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41.6 Sim Chung, die gute Tochter – in einem Märchen um Pflicht, Schicksal und doch auch Liebe

Auch heute gibt es ein Märchen, in dem um Liebe und Pflicht geht. Mit einer vorbildlichen Tochter, kaum Bösewichtern und dafür einem funkelnden Palast unter Wasser. Aber lest selbst…

Sim Chung, die gute Tochter

Sim Hyung, oder Herr Sim, war in dem Dorfe, in welchem er lebte, hoch geachtet. Er gehörte der Klasse der Yang-Ban, also den Edelleuten, an. Wenn er daher die Straße entlang ging, tat er dies mit dem vornehmen ausholenden Schritt seiner Klasse. Und wenn er auf seinem Lieblingsesel ritt oder im Stuhle getragen seinen Beschäftigungen nachging, lief stets ein Diener voraus, welcher den Leuten, die ihm begegneten, zurief, Platz zu machen, damit sein Herr ungehindert passieren könne. Er bekleidete keinen hohen Rang, obgleich seine Kenntnisse hochgeschätzt wurden; das Gehalt, welches ihm seine Stelle einbrachte, genügte kaum zu den nötigsten Bedürfnissen, Privatvermögen besaß er nicht und konnte daher nur bei größter Sparsamkeit seinem Stande gemäß leben.

Er war so glücklich gewesen von seinen Eltern an ein ebenso schönes als gut erzogenes Mädchen verheiratet worden zu sein. Dieselbe ward wegen ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit von jedermann gerühmt und ihre geistigen Fähigkeiten wurden weit und breit anerkannt. Nicht allein konnte sie das einheimische Ernmum* lesen, sondern war auch in den chinesischen Schriftzeichen bewandert. Aber diese hochgebildete Jungfrau war auch in, allen weiblichen Handarbeiten sehr geschickt. Ihre kunstvoll in Seide und Gold ausgeführten Stickereien waren der Stolz ihrer Eltern und Freunde, und als sie einst einen Abschnitt der Geschichte Koreas mit prachtvollen chinesischen Schriftzeichen in Seide gearbeitet hatte, machte ihr Vater dem Könige damit ein Geschenk. Diesem gefiel die schöne Arbeit so sehr, dass er sie zu einem Wandschirm verwenden ließ, den er stets neben die Matte, auf welcher er saß, zu stellen befahl, um die kunstvolle Arbeit immerfort anschauen zu können.

Sim war zuerst gar nicht von der Wahl seiner Eltern erfreut, da er ein Vorurteil gelehrten Frauen gegenüber hatte, als aber seine Zukünftige bei der Hochzeitsfeierlichkeit ihr Antlitz entschleierte und er ihre bezaubernden Züge sah, war er so sehr von ihrer Lieblichkeit berauscht, dass er kaum das Ende der Zeremonien erwarten konnte, um sie für ewig sein zu nennen.

Die Ehe war eine überaus glückliche. Einer schien für den anderen geschaffen zu sein und jeder gerade die Eigenschaften zu besitzen, die der andere am höchsten schätzte, sodass beide Teile sehr mit der Wahl zufrieden waren, welche die beiderseitigen Eltern getroffen hatten. Oft saßen sie abends beim Mondschein im Garten, der sich an die Frauengemächer anschloss und machten Pläne für die Zukunft. Ihr einziger Wunsch bestand darin, einen Sohn zu haben; doch Jahre gingen dahin, ohne dass ihnen ein Kind geboren wurde. Die Frau befragte Priesterinnen und der Mann wurde ganz trübsinnig und zog sich von allem Verkehr mit Menschen zurück, denn er glaubte die Leute rechneten es ihm zur Schande an, kinderlos zu sein. Er lebte nur mit seinen Büchern und vernachlässigte seine Gattin, welche er nie mehr in ihren Gemächern aufsuchte. Infolge dieser ununterbrochenen geistigen Tätigkeit und des einsamen Lebens fing er an zu kränkeln, wurde mager und bleich und seine Augen verloren ihren Glanz. Seine Frau trug ihr Missgeschick standhafter und gab die Hoffnung, Kinder zu bekommen, nicht auf, obwohl sie sich schämte keinen anderen Namen zu haben als ‚die Frau des Sim‘ und es doch so sehnlich gewünscht hatte, sich ‚die Mutter des kleinen Sim‘ genannt zu hören, von dem sie beide Tag und Nacht geträumt hatten. Endlich blieben auch diese Träume aus.

So waren ihnen fünfzehn Jahre vergangen, als die Frau wieder einen Glück verheißenden Traum hatte: sie sah einen Stern vom Himmel auf sich herabfallen. Sogleich schickte sie zu ihrem Gemahl und sagte ihm, dass sie fest glaube, jetzt würde sich ihr Wunsch er füllen – und ihre Hoffnung täuschte sie nicht. Ein Kind wurde ihnen geboren; aber statt des erwarteten Knaben war es nur ein Mädchen. Trotzdem beide Eltern gern einen Sohn gehabt hätten, freuten sie sich doch sehr, dass sie nach fünfzehnjährigem Warten doch noch ein Kind bekommen hatten und nahmen sich vor, ihre kleine Tochter recht herzlich zu lieben.

