Archiv der Kategorie: Zaubermärchen

41.6 Sim Chung, die gute Tochter – in einem Märchen um Pflicht, Schicksal und doch auch Liebe

Auch heute gibt es ein Märchen, in dem um Liebe und Pflicht geht. Mit einer vorbildlichen Tochter, kaum Bösewichtern und dafür einem funkelnden Palast unter Wasser. Aber lest selbst…

Sim Chung, die gute Tochter

Sim Hyung, oder Herr Sim, war in dem Dorfe, in welchem er lebte, hoch geachtet. Er gehörte der Klasse der Yang-Ban, also den Edelleuten, an. Wenn er daher die Straße entlang ging, tat er dies mit dem vornehmen ausholenden Schritt seiner Klasse. Und wenn er auf seinem Lieblingsesel ritt oder im Stuhle getragen seinen Beschäftigungen nachging, lief stets ein Diener voraus, welcher den Leuten, die ihm begegneten, zurief, Platz zu machen, damit sein Herr ungehindert passieren könne. Er bekleidete keinen hohen Rang, obgleich seine Kenntnisse hochgeschätzt wurden; das Gehalt, welches ihm seine Stelle einbrachte, genügte kaum zu den nötigsten Bedürfnissen, Privatvermögen besaß er nicht und konnte daher nur bei größter Sparsamkeit seinem Stande gemäß leben.

Er war so glücklich gewesen von seinen Eltern an ein ebenso schönes als gut erzogenes Mädchen verheiratet worden zu sein. Dieselbe ward wegen ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit von jedermann gerühmt und ihre geistigen Fähigkeiten wurden weit und breit anerkannt. Nicht allein konnte sie das einheimische Ernmum* lesen, sondern war auch in den chinesischen Schriftzeichen bewandert. Aber diese hochgebildete Jungfrau war auch in, allen weiblichen Handarbeiten sehr geschickt. Ihre kunstvoll in Seide und Gold ausgeführten Stickereien waren der Stolz ihrer Eltern und Freunde, und als sie einst einen Abschnitt der Geschichte Koreas mit prachtvollen chinesischen Schriftzeichen in Seide gearbeitet hatte, machte ihr Vater dem Könige damit ein Geschenk. Diesem gefiel die schöne Arbeit so sehr, dass er sie zu einem Wandschirm verwenden ließ, den er stets neben die Matte, auf welcher er saß, zu stellen befahl, um die kunstvolle Arbeit immerfort anschauen zu können.

Sim war zuerst gar nicht von der Wahl seiner Eltern erfreut, da er ein Vorurteil gelehrten Frauen gegenüber hatte, als aber seine Zukünftige bei der Hochzeitsfeierlichkeit ihr Antlitz entschleierte und er ihre bezaubernden Züge sah, war er so sehr von ihrer Lieblichkeit berauscht, dass er kaum das Ende der Zeremonien erwarten konnte, um sie für ewig sein zu nennen.

Die Ehe war eine überaus glückliche. Einer schien für den anderen geschaffen zu sein und jeder gerade die Eigenschaften zu besitzen, die der andere am höchsten schätzte, sodass beide Teile sehr mit der Wahl zufrieden waren, welche die beiderseitigen Eltern getroffen hatten. Oft saßen sie abends beim Mondschein im Garten, der sich an die Frauengemächer anschloss und machten Pläne für die Zukunft. Ihr einziger Wunsch bestand darin, einen Sohn zu haben; doch Jahre gingen dahin, ohne dass ihnen ein Kind geboren wurde. Die Frau befragte Priesterinnen und der Mann wurde ganz trübsinnig und zog sich von allem Verkehr mit Menschen zurück, denn er glaubte die Leute rechneten es ihm zur Schande an, kinderlos zu sein. Er lebte nur mit seinen Büchern und vernachlässigte seine Gattin, welche er nie mehr in ihren Gemächern aufsuchte. Infolge dieser ununterbrochenen geistigen Tätigkeit und des einsamen Lebens fing er an zu kränkeln, wurde mager und bleich und seine Augen verloren ihren Glanz. Seine Frau trug ihr Missgeschick standhafter und gab die Hoffnung, Kinder zu bekommen, nicht auf, obwohl sie sich schämte keinen anderen Namen zu haben als ‚die Frau des Sim‘ und es doch so sehnlich gewünscht hatte, sich ‚die Mutter des kleinen Sim‘ genannt zu hören, von dem sie beide Tag und Nacht geträumt hatten. Endlich blieben auch diese Träume aus.

So waren ihnen fünfzehn Jahre vergangen, als die Frau wieder einen Glück verheißenden Traum hatte: sie sah einen Stern vom Himmel auf sich herabfallen. Sogleich schickte sie zu ihrem Gemahl und sagte ihm, dass sie fest glaube, jetzt würde sich ihr Wunsch er füllen – und ihre Hoffnung täuschte sie nicht. Ein Kind wurde ihnen geboren; aber statt des erwarteten Knaben war es nur ein Mädchen. Trotzdem beide Eltern gern einen Sohn gehabt hätten, freuten sie sich doch sehr, dass sie nach fünfzehnjährigem Warten doch noch ein Kind bekommen hatten und nahmen sich vor, ihre kleine Tochter recht herzlich zu lieben.

Das Elternpaar wurde durch dieses gemeinsame Familienband wieder inniger verbunden und das Kind wuchs unter ihren Augen prächtig heran. Es blieb von allen Kinderkrankheiten verschont und überwand selbst die Pocken so glücklich, dass sein Gesicht nicht von den schrecklichen Narben verunziert wurde, welche diese Krankheit so oft hinterlässt. Als die Kleine drei Jahre alt war, schien es, dass sie noch schöner als ihre Mutter werden würde. Ihre Wangen glichen aufgeblühten Rosen und jedesmal wenn sie ihren kirschroten Mund öffnete und ihre kleinen Perlenzähne zeigte, sagte sie etwas Kluges und Angenehmes oder brach in ein silberhelles Lachen aus. Die früher so trübseligen Eltern lebten in dem Kinde wieder auf und waren voll Stolz über das Lob, welches seiner Klugheit und Schönheit gezollt wurde. Der Vater vergaß fast, dass es ein Mädchen war und behielt es den ganzen Tag um sich, seine Schritte behütend und es vor allem Schaden bewahrend.

