Archiv der Kategorie: Märchen

41.7 Hong Kil Tong oder die Abenteuer eines verstoßenen Jungen – als koreanischer Robin Hood

Zum Abschluss der koreanischen Wochen gibt es noch eine märchenhafte Legende, in der allerdings weniger Liebe als soziale Kritik im Mittelpunkt steht. Lest selbst…

Hong Kil Tong oder die Abenteuer eines verstoßenen Jungen

Unter der Regierung des dritten Königs von Korea lebte ein Edelmann von hohem Range, welcher aus der berühmten Familie Hong stammte und den Titel eines Ye Cho Pansa führte. Er hatte aus der Ehe mit seiner rechtmäßigen Gattin zwei Söhne und einen Sohn aus der Verbindung mit einer Konkubine. Letzterer, welcher von Geburt an viel von sich reden machte, wird der Held folgender Geschichte sein.

Als Hong Pansa nur erst zwei Söhne besaß, träumte ihm eines nachts, dass ein Drache von so ungeheurer Größe in sein Zimmer käme, dass er selbst keinen Platz mehr darin hatte. Der Träumer erwachte und begriff sofort, dass ihm etwas Gutes bevorstände. Da er hoffte, es würde ihm ein dritter Sohn geboren werden, hatte er nichts Eiligeres zu tun als seiner Gemahlin den Traum mitzuteilen. Doch diese wollte ihn nicht sehen, da sie es ihm sehr übelgenommen, dass er sich eine Konkubine aus der Klasse der Tänzerinnen genommen hatte. Der große Mann war darüber sehr traurig und zog sich unverrichteter Sache in seine Gemächer zurück, wo er allein über seinen Traum und die ihm möglicherweise bevorstehenden Ereignisse nachdachte.

Bald darauf wurde ihm von einer seiner Konkubinen ein Sohn von so tadelloser Schönheit geboren, dass seine erste, rechtmäßige Gemahlin sehr neidisch und er selbst aber höchst unglücklich darüber ward, denn er wäre begreiflicherweise hoch erfreut gewesen, wenn dieser Sohn eine standesgemäße Geburt gehabt hätte und dadurch befähigt gewesen wäre, die Beamtenlaufbahn einzuschlagen. So wurde der schöne Knabe einfach Kil Tong oder Hong Kil Tong genannt. Je älter er wurde, desto mehr entwickelte sich seine Schönheit und sein Verstand. Er lernte sehr leicht und seine Umgebung bewunderte seinen Scharfsinn und seine Geisteskräfte ebenso wie das Ebenmaß seines Körpers und seine schönen Gesichtszüge. Als er heranwuchs, ärgerte er sich sehr darüber, dass ihm sein Platz bei der Dienerschaft angewiesen wurde und er nicht die Erlaubnis hatte, seine Eltern bei dem Namen zu nennen. Die anderen Söhne seines Vaters lachten ihn aus und verspotteten ihn, so dass sein Leben ihm sehr unglücklich erschien.

Eines Tages warf er während des Schulunterrichts voll Missmut seinen Tisch um und erklärte, er wolle Soldat werden. In der nächsten hellen Mondscheinnacht sah ihn Hong Pansa im Hofe Waffenübungen machen und fragte ihn, höchst verwundert darüber, was er damit bezwecke. Kil Pang antwortete ihm unumwunden, dass ihm die steten Ungerechtigkeiten, deren er in seinem Hause ausgesetzt sei, zuwider wären. Er wolle sich daher auf diese Weise für seinen späteren Beruf vorbereiten, damit alle Menschen dann Ehrfurcht und Achtung vor ihm haben sollten. „Denn,“ sagte er, „der Himmel hat alles für den Gebrauch der Menschen erschaffen, diese müssen es nur verstehen, richtig damit umzugehen und der Himmel unterstützt diejenigen, welche sich selbst zu helfen wissen.“

„Welch ein bewunderungswürdiger Knabe,“ sagte Hong Pansa zu sich selbst, „wie sehr bedauere ich es, dass er nicht mein anerkanntes Kind ist, was würde er mir sonst für Ehre bringen. Wie die Sache aber jetzt liegt, befürchte ich noch viel Unangenehmes mit ihm zu erleben.“ Laut rief er Kil zu, er solle schlafen gehen. Doch dieser antwortete ihm, dass, wenn er sich auch zum Schlafen niederlege, ihm alle Ungerechtigkeiten, die ihm tagsüber widerfahren wären, in den Sinn kämen und er so lange darüber nachdächte, bis ihn die Tränen den Schlaf verscheuchten und er wieder aufstände. Da seufzte sein Vater und ließ ihn stillschweigend gewähren. Weiterlesen

41.6 Sim Chung, die gute Tochter – in einem Märchen um Pflicht, Schicksal und doch auch Liebe

Auch heute gibt es ein Märchen, in dem um Liebe und Pflicht geht. Mit einer vorbildlichen Tochter, kaum Bösewichtern und dafür einem funkelnden Palast unter Wasser. Aber lest selbst…

Sim Chung, die gute Tochter

Sim Hyung, oder Herr Sim, war in dem Dorfe, in welchem er lebte, hoch geachtet. Er gehörte der Klasse der Yang-Ban, also den Edelleuten, an. Wenn er daher die Straße entlang ging, tat er dies mit dem vornehmen ausholenden Schritt seiner Klasse. Und wenn er auf seinem Lieblingsesel ritt oder im Stuhle getragen seinen Beschäftigungen nachging, lief stets ein Diener voraus, welcher den Leuten, die ihm begegneten, zurief, Platz zu machen, damit sein Herr ungehindert passieren könne. Er bekleidete keinen hohen Rang, obgleich seine Kenntnisse hochgeschätzt wurden; das Gehalt, welches ihm seine Stelle einbrachte, genügte kaum zu den nötigsten Bedürfnissen, Privatvermögen besaß er nicht und konnte daher nur bei größter Sparsamkeit seinem Stande gemäß leben.

