43.4 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: II.b Vikramâditja der Besieger der Schimnus

Heute wird unser Held endlich zum Helden und zwar wie es sich gehört im Kampf gegen Monster. Und so kann Ardschi-Bordschi denn auch endlich was lernen, was ihn auf den Pfad der Tugend führt, sozusagen. Lest selbst…

43.3 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
II.b Vikramâditja der Besieger der Schimnus

Eines Tages sprach der Prinz Vikramâditja zu seiner Mutter: „Meine Mutter! Lebe hier ruhig weiter; von meinem Schalû begleitet will ich in der Residenz, in welcher mein königlicher Vater herrschte, mich umsehen.“ „Mein Sohn Vikramâditja!“ versetzte die Mutter, „die Entfernung ist gar weit, der bösen Menschen gibt es so viele; wie willst du, mein Teurer, hingelangen?“ Doch der Prinz Vikramâditja antwortete: „Mag auch die Entfernung weit sein, ich werde durch rüstiges Wandern schon hingelangen; wenn der Feinde auch viele sind, ich werde sie zu überwinden trachten.“ Und so machte er sich auf den Weg in die heimatliche Residenz.

Nachdem er endlich angekommen war, erfuhr er, dass der König Galischa auf die Nachricht, dass König Gandharva gestorben sei und zahlreiche Untertanen sich flüchteten, daselbst in der Absicht erschienen war, sich dort niederzulassen und sich in den Besitz der Residenz des Königs Gandharva zu setzen. Allein schon früher waren die Schimnus erschienen und hatten Besitz davon ergriffen. Die Schimnus kehrten zurück, ließen den König Galischa zwar eindringen, nahmen ihn aber dann gefangen und pflegten nun als Tributlieferung von ihm 100 Menschen mit einem Edelmann an der Spitze in Empfang zu nehmen.

Als der Prinz Vikramâditja bei seiner Ankunft in ein Haus am äußersten Ende der Stadt eintrat, fand er daselbst ein altes Mütterchen, welches mit dem Antlitz nieder zur Erde gekehrt dalag und in einem fort sich das Gesicht zerkratzte, die Haare ausraufte und Staub und Asche kaute. Der Prinz Vikramâditja hob sie auf und fragte sie: „Mütterchen! worüber grämst und kümmerst du dich so außerordentlich?“ Die Alte versetzte: „Ihr meine Jünglinge, wisst ihr es denn nicht? Ich hatte nur zwei Söhne. Unser König Galischa war hierhergekommen, um die Residenz des früheren Königs Namens Gandharva in Besitz zu nehmen; allein da er sich von den Schimnus beherrschen lässt, pflegt er diesen an einem Tage 100 Menschen mit einem Edelmann an der Spitze als Tribut zu überliefern. Einen meiner Söhne habe ich bereits früher zum Tribut hingegeben; jetzt haben sie auch den einzigen mir noch übrig gebliebenen Sohn abgeholt, indem sie sagten, dass ich ihn hergeben müsse; deshalb werde ich nun einsam und allein in der Verbannung sterben müssen; das ist meine Klage!“ Auf diese Worte erwiderte der Prinz Vikramâditja: „Mütterchen, bewahre, dass du sterben solltest! Deinen Sohn werde ich dir zurückschicken und ich will an seiner Stelle mich aufspeisen lassen!“ „Ei bewahre, du mein mutiges Söhnlein!“ sagte die Frau; „ich bin ein altes Mütterchen, mit dem es zu Ende ist; wenn du, mein lieber, das versuchen wolltest, so würde deine alte Mutter gleich mir sich unaufhörlich grämen.“ Doch der Prinz Vikramâditja sprach: „Mütterchen, lass das gut sein! Wenn ich den Sohn dir nicht zurückzuschicken im Stande bin, so nimm du an Kindes Statt diesen meinen Jüngern Bruder an, indem du ihn Sohn heißest.“

Als er nun in die Behausung des Königs Galischa trat, hatte dieser eben die 100 Menschen mit dem Edelmann an der Spitze versammelt, welche sich in bitterem Kummer mit einander besprachen. Wie der König den Prinzen Vikramâditja erblickte, fragte er ihn, wem er gehöre, worauf Vikramâditja antwortete: „Ich bin der Sohn des Königs Gandharva; nach dem Tode meines Vaters bin ich aus Furcht vor den Schimnus geflohen; bloß von meinem jüngeren Bruder begleitet bin ich gekommen, um zu sehen, ob diese unsere Residenz sich wieder erholt hat?“ Darauf ließ der König Galischa sich also vernehmen: „Der Himmel möge dich davor bewahren, dass du früher gekommen wärest! Das sei ferne von dir! Da ich zuerst gekommen, bin ich in Not und Elend geraten, und so liegen wir nun darnieder, indem ich 100 Menschen mit einem Edelmann an der Spitze als Tribut überliefern muss!“ „Ich habe das,“ versetzte der Prinz, „bei meiner Ankunft von einer alten Frau gehört; weil der Kummer der Alten so groß ist, so bin ich gekommen, um in eigener Person an die Stelle ihres Sohnes zu treten.“ Der König Galischa sprach: „Du wirst nicht im Stande sein den Schimnus entgegenzutreten; es ist nichts anderes zu erwarten, als dass sie dich aufspeisen.“ „Nun, ich bin erschienen,“ erwiderte der Prinz, „um, wenn ich für einen Menschen mich aufspeisen lasse, bei meinen künftigen Wiedergeburten in einer höheren Stufe als der jetzigen geboren zu werden.“ „So mag dieser gehen!“ sagte der König, und schickte den Sohn der Alten zurück.