Doch dies Glück war zu groß, um für lange Zeit zu dauern. Die Mutter der kleinen Sim ward krank und starb plötzlich. Der Gatte war der Verzweiflung nahe, weinte und wehklagte Tag und Nacht über den Verlust seines Weibes und als er endlich seine Gemächer verließ und sich vor Menschen zeigte, war seine Gestalt gebeugt, sein Haar gebleicht und seine Augen von den vielen vergossenen Tränen tot. Er war erblindet. Da der Vater sich nun nicht mehr um den Lebensunterhalt seines Kindes durch eigene Arbeit kümmern konnte, so fing er an Stück für Stück seines ganzen Eigentums zu verkaufen und nach zehn Jahren war alles, selbst das Haus, in dem sie wohnten, in andere Hände übergegangen. Jetzt musste der Vater betteln und seine Tochter, die inzwischen zur Jungfrau herangewachsen war, durfte ihn nach den Landesgesetzen, welche den erwachsenen Mädchen in einem gewissen Alter verbieten auszugehen, nicht mehr begleiten. Eines Tages hatte der arme Blinde das Unglück in eine mit Wasser angefüllte Grube zu fallen.

Lange Zeit bemühte er sich vergebens aus derselben herauszukriechen, als er sich ihm nähernde Schritte hörte und nun um Hilfe rief: „Hilf mir Armen,“ schrie er, „ich bin blind und nicht etwa betrunken.“ „Ich weiß, dass du nicht betrunken, sondern erblindet bist, doch dir kann geholfen werden,“ antwortete die Stimme des Herankommenden. „Wer bist du, dass du so genau über meine Verhältnisse Bescheid weißt?“ fragte Sim. „Ich bin der Priester aus dem Tempel der Bergfeste,“ erwiderte der Fremde. „Du meinst, das Augenlicht könne mir wiedergegeben werden?“ fragte der Blinde. „Ja,“ gab ihm der Priester zur Antwort, „ich hatte einen Traum, dich betreffend. Im Falle du dem Buddha meines Tempels ein Opfer von dreihundert Sack Reis bringst, wirst du dein Augenlicht wieder erhalten. Du wirst dann einen hohen Beamtenposten bekommen und reich an Ehren und Würden werden und deine Tochter wird zur vornehmsten Frau im ganzen Reiche erhoben.“ „Aber ich bin alt und arm,“ entgegnete Sim, „wie kann ich wohl solch fürstliches Opfer bringen?“ „Du brauchst es nicht gleich zu geben,“ sagte der Priester, „gib mir nur ein schriftliches Versprechen, den Reis zu opfern, die Zeit der Erfüllung aber überlasse ich dir.“ „Schon recht,“ antwortete Sim, „gib mir Papier und Tinte, dann will ich versuchen die Schrift zu verfassen.“

Sie gingen in ein Haus und dort schrieb der Blinde, dem der Priester die Hand führte, das Versprechen, dreihundert Sack Reis zu geben, wofür er wieder sehend werden sollte. Müde, hungrig und an allen Gliedern wie zerschlagen kehrte Sim in seine Wohnung zurück, wo er sich lächelnd seines Versprechens, dreihundert Sack Reis zu liefern, erinnerte, während er nicht so viel Reis besaß, um seinen Hunger stillen zu können.

Endlich war es ihm gelungen eine Beschäftigung zu finden, bei welcher er einen kärglichen Verdienst hatte. Man beschäftigte ihn mit Reinigen und Aushülsen von Reis. Es war schwere Arbeit für ihn, Tagelöhnerdienst zu verrichten, aber er tat sie gern, denn so konnte er sich selbst und sein Kind vor der bittersten Not schützen. Kam er dann abends von der Arbeit heim, so fand er stets einen sauber gedeckten Tisch mit Speisen, welche von seiner Tochter selbst bereitet waren. Eines Abends als er sich gerade auf die Matte vor seinem Tisch niedergelassen hatte und sein einfaches Mahl verzehren wollte, erschien der Priester aus dem Tempel der Bergfeste, um ihn an sein Versprechen zu erinnern. Sim verging aller Hunger, denn nun musste er seiner Tochter von dem schriftlich gegebenen Versprechen erzählen, wovon er bisher geschwiegen hatte. So sehr diese sich auch freute, dass die Erfüllung des Versprechens ihrem Vater das Augenlicht wiedergeben sollte, so war sie doch von der Unmöglichkeit überzeugt, es jemals einlösen zu können. Weiterlesen

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40.7 H. Ch. Andersens „Die wilden Schwäne“ – oder: das Schönste zum Schluss

Zum Abschluss der Märchenwoche mit Hans Christian Andersens gibt es noch einmal einen der besten Beweise für seine Genialität als Erzähler. Also meiner Meinung nach. Nämlich ein wunderschönes, aber wirklich herzzerreißendes Märchen, in dem er virtuos Motive verschiedener Märchenklassiker kombiniert. Lest selbst…

Die wilden Schwäne

Weit von hier, da, wohin die Schwalben fliegen, wenn wir Winter haben, wohnte ein König, der elf Söhne und eine Tochter, Elisa, hatte. Die elf Brüder waren Prinzen, sie gingen mit dem Stern auf der Brust und dem Säbel an der Seite in die Schule; sie schrieben mit Diamantgriffeln auf Goldtafeln und lernten ebenso gut auswendig, als sie lasen; man konnte sogleich hören, dass sie Prinzen waren. Die Schwester Elisa saß auf einem kleinen Schemel von Spiegelglas und hatte ein Bilderbuch, welches für das halbe Königreich erkauft war.