Er war so glücklich gewesen von seinen Eltern an ein ebenso schönes als gut erzogenes Mädchen verheiratet worden zu sein. Dieselbe ward wegen ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit von jedermann gerühmt und ihre geistigen Fähigkeiten wurden weit und breit anerkannt. Nicht allein konnte sie das einheimische Ernmum* lesen, sondern war auch in den chinesischen Schriftzeichen bewandert. Aber diese hochgebildete Jungfrau war auch in, allen weiblichen Handarbeiten sehr geschickt. Ihre kunstvoll in Seide und Gold ausgeführten Stickereien waren der Stolz ihrer Eltern und Freunde, und als sie einst einen Abschnitt der Geschichte Koreas mit prachtvollen chinesischen Schriftzeichen in Seide gearbeitet hatte, machte ihr Vater dem Könige damit ein Geschenk. Diesem gefiel die schöne Arbeit so sehr, dass er sie zu einem Wandschirm verwenden ließ, den er stets neben die Matte, auf welcher er saß, zu stellen befahl, um die kunstvolle Arbeit immerfort anschauen zu können.

Sim war zuerst gar nicht von der Wahl seiner Eltern erfreut, da er ein Vorurteil gelehrten Frauen gegenüber hatte, als aber seine Zukünftige bei der Hochzeitsfeierlichkeit ihr Antlitz entschleierte und er ihre bezaubernden Züge sah, war er so sehr von ihrer Lieblichkeit berauscht, dass er kaum das Ende der Zeremonien erwarten konnte, um sie für ewig sein zu nennen.

Die Ehe war eine überaus glückliche. Einer schien für den anderen geschaffen zu sein und jeder gerade die Eigenschaften zu besitzen, die der andere am höchsten schätzte, sodass beide Teile sehr mit der Wahl zufrieden waren, welche die beiderseitigen Eltern getroffen hatten. Oft saßen sie abends beim Mondschein im Garten, der sich an die Frauengemächer anschloss und machten Pläne für die Zukunft. Ihr einziger Wunsch bestand darin, einen Sohn zu haben; doch Jahre gingen dahin, ohne dass ihnen ein Kind geboren wurde. Die Frau befragte Priesterinnen und der Mann wurde ganz trübsinnig und zog sich von allem Verkehr mit Menschen zurück, denn er glaubte die Leute rechneten es ihm zur Schande an, kinderlos zu sein. Er lebte nur mit seinen Büchern und vernachlässigte seine Gattin, welche er nie mehr in ihren Gemächern aufsuchte. Infolge dieser ununterbrochenen geistigen Tätigkeit und des einsamen Lebens fing er an zu kränkeln, wurde mager und bleich und seine Augen verloren ihren Glanz. Seine Frau trug ihr Missgeschick standhafter und gab die Hoffnung, Kinder zu bekommen, nicht auf, obwohl sie sich schämte keinen anderen Namen zu haben als ‚die Frau des Sim‘ und es doch so sehnlich gewünscht hatte, sich ‚die Mutter des kleinen Sim‘ genannt zu hören, von dem sie beide Tag und Nacht geträumt hatten. Endlich blieben auch diese Träume aus.

So waren ihnen fünfzehn Jahre vergangen, als die Frau wieder einen Glück verheißenden Traum hatte: sie sah einen Stern vom Himmel auf sich herabfallen. Sogleich schickte sie zu ihrem Gemahl und sagte ihm, dass sie fest glaube, jetzt würde sich ihr Wunsch er füllen – und ihre Hoffnung täuschte sie nicht. Ein Kind wurde ihnen geboren; aber statt des erwarteten Knaben war es nur ein Mädchen. Trotzdem beide Eltern gern einen Sohn gehabt hätten, freuten sie sich doch sehr, dass sie nach fünfzehnjährigem Warten doch noch ein Kind bekommen hatten und nahmen sich vor, ihre kleine Tochter recht herzlich zu lieben.

Das Elternpaar wurde durch dieses gemeinsame Familienband wieder inniger verbunden und das Kind wuchs unter ihren Augen prächtig heran. Es blieb von allen Kinderkrankheiten verschont und überwand selbst die Pocken so glücklich, dass sein Gesicht nicht von den schrecklichen Narben verunziert wurde, welche diese Krankheit so oft hinterlässt. Als die Kleine drei Jahre alt war, schien es, dass sie noch schöner als ihre Mutter werden würde. Ihre Wangen glichen aufgeblühten Rosen und jedesmal wenn sie ihren kirschroten Mund öffnete und ihre kleinen Perlenzähne zeigte, sagte sie etwas Kluges und Angenehmes oder brach in ein silberhelles Lachen aus. Die früher so trübseligen Eltern lebten in dem Kinde wieder auf und waren voll Stolz über das Lob, welches seiner Klugheit und Schönheit gezollt wurde. Der Vater vergaß fast, dass es ein Mädchen war und behielt es den ganzen Tag um sich, seine Schritte behütend und es vor allem Schaden bewahrend.

Doch dies Glück war zu groß, um für lange Zeit zu dauern. Die Mutter der kleinen Sim ward krank und starb plötzlich. Der Gatte war der Verzweiflung nahe, weinte und wehklagte Tag und Nacht über den Verlust seines Weibes und als er endlich seine Gemächer verließ und sich vor Menschen zeigte, war seine Gestalt gebeugt, sein Haar gebleicht und seine Augen von den vielen vergossenen Tränen tot. Er war erblindet. Da der Vater sich nun nicht mehr um den Lebensunterhalt seines Kindes durch eigene Arbeit kümmern konnte, so fing er an Stück für Stück seines ganzen Eigentums zu verkaufen und nach zehn Jahren war alles, selbst das Haus, in dem sie wohnten, in andere Hände übergegangen. Jetzt musste der Vater betteln und seine Tochter, die inzwischen zur Jungfrau herangewachsen war, durfte ihn nach den Landesgesetzen, welche den erwachsenen Mädchen in einem gewissen Alter verbieten auszugehen, nicht mehr begleiten. Eines Tages hatte der arme Blinde das Unglück in eine mit Wasser angefüllte Grube zu fallen.

