43.5 Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan – heute: III.a Vikramâditja besteigt als Bettler den Thron – Der Minister mit den Opferkerzen – Vikramâditja und die schweigende Jungfrau

Heute lernen wir mit Ardschi-Bordschi Chan, wie Vikramâditja als clever einen verfluchten Thron enthexte, dass sich Opferkerzen nicht gern essen lassen und Göttinnen nicht gerne reden. Oder so ähnlich. Lest am besten selbst…

Die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan
Vikramâditja besteigt als Bettler den Thron – Der Minister mit den Opferkerzen – Vikramâditja und die schweigende Jungfrau

Als der König Ardschi-Bordschi abermals den Wunsch äußerte, sich auf den Thron setzen zu wollen, sprach eine Holzfigur: „Halt König! Du kannst dich nicht darauf setzen. Ich will eine Begebenheit aus dem Leben des hehren heldenmütigen Königs Vikramâditja erzählen.“ Und damit erzählte sie folgende Geschichte. –

Während König Vikramâditja sein ganzes Volk fortwährend beglückte, war ein anderer mächtiger König zum Nirvâṇa eingegangen. Weil kein Sprössling vorhanden war, um seinen Thron zu besteigen, so wählte man einen Jüngling aus dem Volke und setzte ihn als König ein. Weil nun aber, wenn einer einen Tag regiert hatte, derselbe jedesmal in der Nacht starb, so machte der hochheilige König Vikramâditja, als er den fortwährenden Kummer und das Leiden des zahlreichen Volkes erfuhr, von Schalû begleitet in Bettlergestalt sich auf den Weg, um dem Volke Rettung zu bringen. Als er bei seiner Ankunft in ein Haus eintrat, fand er einen Greis mit seiner betagten Frau, welche, für einen schönen Jüngling einen Thron zurecht machend und ihm alle Ehre erweisend, voll Betrübnis dasaßen.

„Worüber seid ihr betrübt?“ fragte er sie. „Unser König,“ antworteten sie, „ist verschieden; und da er ohne Nachkommen ist, und auch die edlen Jünglinge unseres Volkes bereits ausgegangen sind, so trifft unsern einzigen Sohn das Los heute den Thron zu besteigen, und so wird er in der Nacht sterben müssen. Deswegen sind wir betrübt.“ Vikramâditja sprach: „Da für uns zwei Bettler der Tod gleichgültig ist, so wollen wir um deines Sohnes willen 24 Stunden lang König werden und dann sterben.“ Da versetzte der Greis: „Wir können darüber nicht entscheiden; drei mit der Bestimmung der hierbei zu beobachtenden Reihenfolge beauftragte einsichtsvolle Minister haben darüber zu entscheiden. Ich will es zu ihrer Kenntnis bringen.“

Darauf begab er sich zu den drei weisen Ministern, und als er ihnen den Vorschlag der beiden Bettler genau mitteilte, sprachen die Minister: „Wenn die Bettler sterben zu wollen erklären, wenn sie auch nur für einen Tag König gewesen, so haben sie ganz Recht; führe sie her.“ Nachdem sie erschienen waren und man sie auf den Thron gesetzt hatte, machten die Minister dem zahlreichen Volke bei dessen Auseinandergehen folgendes bekannt: „Bisher haben wir gewöhnlich jeden Tag eines Königs Gebeine bestattet; weil wir morgen früh die Gebeine von zwei Königen werden bestatten müssen, so versammelt euch recht früh.“ Damit ging das Volk aus einander.

