41.6 Sim Chung, die gute Tochter – in einem Märchen um Pflicht, Schicksal und doch auch Liebe

Auch heute gibt es ein Märchen, in dem um Liebe und Pflicht geht. Mit einer vorbildlichen Tochter, kaum Bösewichtern und dafür einem funkelnden Palast unter Wasser. Aber lest selbst…

Sim Chung, die gute Tochter

Sim Hyung, oder Herr Sim, war in dem Dorfe, in welchem er lebte, hoch geachtet. Er gehörte der Klasse der Yang-Ban, also den Edelleuten, an. Wenn er daher die Straße entlang ging, tat er dies mit dem vornehmen ausholenden Schritt seiner Klasse. Und wenn er auf seinem Lieblingsesel ritt oder im Stuhle getragen seinen Beschäftigungen nachging, lief stets ein Diener voraus, welcher den Leuten, die ihm begegneten, zurief, Platz zu machen, damit sein Herr ungehindert passieren könne. Er bekleidete keinen hohen Rang, obgleich seine Kenntnisse hochgeschätzt wurden; das Gehalt, welches ihm seine Stelle einbrachte, genügte kaum zu den nötigsten Bedürfnissen, Privatvermögen besaß er nicht und konnte daher nur bei größter Sparsamkeit seinem Stande gemäß leben.

Er war so glücklich gewesen von seinen Eltern an ein ebenso schönes als gut erzogenes Mädchen verheiratet worden zu sein. Dieselbe ward wegen ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit von jedermann gerühmt und ihre geistigen Fähigkeiten wurden weit und breit anerkannt. Nicht allein konnte sie das einheimische Ernmum* lesen, sondern war auch in den chinesischen Schriftzeichen bewandert. Aber diese hochgebildete Jungfrau war auch in, allen weiblichen Handarbeiten sehr geschickt. Ihre kunstvoll in Seide und Gold ausgeführten Stickereien waren der Stolz ihrer Eltern und Freunde, und als sie einst einen Abschnitt der Geschichte Koreas mit prachtvollen chinesischen Schriftzeichen in Seide gearbeitet hatte, machte ihr Vater dem Könige damit ein Geschenk. Diesem gefiel die schöne Arbeit so sehr, dass er sie zu einem Wandschirm verwenden ließ, den er stets neben die Matte, auf welcher er saß, zu stellen befahl, um die kunstvolle Arbeit immerfort anschauen zu können.

Sim war zuerst gar nicht von der Wahl seiner Eltern erfreut, da er ein Vorurteil gelehrten Frauen gegenüber hatte, als aber seine Zukünftige bei der Hochzeitsfeierlichkeit ihr Antlitz entschleierte und er ihre bezaubernden Züge sah, war er so sehr von ihrer Lieblichkeit berauscht, dass er kaum das Ende der Zeremonien erwarten konnte, um sie für ewig sein zu nennen.

Die Ehe war eine überaus glückliche. Einer schien für den anderen geschaffen zu sein und jeder gerade die Eigenschaften zu besitzen, die der andere am höchsten schätzte, sodass beide Teile sehr mit der Wahl zufrieden waren, welche die beiderseitigen Eltern getroffen hatten. Oft saßen sie abends beim Mondschein im Garten, der sich an die Frauengemächer anschloss und machten Pläne für die Zukunft. Ihr einziger Wunsch bestand darin, einen Sohn zu haben; doch Jahre gingen dahin, ohne dass ihnen ein Kind geboren wurde. Die Frau befragte Priesterinnen und der Mann wurde ganz trübsinnig und zog sich von allem Verkehr mit Menschen zurück, denn er glaubte die Leute rechneten es ihm zur Schande an, kinderlos zu sein. Er lebte nur mit seinen Büchern und vernachlässigte seine Gattin, welche er nie mehr in ihren Gemächern aufsuchte. Infolge dieser ununterbrochenen geistigen Tätigkeit und des einsamen Lebens fing er an zu kränkeln, wurde mager und bleich und seine Augen verloren ihren Glanz. Seine Frau trug ihr Missgeschick standhafter und gab die Hoffnung, Kinder zu bekommen, nicht auf, obwohl sie sich schämte keinen anderen Namen zu haben als ‚die Frau des Sim‘ und es doch so sehnlich gewünscht hatte, sich ‚die Mutter des kleinen Sim‘ genannt zu hören, von dem sie beide Tag und Nacht geträumt hatten. Endlich blieben auch diese Träume aus.