O, die Kinder hatten es gut, aber so sollte es nicht immer bleiben!

Ihr Vater, der König über das ganze Land war, verheiratete sich mit einer bösen Königin, die den Kindern gar nicht gut war. Schon am ersten Tage konnten sie es recht gut merken; in dem ganzen Schlosse war große Pracht, und da spielten die Kinder ‚Besuch‘; aber anstatt sie sonst all’ den Kuchen und die gebratenen Äpfel erhielten, die nur zu haben waren, gab die neue Königin ihnen nur Sand in einer Teetasse, und sagte, sie könnten tun, als ob es etwas wäre.

Die Woche darauf brachte sie die kleine Elisa auf das Land zu einem Bauernpaar, und lange währte es nicht, da redete sie dem König so viel von den Prinzen vor, dass er sich gar nicht um sie bekümmerte.

„Fliegt hinaus in die Welt und helft Euch selbst!“ sagte die böse Königin; „fliegt als große Vögel ohne Stimme!“ Aber sie konnte es doch nicht so schlimm machen, wie sie gern wollte; sie wurden elf herrliche Schwäne. Mit einem sonderbaren Schrei flogen sie aus den Schlossfenstern hinaus über den Park und den Wald dahin.

Es war noch ganz früh am Morgen, als sie da vorbei kamen, wo die Schwester Elisa in der Stube des Landmanns lag und schlief; hier schwebten sie über dem Dache, drehten ihre langen Hälse und schlugen mit den Flügeln, aber niemand hörte oder sah es. Sie mussten wieder weiter, hoch gegen die Wolken empor, hinaus in die weite Welt; da flogen sie nach einem großen Wald, der sich gerade bis an den Strand des Meeres erstreckte.

Die kleine Elisa stand in der Stube des Landmanns und spielte mit einem grünen Blatte, anderes Spielzeug hatte sie nicht; sie stach ein Loch in das grüne Blatt, sah da hindurch gegen die Sonne empor, und da war es gerade, als sähe sie ihrer Brüder klare Augen, und jedesmal, wenn die warmen Sonnenstrahlen auf ihre Wangen schienen, gedachte sie aller ihrer Küsse.

Der eine Tag verging ebenso wie der andere. Strich der Wind durch die großen Rosenhecken draußen vor dem Hause, so flüsterte er den Rosen zu: „Wer kann schöner sein als ihr?“ Aber die Rosen schüttelten das Haupt und sagten: „Elisa ist es!“ Wenn die alte Frau am Sonntag an der Tür saß und in ihrem Gesangbuch las, so wendete der Wind die Blätter um und sagte zum Buch: „Wer kann frömmer sein als Du?“ – „Elisa ist es!“ sagte das Gesangbuch, und das war die reine Wahrheit, was die Rosen und das Gesangbuch sagten.

Als sie fünfzehn Jahre alt war, sollte sie nach Hause kommen; da aber die Königin sah, wie schön sie war, wurde sie ihr gram und voll Hass und hätte gern auch sie in einen wilden Schwan verwandelt, wie die Brüder, aber das wagte sie nicht sogleich, weil ja der König seine Tochter sehen wollte.

Früh des Morgens ging die Königin in das Bad, welches von Marmor erbaut und mit weichen Kissen und den prächtigsten Decken geschmückt war, nahm drei Kröten, küsste sie und sagte zu der einen: „Setze Dich auf Elisas Kopf, wenn sie in das Bad kommt, damit sie dumm wird wie Du! – Setze Dich auf ihre Stirn,“ sagte sie zur andern, „damit sie hässlich wird wie Du, sodass ihr Vater sie nicht kennt! – Ruhe an ihrem Herzen,“ flüsterte sie der dritten zu, „lass sie einen bösen Sinn erhalten, damit sie Schmerzen davon habe!“ Dann setzte sie die Kröten in das klare Wasser, welches sogleich eine grüne Farbe erhielt, rief Elisa, zog sie aus und ließ sie in das Wasser hinab steigen, und indem sie untertauchte, setzte sich eine Kröte ihr in das Haar, die andere auf ihre Stirn, und die dritte auf die Brust; aber Elisa schien es gar nicht zu merken; sobald sie ich emporrichtete, da schwammen drei rote Mohnblumen auf dem Wasser. Wären die Tiere nicht giftig gewesen und von der Hexe geküsst worden, so wären sie in rote Rosen verwandelt worden, aber Blumen wurden sie doch, weil sie auf ihrem Haupte und an ihrem Herzen geruht hatten; sie war zu fromm und unschuldig, als dass die Zauberei Macht über sie haben konnte.

Als die böse Königin das sah, rieb sie das Mädchen mit Walnusssaft, sodass sie ganz schwarzbraun wurde, bestrich das hübsche Antlitz mit einer stinkenden Salbe und ließ das herrliche Haar sich verwirren; es war unmöglich, die schöne Elisa wieder zu erkennen. Weiterlesen

39.6 Die Geschichte von den drei Brüdern, den drei Schwestern und dem halbeisernen Mann

So. Heute wird es wieder ernst und schön mit einem weiteren Zaubermärchen. Inklusive zweimal drei Geschwistern und lauter gruseligen Gestalten. Aber lest selbst…

Die Geschichte von den drei Brüdern, den drei Schwestern und dem halbeisernen Mann

Es waren einmal drei Brüder und drei Schwestern, die Brüder verheirateten die eine an den Sonnenherrn, die andere an den Mond und die letzte an den Südwind. Als sie einige Zeit verheiratet waren, dachten die Brüder: „Wir wollen doch gehen und sehen, wie es ihnen geht.“ Sie machten sich fertig, nahmen Wegzehrung mit und gingen auf die Reise.