Nachdem der König Vikramâditja den Thron bestiegen und die Sache sorgfältig geprüft und untersucht hatte, fand er, dass die Großkönige von früher den Himmelsgöttern und den Herrschern der Erde und des Wassers sowie den acht Abteilungen der Geister jede Nacht ein geheimnisvolles Opfer darzubringen pflegten; die folgenden Könige aber (weil sie die Opfer unterließen), erkannte er, hatten diese Geister getötet. Der hochheilige heldenmütige König Vikramâditja setzte nun aus dem Schatze des Königs die unumgänglich nötigen Opfer in Bereitschaft, rief die Geister zusammen und brachte ihnen die Gaben dar. Die Götter freuten sich ungemein, errichteten ein kostbares mongolisches Zelt, das sie ihm übergaben, und kehrten dann zurück. Als den andern Tag in der Frühe zahlreiches Volk mit Holz und Brennmaterialien, um die Gebeine des Königs zu bestatten, zusammen kam, waren die beiden natürlich nicht gestorben; die drei Minister an der Spitze und das hohe und niedere Volk beschenkte und belohnte der König mit dem Edelstein Dsching bis zur Genüge. Das gesamte Volk berief die Geistlichkeit, sprach öffentliche Segenswünsche aus und bezeugte dem Vikramâditja seine Verehrung, wobei es ihn den vom Schicksal bestimmten hochheiligen König nannte. Dann ging alles aus einander.

Während nun der hochheilige König Vikramâditja glücklich hier herrschte, brachten ihm einst, da ein Minister in ungerechtem Vorgehen zahlreiche Untertanen bedrückte, die anderen Minister eine Klage darüber vor. Der König sprach: „Was soll man den Ärmsten töten? Man jage ihn weit fort.“ Nachdem man ihn in die weite Welt verstoßen, pflegte dieser Minister an drei Festtagen eines jeden Monates in Beobachtung eines Gelübdes die Fasten zu halten. Einst, nachdem er Fasten gehalten, waren ihm die Lebensmittel ausgegangen und nirgends fand sich mehr etwas vor. Früher hatte er aus wenigen Überbleibseln von Brotkrümchen und Fett vier kleine Opferkerzen gebildet und indem er aus einem Steine einen Altar bildete, sie auf demselben aufgestellt. Während er nun so dasaß, war Mittag herangerückt. Ohne einen Imbiss zu sich zu nehmen, geht es nicht; da aber nichts vorhanden war, geeignet zum Imbiss zu nehmen, so griff er nach einem Endchen der von ihm zum Zeitvertreib aus Teig angefertigten Opferkerzen, um es zu verzehren; ohne sich aber greifen zu lassen, verschwand dasselbe und verkroch sich hinter die andern Opferkerzen; und als er die andern Kerzchen greifen wollte, da dachte der Minister, weil sie sämtlich Reißaus nahmen: „Zwar waren diese meine Gebilde zum Opfer bestimmt, allein da sie vor mir Reißaus nehmen, so will ich sie sämtlich verzehren.“

Wie er sie aber alle mit einander ergreifen wollte, da nahmen sie sämtlich nebst dem steinernen Altar Reißaus und machten sich auf und davon. Indem der Minister hinter ihnen her stürzte, veranlasste er, dass sie in eine Felsenhöhle flüchteten; als er sie verfolgend in dieselbe Höhle eindringen wollte, da riefen zwei über dem Eingang der Höhle stehende steinerne Widder, die ihn erblickten: „Da du dies schlimme Wahrzeichen hier siehst, so dring nicht ein. In dieser Grotte sitzt die Ḍâkinî Tegrijin Naran (Göttersonne) in tiefe Betrachtung versunken; wer sie zweimal zum Sprechen bringt, dem wird das Glück zu Teil, sie heimzuführen. Wenn du etwa in der Absicht gekommen bist, sie zum Sprechen zu bringen, so lass dir das ja nicht einfallen; obgleich schon die Söhne von 500 Königen nacheinander erschienen sind, in der Absicht sie zum Sprechen zu bringen, so vermochten sie ihr dennoch keinen Laut zu entlocken, sondern sie schmachten dafür hier in diesem Felsengewölbe eingeschlossen.“

