43.7 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: IV. Vikramâditja’s Gemahlin Tsetsen Büdschiktschi – Der weise Papagei – Der falsche Eid

Am heutigen letzten Tag der Abenteuer Ardschi-Bordschi Chans muss sich nicht nur der, sondern nun auch noch eine seiner Frauen beweisen vor dem Thron. Dabei erhärtet sich aber der Verdacht, dass die Holzfiguren sich vor allem gerne selber reden hören. Lest selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
Vikramâditja’s Gemahlin Tsetsen Büdschiktschi – Der weise Papagei – Der falsche Eid

Der König Ardschi-Bordschi hatte 71 Gemahlinnen. Eine der vornehmsten unter ihnen forderte er auf, sich vor dem Throne zu verneigen und die Weihe zu empfangen. Als sie dem Throne nahe gekommen war, da rief eine Holzfigur: „O halt! Berühre mit deinem Haupte den Thron nicht. Tsetsen Büdschiktschi, vormaleinst die Gemahlin des hochheiligen Königs Vikramâditja, pflegte nie abseits von ihrem Manne unrechten Gedanken nachzuhängen; wenn du eine solche Fürstin sein solltest, dann nahe dich und empfang die Weihe; wenn aber nicht, so lass es sein!“ Außerdem aber erzählte sie noch dazu die Geschichte von den 71 Papageien. –

Früh vor Zeiten war einmal die Gemahlin eines Königs krank geworden und die Ärzte waren nicht im Stande sie zu heilen. Weil aber in Folge des Genusses eines Vogelhirnes nach und nach ihre Krankheit sich zum Bessern gewendet hatte, gedachte der Großkönig von seinen Untertanen Vogelgehirn als Abgabe zu erheben. Deshalb berief er einen Vogelsteller zu sich, und als dieser erschien, sprach er zu ihm: „Wenn du mir aus der hiesigen Umgebung 71 Vogelgehirne lieferst, so werde ich dich belohnen; vermagst du sie nicht aufzutreiben, so bestrafe ich dich.“ Während der Mann nun in der äußersten Verlegenheit war, fiel ihm ein, dass auf einem Baume immer 71 Papageien zu übernachten pflegten. „Auf demselben werde ich Netze spannen,“ dachte er, und so spannte er denn auch in der Tat auf dem Baume die Netze auf.

Allein unter diesen Papageien befand sich ein besonders kluger; dieser kluge Papagei sprach zu seinen Gefährten also: „Auf diesem Baume hat sich unser Feind niedergelassen; wir wollen auf einem Felsen übernachten.“ Nachdem sie dort vier bis fünf Nächte zugebracht hatten, nahm der Mann seine Netze und stellte sie auf dem Felsen auf. Da sprach der kluge Papagei abermals zu seinen Gefährten: „Auf diesem Felsen hat sich wiederum ein Feind niedergelassen; wir wollen uns nach einem andern Platz wenden.“ Darüber gerieten die Gefährten in Zorn und versetzten: „Wir sind von unserm ursprünglichen Baum, indem du sagtest, dass daselbst ein Feind sich eingeschlichen habe, auf diesen Felsen gezogen; jetzt sagst du abermals, auf dem Felsen sei ein Feind erschienen; wohin willst du denn gehen? Wenn man die Sache genauer betrachtet, so dürfte im Gegenteil der Feind es auf dich allein abgesehen haben.“ Der kluge Papagei versetzte: „Wenn der Feind es auf mich absehen würde, so handelte es sich nur um ein einziges Wesen; allein es hat sich der Feind 71 Köpfen genähert und so dürfte das Verderben über alle kommen. Wie könnte ich aber trotz meines bestimmten Wissens ganz allein mich davonmachen? Auf diese Weise dürfte denn, scheinbar als hätten wir nichts gewusst, das Verderben über uns alle kommen.“