Lange Zeit bemühte er sich vergebens aus derselben herauszukriechen, als er sich ihm nähernde Schritte hörte und nun um Hilfe rief: „Hilf mir Armen,“ schrie er, „ich bin blind und nicht etwa betrunken.“ „Ich weiß, dass du nicht betrunken, sondern erblindet bist, doch dir kann geholfen werden,“ antwortete die Stimme des Herankommenden. „Wer bist du, dass du so genau über meine Verhältnisse Bescheid weißt?“ fragte Sim. „Ich bin der Priester aus dem Tempel der Bergfeste,“ erwiderte der Fremde. „Du meinst, das Augenlicht könne mir wiedergegeben werden?“ fragte der Blinde. „Ja,“ gab ihm der Priester zur Antwort, „ich hatte einen Traum, dich betreffend. Im Falle du dem Buddha meines Tempels ein Opfer von dreihundert Sack Reis bringst, wirst du dein Augenlicht wieder erhalten. Du wirst dann einen hohen Beamtenposten bekommen und reich an Ehren und Würden werden und deine Tochter wird zur vornehmsten Frau im ganzen Reiche erhoben.“ „Aber ich bin alt und arm,“ entgegnete Sim, „wie kann ich wohl solch fürstliches Opfer bringen?“ „Du brauchst es nicht gleich zu geben,“ sagte der Priester, „gib mir nur ein schriftliches Versprechen, den Reis zu opfern, die Zeit der Erfüllung aber überlasse ich dir.“ „Schon recht,“ antwortete Sim, „gib mir Papier und Tinte, dann will ich versuchen die Schrift zu verfassen.“

Sie gingen in ein Haus und dort schrieb der Blinde, dem der Priester die Hand führte, das Versprechen, dreihundert Sack Reis zu geben, wofür er wieder sehend werden sollte. Müde, hungrig und an allen Gliedern wie zerschlagen kehrte Sim in seine Wohnung zurück, wo er sich lächelnd seines Versprechens, dreihundert Sack Reis zu liefern, erinnerte, während er nicht so viel Reis besaß, um seinen Hunger stillen zu können.

Endlich war es ihm gelungen eine Beschäftigung zu finden, bei welcher er einen kärglichen Verdienst hatte. Man beschäftigte ihn mit Reinigen und Aushülsen von Reis. Es war schwere Arbeit für ihn, Tagelöhnerdienst zu verrichten, aber er tat sie gern, denn so konnte er sich selbst und sein Kind vor der bittersten Not schützen. Kam er dann abends von der Arbeit heim, so fand er stets einen sauber gedeckten Tisch mit Speisen, welche von seiner Tochter selbst bereitet waren. Eines Abends als er sich gerade auf die Matte vor seinem Tisch niedergelassen hatte und sein einfaches Mahl verzehren wollte, erschien der Priester aus dem Tempel der Bergfeste, um ihn an sein Versprechen zu erinnern. Sim verging aller Hunger, denn nun musste er seiner Tochter von dem schriftlich gegebenen Versprechen erzählen, wovon er bisher geschwiegen hatte. So sehr diese sich auch freute, dass die Erfüllung des Versprechens ihrem Vater das Augenlicht wiedergeben sollte, so war sie doch von der Unmöglichkeit überzeugt, es jemals einlösen zu können. Weiterlesen

41.5 Ching Yuh und Kyain Oo, die Liebe der Sterne

Heute gibt es noch eine epische Liebesgeschichte mit unzähligen dramatischen Verwicklungen, großartigen Fieslingen. Mit anderen Worten – Dallas/Denver Clan nix dagegen. 😉 Aber lest selbst…

Ching Yuh und Kyain Oo, die Liebe der Sterne

Ching Yuh und Kyain Oo waren Sterne, welche der Sonne zu dienen hatten. Sie verliebten sich ineinander und heirateten, nachdem sie die königliche Erlaubnis dazu erhalten hatten. Diese Verbindung war eine sehr glückliche Zeit für sie, denn sie lebten einer für den anderen und lasen sich die Wünsche von den Augen ab. Sie hielten sich fortwährend umfangen, und es schien, als wolle ihr Honigmonat nie zu Ende gehen. Da sie jedoch durch ihre Liebeständelei unaufmerksam und nachlässig in ihrem Berufe wurden, so beschloss der Herr des Himmels, sie zu bestrafen. Er trieb sie auseinander, und verbannte den einen an die äußerste Spitze des östlichen Himmels, den anderen an das äußerste Ende in entgegengesetzter Richtung, dem großen Flusse gegenüber, welcher die Ebene des Himmels teilt*. Auf diese Weise waren sie so weit voneinander getrennt, dass sie gerade ein halbes Jahr brauchten, um sich zu treffen, oder ein ganzes Jahr zur Hin- und Rückreise. Da sie aber zur jährlichen Inspektion auf ihren Posten sein mussten, und die weite Reise nicht für die kurze Freude, auf eine Nacht zusammen sein zu können, unternehmen wollten, selbst wenn sie den erhaltenen Befehlen ungehorsam gewesen wären, so mussten sie sich damit begnügen, sich von den Ufern des breiten Stromes aus zu besuchen und dies ging nur zu der Zeit möglich zu machen, wenn die Krähen die große Brücke über den Fluss fertig gemacht hatten. Die Krähen tragen nämlich das Material zu dieser Brücke auf ihren Köpfen herbei, was jedermann wissen muss, der sich die Mühe gegeben hat zu beobachten, wie kahl die Köpfe der Krähen im siebenten Monat des Jahres sind.

Natürlich werden die Liebenden sehr entmutigt und traurig darüber, dass sie sich nach einer so kurzen Glücksdauer so bald und so weit wieder trennen müssen und man wird es nicht wunderbar finden, wenn sie vor Kummer weinen. Sie weinen dann aber so viel, dass die ganze Erde davon mit Regen überschüttet wird. Diese traurige Zusammenkunft kommt mit seltener Ausnahme nur einmal im Jahre vor und zwar am siebenten Tage des siebenten Monats. In einem solchen Ausnahmefall tritt die gewöhnliche Regenzeit nicht pünktlich ein, und dann vereinigt die durstige und vertrocknete Erde ihre Klagen mit denen der Liebenden, deren vermehrte Leiden sie so traurig machen, dass selbst die Tränen sich weigern, ihnen Erleichterung zu verschaffen.

I.

You Tah Yung war ein sehr weiser Beamter und ein ausnehmend guter Mensch. Mit großem Unbehagen sah er auf die Schlechtigkeit der meisten seiner Kollegen und beschloss um die Erlaubnis zu bitten, sich vom öffentlichen Leben zurückziehen zu dürfen, damit er den Rest seines Lebens auf dem Lande zubringen könne. Da er so glücklich gewesen war, eine vortreffliche Frau gefunden zu haben, so hoffte er, sich die Einförmigkeit des Landlebens doch so angenehm wie möglich zu machen. Seine Gattin war eine Dame von hervorragenden Eigenschaften des Herzens und des Geistes, so dass sie bei den gleichen Lebensansichten und Neigungen den Verkehr mit ihren Mitmenschen nicht vermissten.

Nur eine Sorge hatten sie: Ihre Ehe war kinderlos. Wenn You Tah Yung seine Ländereien übersah und sich ihres guten Gedeihens freute, so fühlte er, dass er doch nur ganz glücklich sein könne, wenn er einen Erben besäße.