So waren ihnen fünfzehn Jahre vergangen, als die Frau wieder einen Glück verheißenden Traum hatte: sie sah einen Stern vom Himmel auf sich herabfallen. Sogleich schickte sie zu ihrem Gemahl und sagte ihm, dass sie fest glaube, jetzt würde sich ihr Wunsch er füllen – und ihre Hoffnung täuschte sie nicht. Ein Kind wurde ihnen geboren; aber statt des erwarteten Knaben war es nur ein Mädchen. Trotzdem beide Eltern gern einen Sohn gehabt hätten, freuten sie sich doch sehr, dass sie nach fünfzehnjährigem Warten doch noch ein Kind bekommen hatten und nahmen sich vor, ihre kleine Tochter recht herzlich zu lieben.

Das Elternpaar wurde durch dieses gemeinsame Familienband wieder inniger verbunden und das Kind wuchs unter ihren Augen prächtig heran. Es blieb von allen Kinderkrankheiten verschont und überwand selbst die Pocken so glücklich, dass sein Gesicht nicht von den schrecklichen Narben verunziert wurde, welche diese Krankheit so oft hinterlässt. Als die Kleine drei Jahre alt war, schien es, dass sie noch schöner als ihre Mutter werden würde. Ihre Wangen glichen aufgeblühten Rosen und jedesmal wenn sie ihren kirschroten Mund öffnete und ihre kleinen Perlenzähne zeigte, sagte sie etwas Kluges und Angenehmes oder brach in ein silberhelles Lachen aus. Die früher so trübseligen Eltern lebten in dem Kinde wieder auf und waren voll Stolz über das Lob, welches seiner Klugheit und Schönheit gezollt wurde. Der Vater vergaß fast, dass es ein Mädchen war und behielt es den ganzen Tag um sich, seine Schritte behütend und es vor allem Schaden bewahrend.

Doch dies Glück war zu groß, um für lange Zeit zu dauern. Die Mutter der kleinen Sim ward krank und starb plötzlich. Der Gatte war der Verzweiflung nahe, weinte und wehklagte Tag und Nacht über den Verlust seines Weibes und als er endlich seine Gemächer verließ und sich vor Menschen zeigte, war seine Gestalt gebeugt, sein Haar gebleicht und seine Augen von den vielen vergossenen Tränen tot. Er war erblindet. Da der Vater sich nun nicht mehr um den Lebensunterhalt seines Kindes durch eigene Arbeit kümmern konnte, so fing er an Stück für Stück seines ganzen Eigentums zu verkaufen und nach zehn Jahren war alles, selbst das Haus, in dem sie wohnten, in andere Hände übergegangen. Jetzt musste der Vater betteln und seine Tochter, die inzwischen zur Jungfrau herangewachsen war, durfte ihn nach den Landesgesetzen, welche den erwachsenen Mädchen in einem gewissen Alter verbieten auszugehen, nicht mehr begleiten. Eines Tages hatte der arme Blinde das Unglück in eine mit Wasser angefüllte Grube zu fallen.

Lange Zeit bemühte er sich vergebens aus derselben herauszukriechen, als er sich ihm nähernde Schritte hörte und nun um Hilfe rief: „Hilf mir Armen,“ schrie er, „ich bin blind und nicht etwa betrunken.“ „Ich weiß, dass du nicht betrunken, sondern erblindet bist, doch dir kann geholfen werden,“ antwortete die Stimme des Herankommenden. „Wer bist du, dass du so genau über meine Verhältnisse Bescheid weißt?“ fragte Sim. „Ich bin der Priester aus dem Tempel der Bergfeste,“ erwiderte der Fremde. „Du meinst, das Augenlicht könne mir wiedergegeben werden?“ fragte der Blinde. „Ja,“ gab ihm der Priester zur Antwort, „ich hatte einen Traum, dich betreffend. Im Falle du dem Buddha meines Tempels ein Opfer von dreihundert Sack Reis bringst, wirst du dein Augenlicht wieder erhalten. Du wirst dann einen hohen Beamtenposten bekommen und reich an Ehren und Würden werden und deine Tochter wird zur vornehmsten Frau im ganzen Reiche erhoben.“ „Aber ich bin alt und arm,“ entgegnete Sim, „wie kann ich wohl solch fürstliches Opfer bringen?“ „Du brauchst es nicht gleich zu geben,“ sagte der Priester, „gib mir nur ein schriftliches Versprechen, den Reis zu opfern, die Zeit der Erfüllung aber überlasse ich dir.“ „Schon recht,“ antwortete Sim, „gib mir Papier und Tinte, dann will ich versuchen die Schrift zu verfassen.“