Als sie nun ungeachtet dieser Warnung auf dem Felsen weiter übernachteten, blieben sie alle in den Netzen hangen, und während sie so dalagen, sprachen die andern klagend: „Für uns Unverständige musst du, der Verständige, nun mit büßen!“ Dann aber fragten sie den klugen Papagei: „Da der Besitzer dieser Schlingen mit einem Stocke in der Hand daherkommt, sollte dir nicht noch ein Rettungsmittel einfallen?“ Der kluge Papagei sprach: „Was für ein anderes Mittel gäbe es für uns, als zu entfliehen! Indes wollen wir alle, scheinbar als wären wir tot, uns auf den Rücken, kopfüber und auf die Seite legen. Denn er wird denken, ‚die lebenden muss ich töten‘, und so könnte er uns alle totschlagen; wozu sollte er aber die Toten noch einmal totschlagen? Er wird uns ja doch wohl nur um unseres Fleisches willen töten wollen. Nachdem wir einmal in die Hände des Mannes gefallen sind, dürfte es von Vorteil sein, ruhig liegen zu bleiben. Betrachtet man diesen unsern Fels genauer, so ist der Zugang sehr eng; wenn er auch durch eine Felsspalte hindurchkriecht und herankommt, so hat er hier keinen Platz; und wenn er uns mit sich fortschleppen will, so wird er, weil er uns nicht erträgt, uns abzählen und wahrscheinlich sogar hinabwerfen; diejenigen von uns, die zuerst hinabgefallen, bleiben wie tot liegen; sobald er aber bei seinem Abzählen 71 gesagt, dann wollen wir alle der Reihe nach uns erheben und davonfliegen.“

Auf diesen Rat legten sie sich ruhig hin. Als der Mann kam und sie sah, sprach er: „O ihr schlimmen, listigen Papageien, das dürfte euer Tod sein! Ichr habt mir durch euer schlaues Hin- und Herwandern ordentlich Kummer verursacht; ich will euch weich klopfen!“ Als er hinzutrat und sie auf dem Rücken und kopfüber liegend tot sah, rief er: „Sie sind ja tot! Ich will sie sämtlich, weil der Platz so eng ist, im Abzählen hinabwerfen und dann aufheben.“ Und so warf er sie, indem er sie zählte, hinab; ganz zuletzt war noch der kluge Papagei allein übrig. Während er ihn losknüpfte und, schon 71 ausrufend, eben hinabwerfen wollte, fiel der Wetzstein, den er im Gürtel bei sich trug, mit Geräusch hinunter; die andern, in der Meinung, die Zahl 71 sei voll, flogen insgesamt auf und davon und der kluge Papagei blieb allein in den Händen des Mannes zurück.

Da sprach der Vogelsteller: „Diese Papageien haben es mit ihrer Schlauheit seit so langer Zeit bis heute getrieben; diesen allein noch übrig gebliebenen werd ich mit nach Hause nehmen und töten, indem ich ihn lebendig sieden und schmoren lasse.“ Da sprach der kluge Papagei: „Wenn ich dich vormaleinst grausamer Weise getötet haben sollte, dann dürfte dies in der Tat dein Wiedervergeltungs-Tod sein; hat aber eine Feindschaft nicht stattgefunden, dann werde ich wohl meinerseits einmal an dir Rache nehmen. Während du, wenn du uns tötetest, von deinem König eine Belohnung zu erhalten vermeintest, haben wir durch eine List unser Leben gerettet. Wenn du mich jetzt auch auf alle Arten töten wolltest, so ist es doch besser, da einmal diese in Sicherheit entkommenen 70 Papageien nicht wiederkehren werden, mich an einen reichen Mann zu verkaufen; ich werde bis auf 100 Unzen Silber kommen; um 71 Unzen davon kaufe 71 Vögel und überreiche sie deinem König; wenn du mit den übrigen 29 Unzen dich, Kinder, Frau und deine Verwandten unterhältst, sollte das schlecht sein?“ Der Mann hielt diese Bemerkungen für richtig, verkaufte den Papagei und erhielt 100 Unzen dafür.

