Archiv der Kategorie: Kettenmärchen

252. Der Spatz mit dem Kropf – oder ein Kettenmärchen zum Thema „Selbst ist noch das kleinste Vögelchen!“

Heute gibt es ein Tiermärchen, das zugleich ein Kettenmärchen ist und auch noch eine Moral hat. Drei Dinge auf einmal, das geht nun wirklich nicht? Lest selbst!

Der Spatz mit dem Kropf

In früheren Zeiten lebte ein kleiner Spatz, der seinen stets mit Körnern gefüllten Kropf sehr lieb hatte,so erzählt man. Als er sich eines Tages, nachdem er geschäftig auf der Suche nach Körnern umhergeflogen war und sein Kropf besonders gut gefüllt war, auf einen Erbsenstrauch setzte, wollte der doch seinen Kropf aufschlitze!

Empört flog der Spatz daraufhin zur Ziege, um sie den Erbsenstrauch aufessen zu lassen. „Frau Ziege, Frau Ziege, der Erbsenstrauch hat meinen geliebten Kropf aufschlitzen wollen! Bitte gehen sie zum Erbsenstrauch und essen Sie ihn auf,“ sagte er. Die Ziege sagte: „Das sagst Du so, dass ich Deinen Strauch essen soll. Vorher muss ich aber noch das Gras hier zu Ende essen.“

Empört flog der Spatz daraufhin zum Wolf, um ihn die Ziege fressen zu lassen. Weiterlesen

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39.1 Das Märchen vom Halbhahn – als Auftakt zur albanischen Märchenwoche

Diese Woche gibt es im Märchensammler albanische Märchen. Ihr dürft euch auf feinen Sinn für Humor, die Kraft der Lüge und schicke Zaubermärchen freuen. Den Anfang macht heute ein Tiermärchen in deutlichem Schwankton. Soll heißen, es ist nicht underb. Seid also gewarnt und lest nun selbst…

Das Märchen vom Halbhahn

Es lebte einmal ein Greis und eine Greisin. Diese zwei alten Leute hatten nichts außer ihr Leben, einen Halbhahn und eine Katze. Der Halbhahn gehörte dem Greis, die Katze aber der Alten. Der Halbhahn aber hatte nur ein Bein.

Eines Tages sagte der Halbhahn zu dem Alten: „Vater, ich gehe auf die Wanderschaft.“ „Ja, willst du mich denn allein lassen?“ fragte der Alte den Halbhahn. „Ja, ich will auf Wanderschaft gehen.“ Und der Halbhahn ging auf die Wanderschaft.

Unterwegs traf er einen Wolf. „Wohin gehst du, Halbhahn?“ fragte der Wolf. „Ich gehe auf Wanderschaft.“ „Kann ich auch mitkommen?“ fragte der Wolf. „Ja, komm nur! Aber du ermüdest gewiss.“ „Nein, ich ermüde nicht.“ Während sie gingen, ermüdete der Wolf. „Halbhahn, ich bin müde!“ „Krieche in meinen Hintern,“ sagte ihm der Halbhahn. Da kroch ihm der Wolf in den Hintern.

Während sie weitergingen, traf der Halbhahn eine Biene. Da fragte die Biene den Halbhahn: „Wohin gehst du, Halbhahn?“ „Ich gehe auf Wanderschaft.“ „Kann ich auch mitkommen?“ fragte die Biene. „Ja, komm nur! Aber du wirst müde werden.“ „Nein, ich werde nicht müde.“ Sie machten sich also gemeinsam auf. Da wurde die Biene müde. „Halbhahn, ich bin müde.“ „Kriech in meinen Hintern.“ Da kroch ihm die Biene in den Hintern.

Während sie weitergingen, traf der Halbhahn auf einen Fluss. Und der Fluss fragte ihn: „Wohin gehst du, Halbhahn?“ „Ich gehe auf Wanderschaft.“ „Kann ich da auch mitkommen?“ „Nein, du wirst müde,“ sagte der Halbhahn. „O nein! Ich komme mit!“ Während sie gingen, ermüdete auch das Wasser. „Halbhahn, ich bin müde!“ „Kriech in meinen Hintern.“ Und der Fluss kroch ihm ihn den Hintern. Weiterlesen

36.3 Die Leber – ein türkisches Kettenmärchen

Heute gibt es ein türkisches Kettenmärchen. Lest selbst…

Die Leber

Einmal wünschte eine alte Frau Leber zu essen. Sie gab also ihrer Tochter einige Para-Stücke, damit sie dafür eine Leber kaufe, dieselbe im Teiche rein wasche und dann nach Hause bringe. Die Maid ging auf den Tscharschi, kaufte die Leber und trug sie zum Teiche, damit sie dieselbe wasche. Während sie die Leber reinigte, flog ein Storch herbei, entriss ihrer Hand die Leber und flog damit weg. Die Maid bat ihn: „Gib mir die Leber zurück, o Storch, damit ich sie meinem Mütterchen bringe, sonst schlägt es mich.“

„Wenn du mir Gerste dafür gibst, so gebe ich dir die Leber zurück,“ versetzte der Storch.