Da nun Vikramâditja mit den 100 Mann dem Anscheine nach lustig tanzend abzog, rief der König Galischa, der ihm nachschaute, voll Erstaunen aus: „In dem einen Falle könnte er unser Retter sein; wenn der aber nicht eintritt, dann dürfte er wohl als Zuwachs zu den uns tötenden Dämonen erschienen sein; was nun aber auch geschehen mag, wir wollen alle den Tag über versammelt bleiben.“

Als der Prinz Vikramâditja unter dem Geleite der 100 Personen nun in die große Residenz eintrat, befand sich daselbst ein prachtvoller Königspalast; im Innern desselben befand sich der von Löwen getragene Thron. Der Prinz stieg zu demselben empor und setzte sich darauf nieder. „Ach,“ sprach er in Tränen ausbrechend, „wie war es doch ganz anders, so lange mein armer Vater glücklich herrschte! Seitdem wir ihn aber in die höheren Regionen entschwinden sahen, wie müssen wir da die Eitelkeit dieser Welt erfahren! Ach diese armen!“ fuhr er unter mehr Tränen fort, „was hätte man früher gedacht, wenn die Schimnus 100 Menschen verspeist hätten! Schimnus, dass ich deine Sippschaft nur nicht ausrotte!“ Nach dieser Drohung schickte er die 100 Menschen nach Hause zurück. Dem Könige aber ließ er sagen: „Deine Schimnus werde ich bändigen; lass in meiner Nähe 400 Gefäße mit Branntwein aufstellen.“ Wie der König Galischa das hörte, freute er sich und ließ alles so, wie jener es verlangt, aufstellen.

Als nun das Heer der Schimnus erschien, fielen sie mit hastiger Gier über die 400 Gefäße voll Branntwein her und tranken im Übermaß; wie sie völlig betrunken am Boden lagen, tötete sie der Prinz, indem er sie in Stücke zerhieb. Inzwischen war der König der Schimnus, als er diese Kunde vernahm, erschienen und warf sich mit gezogenem Schwerte auf Vikramâditja. Doch der Prinz sprach: „Halt, König der Schimnus! Genieß doch zuerst von den hier bei mir aufgestellten Sachen; wenn du mit ihnen fertig wirst, so will ich dein Sklave werden; bewältigst du sie aber nicht, so werde du mein Sklave.“ Der König der Schimnus verschlang alles, ward berauscht und fiel zu Boden. Da dachte der Prinz: „Der Ruhm, durch Tapferkeit ihn getötet zu haben, dürfte höher sein, als der Ruhm, wenn es hieße: ‚er hat ihn durch List getötet.‘“ Und so hielt sich Vikramâditja ruhig abwartend zurück.

Als der König der Schimnus sich wieder erholt und zum Kampfe sich emporgerichtet hatte, da hieb ihn der Prinz in zwei Stücke; daraus wurden zwei Menschen, die mit ihm zu ringen begannen. Diese zerhieb er in vier Stücke, woraus vier Menschen wurden, die mit ihm den Kampf aufnahmen. Diese hieb er in acht Stücke entzwei; daraus wurden acht Menschen, die auf ihn losstürzten. Da verwandelte sich der Prinz in acht Löwen, welche ein fürchterliches Gebrüll erhoben und jene vollständig zerrissen. Während dessen stürzten Berge ein und wurden zu Ebenen, die Ebenen aber zerteilten sich und Wasser stürzte aus ihnen hervor, das ganze Volk des Königs Galischa fiel besinnungslos nieder. Doch nachdem er den König der Schimnus getötet, veranstaltete er eine Räucherung, versetzte die Erde wieder in ihre ruhige Stellung und rief das Volk zur Besinnung zurück; auf diese Weise ward alles in Glück und Freude verwandelt. Das gesamte Volk mit dem König Galischa an der Spitze bezeugte dem Prinzen Vikramâditja seine Verehrung. In solcher Weise hat der hehre heldenmütige König Vikramâditja das Glück und die Freude der Königin-Mutter und seines ganzen Volkes begründet. –

„Wenn du ihm gleich bist,“ sprach die Holzfigur zu Ardschi-Bordschi Chan, „dann setze dich auf den Thron; bist du es aber nicht, dann kannst du dich nicht darauf niederlassen.“

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Also Heldenmut hat er nun der gute Vikramâditja. Eitelkeit allerdings auch. Persönlich finde ich ja Intelligenz eh beeindruckender als pure Kraft, aber fein – andere Zeiten. Schauen wir mal wie es weiter geht morgen.

 
Textquelle: Mongolische Märchen. Die neun Nachtrags-Erzählungen des Siddhi-Kür und die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan. Eine Fortsetzung zu den „Kalmückischen Märchen“. Aus dem Mongolischen übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Prof. Dr. Bernhard Jülg. Innsbruck: Verlag der Wagner’schen Universiäts-Buchhandlung 1868, S. 89–95
Bildquelle: Held im Kampf mit einem haarigen Dämon in einer englischen Ausgabe indischer Märchen von 1892

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