Sie gingen in ein Haus und dort schrieb der Blinde, dem der Priester die Hand führte, das Versprechen, dreihundert Sack Reis zu geben, wofür er wieder sehend werden sollte. Müde, hungrig und an allen Gliedern wie zerschlagen kehrte Sim in seine Wohnung zurück, wo er sich lächelnd seines Versprechens, dreihundert Sack Reis zu liefern, erinnerte, während er nicht so viel Reis besaß, um seinen Hunger stillen zu können.

Endlich war es ihm gelungen eine Beschäftigung zu finden, bei welcher er einen kärglichen Verdienst hatte. Man beschäftigte ihn mit Reinigen und Aushülsen von Reis. Es war schwere Arbeit für ihn, Tagelöhnerdienst zu verrichten, aber er tat sie gern, denn so konnte er sich selbst und sein Kind vor der bittersten Not schützen. Kam er dann abends von der Arbeit heim, so fand er stets einen sauber gedeckten Tisch mit Speisen, welche von seiner Tochter selbst bereitet waren. Eines Abends als er sich gerade auf die Matte vor seinem Tisch niedergelassen hatte und sein einfaches Mahl verzehren wollte, erschien der Priester aus dem Tempel der Bergfeste, um ihn an sein Versprechen zu erinnern. Sim verging aller Hunger, denn nun musste er seiner Tochter von dem schriftlich gegebenen Versprechen erzählen, wovon er bisher geschwiegen hatte. So sehr diese sich auch freute, dass die Erfüllung des Versprechens ihrem Vater das Augenlicht wiedergeben sollte, so war sie doch von der Unmöglichkeit überzeugt, es jemals einlösen zu können.

Sie dachte Tag und Nacht darüber nach, auf welche Weise sie wohl solche Menge Reis herbeischaffen könne und flehte endlich den Himmel an, er solle sich ihres Vaters erbarmen und ihm die verlorene Sehkraft wiedergeben. Da hatte sie einen Traum, in welchem ihr die verstorbene Mutter erschien und ihr sagte, sie solle sich nicht grämen, es würden sich schon Mittel und Wege finden, um die dreihundert Sack Reis zu beschaffen, damit ihr Vater wieder sehend werde und dann solle auch Glück und Zufriedenheit wieder Einzug bei ihnen halten.

Sim Chun, so hieß die Tochter des blinden Sim, hörte am nächsten Tage, dass ein reicher Kaufmann, welcher viele Schiffe nach China gehen ließ, in großer Verlegenheit sei. Seine Schiffe konnten nie eine besonders gefährliche Stelle im Meere passieren, ohne großen Verlust an Zeit und Menschenleben zu erleiden, ja einige Schiffe hatte er sogar mit Mann und Maus verloren. Die Priester, welche er befragte, was er wohl tun solle, um den Gott der Gewässer zu besänftigen, sagten ihm, das Unglück würde nur dann aufhören seine Flotte zu verfolgen, wenn er eine Jungfrau opfere. Der Kaufmann hatte große Summen geboten, wenn sich eine Jungfrau opfern lassen wollte, aber er hatte keine solche gefunden.