Da der reiche Käufer des Papagei denselben zu jeglichem Dienste verwendete und stets unzertrennlich von ihm seine Geschäfte besorgte, so sprach er einst zu seinem Papagei also: „Während ich auf eine Strecke von 71 Tagereisen mich entfernen sollte, muss ich, weil meine Frau leichtfertig ist und an ihre Geliebten mein Eigentum verschwendet, beständig hier weilen, ohne mich nach auswärts begeben zu können. Wenn du, mein Bruder Papagei, diese deine Schwägerin zu bewachen im Stande wärest, dann möchte ich mich aufmachen, meine Geschäfte besorgen und ruhigen Herzens gehen und kommen*.“ Auf diese Ansprache versetzte der Papagei: „Ich werde schon im Stande sein, sie bis zu deiner Rückkunft zu bewachen.“ „O vortrefflich, mein Bruder!“ sprach der reiche Mann, „dann ist mein Herz ganz ruhig.“

Nach seiner Abreise erhob sich die Frau sofort, zog ihre Prachtgewänder an, und als sie mit den Worten: ‚Bin ich doch endlich zu mir selbst gekommen!‘ eben ausgehen wollte, da kam der Papagei heran, ergriff sie bei der Hand, und sprach gefasst: „Halt Muhme! Für eine Frau schickt es sich in Abwesenheit ihres Mannes weit weniger auswärts Besuche zu machen, als vielmehr ihren Hausstand fleißig in Ordnung zu halten!“ „O du böser Papagei!“ rief die Frau, „seht doch, wie er mich zurückhalten und meinen Vergnügungen Hindernisse in den Weg legen will!“ Der Papagei sagte: „Dein Mann hat mir aufgetragen, fleißig auf dich Acht zu geben; dich festzuhalten, dazu fehlt mir die Kraft; und wenn ich es dir verbieten wollte, so würdest du auf meine Worte nicht hören. Indessen möchte ich dir doch eine Geschichte erzählen. Willst du sie anhören?“ „Gut,“ sprach die Frau, indem sie sich setzte, „so erzähle schnell deine Geschichte.“ Da begann der Papagei: –

Früh vor Zeiten lebte ein König mit Namen Tsoktu Ilagukssan, der eine Tochter namens Naran Gerel (‚Sonnenschein‘) hatte. Wer Naran ansah, dem wurden die Augen ausgestochen; dem Manne, der in das Wohnzimmer trat, schlug man beide Beine entzwei: so unerbittlich hart war der König mit seinem Machtgebot. Diese Tochter Naran sprach einst zu ihrem Vater: „Da ich weder Menschen noch Tiere zu sehen Gelegenheit habe, so wird mir die Zeit lang; am fünfzehnten des Monates hätte ich Lust auszugehen und mich etwas umzuschauen.“ Der König war damit einverstanden. Er ließ überallhin einen Befehl des Inhaltes verbreiten: alle Auslage-Gegenstände solle man öffentlich zur Schau ausstellen, alles Vieh lasse man herein, die Männer und Frauen dagegen sollten Fenster und Türen schließen und nicht heraustreten; wenn einer heraustrete, den werde er mit strenger Strafe züchtigen.

Am fünfzehnten des Monates nun fuhr Naran in einem neuen Wagen sitzend, von zahlreichen Mädchen und Frauen rings umgeben, in der Stadt umher und betrachtete sich alle Waren und Auslage-Gegenstände. Inzwischen hatte ein Minister Namens Ssaran (‚Mond‘) vom Söller** aus, auf den er, in der Absicht die Königstochter zu schauen, emporgestiegen war, dieselbe mit Muße betrachtet. Diesen gewahrte Naran. Sofort streckte sie einen Finger in die Höhe und umkreiste ihn mit ihrer andern Hand; darauf ballte sie die Hand zusammen und ließ sie wieder frei; dann legte sie zwei Finger zusammen und deutete damit nach ihrem Hause hin. Ssaran stieg eiligst herab und ging in seine Wohnung.

