worauf sie einem Dorf zuschritten und sich anschickten die Badestube zu heizen. Weiterlesen