Sim Chun, die nun diese Geschichte mit ihren Träumen in Zusammenhang brachte, fasste den Entschluss sich dem Meergotte zu opfern. Sie zog die schlechtesten Kleider an, die sie besaß, und nahm auf dem langen Wege zur Residenz, denn da wohnte der Kaufmann, keine Nahrung zu sich, damit sie ein recht erbärmliches Aussehen bekäme und der Kaufmann nicht etwa, ihre Schönheit bewundernd, sie als Opfer ausschlüge. Sie bereitete für ihren Vater das Essen und sagte ihm, sie wolle das Grab ihrer Mutter aufsuchen, um ihr dafür zu danken, dass sie ihr nachts erschienen sei. Dies tat sie auch, setzte aber dann ihren Weg zur Residenz fort. Dort beim Kaufmanne angelangt, war dieser über die Schönheit Sim Chun’s ganz erstaunt, denn die schlechten Kleider, Hunger und Müdigkeit hatten sie nur um so schöner gemacht. Der Mann antwortete auf ihr Anerbieten, ihm läge gar nichts daran, Menschen zu opfern und am wenigsten ein so schönes Mädchen wie sie sei. Aber als das holde Wesen darauf bestand sich opfern zu lassen und dafür zum Lohn dreihundert Sack Reis verlangte, sagte der Mann: „Ach, ich sehe es jetzt ein, du willst dein Leben aus Kindesliebe opfern; bisher glaubte ich nur, dass solche Geschichten in den Märchen vorkämen, von denen unsere Voreltern erzählen. Ich werde nun aber meinen Herrn von deinem Vorhaben benachrichtigen“ – Sim Chun hatte nämlich nur mit dem Oberaufseher des Kaufmannes verhandelt – „und der wird dir den ausbedungenen Preis schon auszahlen lassen.“

Es geschah, wie sie es gewollt hatte. Die dreihundert Sack Reis wurden ihr ausgeliefert, ihr Schicksal war damit besiegelt. Sie führte dem Priester den Reis zu, wodurch das Versprechen ihres Vaters erfüllt wurde. Aber nun befiel sie eine große Traurigkeit, was man leicht begreifen kann, wenn man bedenkt, welches Los ihr bevorstand. Sie mochte ihrem Vater nichts von dem Opfer erzählen, welches zu bringen sie im Begriff war. Wie lange mochte es wohl dauern, bis ihrem Vater das Augenlicht wiedergegeben sei, wie sollte er bis dahin leben? Diese Gedanken peinigten sie sehr, denn sie hatte nur noch vier Stunden Zeit bis zu dem Opfer, welches sie mit ihrem Leben dem Meergotte darzubringen hatte. Endlich brach sie in bittere Tränen aus und Sim, welcher seine Tochter noch nie hatte weinen hören, fragte sie, selbst sehr bekümmert, nach der Ursache ihrer Tränen. Da beichtete Sim Chun ihrem Vater alles, denn sie hielt es für besser, wenn sie ihm die volle Wahrheit sagte, als wenn er davon durch fremde Leute erführe. Der Vater gebärdete sich aber wie unsinnig, bis seine eigenen Tränen sich mit denen der Tochter mischten und ihm Erleichterung brachten. Er umarmte die schöne und edle Sim Chun und sagte: „Nie und nimmer lasse ich dich von mir! Was nützt mir mein Augenlicht, wenn ich dich nicht mehr sehen kann, meine arme Tochter!“

Als die Nachbarn das Weinen und Wehklagen in der Wohnung der sonst so ruhigen Familie hörten, liefen sie alle herbei und wollten die Ursache davon wissen und als sie vom alten Sim die heldenmütigen Absichten der guten Tochter erfahren hatten, brachen auch sie in lautes Jammern aus. Sim Chun bat die guten Leute, sich zu beruhigen und ihr das Herz nicht noch schwerer zu machen, denn nichts würde sie von ihrem Plan zurückbringen. Dann empfahl sie ihren armen alten Vater der Mildtätigkeit ihrer Freunde und die guten Nachbarn versprachen, sich seiner getreulich annehmen zu wollen. Während dieses rührenden Auftrittes hatte sich ein Fremder der Hütte genähert, stieg von dem Maultiere herab, auf dem er ritt und fragte, ob ihm nicht jemand die Wohnung der Familie Sim zeigen könne. Man sagte ihm, er sei an Ort und Stelle, worauf er sich als Bote des Kaufmannes zu erkennen gab, der geschickt sei, um Sim Chun abzuholen. Als er nun das große Herzeleid sah, gab er dem Vater noch einen Schein auf fünfzig Sack Reis, damit er etwas zu leben habe, wenn seine Tochter fort sei. Sim Chun wünschte, dass die Nachbarn sogleich diesen Reis für ihren Vater herbeiholten und benützte dann eine Ohnmacht, von welcher der arme Blinde vor Trennungsschmerz befallen wurde, machte sich fertig und ging mit dem Fremden fort.