Unterwegs überfiel sie die Nacht auf freiem Felde nahe bei einem Berge, sie machten an einer Stelle halt, zogen ihr Brot heraus und zündeten Licht an. Als sie mit Essen fertig waren, sagte der älteste: „Legt ihr euch schlafen, ich will aufbleiben und euch bewachen, dass keiner komme uns zu berauben und zu töten.“ Die beiden jüngeren Brüder legten sich nun schlafen und er hielt Wache. Das Licht hatte eine Kutschedra* bemerkt, ging gerade darauf zu, und als sie auch noch die Männer sah, freute sie sich sehr, und stürzte auf den Wächter zu, um ihn zu fressen. Der aber schoss und tötete sie, zog darauf seinen Säbel, hieb ihr den Kopf ab und steckte ihn in seinen Ranzen, nahm auch die Kutschedra und warf sie in eine Grube, dass seine Brüder sie nicht sähen. Darauf wartete er noch eine Weile, weckte sie und sie machten sich wieder auf.

Die zweite Nacht verbrachten sie an einem andern Ort, und als sie Licht gemacht und gegessen hatten, legten sich zwei schlafen, der mittlere Bruder wachte, und auch der tötete in der Nacht eine Kutschedra wie der älteste.

In der dritten Nacht sagte der jüngste: „Schlaft ihr jetzt, ich werde wachen.“ Sie aber meinten: „Schlaf du, du bist zu jung, lass einen von uns Wache halten.“ Er wollte aber nicht und bewachte sie. Auch zu ihm kam eine Kutschedra, aber jung wie er war, schoss er nicht sicher; da zog er seinen Säbel, um sie zu erschlagen, aber im Todeskampf schlug sie mit dem Schwanz und löschte das Licht aus. Nun überlegte er, wie er es wieder anzünden könnte, hatte aber nichts womit. Da sah er auf einem Berggipfel ein kleines Feuer und machte sich dahin auf. Unterwegs traf er die Mutter der Nacht; die fragte er: „Wohin gehst du?“ Sie antwortete: „Ich gehe Tag machen.“ Darauf sagte er: „Warte auf mich, bis ich das Licht angezündet habe.“ Sie antwortete: „Ich warte.“ Er traute ihr aber nicht und band sie fest, dass sie nicht Tag machen könnte. Weiterlesen

39.3 Das Schlangenkind – oder: Eben nicht der Froschkönig

Auch in der albanischen Erzähltradition gibt es wunderschöne Zaubermärchen. Allerdings musste ich dafür in einem anderen Buch Märchen sammeln gehen. Lest selbst…

Das Schlangenkind

Es war einmal ein König, der bekam keine Kinder, er hatte aber einen Wesir, der drei Mädchen hatte, und die Frauen der beiden hatten sich einander sehr lieb. Da geschah es eines Tages, dass sie zusammen in einen Garten gingen, um daselbst den Tag zu verbringen, und während sie dort miteinander aßen und tranken, sprach die Königin zur Wesirsfrau: „Du hast drei Mädchen, und wenn ich nur einen Sohn hätte, würden wir nicht Schwägerschaft miteinander machen, da wir uns so lieb haben?“ Und jene antwortete: „Ach ja, das wäre sehr schön, wenn du nur einen Sohn hättest, aber leider hat dir unser Herrgott keinen geschenkt.“ Da rief die Königin: „Ach, ich wollte, dass mir Gott einen Sohn schenkte, und wenn es auch eine Schlange wäre.“

An demselben Abend schlief die Königin bei dem König, und ihr Leib wurde gesegnet, und als ihre Zeit kam, gebar sie eine Schlange, so wie sie sich es gewünscht hatte. Diese wuchs schnell heran und sprach eines Tages zu ihrer Mutter: „Höre, Mutter, erinnerst du dich, was du mit der Wesirsfrau verabredet hast, als ihr zusammen in jenem Garten wart? Ich will eine von ihren Töchtern zur Frau, gehe also hin und werbe für mich um die älteste.“

Da machte sich die Mutter auf und ging zur Wesirsfrau und sprach: „Ich wünschte deine älteste Tochter zur Schwiegertochter für meinen Sohn.“ Da erwiderte jene: „Was, ich sollte meiner Tochter eine Schlange zum Manne geben? Das wird nimmer geschehen, gehe deiner Wege und sprich nicht mehr davon.“ Da kehrte die Königin ganz traurig zu ihrem Sohne zurück und sprach: „Sie will dich nicht.“

Darüber vergingen ein paar Jahre, dann aber sprach die Schlange wiederum zu ihrer Mutter: „Höre, Mutter, gehe noch einmal zur Wesirsfrau und sage ihr, dass sie mir ihre zweite Tochter zur Frau geben solle.“ Da machte sich die Mutter wiederum auf, ging zu der Wesirsfrau und sprach: „Mein Sohn schickt mich und hält um deine zweite Tochter an.“ Über diesen Antrag aber wurde jene sehr ungehalten und sprach: „Schere dich deiner Wege und sprich mir nicht mehr davon, dass ich meinen Töchtern eine Schlange zum Manne geben solle.“ Da kehrte die Königin betrübt nach Hause zurück und sagte zu ihrem Sohne: „Sie will dich nicht.“

Als nun wieder ein paar Jahre vorüber waren, da sprach die Schlange zu ihrer Mutter: „Höre, Mutter, gehe noch einmal zur Wesirsfrau und sage ihr, sie solle mir ihre dritte Tochter geben, und wenn sie das nicht täte, so würde ich eines Nachts in ihr Haus kommen und sie alle umbringen.“ Da machte sich die Mutter auf, ging zur Wesirsfrau und richtete ihr unter vielen Tränen den Auftrag ihres Sohnes aus. Als die Wesirsfrau das hörte, erschrak sie sehr und wusste nicht, was sie tun sollte, denn gibt sie das Mädchen nicht her, so kommt die Schlange und bringt sie alle ums Leben, und gibt sie es her, so fürchtet sie, dasselbe in den Tod zu schicken. Sie riefen also das Mädchen herbei und fragten sie: „Höre, mein Kind, willst du die Schlange der Königin zum Manne nehmen?“ Das Mädchen aber erwiderte: „Ich will mir es überlegen.“