Das Elternpaar wurde durch dieses gemeinsame Familienband wieder inniger verbunden und das Kind wuchs unter ihren Augen prächtig heran. Es blieb von allen Kinderkrankheiten verschont und überwand selbst die Pocken so glücklich, dass sein Gesicht nicht von den schrecklichen Narben verunziert wurde, welche diese Krankheit so oft hinterlässt. Als die Kleine drei Jahre alt war, schien es, dass sie noch schöner als ihre Mutter werden würde. Ihre Wangen glichen aufgeblühten Rosen und jedesmal wenn sie ihren kirschroten Mund öffnete und ihre kleinen Perlenzähne zeigte, sagte sie etwas Kluges und Angenehmes oder brach in ein silberhelles Lachen aus. Die früher so trübseligen Eltern lebten in dem Kinde wieder auf und waren voll Stolz über das Lob, welches seiner Klugheit und Schönheit gezollt wurde. Der Vater vergaß fast, dass es ein Mädchen war und behielt es den ganzen Tag um sich, seine Schritte behütend und es vor allem Schaden bewahrend.

Doch dies Glück war zu groß, um für lange Zeit zu dauern. Die Mutter der kleinen Sim ward krank und starb plötzlich. Der Gatte war der Verzweiflung nahe, weinte und wehklagte Tag und Nacht über den Verlust seines Weibes und als er endlich seine Gemächer verließ und sich vor Menschen zeigte, war seine Gestalt gebeugt, sein Haar gebleicht und seine Augen von den vielen vergossenen Tränen tot. Er war erblindet. Da der Vater sich nun nicht mehr um den Lebensunterhalt seines Kindes durch eigene Arbeit kümmern konnte, so fing er an Stück für Stück seines ganzen Eigentums zu verkaufen und nach zehn Jahren war alles, selbst das Haus, in dem sie wohnten, in andere Hände übergegangen. Jetzt musste der Vater betteln und seine Tochter, die inzwischen zur Jungfrau herangewachsen war, durfte ihn nach den Landesgesetzen, welche den erwachsenen Mädchen in einem gewissen Alter verbieten auszugehen, nicht mehr begleiten. Eines Tages hatte der arme Blinde das Unglück in eine mit Wasser angefüllte Grube zu fallen.

Lange Zeit bemühte er sich vergebens aus derselben herauszukriechen, als er sich ihm nähernde Schritte hörte und nun um Hilfe rief: „Hilf mir Armen,“ schrie er, „ich bin blind und nicht etwa betrunken.“ „Ich weiß, dass du nicht betrunken, sondern erblindet bist, doch dir kann geholfen werden,“ antwortete die Stimme des Herankommenden. „Wer bist du, dass du so genau über meine Verhältnisse Bescheid weißt?“ fragte Sim. „Ich bin der Priester aus dem Tempel der Bergfeste,“ erwiderte der Fremde. „Du meinst, das Augenlicht könne mir wiedergegeben werden?“ fragte der Blinde. „Ja,“ gab ihm der Priester zur Antwort, „ich hatte einen Traum, dich betreffend. Im Falle du dem Buddha meines Tempels ein Opfer von dreihundert Sack Reis bringst, wirst du dein Augenlicht wieder erhalten. Du wirst dann einen hohen Beamtenposten bekommen und reich an Ehren und Würden werden und deine Tochter wird zur vornehmsten Frau im ganzen Reiche erhoben.“ „Aber ich bin alt und arm,“ entgegnete Sim, „wie kann ich wohl solch fürstliches Opfer bringen?“ „Du brauchst es nicht gleich zu geben,“ sagte der Priester, „gib mir nur ein schriftliches Versprechen, den Reis zu opfern, die Zeit der Erfüllung aber überlasse ich dir.“ „Schon recht,“ antwortete Sim, „gib mir Papier und Tinte, dann will ich versuchen die Schrift zu verfassen.“

Sie gingen in ein Haus und dort schrieb der Blinde, dem der Priester die Hand führte, das Versprechen, dreihundert Sack Reis zu geben, wofür er wieder sehend werden sollte. Müde, hungrig und an allen Gliedern wie zerschlagen kehrte Sim in seine Wohnung zurück, wo er sich lächelnd seines Versprechens, dreihundert Sack Reis zu liefern, erinnerte, während er nicht so viel Reis besaß, um seinen Hunger stillen zu können.

Endlich war es ihm gelungen eine Beschäftigung zu finden, bei welcher er einen kärglichen Verdienst hatte. Man beschäftigte ihn mit Reinigen und Aushülsen von Reis. Es war schwere Arbeit für ihn, Tagelöhnerdienst zu verrichten, aber er tat sie gern, denn so konnte er sich selbst und sein Kind vor der bittersten Not schützen. Kam er dann abends von der Arbeit heim, so fand er stets einen sauber gedeckten Tisch mit Speisen, welche von seiner Tochter selbst bereitet waren. Eines Abends als er sich gerade auf die Matte vor seinem Tisch niedergelassen hatte und sein einfaches Mahl verzehren wollte, erschien der Priester aus dem Tempel der Bergfeste, um ihn an sein Versprechen zu erinnern. Sim verging aller Hunger, denn nun musste er seiner Tochter von dem schriftlich gegebenen Versprechen erzählen, wovon er bisher geschwiegen hatte. So sehr diese sich auch freute, dass die Erfüllung des Versprechens ihrem Vater das Augenlicht wiedergeben sollte, so war sie doch von der Unmöglichkeit überzeugt, es jemals einlösen zu können. Weiterlesen

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