Am Hafen angelangt setzte man die heldenmütige Jungfrau in einen mit Blumen bekränzten Kahn, dem zahllose andere Kähne folgten und führte sie zu der Stelle, wo der Meergott leben sollte. Man hatte ihr Brautgewänder angetan, die der Kaufmann gespendet hatte. Tatsächlich hatte dieser versucht, ein anderes Opfer zu bringen, da ihm das schöne Mädchen so sehr leid tat, doch Sim Chun wollte nichts davon hören. Sie nahm von den Umstehenden Abschied und sprang von dem Kahn in die See, wo sie bald vor aller Augen in den Wogen verschwand. Der Gott der Gewässer schien befriedigt, denn das Meer beruhigte sich, der Wind hörte auf zu toben und die Flotte des Kaufmannes konnte ungefährdet ihrem Bestimmungsort zusegeln.

Sim Chun hatte bei ihrem Sprunge die Besinnung verloren und war sehr erstaunt, als sie wieder zu sich kam, sich in einem kleinen Boote zu befinden, welches von zwei Fischen gezogen wurde. Neben ihr saßen zwei Meerjungfern, welche ihr aus einer kostbaren, mit Perlen besetzten Schale zu trinken gaben. Auf Sim Chun’s Frage, wer sie seien und wohin man sie führe, antworteten ihr die Meerjungfern, dass sie die Dienerinnen des Königs der Gewässer wären und den Auftrag hätten, sie zu seinem Palaste zu geleiten.

Sim Chun wunderte sich sehr darüber, dass sie die Sprache der Meerjungfern verstand und hätte wohl gern gewusst, ob der Zustand, in welchem sie sich jetzt befand, der Tod sei. Wenn dies der Fall wäre, meinte sie bei sich selbst, so wäre es ein sehr angenehmes Dasein. Sie kam an riesigen Wäldern der schönsten Wasserpflanzen, an herrlichen Korallenbäumen vorüber und sah große Mengen Fische in allen Farben und Gestalten sich dicht bei ihr umhertummeln und ihr freundlich zunicken. Endlich hielt das Boot vor den Mauern des Palastes. Sie war ganz starr vor Erstaunen, als sie die Pracht sah, die sich ihren Blicken darbot. Die Mauern selbst waren aus den kostbarsten Edelsteinen gefertigt, die sie bisher nur aus Bildern kannte. Das Eingangstor war aus Kristall gemacht und die Köpfe der goldenen Nägel, mit welchen es verziert war, bestanden aus glänzenden Perlen. Überall strahlte ihr das herrlichste Edelgestein entgegen, die Wege waren mit schwarzen Marmorplatten bedeckt, welche das glitzernde Meerwasser in allen Farben schillern ließ.

Bald ließ sich Musik hören – der König nahte sich. Er war von großen und kleinen Fischen begleitet, welche seidene Fahnen trugen und auf Muscheln bliesen und wurde selbst in einem goldenen Stuhl von hundert Fischen getragen. Sein Gefolge zählte nach Tausenden. Sim Chun hatte noch nie so schöne Mädchen gesehen, wie die Tänzerinnen des Königs, welche sich in dem Gefolge befanden. Die Meerjungfern, die sie hergeleitet hatten, kleideten sie um und führten sie dann vor den König. Dieser war sehr freundlich zu ihr und das ganze Gefolge machte ihr tiefe Verbeugungen.