Nach diesen Worten packten sie ihn mit den Hörnern und schleuderten ihn empor. Der Minister flog schwebend dahin und fiel gerade auf den Schoß des hochheiligen Königs Vikramâditja nieder. Da rief der König: „Ei, der strafwürdige Minister! Warum bist du gekommen?“ Als der Minister das, was er von Naran-Ḍâkinî wusste, umständlich erzählt hatte, sprach der König: „Ich, Schalû und die drei einsichtsvollen Minister, wir wollen alle fünf hingehen!“ Sie machten sich auf den Weg. Dort angelangt hielt Vikramâditja sofort die zwei steinernen Widder fest und gab Schalû und den drei weisen Ministern folgenden Auftrag: „Ihr alle vier geht hinein und verwandelt euch in den Rosenkranz, den Altar, den Opferkrug und die Lampe der Naran-Ḍâkinî; ich werde nachkommen und eine Geschichte aus alten Zeiten erzählen; ihr alle vier gebt dann meiner Erzählung eine ganz verkehrte Auslegung.“ Damit schickte er sie voraus. Alle vier verwandelten sich dem Befehle gemäß.

Etwas später trat der König ein und ließ sich also vernehmen: „Ich bin der Herr und König von Ģambudvîpa; indem es hieß, dass dies hier Tegrijin Naran Ḍâkinî sei, bin ich hierhergekommen sie zu besuchen.“ Auf diese Worte gab Naran-Ḍâkinî keinen Laut von sich. Der König sprach abermals: „Aus Anlass dieser meiner Herkunft will ich eine Geschichte erzählen; oder, Naran-Ḍâkinî, erzähle du selbst eine Geschichte.“ Als Naran-Ḍâkinî auch hierauf keinen Laut von sich gab, sprach der Altar: „Dass von einem persönlichen Wesen wie Naran-Ḍâkinî ein Laut komme, das schickt sich nicht; dass von einem unpersönlichen Wesen, wie ich Altar bin, eine Antwort ausgehe, dazu bin ich eigentlich wohl nicht berufen; allein da der hehre König sich aufgemacht hat und hier erschienen ist, in der Absicht eine Geschichte zu erzählen, so wäre es ungeziemend, wenn keine Antwort erfolgte. So gerne nun ich Altar mich auch zum Erzählen erbieten möchte, so ist doch, weil Naran-Chatun Tag und Nacht auf mir ihre frommen Betrachtungen anstellt, mein Inneres stets ohne die nötige Sammlung; König, erzähle daher du eine Geschichte.“ Bei diesen Worten warf Naran-Chatun einen Blick auf ihren Altar, blieb aber ruhig sitzen. Da erzählte der König folgende Geschichte:

*******

Ja, entschuldigt. Wieder ein Cliffhanger. Morgen gibt es dafür sogar zwei Geschichten, die Vikramâditja der Naran-Chatun erzählt, die darauf vielleicht redet oder auch nicht.

Spannend übrigens, dass die Naran dann zur Chatun wird, was den mongolischen Schreibern und den Lesern/Hörern des Ardschi-Bordschi Chan-Zyklus aber natürlich viel vertrauter war, als ihre Rolle als buddhistische Göttin. Umso spannender das ‚mongolische Zelt‘, das als Geschenk auftaucht. Nicht das eine Prachtjurte kein würdiges Geschenk wäre, aber dass die mongolisch ist, würde sich ja von selbst verstehen. Nee. Das Zelt dürfte wohl schon im Sanskrit-Original dastehen, aber kulturell nicht übersetzt. Gut, vielleicht nur für Literaturwissenschaftlerinnen spannend, die auch Mongolistik studiert haben. 😉

 
Textquelle: Mongolische Märchen. Die neun Nachtrags-Erzählungen des Siddhi-Kür und die Geschichte des Ardschi-Bordschi Chan. Eine Fortsetzung zu den „Kalmückischen Märchen“. Aus dem Mongolischen übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Prof. Dr. Bernhard Jülg. Innsbruck: Verlag der Wagner’schen Universiäts-Buchhandlung 1868, S. 95–103.

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