„Nun,“ fragte ihn seine Frau, „hast du die Königstochter gesehen?“ „Sie hat mir,“ erwiderte er, „böses gedroht; was soll ich anfangen?“ „Wie hat sie dir denn gedroht?“ fragte die Frau. Da machte er sie mit sämtlichen Zeichen von Naran bekannt. Die Frau sprach: „Sie hat dir keineswegs gedroht; es dürften vielmehr Zeichen sein, darauf berechnet dich anzulocken. Das Emporstrecken des einen Fingers in die Höhe bedeutet, dass sich in der Nähe der Wohnung ein einzelner Baum befindet. Dass sie den Finger mit ihrer anderen Hand umkreiste, damit dürfte eine Ringmauer gemeint sein. Dass sie die Hand zusammenballte und dann wieder frei ließ, damit dürfte sie angedeutet haben: ‚Komm in den Blumengarten‘. Das Zusammenlegen der beiden Finger dürfte heißen: ‚Mit dir möcht ich eine Zusammenkunft haben.‘ Geh nur hin.“ Der Minister erwiderte: „Ist denn nicht das Verbot des Königs Tsoktu Ilagukssan so streng?“ Darauf sagte die Frau: „Wenn einen die Fürstentochter einlädt, pflegt man da nicht zu gehen? Geh; nimm diesen Edelstein und mache dich auf den Weg; für einen Mann ist ein Edelstein von Nutzen.“ Mit diesen Worten schickte sie ihn hin.

Ssaran machte sich auf, begab sich in den Blumengarten und setzte sich an den Fuß des Baumes. Inzwischen war auch Naran herausgetreten und die beiden überließen sich den Freuden der Liebe und ruhten schlummernd bis Sonnenaufgang. Da erschien ein Beamter, der die Aufsicht über den Garten führte, mit hundert Bewaffneten, erkannte die Königstochter Naran und den Minister Ssaran, ergriff sie beide, führte sie ab und setzte sie ins Gefängnis. Bei diesem Anlass sprach die Königstochter: „Ich sollte eigentlich zu meinem Vater, dem Könige, gehen.“ Doch der Beamte, der sie verhaftet, versetzte: „Wie viele Menschen, die dieses Mädchen geschaut haben, sind nicht schon umgekommen! Jetzt ist Naran Gerel dem Tode nahe. Dem Verderben vieler Untertanen setze ich auf diese Weise ein Ziel. Den Leuten, die dieses Mädchen geschaut, musste man die Augen ausstechen; den Leuten, die ihr nahe gekommen, die Füße entzwei schlagen!“ Und mit diesen Worten behielt er sie in Gewahrsam.

Indessen fragte Naran Gerel den Ssaran, ob er irgendein Rettungsmittel kenne; aber der Minister erwiderte, dass es keinen Ausweg gebe. „Wie hast du denn,“ fragte sie weiter, „meine Zeichen erkannt?“ „Ich,“ versetzte er, „habe sie nicht erkannt; meine Frau hat sie erkannt.“ „Da muss wohl deine Frau sehr verständig sein,“ sprach sie; „hat sie dir sonst etwas mitgegeben?“ „Nichts,“ sagte er, „nur diesen Edelstein hier hat sie mir gegeben.“ Naran nahm den Edelstein, und indem sie durch das Fenster des Gefängnisses schaute, rief sie: „Ihr Leute, die ihr uns bewacht, nehme einer von euch diesen Edelstein; für Menschen, die sterben sollen, ist ein Edelstein unnütz; sollte er nicht euch lebenden einmal dienlich sein? Wer ihn aber in Empfang nimmt, der gehe hin, klopfe dreimal an das Tor des Ministers Ssaran, umwandle dasselbe dreimal und komme dann zurück.“ Ein Mann nahm den Edelstein und kam, nachdem er dreimal klopfend die Türe des Ministers Ssaran umwandelt hatte, wieder zurück.

Da Ssarans Gemahlin die Verhaftung ihres Mannes hieraus erkannt hatte, zog sie ihre verschiedenen Prachtgewänder an, setzte einen großen schwarzen Hut auf, nahm ein kostbares Körbchen, in welches sie allerlei Früchte füllte, und schlenderte an den Türen des Gefängnishofes vorüber, bis sie zu der Türe gelangte, wo ihr Mann eingeschlossen war. Da sprach sie zu dem wachehabenden Aufsichtsbeamten: „Da mein Mann heftig erkrankt ist, so lautet der Ärzte Empfehlung dahin, dass es ersprießlich wäre, wenn ich unter diese Unglücklichen hier Speise austeilen würde; ich möchte deshalb hier eintreten und ihnen diese meine Speise reichen.“ Auf diese Worte versetzte der Aufsichtsbeamte: „Bei einem Weibe sind viele Reden unnötig; tritt rasch ein und wenn du ausgeteilt, so komm wieder heraus.“ Nachdem die Frau eingetreten, setzte sie der Naran Gerel ihren eigenen Hut auf und lies sie auf diese Weise entkommen; sie selbst aber blieb bei ihrem Manne ruhig abwartend zurück.