Da sagte Sim Chun in ihrer Bescheidenheit: „Ich bin nur das Kind eines armen Bettlers, welches sein Leben für seinen Vater opferte und bin der Ehrenbezeigungen, die man mir darbringt, nicht wert.“ Der König lächelte gnädig und antwortete ihr mit freundlicher Stimme: „Ich weiß ganz genau Bescheid und kenne dich besser, als du selbst dich kennst. Du musst nicht vergessen, dass ich der Seekönig bin, der ganz genau das Leben der Sterne kennt, die mich in schönen Nächten besuchen. Du bist auch einst ein Stern gewesen und zwar ein sehr reizender. Du hast deinen Dienst als Mundschenk des Sternenkönigs versäumt, indem du deine Verehrer begünstigtest und sogar deinem Liebhaber Gelegenheit gabst, von dem Weine des Königs zu trinken. Unglücklicherweise trank dieser immer die gleiche Sorte, von der überhaupt nur sehr wenig vorhanden war und als der Sternenkönig seinen Lieblingswein so schnell abnehmen sah, ließ er eine strenge Untersuchung anstellen. Wie er den Grund des Abnehmens erfuhr, ward er sehr ungehalten und ihr beide wurdet zur Strafe in die Verbannung auf die Erde geschickt. Aber nicht zu gleicher Zeit ereilte euch die Strafe, da ihr euch sonst gleich wiedergefunden hättet und der Zweck der Strafe verfehlt gewesen wäre. Er schickte also deinen Geliebten sogleich fort und behielt dich noch eine lange Zeit in strengem Gewahrsam zurück, bis er dich endlich auch auf die Erde herab sandte und zwar als Kind des Ehepaares Sim. Da du aber dein Himmelsdasein vergessen musstest wie du zur Erde kamst, so konntest du Sim nur als deinen wahren Vater betrachten und brachtest ihm in kindlicher Liebe dein Leben zum Opfer. Der Sternenkönig nahm dein Opfer an und erkannte daraus, dass sich dein Sinn geläutert habe; nun will er dir Vergebung schenken und deine edle Tat lohnen.“

Als der König der Gewässer seine Rede geendet hatte, winkte er die Meerjungfern herbei und übergab ihnen das schöne Mädchen, welches ganz sprachlos geworden war.

Man brachte Sim Chun in kostbare Gemächer, damit sie sich dort ausruhen könne, bevor sie ihre Rückreise sich Erde anträte. Als sie genug geruht hatte und noch viel schöner als früher geworden war, weckte man sie aus ihrem Schlummer und brachte eine wundervolle Blume zu ihr in das Gemach. Dann sagten ihr die Meerjungfern sie solle sich in der Blume verstecken, deren Duft und Saft sie auf der Rückreise ernähren würden. Der König erschien wieder und nahm Abschied von ihr; sie dankte ihm für die Güte, die er ihr erwiesen hatte, verabschiedete sich auch von der Umgebung und nahm dann im Innern des Blumenkelches Platz.

Die Blume selbst erschien alsbald auf derselben Stelle an der Oberfläche des Wassers, wo Sim Chun ins Meer gesprungen war und trieb leise auf den Wogen umher. Nicht lange Zeit verging, als ein Schiff in Sicht kam, welches zu der Flotte des Kaufmannes, der sie geopfert hatte, gehörte. Der Schiffer, welcher es führte, war nicht wenig erstaunt an der Stelle, wo ihm sonst nur Unheil und Verderben zustieß, eine solche wundervolle Blume zu erblicken und er sowohl wie die Mannschaft war ganz von dem herrlichen Dufte berauscht, welcher derselben entströmte. Der Kaufherr, welcher sich auch auf diesem Schiffe befand, beschloss die wunderbare Blume an Bord zu nehmen und damit dem Könige ein Geschenk zu machen, wenn das Schiff glücklich den Heimatshafen erreichen würde. Ohne besondere Mühe gelang es, die Blume aufzufischen und der Hafen war bald erreicht.