Er füllte seine Zeit mit dem Fischfang aus und lauschte dem Gesänge der Vögel, um sich in der schönen Natur zu vergnügen. Wenn aber im Frühjahr die Vögel sich paarten, wurde er ganz missgestimmt und beklagte sein trauriges Geschick, dass mit ihm sein Name aussterben sollte, denn er war der letze seines Geschlechtes. Er machte sich darüber besonders schwere Gedanken, dass seine Vorfahren erzürnt darüber sein würden, wenn er kinderlos stürbe; ja er fürchtete, sie im Jenseits nicht wieder zu sehen, wenn er nicht einmal jemand hinterließe, der an seinem Grabe betete und seinem Geiste Opfer brächte. Auch sein treues Weib klagte mit ihm und riet ihm, sich von ihr zu scheiden und eine andere Frau zu nehmen; davon wollte er aber nichts hören und sagte, er würde unter keinen Umständen den schönen Frieden ihrer Ehe stören.

Statt dass das Unglück diese guten Menschen trennte, führte es sie nur um so inniger zusammen; da beide aber sehr fromm waren, so vereinigten sie ihre Gebete um einen Erben. Einmal geschah es, dass die Frau mitten im Gebet einschlief und einen wunderbaren Traum hatte. Sie sah eine Erscheinung in der Nähe des Nordsternes. Ein bildschöner Knabe kam, auf einem weißen Fächer reitend, vom Sterne herab auf sie zu. Als sie ihn fragte, wer er sei und woher er käme, antwortete er ihr: „Ich bin ein Diener des Nordsterns und ward eines begangenen Fehlers halber für lange Zeit auf die Erde verbannt; ich habe den Auftrag dir den weißen Fächer zu übergeben, welcher dereinst dein Leben und das meinige retten wird.“ – Als die Frau aufwachte, sah sie zu ihrem Schmerze, dass alles nur ein Traum gewesen und nun dachte sie an nichts anderes mehr als an diesen schönen Traum.

Und wirklich, im Laufe der Zeit ward jener Traum Erfüllung; als die große Flut kam, gebar sie einen Knaben. Die ganze Nachbarschaft verwunderte sich des schönen Kindes und alle Leute hatten ihre Freude an seiner Klugheit. Die ersten zehn Jahre nach der Geburt des Knaben vergingen den Eltern wie ein Festtag. Sie nannten ihren Sohn ‚Pan Noo‘ und da der Familienname ‚You‘ war, so hieß das Kind You Pan Noo.

Die ersten Anfangsgründe der Wissenschaft lehrte ihn die Mutter, doch je älter er wurde, desto klüger ward er auch und bald waren weder Vater noch Mutter imstande das Kind zu unterrichten, welches so außergewöhnliche Fortschritte machte. Zu der Zeit lebte in einer entfernten Provinz ein berühmter Lehrer, namens Nam Juh Oon, dessen Klugheit von jedermann bewundert ward; zu diesem beschlossen die Eltern ihren Sohn zu geben, obwohl ihnen die Trennung von ihm sehr schwer wurde. Als der Trennungstag herangekommen, entließen ihn die Eltern mit ihren Segenswünschen und gaben ihm einen wunderbar schönen Fächer, ein altes Familienstück, mit auf den Weg. Sie gaben ihm auch den Rat, recht sorglich auf den Fächer zu achten, von dem sie glaubten, er würde Pan Noo zu einem Talisman werden, weil derselbe jenem so gliche, den die Mutter damals im Traume gesehen. Weiterlesen

41.2 Hyung Bo und Nahl Bo oder des Schwalbenkönigs Lohn

Auch in Korea gibt es Märchen um reiche und arme Geschwister und um Belohnungen für gute Taten und Bestrafungen für böse. Aber lest selbst…

Hyung Bo und Nahl Bo oder des Schwalbenkönigs Lohn

I.

In der Provinz Chullado, im südlichen Korea, lebten vor vielen, vielen Jahren zwei Brüder, von denen der eine sehr reich, der andere sehr arm war. Der Unterschied in ihren Vermögensverhältnissen entstand dadurch, dass der ältere Bruder beim Tode des Vaters alle Besitztümer an sich riss, statt brüderlich mit dem jüngeren zu teilen, der dadurch in das größte Elend geriet. Nahl Bo, der ältere, hatte neben seiner rechtmäßigen Gattin noch viele Sklavinnen und Konkubinen, aber keine Kinder, während Hyung Bo, der jüngere, nur eine einzige Frau, aber zahlreiche Kinder besaß. Während Nahl Bo sich mit seinen Frauen und diese wieder untereinander oft heftig zankten, lebte Hyung Bo mit seinem Weibe in Frieden und Eintracht, indem beide Eheleute bestrebt waren, einander das schwere Dasein zu erleichtern.

Der ältere Bruder besaß einen schönen, großen Garten mit vielen, im Winter heizbaren Häusern darin und der jüngere hatte nur eine kleine, mit einem Strohdache versehene Hütte, die so schlecht erhalten und so baufällig war, dass nach dem Regen große Wasserlachen auf dem Fussboden standen. Das einzige Zimmer, welches die Hütte enthielt, war so klein, dass Hyung nicht selten im Schlafe, wenn er sich ausstreckte, die dünne Lehmwand mit den Füssen einstieß. Er konnte den Fussboden seiner elenden Hütte auch nicht heizen, wodurch sich das Gewürm auf demselben vermehrte, so dass Hyung öfters diesem Ungeziefer das Zimmer überließ und im Freien mit den Seinigen übernachtete. Begreiflicherweise hatte er kein Geld erspart, denn er war froh genug, wenn er täglich für sich und seine Familie den Lebensunterhalt verdiente. So lange es die Witterung erlaubte arbeitete er als Tagelöhner auf dem Felde und seine Frau verdiente etwas dazu durch Nähen, konnten sie aber beide keine andere Beschäftigung finden, so flochten sie Strohschuhe, die sie auf den benachbarten Dörfern verkauften. In der Zeit, wo sie sich durch ihrer Hände Arbeit ernähren konnten, ging alles ganz gut, sie waren glücklich und zufrieden, aber als einstmals für beide keine Arbeit zu finden war und sie auch kein Geld hatten, um sich das Material zum Flechten der Schuhe zu kaufen, waren die armen Eltern sehr traurig, denn sie wussten nicht wie sie den Hunger ihrer nach Brot schreienden Kinder stillen sollten.

