253. Wie das Stierkälbchen und das Ziegenböckchen die Wölfe erschreckten

Heute zeigen zwei Jungtiere, das es auch ohne erwachsene Beschützer geht – wenn man nur dreist genug ist.

Wie das Stierkälbchen und das Ziegenböckchen die Wölfe erschreckten

In viel früheren Zeiten zog ein Ail* von seiner Winterweide fort, weil ein Dsud** ausbrach. Aber unter dem Schnee blieben ein einjähriges Stierkälbchen und ein Ziegenböckchen ausweglos und völlig erschöpft zurück, so erzählt man. Mit dem Frühling kam bald die Schneeschmelze, frisches Grün spross, und sobald es warm genug war, kamen eben jene beiden Jungtiere unter dem Restschnee hervor. Als sie, nachdem sie ein bisschen zu Kräften gekommen waren, gemeinsam losliefen, fanden sie auf dem Weg eine Wolfshaut.

Sie nahmen sie mit sich und liefen weiter, bis in der Steppe eine weiße Jurte sichtbar wurde. Das Stierkälbchen und das Ziegenböckchen steuerten darauf zu. Als sie bei der weißen Jurte angekommen waren, legten sie die Wolfshaut draußen zurück und traten ein. Drinnen aber schmausten sieben, große Wölfe bei einem Trinkgelage.

Der Wolf, der erhaben auf dem Ehrenplatz der Jurte saß, fragte das einjährige Stierkalb: „Wie ist dein Name?“ Das Stierkälbchen erwiderte: „Ich bin der Feldherr des Reiches mit dem großen Bauch!“ Der Wolf fragte auch das Ziegenböckchen: „Wie ist dein Name?“ „Mein Name ist Held Sengee mit den Säbelhörnern,“ sagte der.

Da wunderten sich die Wölfe doch und fragten auch noch einmal gemeinsam: „In was für einer Angelegenheit sind Sie, Geehrte, wohl unterwegs?“ Da sagte das Ziegenböckchen: „Uns ist die Aufgabe zugefallen ist, dem Khaan Khurmast einen Pelzmantel aus siebzig Wolfshäuten zu machen. Auf dem Weg hierher haben wir bisher einen räudigen Wolf aus der westlichen Schlucht gefunden. Aber hier sind ja nun durch pures Glück gleich noch sieben!“

Der erste Wolf sagte: „Ich will nur schnell austreten.“ Er ging hinaus, und sobald er draußen die Wolfshaut sah, bekam er große Angst und machte sich verstohlen davon. Als der erfahrene Anführerwolf nicht wider zurückkam, sprachen die nachfolgenden Wölfe untereinander und einer nach dem anderen ging hinaus, bis am Ende nur ein Wolf übrigblieb.

Als dieser Wolf hinausging, ging das Ziegenböckchen hinterher und als der Wolf es sah, raste es mit vier oder fünf Luftsprüngen davon. Das Ziegenböckchen jagte hinter, als ginge es ihm ans Leben, und da bekam der Wolf richtig Angst und versteckte sich gleich.

So haben das einjährige Stierkalb und das Ziegenböckchen die sieben feiernden Wölfe geschickt fortgeschickt, und als sie nach Hause zurückkehrten, empfing sie ihr Herr mit Freuden, so erzählt man.

* Ein Ail ist eine Ansammlung von Jurten.
** ‚Dsud‘ nennen die Mongolen ein gefürchtetes Wetterphänomen. Hier ist offenbar der ‚weiße Dsud‘ gemeint, d.h. ein so starker Schneefall, dass das Vieh nicht mehr ans Gras kommt. Im schlimmsten Fall kann es zu massiven Verlusten an Vieh kommen. Für mehr Informationen könnt Ihr Euch hier zu Wiki durchklicken.

Textquelle: Бухан бяруу, ухна ишиг хоёр чоныг айлгасан нь (Das einjährige Stierkalb und das Ziegenböckchen erschrekcten die Wölfe). Aus: Mal adsch akhujn cholbogdoltoj ardyn aman zokhiol. Zusammengestellt von B. Sodnom. Redakteur G. Rentschinsambuu. Ulaanbaatar 1956, S. 107f. – Übersetzung: Berlinickerin.
Bildquelle: Weiße Jurte in der Gobi & Zeichnung eines Ziegenböckchens

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Nach meiner eigenen Erfahrung – wenn auch mit deutschen Jungbullen und Ziegenböckchen –  sind die Charaktere absolut getroffen. Neugierig, dreist und mit dezentem Napoleon-Komplex. 😉

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Ein Gedanke zu „253. Wie das Stierkälbchen und das Ziegenböckchen die Wölfe erschreckten

  1. tobias weber

    hi märchensammlerin, erinnerst du dich an die übersetzungsseminare bei frau schöne?
    ich möchte gern in kontakt mit dir bleiben. lg tobias (dalaimergen@yahoo.de).

    Antwort

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