Die Maid ging zum Acker hin und sprach: „Acker, gib mir Gerste, Gerste gebe ich dem Storch; Storch gibt mir die Leber zurück, die trage ich meinem Mütterchen.“

Sprach der Acker: „Wenn du zu Allah um Regen betest, so gebe ich dir Gerste.“

Als sie nun betete: „Gib Regen, o Allah; den Regen gebe ich dem Acker; der Acker gibt mir Gerste, Gerste gebe ich dem Storche; Storch gibt mir die Leber zurück, die Leber gebe ich meinem Mütterchen“ – kam ein Mensch und sagte ihr, dass ohne Weihrauch ihr Gebet nichts wert sei, sie möge sich vom Kaufmann Weihrauch holen.

Sie ging also zum Kaufmann und spracht: „Kaufmann, gib mir Weihrauch, damit ich es vor Allah anzünde; Allah gibt dann Regen, Regen gebe ich dem Acker; Acker gibt mir Gerste, Gerste gebe ich dem Storche; Storch gibt mir die Leber zurück; die Leber gebe ich meinem Mütterchen.“

„Ich gebe dir es,“ sprach der Kaufmann, „wenn du mir Stiefel vom Schuster bringst.“

Die Maid ging zum Schuster und sprach zu ihm: „Schuster, gib mir Stiefel, Stiefel gebe ich dem Kaufmanne; Kaufmann gibt mir Weihrauch, Weihrauch spende ich Allah; Allah gibt mir Regen, Regen gebe ich dem Acker; Acker gibt mir Gerste, Gerste gebe ich dem Storche; Storch gibt mir die Leber zurück; Leber gebe ich meinem Mütterchen!“

Sprach der Schuster: „Bring mir Ochsenleder, dann gebe ich dir Stiefel.“

Die Maid ging zum Lederer und sagte ihm: „Lederer gib mir Leder; Leder gebe ich dem Schuster, Schuster gibt mir Stiefel; Stiefel gebe ich dem Kaufmann, Kaufmann gibt mir Weihrauch; Weihrauch spende ich Allah, Allah gibt mir Regen; Regen gebe ich dem Acker, Acker gibt mir Gerste; Gerste gebe ich dem Storche, Storch gibt mir die Leber zurück; die Leber bringe ich meinem Mütterchen!“

„Bringst du mir ein Fell vom Ochsen, so gebe ich dir Leder,“ versetzte der Gerber.

Die Maid ging zum Ochsen und sprach: „Ochs gib mir Fell, Fell gebe ich dem Lederer; Lederer gibt mir Leder, Leder gebe ich dem Schuster; Schuster gibt mir Stiefel, Stiefel gebe ich dem Kaufmann; Kaufmann gibt mir Weihrauch, Weihrauch spende ich Allah; Allah gibt mir Regen, Regen gebe ich dem Acker; Acker gibt mir Gerste, Gerste gebe ich dem Storche; Storch gibt mir die Leber zurück; die Leber bringe ich meinem Mütterchen!“

Sprach der Ochs: „Wenn du mir Stroh bringst, so gebe ich dafür ein Fell.“

Die Maid ging also zu einem Bauern und sagte ihm: „Bauer gib mir Stroh, Stroh gebe ich dem Ochsen; Ochs gibt mir Fell, Fell gebe ich dem Lederer; Lederer gibt mir Leder, Leder gebe ich dem Schuster; Schuster gibt mir Stiefel, Stiefel gebe ich dem Kaufmann; Kaufmann gibt mir Weihrauch, Weihrauch spende ich Allah; Allah gibt mir Regen, Regen gebe ich dem Acker; Acker gibt mir Gerste, Gerste gebe ich dem Storche; Storch gibt mir die Leber zurück, die Leber bringe ich meinem Mütterchen!“