Der Kaufmann übergab gleich nach der Ankunft dem Könige die schöne Blume und dieser hatte große Freude an derselben. Er ward nie müde die köstliche Blüte zu bewundern und hatte einen großen Glaskasten bauen lassen, den er im innersten Hofe des Palastes aufstellte. In hellen warmen Mondschein-Nächten kam Sim Chun aus der Blume hervor, um im Garten zu lustwandeln. In einer solchen Nacht fühlte sich der König nicht wohl und dachte bei sich, der Duft der Blume könne ihn gesund machen; er stand auf und ging in den Garten. Dort erblickte er Sim Chun und diese erblickte den König – da war es aber für sie zu spät in den Kelch der Blume zurückzukehren. Der König war nicht wenig erschrocken, als er das schöne Wesen sah, ging aber darauf zu und fragte, wer es sei und woher es käme? Sim Chun war ebenfalls sehr erschrocken und wollte sich schnell in ihren Blumenkelch flüchten; als sie schon dicht davor stand, verschwand aber die Blume plötzlich vor ihren Blicken. Der König entsetzte sich nun und glaubte einen Spuk vor sich zu haben, doch das schöne Mädchen sagte: „Fürchte dich nicht, ich bin kein Geist, sondern Sim Chun, ein menschliches Wesen.“

Nicht ohne Zögern näherte sich ihr der König, war aber ganz entzückt von ihrer Anmut und Lieblichkeit als er ihr ganz nahe war. Er wollte sie anreden, wurde aber durch einen großen Lärm daran gehindert, der sich im Palaste vernehmen ließ. Alle Eunuchen kamen aus dem Tore und meldeten dem Könige, dass sämtliche Generäle und Staatsoberhäupter den König zu sprechen begehrten, da es sich um eine Sache von größter Wichtigkeit handele. Mit höchst unzufriedener Miene begab sich der König in das Sitzungszimmer, um die Ursache dieser nächtlichen Störung zu erfahren. Man berichtete ihm auf seinen Befehl, dass einer der Beamten, welchen die Sterndeuterei oblag, gesehen habe, dass ein Stern vom Himmel in den Palast gefallen sei und dass man daraus etwas sehr Gutes für den König prophezeie. Nun erzählte der König seinem versammelten Hofstaate die wunderbare Begebenheit von der schönen Blume, welche der Kaufmann ihm aus dem Meere gefischt und als Geschenk dargebracht habe und der Erscheinung, die er in der nämlichen Nacht, in welcher die Sterndeuter den Stern hätten herabfallen sehen, gehabt hatte.

Da nun vor kurzem die Königin gestorben war, so schlugen die Staatsräte vor, dass der König die Blumenjungfrau heiraten solle. Dieser Vorschlag gefiel ihm sehr gut; die Vorbereitungen zur Hochzeit wurden sofort in Angriff genommen und bald darauf feierte der König sein Vermählungsfest mit Sim Chun. Noch niemals war jemand so sehr von seiner Gemahlin eingenommen gewesen wie der König von seiner Blumenfee, wie er die junge Königin nannte. Tag und Nacht war er mit ihr vereint und bewunderte ihre Schönheit, so dass er die Staatsgeschäfte vernachlässigte. Aber Sim Chun sah ein, dass der König damit ein Unrecht beginge und riet ihm, sich wieder den Regierungsgeschäften zu widmen, denn sie fürchtete, Unzufriedene könnten sich die Tatenlosigkeit des Königs zunutze machen und ihn vom Throne stürzen. Der König antwortete ihr, dass er sich von nun an tagsüber der Regierung seines Reiches und nachts ihr widmen würde.

Nachdem das königliche Paar einige Monate in ungetrübter Glückseligkeit verlebt hatte, bekam Sim Chun große Sehnsucht ihren alten, blinden Vater wiederzusehen. Sie wurde immer trauriger, bis die Tränen, die sich in ihrem Herzen angesammelt hatten, ihren Augen entströmten. So fand sie eines Tages der König und befragte sie sehr besorgt, um die Ursache ihres Kummers. Da erzählte ihm die schöne Königin, sie sei im Traume so geängstigt worden, indem ihr ein blinder Mann mit flehentlicher Gebärde erschienen sei, so dass sie den Wunsch hege, alle Blinden des Reiches um sich zu versammeln und ihnen eine Erleichterung ihres Elendes zu verschaffen. Der König war über die Gutherzigkeit seiner Gemahlin so gerührt, dass er ihr sagte, er würde alles gewähren, was sie von ihm verlangte. Da bat Sim Chun, er möge ihr alle Blinden aus dem Reiche zu einem Mahle einladen, bei welchem sie ihnen Geld und Kleider schenken wolle. Der König ließ einen Befehl ausschreiben und an einem bestimmten Tage nahte sich eine ungeheure Menge blinder Leute dem Palaste.