Kein Körnchen Reis war in der Hütte zu finden, so dass auch eine alte Ratte, welche ihr Logis in Hyungs Wohnung aufgeschlagen hatte und nachts herumstöberte, ohne das Geringste zu finden, was sich verzehren ließ, dem Verzweifeln nahe war. Durch Durst und Hunger ganz wütend geworden, stieß das hungrige Tier ein solches Klagegeschrei aus, dass die Nachbarn davon aus dem Schlafe erwachten. Die Ratte behauptete, ihre Beine seien durch das nutzlose Herumlaufen kürzer geworden.

In dieser großen Not schickte Hyungs Frau den ältesten Sohn zu dem reichen Bruder ihres Mannes und ließ ihn bitten, ihr etwas Reis zu borgen, den sie ehrlich wiedergeben würde, sobald sie wieder Geld verdiene. Der Knabe entschloss sich nur zögernd den Auftrag seiner Mutter auszurichten, denn sein Oheim nahm nicht Notiz von ihm, wenn er ihm auf der Straße begegnete und erwiderte nie seinen Gruß, sodass er fürchtete, man würde ihn durchprügeln, wenn er das Haus desselben beträte. Aber dem Befehle der Mutter musste gehorcht werden und so machte er sich schweren Herzens auf den Weg zu seinem Oheim.

Vor dessen Gehöft angekommen, sah er auf dem Felde wohlgenährte, wertvolle Kühe; die Schweineställe waren gefüllt und ganze Hühnervölker trieben ihr Wesen im Hofe, Aber der Oheim hielt auch viele große Hunde, die wütend bellten, als sie ihn erblickten und auf ihn zustürzten und ihm die Kleider vom Leibe rissen. Der Knabe hatte große Angst und wollte schon wieder davonlaufen, als ihm die große Not zu Hause einfiel. Er rief die Hunde freundlich an, einer von ihnen kam wedelnd auf ihn zu und leckte seine Hände, als schäme er sich des Betragens der Übrigen. Eine Magd wollte ihn fortjagen; als er aber sagte, er sei der Neffe ihres Herrn und müsse seinen Oheim sprechen, ließ sie ihn lächelnd den innern Raum betreten, wo er dann seines Vaters Bruder mit gekreuzten Beinen auf einer Veranda sitzend und seine Pfeife rauchend sah.

Der Oheim fragte ihn brummend: „Wer bist du?“ „Ich bin dein Neffe,“ antwortete der Knabe. „Wir haben seit drei Tagen nichts gegessen und sind dem Hungertode nahe. Mein Vater ist ausgegangen, um Arbeit zu suchen und ich bitte dich, uns etwas Reis zu leihen, den wir dir ehrlich wiedergeben wollen.“ Der Onkel sah ihn mit einem bösen Blicke von der Seite an, so dass das Kind sich schon nach einem Schlupfwinkel umsah, denn es erwartete nichts Gutes. Endlich erhob der Oheim seine Stimme und sagte zornig: „Mein Reis ist gut verpackt, ich habe Befehl gegeben die Speicher nicht zu öffnen. Mein Mehl ist versiegelt, ich kann die Säcke nicht öffnen. Wenn ich dir kalte Lebensmittel gäbe, würden dich die Hunde anfallen und sie dir entreißen. Gäbe ich dir Träber aus der Weinpresse könnten dich die Schweine angrunzen; Kleie kann ich dir auch nicht geben, denn dann würden meine Kühe dich mit den Hörnern stoßen. Schere dich zum Henker und lasse dich hier nie wieder sehen.“ Mit diesen Worten stand er auf, ergriff den Knaben und warf ihn zum Tor hinaus. Weiterlesen

39.5 Das Märchen vom Esel, der Wesir wurde

Heute geht es um clevere Esel, deren Besitzer die eigentlichen Esel sind. Ohne den reizenden Tieren zu nahe zu treten. Aber lest selbst…

Das Märchen vom Esel, der Wesir wurde

Ein Mirdite* machte sich mit seinem mit Kohle beladenen Esel nach Schkodra auf. Unterwegs bemerkte der Mirdite, dass der Esel immer den schattigeren Weg wählte.

„Beim Himmel und der Erde!“ sagte der Mirdite, „der Esel ist gescheiter als ich!“ Und er machte nicht viel Geschichten, sondern nahm seinen Geldbeutel, hing ihn dem Esel um den Hals und sagte zu ihm: „Geh nach Schkodra, verkaufe die Kohlen, kaufe Salz, Kaffee und Zucker!“ Und so ließ er den Esel allein gehen und er selbst kehrte nach Hause zurück.

Er wartete zu Hause etwa fünf Tage. Aber der Esel kehrte nicht nach Hause zurück. „Was mag dem Esel wohl zugestoßen sein?“ dachte er und machte sich nach Schkodra auf. Sobald er den Teil des Bazares, der am Hafen liegt, betreten hatte, fragte er einige Leute: „Habt ihr nicht einen mit Vernunft begabten Esel gesehen?“ „Ja,“ antworteten ihm jene. „Der ist Wesir geworden.“

Ohne jemandem ein Wort zu sagen, machte der Mirdite sich auf und ging geraden Weges auf die Burg und begehrte, mit dem Wesir zu sprechen. Die Posten ließen ihn eintreten, weil sie ja nicht wussten, was er plante.

Sowie der Mirdite ins Zimmer des Wesirs ein getreten war, brach er in ein Gelächter aus und eilte geraden Wegs auf den Wesir zu und, nachdem er sich ihm genähert hatte, versetzte er ihm eine Ohrfeige ins Gesicht und sagte dazu: „Heda, mein liebes Teufelsgefrieß! Sogar einen Bart hast du dir wachsen lassen!“

Der Wesir war über dieses Geschehnis höchlichst erstaunt und gab den Posten den Befehl, den Mirditen zu ergreifen. Wie der Mirdite nun gefesselt vor ihm stand, fragte der Wesir ihn, warum er ihn denn geschlagen und weshalb er so zu ihm gesprochen habe.

„Du bist mein Esel, mein Lieber, und gib mir jetzt nur meinen Geldbeutel wieder, den ich dir umgehängt habe,“ sagte der Mirdite. Da erkannte der Wesir, dass er es mit einem rechten Bauernschädel zu tun habe und er ließ ihn laufen.