Darauf ging das Mädchen zu einer klugen alten Frau, erzählte ihr den Hergang und fragte sie, was sie tun solle. Die Alte aber sprach: „Sage ja, mein Töchterchen, denn das ist gar keine Schlange, sondern ein Mann, der in der ganzen Welt seinesgleichen nicht hat. In der Brautnacht musst du aber vierzig Hemden anziehen, denn die Schlange hat vierzig Häute, und wenn ihr dann zu Bette geht und sie zu dir sagt: ‚Ziehe dich aus‘, so musst du antworten: ‚Ziehe dich auch aus.‘ Da wird dein Mann eine Haut ausziehen, und du musst es mit dem obersten Hemde ebenso machen, und so musst du fortfahren, bis er die vierzigste Haut abgezogen hat, dann sollst du sehen, was für ein schöner Mann vor dir steht.“ Weiterlesen

36.4 Kamer-taj, das Mondross – ein herzschmelzendes Zaubermärchen

In der goldenen Mitte der türkischen Märchenwoche gibt es ein wunder-, wunderschönes Zaubermärchen mit allen besten Zutaten, also einem sich opfernden Helfertier, einer hinreißenden Liebesgeschichte mit allerlei Verwicklungen und einem ordentlichen Bösewicht, nämlich einem Dew.

Dews sind laut Herrn Kunos eine grausige Mischung aus Riese und Teufel und somit – von Ausnahmen abgesehen – keine netten Zeitgenossen. Dews verstecken sich gerne an ebenso grausigen, düsteren Orten, also z.B. Höhlen oder verfallenen Brunnen – und essen am liebsten Menschenfleisch und zwar am allerliebsten von zarten Sultanstöchtern. Guten Appetit oder besser: Lest selbst… 🙂

Kamer-taj, das Mondross

Es war einmal wo’s nicht war, der Lügen gibt’s ja viel hier auf Erden, es war einmal ein Padischah. Wie es nun geschah, genug er suchte und fand einmal eine – Laus. In damaliger Zeit wusste man noch nicht, was eigentlich eine Laus sei.

Der Padischah rief seinen Lala herbei, sie guckten sich das Tierchen an, was das wohl sein könne und womit es sich nähre? Vielleicht gar mit Menschenblut? Jeden Tag schlachteten sie daher ein Tier, nährten mit demselben die Laus, die so lang wuchs, bis sie so groß wie eine Katze ward. Dann fingen sie sie, zogen ihr das Fell ab und hingen dasselbe an’s Tor des Palastes und ließen verkündigen, dass wer es errate, von welchem Tiere das Fell sei, der würde des Padischahs Tochter zur Gattin erhalten.

Viel Volk versammelte sich, man guckte sich das Fell von allen Seiten an, aber es fand sich niemand, der Antwort auf die Frage geben konnte. Die Kunde von diesem Felle verbreitete sich so sehr, dass auch ein Dew davon erfuhr. „Das kommt mir gerade recht,“ dachte er sich, „seit drei Tagen habe ich nicht gegessen, wenigstens sättige ich mich an der Sultanstochter.“ Er ging also zum Padischah, sagte ihm den Namen des Felles und verlangte sofort die Maid. „O wehe!“ jammerte der Padischah, „wie soll ich diesem Dew meine einzige Tochter geben!“ Er versprach ihm als Lösegeld für seine Tochter so viele Sklaven, als er nur haben wollte, aber alles vergeblich! Den Dew gelüstete es nach der Sultanstochter. Der Padischah ließ also seine Tochter herbeirufen und teilte ihr mit, dass sie sich zur Reise rüsten solle, denn ihr Kismet habe sie einem Dew bestimmt. Vergeblich war alles Jammern und Weinen; man kleidete die Jungfrau an, während der Dew voraus ging, um auf dem Wege die Maid zu erwarten und zu übernehmen.

Der Padischah hatte ein Ross, das man anstatt mit Wasser stets mit Rosenöl tränkte, dem man anstatt Heu stets Weinreben zu fressen gab. Mondross (Kamer-taj) war sein Name. Auf diesem Rosse wollte die Sultanstochter sich zum Dew begeben; sie wurde auf’s Ross gesetzt, Reiter gaben ihr das Geleite bis zur Wohnung des Dew. Als sie sich dem Dew näherten, kehrten die Reiter um und ließen die Maid auf dem Rosse zurück. Die begann zu beten, zu Allah zu flehen, damit er sie von dieser Teufelsbrut befreie. Da begann plötzlich das Mondross zu sprechen: „O Herrin, fürchte dich nicht! Schließe beide Augen und packe meine Mähne fest an.“ Kaum dass sie ihre Augen schloss, so erhob sich das Ross, flog mit ihr von dannen und als sie die Augen öffnete, befand sie sich in einem Garten vor einem schönen Palaste, der weit draußen auf einer Insel im Meere sich befand. Der Dew ärgerte sich über das Verschwinden der Maid. „Ich werde dich schon finden!“ murmelte er und trollte heim. Weiterlesen

36.1 Der lachende und der weinende Apfel – als Beginn der türkischen Märchenwoche

Türkische Märchen sollte es eigentlich schon im November letzten Jahres zu lesen geben, aber dann fielen sie dem Päuschen zum Opfer. Aber da aufgeschoben ja bekanntlich nicht aufgehoben ist, werden sie nun nachgereicht.