Sprach der Bauer zur Maid: „Ich gebe dir Stroh, wenn du mich küssest!“

Die Maid dachte bei sich, dass sie ihn doch küssen müsse, sonst würde sie ja ihr Ziel nie erreichen. Sie trat daher an den Bauern heran, küsste ihn und bekam von ihm für den Kuss Stroh. Das Stroh trug sie nun zum Ochsen, der Ochs gab ihr dafür ein Fell. Das Fell trug sie zum Lederer, der ihr dafür Leder gab. Das Leder gab sie für Stiefel dem Schuster hin. Die Stiefel trug sie zum Kaufmann, der ihr dafür Weihrauch gab. Den Weihrauch spendete sie Allah und betete: „Gib Regen, o mein Allah; den Regen gebe ich dem Acker, damit er mir Gerste gebe. Die Gerste gebe ich dem Storche, damit er mir die Leber zurückgebe, die ich meinem Mütterchen nach Hause tragen will!“ Allah gab ihr Regen. Den Regen gab sie dem Acker; der Acker gab ihr Gerste. Die Gerste gab sie dem Storche, der ihr nun die Leber zurückgab; die Leber brachte sie ihrer Mutter; sie kochten sie und aßen sie auf.

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Abgesehen davon, dass ich es grundsätzlich spannend finde, dass es Kettenmärchen in allen möglichen Kulturkreisen gibt, finde ich es besonders spannend, dass hier Allah schlicht als eines von mehreren Kettengliedern eingebaut wird. Er steht nicht einmal am Ende der Reihe, sondern mittendrin. Ein Gott, mit dem verhandelt wird. Sehr sympathisch.

 
Textquelle: Türkische Volksmärchen aus Stambul, gesammelt, ü̈bersetzt und eingeleitet von Dr. Ignaz Kúnos. Leiden: Brill [1905], S. 103-106.

23.3 Hähnchen und Hühnchen im Nusswald

Heute still ich meinen Tiere-in-Märchenbedarf mit einer weiteren norwegischen Variante eines Klassikers. Aber lest selbst…

Hähnchen und Hühnchen im Nusswald

Hähnchen und Hühnchen gingen einmal in den Nusswald, um sich Nüsse zu pflücken; da bekam Hühnchen eine Nussschale in den Hals und lag nun da und zappelte und schlug mit den Flügeln. Nun sollte Hähnchen hinlaufen und dem Hühnchen Wasser aus der Quelle holen.

Hähnchen lief auch hin, und als er zur Quelle kam, sagte er: „Quelle, gib mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ Die Quelle aber antwortete: „Ich geb’ Dir kein Wasser, eh Du mir nicht Laub gibst.“ Da lief Hähnchen zur Linde: „Linde, gib mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir kein Laub, eh Du mir nicht rotes Goldband gibst,“ antwortete die Linde.

Da lief Hähnchen zur Jungfrau Maria: „Jungfrau Maria, gib mir rotes Goldband. Das rote Goldband geb’ ich der Linde, die Linde gibt mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir kein rotes Goldband, eh Du mir nicht Schuhe gibst,“ antwortete die Jungfrau Maria. Da lief Hähnchen zum Schuster: „Schuster, gib mir Schuh’, die Schuh’ geb‘ ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria gibt mir rotes Goldband, das rote Goldband geb’ ich der Linde, die Linde gibt mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir keine Schuh’, eh‘ Du mir nicht Borsten gibst,“ antwortete der Schuster. Da lief Hähnchen zum Eber: „Eber, gib mir Borsten, die Borsten geb’ ich dem Schuster, der Schuster gibt mir Schuh’, die Schuh’ geb’ ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria gibt mir rotes Goldband, das rote Goldband geb’ ich der Linde, die Linde gibt mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir keine Borsten, eh Du mir nicht Korn gibst,“ antwortete der Eber. Weiterlesen

14.7 Bohnen-Manuel

Zum Abschluss kommen wir noch einmal zu einem gutgelaunten Märchen aus Portugal. Einmal mehr kommt einem bereits der Name vage bekannt vor, aber lest selbst…

Bohnen-Manuel

Ein Ehepaar führte ein trauriges Leben, da beide schon alt waren und keine Kinder hatten. Da sagte die Frau einmal: „Nichts möchte ich auf dieser Welt so gern wie einen Sohn, und wäre er auch nicht größer als eine Bohne.“ Nach einiger Zeit, als sie es am wenigsten erwarteten, bekam die Alte einen Sohn, der war so winzigklein, dass er nicht größer war als eine Bohne. Sie zogen das Kind auf und gaben ihm den Namen Bohnen-Manuel. Obwohl die Mutter ihn nie aus den Augen ließ, ging er doch oft verloren.