Wie Herr Lambertz erklärt, sind die Mirditen der angesehenste Stamm in Nordalbanien und dabei streng katholisch. – Hier kommen sie allerdings so weg, als wären sie außerdem oder gerade deswegen ein bißchen die Ostfriesen Albaniens?

*******

Kurz, lustig, gut. Außer wenn man jetzt Mirdite wäre. Äh…

 
Textquelle: Zwischen Drin und Vojusa. Märchen aus Albanien. Hrsg. v. Maximilian Lambertz. Zeichnungen von Axel Leskoschek. Wien 1922, S. 157–158.
Bildquelle: Szene zwischen Esel und Kind auf einem byzantischen Bodenmosaik aus dem 5. Jahrhundert

39.2 Der Sohn des Königs von China – oder: Wie Lügen wahr werden können

Heute gibt es eines der versprochenen Märchen mit einer ordentlichen Portion Witz, die dem armen – Aber lest selbst…

Der Sohn des Königs von China

Es war, wie’s war! Es war einmal ein Bursche, der ging jeden Tag auf den Markt und sagte dann immer: „Verstand habe ich, Geld habe ich keines.“ Einem Geschäftsmann leuchtete das ein und er rief ihn eines Tages zu sich und sagte zu ihm: „Du gehst so oft hier vorbei und sagst: ‚Verstand habe ich, Geld hab ich aber keines!‘ Und wenn du Geld hättest, was würdest du denn damit anfangen?“ Der Bursche erwiderte: „Ich würde damit Geschäfte machen.“ Da gab der Geschäftsmann dem Burschen tausend Napoleons.

Der Bursche nahm das Geld und kaufte sich dafür königliche Kleider und er zog sie an und ging damit
in die Stadt, wo der König wohnte. Er stieg in einem Gasthaus ab und sagte zum Wirt: „Bring mir einen Kaffee.“ Und der Wirt brachte ihm einen Kaffee und der Bursche trank den Kaffee und er warf dem Wirte fünfzehn Napoleons auf das Servierbrett. Der Wirt überlegte bei sich, wer denn das wohl sein möge; und er fragte den Burschen: „Woher haben wir heute Euer Gnaden hier?“ Jener antwortete: „lch bin der Sohn des Königs von China!“

Dies Wort verbreitete sich in der Stadt, dass der Sohn des Königs von China dorthin gekommen sei. Und der König entsendete zwei Paschas, damit sie eine Zusammenkunft mit jenem Sohne des Königs von China hätten. Die beiden Paschas gingen dorthin ins Wirtshaus und hatten eine Begegnung mit jenem Sohn des Königs von China und sie fragten ihn: „Woher ist Eure Herrlichkeit zu uns gekommen?“ Und jener sagte zu ihnen: „Ich bin der Sohn des Königs von China.“ „Warum,“ fragten sie da, „ist Eure Herrlichkeit denn nicht zu uns gekommen, sondern im Wirtshaus abgestiegen?“ Jener entgegnete: „Ich bin verkleidet ins Blaue gereist.“ Seiner Bildung nach war er ein hochstehender Bursche. Die Paschas fanden Gefallen an ihm und sie gingen und erzählten dem Könige, dass der Prinz ein Mann aus sehr gutem Hause sei. Weiterlesen

37.7 Der Hammelbruder – ein armenischer Schlusspunkt

Wir beenden unsere Reise in Armenien mit einer schönen Variante von Brüderchen und Schwesterchen, in der sich nicht nur die mitteleuropäischen und die orientalischen Motive mischen, sondern auch ganz andere Märchen anklingen. Aber lest selbst…

Der Hammelbruder

Es lebte eine Witwe und sie hatte eine Tochter. Die Witwe heiratete einen Witwer und dieser hatte von seiner ersten Frau zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Da überredete die Frau ihren Mann: „Führe, ja, führe deine Kinder in die Berge!“ Der Mann konnte ihr nicht widerstehen und siehe, einmal legte er sich Brot in die Tasche, nahm die Kinder und machte sich auf in die Berge.

Sie gingen, gingen und kamen an einen unbewohnten Ort. Da sagte der Vater zu den Kindern: „Ruhet hier ein wenig aus!“ Die Kinder fingen an zu ruhen. Und der Vater wandte sein Gesicht ab und weinte bitter, bitter. Dann wandte er sich wieder zu den Kindern um und sagte: „Kinderchen, esst etwas!“ Diese aßen. Da sagte der Knabe: „Väterchen, ich will trinken.“ Der Vater nahm seinen Stock, steckte ihn in die Erde, warf seinen Rock darüber und sagt: „Komm her, mein Sohn, setz dich in den Schatten meines Rockes und ich werde dir Wasser holen.“ Der Bruder und die Schwester blieben hier und der Vater ging fort und ließ seine Kinder ganz im Stiche. Ob sie kurze oder lange Zeit gewartet haben, bis sie sahen, dass der Vater nicht zurückkommt, ist nicht bekannt; sie gingen nach allen Seiten hin, um ihn zu suchen, aber sahen keine menschliche Seele rings umher. Sie kehrten wieder zu dieser Stelle zurück, fingen an zu weinen und sagten:

„Ach, ach!“

„Siehe, da ist des Vaters Stock, dort sein Rock, aber er kommt nicht und kommt nicht.“

„Ach, ach!“

„Siehe, da ist des Vaters Stock, dort sein Rock, aber er kommt nicht und kommt nicht.“

Ob der Bruder und die Schwester lange oder kurze Zeit hier saßen, ist nicht bekannt, aber sie standen endlich auf und nahmen eins den Stock, das andere den Rock und gingen fort, ohne zu wissen, wohin. Sie gingen, gingen und gingen – sie gingen und sahen die Spuren von Pferdehufen mit Regenwasser angefüllt. „Ich will trinken, Schwesterchen,“ sagte ihr der Bruder. „Trinke nicht, Brüderchen, sonst wirst du zum Füllen!“ sagte die Schwester zu ihm. Sie gingen weiter.