Los geht es heute mit einem türkischen Zaubermärchen nach international bewährten Muster, nämlich mit drei konkurrierenden Brüdern. Allerdings scheint am Ende der Niederschrift die Sache etwas wirr zu werden; vielleicht wurde hier in der Übersetzung gekürzt für europäische Moral. Aber lest selbst…

Der lachende und der weinende Apfel

Vor alten Zeiten lebte ein Padischah, der hatte drei Söhne. Eines Tages saß der jüngste im Kiosk, neben welchem eine Quelle war. Da kam eine alte Frau zur Quelle, um Wasser zu schöpfen. Der Jüngling warf mit der Schleuder einen Stein nach ihrem Krug und zerbrach ihn. Die alte Frau sagte gar nichts, ging fort, nahm einen andern Krug und ging damit abermals zur Quelle. Der Jüngling schleuderte wieder einen Stein an den Krug, welcher zerbrach, worauf die Frau wegging. Tags darauf kommt die Frau wieder mit einem Krug zum Brunnen, und als der Junge die Frau erblickte, holte er wieder einen Stein hervor, schleuderte ihn ab und zerbrach damit den Krug. Nun sprach endlich die alte Frau: „Ich wünsche dir vom Schöpfer, dass du dich in den lachenden und in den weinenden Apfel verliebest.“ Damit ging sie fort.

Kaum waren ein, dann fünf Tage verstrichen, da taten die Worte der Frau schon ihre Wirkung und der Königssohn verliebte sich in den lachenden und in den weinenden Apfel. Von Tag zu Tag wurde er bleicher und siecher. Als sein Vater hörte, dass er erkrankte, ließ er Hodschas und Ärzte holen, aber sie konnten seine Krankheit nicht verstehen. Eines Tages kam wieder ein Arzt, der sagte dem Padischah, dass der Jüngling liebeskrank sei. Der Padischah ging zu seinem Sohne und fragte ihn, was ihm fehle, denn wer nicht sagt, was ihm fehle, für den gibt es kein Heilmittel. Hierauf sagte der Jüngling, dass er in den lachenden und in den weinenden Apfel verliebt sei. „Was sollen wir tun!“ fragte der Vater, „wo sind die zwei Äpfel zu finden?“ Da sprach der Jüngling: „Ich will hingehen und sie aufsuchen, gib du mir nur die Erlaubnis dazu.“ Der Vater suchte ihn davon abzureden, da er sich doch so krank nicht auf den Weg machen könne und nicht wisse, wo die Äpfel zu finden sind. Allein der Jüngling blieb hartnäckig dabei, dass er sie unbedingt finden würde. Da auch seine zwei älteren Brüder mit ihm gehen wollten, so willigte der Vater endlich ein und eines Tages machten sie sich auf den Weg. Weiterlesen

34.7 Käthe und der Teufel

Zum Abschluss nochmal die Highlights – Dudelsack und Teufel – in einem angemessen reizenden Zaubermärchen. Aber lest selbst…

Käthe und der Teufel

In einem Dorfe war eine Bäuerin, Namens Käthe. Sie besaß eine Hütte, einen Garten und dazu noch einiges Geld; aber hätte sie ganz in Gold gesteckt, würde sie doch kein Bursche gemocht haben, selbst der ärmste nicht, weil sie schlimm war wie der Teufel, und ein böses Maul hatte. Sie lebte mit einer alten Mutter, und brauchte manchmal Hilfe; aber hätte wen ein Kreuzer retten können, und sie Dukaten gezahlt, wär’ ihr dennoch niemand beigesprungen, weil sie jeder Kleinigkeit wegen gleich zankte und kniff, dass es zehn Meilen weit zu hören war. Zu allem dem war sie garstig, und so blieb sie sitzen, bis sie allmählich vierzig zählte.

Wie’s meistenteils in Dörfern zu sein pflegt, dass jeden Sonntag nachmittags Musik aufspielt, so war’s auch hier; wenn sich beim Richter oder in der Schenke der Dudelsack hören ließ, war die Stube gleich von Burschen voll, in der Hausflur und vor dem Hause standen Mädchen, an den Fenstern Kinder. Aber die erste von allen war Käthe. Die Burschen winkten den Mädchen, und die traten dann ins Rad: Käthen war solch Glück ihr Lebtag nie widerfahren, obwohl sie den Dudelsackpfeifer vielleicht selbst bezahlt hätte, aber trotz dem ließ sie keinen einzigen Sonntag aus. Eines Tages ging sie wieder, und dachte unterwegs bei sich: „Bin schon so alt, und hab’ noch nie mit einem Burschen getanzt; ist das nicht zum Ärgern? Fürwahr, heut’ möcht ich meinethalben mit dem Teufel tanzen.“

Grimmig kam sie in die Schenke, setzte sich zum Ofen und schaute, wie die Bursche die Mädchen zum Tanze wählten. Auf einmal trat ein Herr im Jägergewand in die Stube, setzte sich unweit von Käthen zum Tisch und ließ sich einschenken. Die Aufwärterin brachte Bier, und der Herr nahm’s und trug Käthen zu trinken hin. Käthe wunderte sich ein Weilchen, dass ihr der Herr solche Ehre erweise; ein Weilchen sträubte sie sich, doch endlich trank sie und zwar gern. Der Herr stellte den Krug hin, zog aus der Tasche einen Dukaten, warf ihn dem Dudelsackpfeifer zu, und rief: „Ein Solo!“ Die Bursche treten auseinander, und der Herr nimmt sich Käthen zum Tanze.