Einmal warf sie dem Ochsen ein paar Bündel Heu hin, zwischen die Bohnen-Manuel geraten war, und der Ochse verschlang ihn. Voller Sorge rief die Mutter überall: „Bohnen-Manuel, Bohnen-Manuel!“ Und er antwortete aus dem Bauch des Ochsen heraus: „Hier, hier!“ „Bohnen-Manuel, wo bist du?“ „Hier, hier, im Bauch des Ochsen.“ Die Mutter fing die Fladen, die der Ochse fallen ließ, auf, und so fand sie Bohnen-Manuel, der ganz schmutzig war, wieder. Sie wusch und säuberte ihn, aber der Kleine war recht übermütig, er hatte keine Angst vor den Ochsen und wollte sie sogar auf die Weide führen. Er setzte sich in das Nasenloch eines Ochsen und so führte er sie weiden und wieder zurück nach Haus, und sogar, um dem Vater mit dem Wagen das Essen zu bringen.

Einmal verspürte er ein Bedürfnis und kauerte sich unter einem Farnkraut nieder. Dort weidete indes eine Ziege und als sie die Farnschößlinge fressen wollte, verschlang sie Bohnen-Manuel. Die Mutter war diesmal noch bekümmerter, denn Bohnen-Manuel tauchte nicht wieder auf. Mit ihren Bauchschmerzen rannte die Ziege über Berg und Tal, aber immer kam sie auch zum Gemüsegarten des armen Bauern. Weil er es letztlich leid war, die Ziege zu verjagen und auch weil er fürchtete, das etwas Böses dahintersteckte, schlug der Vater von Bohnen-Manuel die Ziege tot und warf sie mitten auf die Straße. In der Nacht kam ein Wolf und fraß die Eingeweide der Ziege und so fiel Bohnen-Manuel in den Bauch des Wolfes. Er begann in den Eingeweiden des Wolfs umherzulaufen, und der kletterte vor Schmerzen auf eine Kiefer. In dem Augenblick kamen ein paar Diebe des Wegs, die auf einem Maulesel ritten und mit einigen Säcken Geld beladen waren.

Bohnen-Manuel brachte den Wolf dazu, vom Baum herabzuspringen, so dass er auf dem Boden zerbarst und die Diebe erschreckt die Flucht ergriffen. Sowie Bohnen-Manuel dem Wolf die Eingeweide nach außen gekehrt hatte, kletterte er hervor und stieg am dem Maulesel empor, setzte sich in eines seiner Ohren und begann, ihn zu kneifen. Der Maulesel rannte erschrocken davon und er leitete ihn zum Haus seines Vaters, wo er noch bei Nacht ankam und großen Lärm schlug. Man fragte von innen: „Wer ist da?“ „Ich bin’s, Bohnen-Manuel.“ Da erkannte ihn die Mutter und öffnete ihm schleunigst die Tür. Sie umarmte ihn und wusch ihn, und der Vater ging, den Maulesel abzuladen und die Säcke mit dem Geld zu verwahren, und alle waren sehr glücklich.

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Das Motiv des winzigen Söhnchens ist natürlich bekannt und hier eingebunden in ein prima Kettenmärchen. Reizend, oder?

 

Textquelle: Braga, T.: Contos tradicionaes do povo portuguez. [I:] Contos de fadas – Cassos e facecia – Notas comparativas. 2. Auflage, Lisboa 1914, S. 200f. (deutsche Übersetzung nach Zeno)
Bildquelle: Illustration einer Faba- bzw. Ackerbohne

7.6 Die Wünsche des Steinhauers

Heute gibt es nicht nur eine Variante eines weiteres Märchentopos – sei zufrieden mit dem, was du hast – sondern auch direkt eine Variante vom gestrigen Tiermärchen. Aber lest selbst…

Die Wünsche des Steinhauers

Es lebte einmal ein Steinhauer, der musste sich im Schweiße seines Angesichts plagen, denn sein Handwerk war ein schweres. Doch da seine Arbeiten immer gut waren, so verdiente er so viel, dass er ohne Sorgen und zufrieden leben konnte.