Sie gingen, gingen und sahen die Spuren von Ochsenhufen. „Ach, Schwesterchen, wie durstig ich bin!“ „Trinke nicht, Brüderchen!“ sagte sie zu ihm, „sonst wirst du zum Kalbe!“ Sie gingen weiter. Sie gingen, gingen und sahen die Spuren von Büffelhufen. „Ach, Schwesterchen, wie durstig ich bin!“ „Trinke nicht, Brüderchen, sonst wirst du zum Büffelkalbe!“ Sie gingen weiter. Sie gingen, gingen und sahen die Spuren von Bärentatzen. „Ach, ich bin durstig, Schwesterchen!“ „Trinke nicht, Brüderchen, sonst wirst du zum jungen Bären!“ Sie gingen weiter und sahen die Spuren von Schweinshufen. „Ach, Schwesterchen, ich will trinken!“ „Trinke nicht,“ sagte sie zu ihm, „sonst wirst du zum Ferkel!“ Sie gingen weiter. Sie gingen, gingen und sahen die Spuren von Wolfstatzen. „Ach, Schwesterchen, wie ich durstig bin!“ „Trinke nicht, Brüderchen, sonst wirst du zum Wölflein!“ Sie gingen weiter. Sie gingen, gingen und sahen Spuren von Hammelfüssen. „Ach, Schwesterchen, ich sterbe fast vor Durst!“ „Ach, Brüderchen, wie tust du mir leid!“ sagte sie zu ihm, „du wirst ja zum Hammel, wenn du trinkst.“ Weiterlesen

37.6 Pulia und Morgenstern – Griechische Brüderchen und Schwesterchen

Und wir reisen weiter beziehungsweise fast ein Stückchen zurück, nämlich nach Griechenland, wo es fast so scheint, als wäre die türkische Variante von gestern vor allem mit einer besseren Motivation ausgestattet worden. Aber lest selbst…

Pulia und Morgenstern

Das Märchen hebt an, guten Abend, ihr Herrschaften.

Es war einmal ein Jäger, der lebte zusammen mit seiner Frau. Und eines Tages gebar die Frau ein schönes Mägdlein, und sie nannten es Pulia. Aber nach kurzer Zeit starb die Frau, und der Jäger – was sollte er machen – heiratete wieder. Die zweite Frau, die Stiefmutter von Pulia also, gebar nach kurzer Zeit auch und bekam ein Knäblein; das nannten sie Morgenstern.

je größer Pulia wurde, desto eifersüchtiger wurde die Stiefmutter auf sie und wollte sie als Sklavin verkaufen und sprach darüber heimlich mit ihrem Mann. Und Morgenstern hörte, was seine Mutter sagte, und ging hin und verriet es Pulia: „Liebe Pulia, meine Mutter will dich als Sklavin verkaufen, was sollen wir jetzt nur tun?“

Pulia machte sich auf und ging zu einer alten Nachbarin, um sie nämlich um Rat zu fragen. Und die Alte sagte ihr: „Du musst von ihr fortgehen, mein Mädchen. Wenn sie dich für den Basar kämmt,“ sagt sie, „soll Morgenstern dir die Schleife aus den Haaren reißen, du musst ihm nachlaufen, und so werdet ihr fortkommen. Deine Stiefmutter wird euch verfolgen, dann musst du dieses Messer von dir werfen, und es wird ein Feld daraus, das gar kein Ende nimmt. Deine Stiefmutter wird es jedoch schnell durchqueren und euch einholen. Dann sollst du diesen Kamm von dir werfen, und es wird ein dichtes Dornengestrüpp daraus, und auch das wird sie durchqueren und euch einholen. Dann sollst du dieses Salz ausstreuen, und es wird ein großer See daraus, und deine Stiefmutter wird ihn nicht durchqueren können und wird umkehren.“ Sie gab also den Kindern ein Messer, einen Kamm und das Salz und schickte sie mit gute Wünschen fort.

Wie die Kinder wieder zu Hause waren, fing die Stiefmutter an, Pulia zu kämmen, und sang ihr etwas vor und erzählte ihr einen Haufen Lügen. Da riss Morgenstern ihr die Schleife aus dem Zopf und lief hinaus, Pulia hinterher, so kamen sie auf die Straße. Die Stiefmutter lief hinterher und wollte sie einholen. Da warf Pulia das Messer der Alten hin, und es ward ein Feld, das kein Ende hat. Aber die Stiefmutter durchquerte ganz schnell das Feld und holte sie wieder ein. Da warf Pulia den Kamm der Alten hin, und er ward ein dichtes Dornengestrüpp. Sie aber durchquerte auch dieses, und da warf Pulia das Salz hin und es ward ein ungeheuer großer See. Die Stiefmutter wollte ihn durchqueren, konnte es aber nicht. Da verwünschte sie Morgenstern, der doch ihr Kind war und sie verleugnet hatte und mit der Stieftochter ging. „Dort, wohin du kommen wirst, sollst du Durst verspüren,“ sagte sie, „und sollst Wasser trinken. Und in solch ein Tier sollst du verwandelt werden, wie das ist, aus dessen Fußspur du trinkst.“ Weiterlesen

37.5 Brüderchen und Schwesterchen – auf Türkisch

Heute reisen wir weiter und kommen in die Türkei, wo sich das Märchen nun deutlich verändert. Aber lest erst einmal selbst…

Brüderchen und Schwesterchen

Einmal war’s und einmal war’s nicht, Allah hatte viele Diener; da war einmal ein Padischah, der einen Sohn und eine Tochter hatte. Der Padischah ward alt, es kam seine Zeit und er starb; der Sohn nahm seine Stelle ein und eine Zeitlang regierend, verzehrte er sein ganzes Vermögen.

Eines Tages sprach er zu seiner Schwester: „Liebste, wir haben all unser Vermögen verzehrt; wenn man erfährt, dass wir ohne Geld dastehen, so jagt man uns von dannen und obendrein werden wir aus Schande niemandem in die Augen sehen können. Das Beste ist, wenn wir all diesem ausweichen und bei Zeiten weggehen.“ Die beiden Geschwister packten ihre Siebensachen zusammen und entfernten sich in der Nacht aus dem Palaste; sie zogen in die Welt.

Sie gingen denn vorwärts und gelangten auf eine endlos große Ebene. Sie litten gar sehr durch die Hitze, so dass sie beinahe zusammenbrachen. Der Bruder konnte es schon nicht länger ertragen und als er auf der Erde eine Pfütze erblickte, sprach er zum Mädchen: „Schwester, von hier mache ich keinen Schritt vorwärts, bevor ich dies Wasser nicht getrunken habe.“ – „Aber Bruder« versetzte seine Schwester, „wer weiß, ob es Wasser oder Kot ist? Haben wir es bis lang ausgehalten, so wollen wir noch weitergehn, vielleicht finden wir gar bald Wasser!“

Aber der Bruder erwiderte: „Nein, ich gehe keinen Schritt vorwärts; ich trinke es, wenn ich auch nur so lange leben sollte.“ Hiermit machte er sich über das Wasser, schlürfte und schlürfte es; und siehe da! kaum hatte er es getrunken, so ward aus ihm ein Hirsch.