„Ei, zum Kuckuck, wer ist das doch?“ fragten die Alten und steckten die Köpfe zusammen; die Burschen verzogen den Mund und die Mädchen verkrochen sich, eins hinter dem andern, und nahmen die Schürze vor’s Gesicht, dass Käthe nicht sehe, wie sie sie auslachen. Aber Käthe sah niemanden, sie war froh, dass sie tanzte, und hätte sie die ganze Welt ausgelacht, so würde sie sich nichts daraus gemacht haben. Den ganzen Nachmittag, den ganzen Abend tanzte der Herr nur mit Käthen, kaufte ihr Pfefferkuchen und Rosoglio,* und als die Zeit zum Nachhausegehen kam, begleitete er sie durch’s Dorf. Weiterlesen

34.3 Der Lange, der Breite und der Scharfäugige

Nach dem historisch spannenden, aber sprachlich nicht zu mitreißenden Zitek und dem gestrigen Tiermärchen gibt es heute ein Zaubermärchen, das genauso schön ist, wie man es sich von einem tschechischen Märchen erwartet. Aber lest selbst…

Der Lange, der Breite und der Scharfäugige

Es war ein König, und er war schon alt, und hatte nur einen einzigen Sohn. Einst berief er den Sohn vor sich und sprach zu ihm: „Mein lieber Sohn, Du weißt wohl, dass reifes Obst abfällt, um anderem Platz zu machen. Mein Haupt reift auch allmählich, und vielleicht wird es die Sonne bald nicht mehr bescheinen; aber eh’ ich sterbe, möcht’ ich doch noch gern meine künftige Tochter, Deine Gemahlin, kennenlernen. Nimm Dir ein Weib, mein Sohn!“ Und der Königssohn sprach: „Gern, o Vater, möcht’ ich Deinen Willen vollziehen; doch ich habe keine Braut, ich kenne keine.“ Da griff der alte König in die Tasche, zog einen goldenen Schlüssel heraus, und gab ihn dem Sohne: „Geh’ in den Turm hinauf, in’s oberste Stockwerk, blick’ dort um Dich, und sag’ mir welche Braut Du am liebsten hättest.“

Der Königssohn säumte nicht, und ging. Noch nie in seinem Leben war er dort oben gewesen, und hatte auch nie gehört, was es dort gebe. Als er hinauf kam bis in das letzte Stockwerk, sah er an der Decke eine kleine eiserne Tür gleich einem Deckel, und sie war verschlossen; die öffnete er mit dem goldenen Schlüssel, hob sie in die Höhe, und trat über sie empor. Da war ein großes, rundes Gemach, die Decke blau wie der Himmel in heitrer Nacht, silberne Sterne glänzten an ihr; der Fußboden war mit einem grünen Seidenteppich überzogen, und rings in der Mauer waren zwölf hohe Fenster in goldenen Rahmen, und in jedem Fenster auf kristallenem Glas war eine Jungfrau mit Regenbogenfarben abgebildet, mit einer Königskrone auf dem Haupt, in jedem Fenster eine andere in anderem Gewand, aber jede schöner als die andere, so dass der Königssohn ganz geblendet war. Und während er sie so voll Verwunderung betrachtete, ohne zu wissen, welche er wählen solle, da begannen sich die Jungfrauen zu bewegen, als ob sie lebendig wären, und blickten nach ihm, und lächelten ihn an, als ob sie sprechen wollten.

Da bemerkte der Königssohn, dass eins der Fenster mit einem weißen Vorhang verhüllt sei, und er zog den Vorhang weg, um zu sehen, was es dahinter gebe. Da war eine Jungfrau in weißem Gewand, mit einem Silbergürtel gegürtet, mit einer Perlenkrone auf dem Haupt; sie war die schönste von allen, aber traurig und bleich, als ob sie aus dem Grabe gestiegen wäre. Der Königssohn stand lange vor dem Bilde wie im Traum, und während er sie so betrachtete, ward ihm weh um’s Herz und er sprach: „Die will ich und keine andere!“ Und sobald er das Wort gesprochen, neigte die Jungfrau das Haupt, ward rot wie eine Rose, und in dem Augenblicke verschwanden die Bilder alle. Weiterlesen

31.4 Die Geschichte von dem Kaufmannssohne Peppino

Zum Abschluss der sizilianischen Woche gibt es noch einmal ein großartiges Zaubermärchen. Lang und schön und wie es sich gehört. Lest selbst…

Die Geschichte von dem Kaufmannssohne Peppino

Es war einmal ein Kaufmann, der war ganz unermesslich reich, und hatte so viel Schätze, dass der König nicht mehr haben konnte. Er lebte mit seiner Frau in Frieden und Eintracht, und nur Eines fehlte ihnen, sie hatten keine Kinder. Da wandte sich eines Tages die Frau an den heiligen Joseph, und sprach: „Lieber heiliger Joseph, wenn ihr mir ein Kind beschert, so will ich euch eine schöne Kirche bauen und will jedes Jahr an eurem Festtage ein großes Gastmahl* halten, und will euch ein kleines Kind von reinem Golde schenken, und mein Kind soll euren Namen führen.“ Nach einiger Zeit wurde die Frau guter Hoffnung, und als ihre Stunde kam, gebar sie einen wunderschönen Knaben, den nannte sie Giuseppe. Nun denkt euch, welche Freude der Kaufmann und seine Frau an diesem einzigen Sohne hatten! In ihrer Dankbarkeit bauten sie dem heiligen Joseph eine wunderschöne Kirche, und ließen ein kleines Kind von Gold machen, und schenkten es der Kirche. Und als der Tag des Heiligen kam, hielten sie ein großes Gastmahl, zu dem alle Stände geladen waren; die Reichen aßen mit den Reichen, die Bürger mit den Bürgern, und die Armen mit den Armen, und dieses Fest wiederholten sie jedes Jahr.