Schon seit drei Tagen hatte die Königin von ihren Gemächern aus die Gäste einziehen sehen, ohne dass sie unter ihnen ihren Vater erkannt hatte und glaubte nun, derselbe sei bereits gestorben und sie würde ihn nie wiedersehen. Da nahte sich ganz zuletzt ein alter, in Lumpen gehüllter, blinder Greis, der so elend aussah, dass ihm die Diener den Eintritt verwehrten. Als die Königin diesen aber erblickte, gab sie sofort den Befehl, ihn neu zu kleiden und an die Tafel zu führen, während sie die ungehorsamen Diener streng bestrafen ließ. Als der alte Mann sich erholt und seinen Hunger gestillt hatte, ließ sie ihn in ihren Pavillon führen. Dort betrachtete sie ihn lange Zeit und brach dann zum größten Erstaunen ihres Gefolges in die Worte aus: „Mein Vater, mein Vater!“ und sank ohnmächtig zu Boden.

Die Hofleute benachrichtigten den König von dem sonderbaren Benehmen seiner Gemahlin und er erschien darauf selbst im Pavillon, um Näheres von Sim Chun zu erfahren. Nachdem die Königin wieder zum Bewusstsein zurückgebracht worden war, erzählte sie ihrem Gemahl die wunderbare Geschichte ihres Lebens, von welcher ihm aber schon früher einiges bekannt geworden war, so dass er gar nicht so sehr darüber erstaunte. Der alte Sim konnte sich aber schwer beruhigen und rief einmal über das andere aus: „Wie ist es nur möglich, dass die Toten wiederkehren!“ Dann, in der höchsten Aufregung kratzte er mit den Fingernägeln in seine Augen, indem er schrie: „Fort mit den toten, glanzlosen Dingern, ich höre dich, fühle deine Gestalt und kann dich nicht sehen!“ Da mit einem Male fiel es wie Schuppen von den Augen des Greises – er konnte wieder sehen.

Das Erkennen zwischen Vater und Tochter war herzrührend und kein Auge der Umstehenden blieb trocken. Der König, hoch erfreut darüber, dass seine Gemahlin ihren Vater wiedergefunden hatte und dass ihr nun kein Grund zur Traurigkeit mehr blieb, ernannte den alten Sim zu seinem Palastbeamten und befahl zu gleicher Zeit, dass ein anderer der hohen Beamten ihm seine Tochter zur Frau geben solle. Auf diese Weise ward die Prophezeiung des Priesters vom Tempel der Burgfeste erfüllt.

* ‚Ernmun‘ meint im Kontrast zum ebenfalls verwendeten chinesischen Schriftsystem das einheimische, also koreanische Alphabet. Laut Wiki heißt es Chosŏn’gŭl in Nord- und Hangeul in Südkorea. Und – so betonen heutige Wissenschaftler – es ist eben keine zweite koreanische Sprache, was wohl der Eindruck war, den viele westliche Besucher im 19. Jahrhundert gewannen.

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Ich stelle ja doch immer wieder fest, dass die – um jetzt mal geographisch zu vereinfachen – ostasiatische Vorstellung von Pflichtgefühl und Opfer mir arg fremd ist. Allerdings frage ich mich, ob das wirklich eine Frage von Asien versus Europa ist oder ob ein Alter Ego meiner selbst im 18. Jahrhundert nicht genau verstanden hätte, worum es hier geht. Man denke an das bürgerliche Trauerspiel eines Lessing. Was meint ihr?

 
Textquelle: Textquelle: H. G. Arnous: Korea. Märchen und Legenden nebst einer Einleitung über Land und Leute, Sitten und Gebräuche Koreas. Leipzig: Wilhelm Friedrich [1896], S. 112–127.
Bildquelle: Kunstvoll kaligraphiertes Schriftzeichen zu ‚Glauben‘ und wunderschöne Blumen

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