Die Schwester klagte und jammerte gar bitterlich: was nun aus ihr werden solle; aber es war geschehen und sie machten sich denn wieder auf den Weg. Sie gingen hin und her auf der großen Ebene; bei einer großen Quelle stand ein großer Baum; dort hielten sie Rast. Da sprach der Hirsch: „Schwester, kriech auf diesen Baum hinauf; ich gehe weg, vielleicht finde ich einen Imbiss.“ Das Mädchen kroch auf den Baum, der Hirsch ging weg, durchstreifte die Gegend; die Hasen, die er abfing, brachte er seiner Schwester und sie verzehrten dieselben und lebten also von einem Tage auf den anderen, von einer Woche zur anderen. Weiterlesen

37.4 Von Maria und ihrem Brüderchen – und wir bleiben auf Sizilien

Doch ja, wir bleiben noch kurz auf Sizilien, um die Sonne und eine zweite Variante desselben Märchens zu genießen. Aber lest selbst…

Von Maria und ihrem Brüderchen

Es war einmal ein Mann, dem war seine Frau gestorben und die hatte ihm zwei Kinder hinterlassen, einen Knaben, der hieß Peppe*, und ein Mädchen, das hieß Maria. Die beiden Kinder waren sehr schön und ihr Vater hatte sie von Herzen lieb. Weil er arm war, so ernährte er sich damit, dass er in den Wald ging, Reiserbündel machte und diese dann in der Stadt verkaufte. Weil er sich aber niemals von den Kindern trennen mochte, so nahm er sie mit in den Wald und sie suchten auch Reiser und trugen kleine Bündel nach Haus.

Nach einiger Zeit gedachte sich der Mann wieder zu verheiraten. „Ach, Vater, tut das nicht,“ bat Maria, „wenn ihr uns eine Stiefmutter gebt, so wird sie uns gewiss misshandeln.“ „Sorge dich nicht, mein Kind,“ antwortete er, „ich bin ja da und werde euch beschützen und werde euch immer so lieb haben, wie jetzt.“ Also ging er hin und heiratete eine Nachbarin, die war eine Wirtin und hatte eine Tochter. Diese Tochter war aber sehr hässlich und einäugig.

Eine Zeitlang ging alles gut, bald aber wurde die Stiefmutter unfreundlich gegen die arme Maria und ihr Brüderchen, misshandelte und schlug sie und gab ihnen fast nichts zu essen. Und weil Maria so schön war und ihre eigene Tochter so hässlich, so konnte die Stiefmutter sie erst recht nicht leiden und dachte, wie sie sie verderben wollte. Da sprach sie eines Tages zu ihrem Mann: „Die Zeiten sind so schlecht, und das Brot ist so teuer, und deine Kinder essen so viel, dass wir gewiss noch zu Bettlern werden. Tu deine Kinder fort, denn ich gebe ihnen nichts mehr zu essen.“ „Ach, wo soll ich denn meine armen Kinder hinschicken?“ sprach der Vater. „Lass sie morgen im dichten Wald, dass sie den Rückweg nicht finden,“ antwortete die Stiefmutter. „Ach nein,“ sagte der Mann, „wie könnte ich eine solche Sünde begehen und meine Kinder, die ich so lieb habe, im Walde verlassen?“

Wie es aber immer so geht, dass die Männer sich von ihren Frauen bereden lassen, so ließ sich auch dieser Mann von seiner Frau bereden, weckte am andern Morgen in aller Frühe die beiden Kinder und sprach: „Kommt, Kinder, heute weiß ich einen schönen Platz im Wald, wo wir viel Holz finden werden.“ Also machten sie sich auf und nahmen auch etwas Brot mit. Unterwegs begegneten ihnen ein Mann, der verkaufte Lupinen. „Vater,“ sprach Maria, „gebt uns einen Senare**, damit wir uns Lupinen kaufen.“ Da gab ihnen der Vater den Senare und die Kinder kauften sich die Lupinen und aßen sie unterwegs und warfen dabei die Schalen auf den Weg. Endlich kamen sie in den Wald, und der Vater sagte: „Seht, Kinder, dort weiter unten sind viele Reiser, geht ihr dort hin und machet die Bündel, derweil ich diesen alten Baumstamm umhaue. Ihr höret ja immer den Schall der Axt.“ Die Kinder taten, wie ihr Vater sie geheißen, und fingen an große Reiserbündel zu machen. Der Vater aber nahm einen großen Kürbis, band ihn an den großen Baumstamm an, so dass er immerfort gegen den Stamm schlug, und schlich nach Haus. Die Kinder arbeiteten den ganzen Tag und wenn sie innehielten um nach ihrem Vater zu horchen, so hörten sie den Kürbis, der gegen den Baumstamm schlug, meinten es sei die Axt ihres Vaters und arbeiteten fröhlich weiter.

Als es aber schon anfing Abend zu werden, sprach Maria: „Der Vater arbeitet heute so lange, wir wollen doch lieber hingehen und ihn rufen.“ Da gingen sie hin, aber sie fanden ihren Vater nicht, und so viel sie auch rufen mochten, er antwortete ihnen nicht. Als sie aber den Kürbis erblickten, da merkten sie, dass er sie im finstern Walde allein gelassen hatte und fingen an bitterlich zu weinen. „Weine nicht, Peppe,“ sagte endlich Maria, „wir haben ja heute früh unterwegs die Lupinen gegessen, und wenn wir immer den Schalen nachgehen, so kommen wir schon in eine Gegend, die wir kennen und von wo aus wir uns nach Hause finden.“ Da gingen sie immer den Lupinenschalen nach und fanden sich zum Walde heraus und kamen glücklich nach Hause. Der Vater aber saß bei seinem Abendessen und hatte keine Lust zu essen, sondern weinte und jammerte nur: „Ach, meine armen, lieben Kinder, ich habe euch verlassen! Jetzt werden euch die wilden Tiere fressen! O meine Kinder!“ Da riefen die Kinder hinter der Tür: „Vater, hier sind wir ja, macht uns auf.“ Und als der Vater die Tür aufmachte, sah er seine lieben Kinder gesund vor sich stehen. Da umarmte er sie und hieß sie sich zu Tische setzen, und freute sich von Herzen, daß sie wieder da waren. Weiterlesen