Seine Arbeitsstätte war am Fuße eines hohen Felsens, von dem er Steine losschlug und sie bearbeitete, entweder zu Grabsteinen, zu Türschwellen oder zu irgendwelchen andern Zwecken. Bei diesem Felsen nun hauste ein alter Berggeist, der, wie die Leute erzählten, die Wünsche derjenigen, denen er wohlwollte, erfüllte. Eines Tages hatte der Steinhauer einen großen Gartenstein bei einem reichen Bürger abgeliefert und gesehen, wie wohl der es sich sein lassen könne. Als er an seiner Arbeitsstätte schweißtriefend wieder angekommen war und den Schlegel ergriffen hatte, um seine Arbeit fortzusetzen, da erinnerte er sich des reichen Mannes, der geschützt und wohllebend, daheim sitzen konnte und sich nicht so schwer zu bemühen brauchte wie er, der Steinhauer. „Ach,“ seufzte er, „wer es doch auch so gut haben könnte!“

„Dein Wunsch sei dir erfüllt! Gehe heim!“ erschallte plötzlich eine dumpfe Stimme, die aus der Höhe zu kommen schien.

Der Steinhauer war sehr verwundert, legte dem aber keine Bedeutung bei, sondern setzte seine Arbeit ruhig fort. Er hatte wohl von jenem Gerede gehört, wonach hier ein Geist hause, der Wünsche erfülle, doch glaubte er nicht daran, sondern war der Meinung, dass ihn irgend ein Schalk, der seine Stoßseufzer gehört habe, äffen wolle.


Während der Arbeit ließen ihm die Gedanken keine Ruhe und da ein besonders heißer Tag war, so machte er früher als sonst Feierabend, lud sein Handwerkzeug auf und ging heim. Wie erstaunte er aber, als er bei seiner Hütte ankam! Diese war verschwunden. An ihrer Stelle stand ein gar stattliches Haus, mit allem eingerichtet, was zu einem sorgenlosen, behaglichen Wohlleben nötig war. Weiterlesen

7.5 Die Ratten und ihr Töchterlein

Natürlich komme ich auch diese Woche nicht an einem Tiermärchen vorbei. Zumal dieses fast wie ein Anti-Text zu den armes-Mädchen-wird-Frau-eines-Prinzen-Märchen zu sein scheint. Aber lest selbst…

Die Ratten und ihr Töchterlein

Einst lebte in der Nähe eines einsamen Gehöftes, das von Reisfeldern umgeben war, ein Rattenpaar, sehr geachtet von seines gleichen und in bestem Wohlstand. Diesen Ratten wurde unter vielen anderen Kindern einmal eine Tochter geboren, so niedlich und mit so glänzendem, grauem Felle versehen, mit so nett emporstehenden breiten Öhrchen uud so leuchtenden Äuglein, dass sie ganz außerordentlich stolz auf dies Töchterlein wurden und Tag aus, Tag ein mir daran dachten, wie sie ihm eine recht glänzende Zukunft bereiten sollten. Und als die kleine Ratte heranwuchs, da kamen ihre Eltern immer mehr darin überein, dass nur das mächtigste Wesen der ganzen Welt ihr Gemahl werden solle.

Als sie diese Angelegenheit einstmals mit einem Nachbar besprachen, sagte dieser: „Wenn ihr eure Tochter nur dem Mächtigsten zur Frau geben wollt, so müsst ihr die Sonne zu eurem Schwiegersohne ausersehen, denn ohne alle Frage ist der Sonne Niemand an Macht gleich.“

Das leuchtete dem Rattenpaare ein, und ohne Zögern machten sie sich auf den Weg zur Sonne und brachten ihr Anliegen vor, sie möchte ihr Töchterlein heiraten. Die Sonne aber erwiderte: „Zwar bin ich euch sehr verbunden, dass ihr euch so weit herbemüht habt und die freundliche Absicht hegt, mir eure vielgeliebte Tochter zur Frau zu geben, aber bitte, sagt mir, was für einen Grund habt ihr dafür, dass ihr gerade mich zum Schwiegersohne ausersehen habt?“ Die Ratten sagten: „Wir möchten unsere Tochter gern dem mächtigsten Wesen der Welt zur Frau geben, und das bist ohne allen Widerstreit eben du. Damm haben wir dich zum Schwiegersohne erwählt.“ Da sprach die Sonne: „Was ihr da sagt, ist wohl nicht ohne allen Grund, aber es gibt doch etwas, das mächtiger ist als ich. Dem müsstet ihr also euer Töchterchen zur Frau geben.“ Die Ratten entgegneten: „Kann denn wirklich etwas mächtiger sein, als du?“ Die Sonne aber sprach: „Wenn ich die Welt bescheinen will dann kommt gar oft eine Wolke herangezogen und deckt mich zu, und meine Strahlen vermögen sie nicht zu durchdringen noch zu verscheuchen; ich bin machtlos gegen die Wolke. Da müsstet ihr also zur Wolke gehen und sie zu eurem Schwiegersohne machen.“ Das sahen die Ratten ein und gingen zur Wolke. Weiterlesen