Der kleine Peppino** wuchs mit jedem Tage, und wurde so schön, wie man sonst kein Kind sehen konnte, wie konnte es auch anders sein, er war ja durch ein Wunder gemacht, ein Werk des heiligen Josephs. Als er nun 16–17 Jahre alt war, kam er eines Tages zu seinem Vater, und sprach: „Lieber Vater, ich bin nun bald 17 Jahre alt, und habe noch nichts von der Welt gesehen, darum erlaubet mir, mit dem nächsten Schiffe, das ihr absenden werdet, eine Reise zu machen, und die Welt zu sehen.“ „Ach mein Sohn, was willst du denn in der Welt? Du bist ja reich, und brauchst dich nicht zu plagen. Bleibe bei deinen Eltern, denn was sollen wir ohne dich tun?“ So jammerte der Vater, aber Peppino ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen und bat immer und immer wieder, und weil er der einzige Sohn war, so konnte ihm sein Vater nichts abschlagen, und erlaubte ihm endlich, mit dem nächsten Schiffe zu verreisen. Als aber die Mutter hörte, dass ihr einziger Sohn verreisen wolle, fing sie laut an zu jammern und zu weinen: „Ach, soll ich meinen Sohn dem verräterischen Meere anvertrauen?“ Doch vergebens, Peppino ließ sich nicht bewegen, da zu bleiben.

Als nun der Vater wieder ein Schiff abzusenden hatte, ließ er es schön ausrüsten für seinen Sohn, rief den Kapitän, und sprach zu ihm: „Ich empfehle dir meinen Sohn, du bist mir für ihn verantwortlich. Wenn du ihn mir gesund wiederbringst, so will ich dich fürstlich dafür belohnen.“ Der Kapitän versprach, aus allen Kräften für Peppino zu sorgen, und so reisten beide ab. Nun wollte es das Unglück, dass sie kaum einige Tage gefahren waren, als sich ein furchtbarer Sturm erhob, und der Kapitän meinte, das Schiff werde untersinken. Da ließ er ein kleines Boot in das Meer hinab, und dachte auf diese Weise den Sohn seines Patrons zu retten; kaum war aber Peppino in das Boot gestiegen, als dieses umschlug, und der Jüngling spurlos verschwand. Der Kapitän suchte auf allen Seiten, um ihn zu retten, Peppino kam aber nicht wieder zum Vorschein. Weiterlesen

31.1 Vom Räuber, der einen Hexenkopf hatte – wunderschöne sizilianische Märchen

Diese Woche geht es zurück nach Europa, gerade so. Sizilianische Märchen gibt es. Die stehen auf meinem Plan, seit ich den Märchensammler angefangen habe, aber irgendwie bin ich bislang nicht dazu gekommen. Umso dramatischer, als die Märchen wunder-wunderschön sind.

Und um gleich stilvoll anzufangen, gibt es heute ein sizilianisches Zaubermärchen. Lest selbst…

Vom Räuber, der einen Hexenkopf hatte

Es war einmal ein König, der hatte drei schöne Töchter, die Jüngste aber war die Schönste und Klügste. Eines Tages rief er sie und sprach zu ihr: „Komm mein Kind und lause mich ein wenig.“ Das tat die jüngste Tochter und fand eine Laus. Da setzte der König die Laus in einen großen Topf mit Fett und ließ sie viele Jahre darinnen. Als er aber eines Tages den Topf zerschlagen ließ, war die Laus zu einem solchen Ungetüm angewachsen, dass alle Leute davor erschraken und der König sie umbringen ließ. Dann ließ er ihr die Haut abziehen, nagelte sie über die Thür fest und sprach: „Derjenige, der erraten kann, von welchem Tier dieses Fell ist, der soll meine älteste Tochter zur Frau bekommen. Wer es aber nicht errät, der muss seinen Kopf dabei verlieren.“ Da kamen von nah und fern Prinzen und vornehme Herren und wollten die schöne Königstochter freien, aber keiner konnte das Rätsel erraten, und so mussten sie jämmerlich sterben.

Nun war auch ein Räuber, der lebte in einer wilden Gegend ganz allein. Der hatte einen Hexenkopf in einem kleinen Körbchen, bei dem holte er sich immer guten Rat, wenn er irgendetwas unternehmen wollte. Dieser Räuber hörte nun davon, wie so viele Freier das Leben ließen und keiner das schwere Rätsel herausbringen konnte. Da trat er vor seinen Hexenkopf und fragte: „Sage mir, Kopf, von welchem Tier ist das Fell, das der König über seiner Thür angenagelt hat?“ „Von einer Laus,“ antwortete der Kopf. Nun war der Räuber guter Dinge und machte sich auf den Weg nach der Stadt. Unterwegs fragten ihn die Leute, wo er hinginge. „Ich gehe nach der Stadt und will die älteste Königstochter freien,“ antwortete er. „So geht ihr eurem gewissen Tode entgegen,“ meinten die Leute.

Als er nun in die Stadt kam, ließ er sich bei dem König melden, er hätte auch Lust, das Rätsel zu erraten. Da ließ ihn der König hereinkommen, zeigte ihm die Haut und fragte: „Kannst du mir sagen, von welchem Tier dieses Fell ist?“ „Von einem Hasen?“ sagte der Räuber. „Falsch!“ „Vielleicht von einem Hund?“ „Falsch!“ „Ist es vielleicht das Fell einer Laus?“

Da hatte er es erraten und der König gab ihm seine älteste Tochter zur Frau. Als nun die Hochzeitsfeierlichkeiten vorbei waren, sprach er zum König: „Ich will nun mit meiner Frau nach Haus zurückkehren.“ Da umarmte die Königstochter ihren Vater und ihre Schwestern, und ging mit ihrem Manne fort.

Nachdem sie lange, lange Zeit gewandert waren, kamen sie in eine wilde, einsame Gegend. „Ach,“ sprach die Königstochter, „wohin führest du mich denn? Wie hässlich es hier ist!“ „Komm du nur mit!“ antwortete der Räuber. Da kamen sie endlich an sein Haus, das war so finster und hässlich, dass die Königstochter wieder sagte: „Wohnst du denn hier? Ach, wie unfreundlich es hier ist!“ „Komm nur herein,“ antwortete der Räuber. Nun musste die arme Königstochter in der Wildnis wohnen und hart arbeiten. Weiterlesen