Inzwischen war der König erschienen und als ihm auf seine Fragen der Beamte die von ihm vorgenommene Verhaftung der Naran Gerel und des Ministers Ssaran meldete, da geriet der Großkönig in Zorn, und das Schwert ziehend befahl er, die beiden auf der Stelle vor ihn zu führen. Man führte sie vor und als der König die beiden erblickte, rief er: „Wo ist Naran Gerel?“ Die Frau sprach: „Wir beide wissen es nicht.“ „Warum seid ihr denn verhaftet worden?“ fragte der König. Der Minister antwortete: „Meine Frau hier hatte Lust den königlichen Blumengarten zu besuchen; indem ich sie hinführte, um ihn ihr zu zeigen, haben wir die Nacht da zugebracht; einer anderen Schuld sind wir uns nicht bewusst.“ Der König sprach: „Wo auch immer der Mann und die Frau die Nacht zugebracht haben, dafür sind sie nicht strafwürdig; wozu war es nötig, sie deshalb gefangen zu setzen?“ Damit überließ er den kommandierenden Aufsichtsbeamten samt den 100 Mann dem Minister Ssaran auf Gnade und Ungnade.

Da wagte der Aufsichtsbeamte dem Könige folgende Vorstellung zu machen: „Bei der unlängst erfolgten Verhaftung war es in der Tat deine Tochter Naran; den Mann aber kenne ich nicht im geringsten. Es bleibt mir freilich nichts anderes übrig als der Tod; doch lass deine Tochter Naran zuvor einen Eid über Gerstenkörnern leisten, dann will ich sterben.“ Der König willigte ein und befahl seiner Tochter Naran den Eid über Gerstenkörnern zu schwören. Bei einer solchen Gelegenheit pflegt alles, was Gerstenkorn heißt, sobald ein Mensch schwört, der vorher böses getan hat, auf eine falsche Aussage hin mächtig in die Höhe zu schießen, bei einer wahren Aussage dagegen wächst sicherlich nichts. Naran sprach zu ihrem Vater: „Warum soll ich, deine einzige Tochter, schwören? Mag ich nun aber rein oder unrein sein, vor einer zahlreichen Menge will ich den Eid leisten.“ Der König ging darauf ein und ließ mittelst einer Kundmachung eine allgemeine Versammlung ausschreiben.

Als die Gemahlin des Ministers Ssaran dies erfahren, bestrich sie ihren Mann am ganzen Leibe mit schwarzer Farbe und, indem sie auf diese Weise ihn ganz schwarz aussehend machte, gab sie ihm folgende Anweisung: „Zur Stunde wann die Königstochter Naran sich daran macht, bei der Führung ihres Prozesses vermittelst Gerstenkörner den Eid zu leisten, da suche, das eine Auge halb schließend, auf einem Fuß hinkend, blindlings und blödsinnig lachend, eine Krücke bei dir führend, dich unter allerlei bösartigen Possen in der zahlreich versammelten Menge umherzutreiben; bei dieser Gelegenheit wird vielleicht die Königstochter Naran für sich irgend einen Ausweg finden; den königlichen Untertanen suche ihr Essen wegzunehmen.“ Mit solchen Anweisungen entließ sie ihn.

Als er nun diesen Vorschriften gemäß auftrat, sprach der König: „Entfernt doch dieses widrige, abscheuliche Wesen, das man nicht anschauen kann!“ Während ihn nun die Minister, den Abscheu gegen ihn noch mehr erregend, zurückstießen, erhob sich die Königstochter Naran und sprach zu ihrem Vater also: „Während ich unschuldig bin, hat mich dieser Aufsichtsbeamte verleumdet. Doch wäre es für eine als Jungfrau sich ausgebende Dirne, die über diesen Gerstenkörnern hier schwören soll, unschicklich, verstohlene Liebe gänzlich abzuschwören. Unter diesen Umständen will ich den Eid leisten, indem ich dabei auf irgendein Mannsbild hinweise. Wollte ich nun auf einen schönen Mann hinweisen und bei ihm schwören, so würde ich neuerdings wieder mit diesem einen Scherz treiben. Ich bezeichne euch daher diesen biesthaften Menschen hier, bei ihm will ich schwören; sprecht nur eure Zustimmung dazu aus.“ Da riefen die sämtlichen Minister: „Wie kann die Königstochter auf ein so hässliches, widriges Geschöpf hinweisen und bei ihm schwören?“ Doch Naran antwortete: „Bei dem hat’s keine Gefahr; sollte ich denn mit dem wirklich in einem Liebesverhältnis gestanden haben? Und was hat es auf sich, mit inhaltsleerem Munde ein Geständnis abzulegen?“ Dabei erhob sie sich und begann also: „Von klein an bis auf heute habe ich meines königlichen Vaters Namen nimmermehr befleckt; der einzige Mann, mit dem ich ein Liebesverhältnis gehabt, ist dieser krüppelhafte Mensch hier; mit einem andern Menschen außer ihm habe ich nimmer männlichen Umgang gepflogen.“ In solchen Worten leistete sie ihren Eid. Da sie ihrerseits die Wahrheit gesprochen, so erhoben sich die Körner auch nicht im geringsten. Alle Anwesenden mit dem König an der Spitze glaubten jetzt an die Unschuld der Königstochter Naran; den Aufsichtsbeamten ließ der König hinrichten; den Minister Ssaran ließ er straflos ausgehen. –

„Diese Frau des Ministers Ssaran vermochte die Zukunft vorauszusehen,“ sprach der Papagei am Schlusse seiner Erzählung. „Wenn du, Muhme, deinem Manne, gleich der Frau des Ministers Ssaran, treu sein solltest, so magst du zum Nachbar gehen; ist das aber nicht der Fall, dann dürfte es kaum angehen, den Nachbar zu besuchen.“ Nach diesen Worten des Papagei gab die Frau ihren beabsichtigten Besuch beim Nachbar auf. –

So hatte die Figur erzählt. „Wenn deine Gemahlin, o König Ardschi-Bordschi,“ fuhr die Holzfigur fort, „von Tsetsen Büdschiktschi, der Gemahlin des erhabenen Königs Vikramâditja, ganz abgesehen, auch nur eine der Frau dieses Ministers gleiche Fürstin ist, so mag sie sich vor diesem Throne verneigen; wenn aber nicht, so geht es nicht an sich zu verneigen. Kehr um!“ So sprach sie und wies sie zurück.

* ‚Gehen und kommen‘ ist ein prima Beispiel für Prof. Jülgs wirklich sehr originalgetreue Übersetzung. Denn da das mongolische kaum mit Adverbien arbeitet, werden oft zwei Verben verbunden. Ebenso typisch Mongolisch sind auch die Aufzählungen. Im Mongolischen heißt es nicht ‚du und ich‘, sondern eher ‚du, ich, wir beide‘. Aber bevor ich euch jetzt mit weiteren Fachexkursen langweile, kehrt lieber wieder zur Geschichte zurück.

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Jep. Und das Ende wird uns allen vorenthalten. Sorry. Wie Herr Jülg erklärt, hat seine Handschrift offenbar nur einen Auszug wiedergegeben. Ich verspreche, ich buddele, ob ich den Rest finde. Bis dahin können wir ja Wetten abmachen – darf der arme Ardschi-Bordschi Chan jemals auf den Thron oder erzählen die Holzfiguren munter und fröhlich bis heute? 😉

 
Textquelle: Mongolische Märchen. Die neun Nachtrags-Erzählungen des Siddhi-Kür und die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan. Eine Fortsetzung zu den „Kalmückischen Märchen“. Aus dem Mongolischen übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Prof. Dr. Bernhard Jülg. Innsbruck: Verlag der Wagner’schen Universiäts-Buchhandlung 1868, S. 105–119.
Bildquelle: Konditor trägt seinem Papageien auf, seine untreue Frau zu bewachen – aus einem ossmanischen Manuskript

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