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26.3 Der Fuchs und der Tiger – auf chinesisch

Vorgestern gab es ja schon Pferd und Seidenraupe, aber es war ja kein richtiges Tiermärchen. Das holen wir heute nach. Lest selbst…

Der Fuchs und der Tiger

Der Fuchs begegnete einst einem Tiger. Der zeigte ihm die Zähne, streckte die Krallen hervor und wollte ihn fressen. Der Fuchs sprach: „Mein Herr, Ihr müsst nicht denken, dass Ihr allein der Tiere König seid. Euer Mut kommt meinem noch nicht gleich. Wir wollen zusammen gehen, und Ihr wollet Euch hinter mir halten. Wenn die Menschen mich sehen und sich nicht fürchten, dann mögt Ihr mich fressen.“

Der Tiger war’s zufrieden, und so führte ihn der Fuchs auf eine große Straße. Die Wanderer nun, wenn sie von fern den Tiger sahen, erschraken alle und liefen weg.

Da sprach der Fuchs: „Was nun? Ich ging voran; die Menschen sahen mich und sahen Euch noch nicht.“

Da zog der Tiger seinen Schwanz ein und lief weg.

Der Tiger hatte wohl bemerkt, dass die Menschen sich vor dem Fuchse fürchteten, doch hatte er nicht bemerkt, dass der Fuchs des Tigers Furchtbarkeit entlehnte.

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Eine chinesische Fabel genau genommen, wenn auch nicht mit europäisch/indischer expliziter Fabel. Eben doch alles eine globale Soße?! 😉

 

Textquelle: Richard Wilhelm: Chinesische Volksmärchen. Jena: Diederichs 1914, S. 25-26.

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13.6 Wie der Schakal sich gegen Löwe, Tiger, Leopard und einen andern Schakal im Besitz eines toten Elefanten erhält

Heute gibt es also die eine weitere Fabel aus dem vierten Buch, deren Titel einfach schon genial ist. Und die eindrucksvoll beweist, dass Tierfabeln eben nicht nur Metaphern menschlichen Handelns sind, sondern auch auf genauer Beobachtung beruhen können.

Wie der Schakal sich gegen Löwe, Tiger, Leopard und einen andern Schakal im Besitz eines toten Elefanten erhält
(4. Buch, 10. Erzählung)

In einer gewissen Waldgegend wohnte einst ein Schakal, Namens Mahatschaturaka*. Dieser fand im Walde einst einen von selbst gestorbenen Elefanten; er ging von allen Seiten um ihn herum, konnte aber das harte Fell desselben nicht zerbeißen. Während dies vorging, kam ein hier und dort umherschweifender Löwe in dieselbe Gegend. Als jener nun diesen kommen sah, legte er den Reif seiner Krone auf den Boden, faltete seine beiden Hände zusammen und sprach demütig: „O Herr! Ich stehe hier als dein Keulenträger und bewache diesen Elefanten für dich. Drum möge der Herr ihn verzehren!“ Der Löwe aber, da er ihn sich demütig bücken sah, sprach: „Ah! Ich esse nie und nimmer ein Tier, das von einem andern getötet ist. Man sagt auch:

Der Löwe, der sich von des Wildes Fleisch nährt, greift, hungernd selbst, nimmer im Wald zum Grase; so lassen auch nimmer die Hochgebornen im Unglück selbst ab von dem Pfad der Tugend.

Drum begnadige ich dich selbst mit diesem Elefanten.“ Nachdem er dies gehört, sprach der Schakal voll Freude: „So geziemt es sich für einen Herrn gegen seine ergebnen Diener. Denn man sagt auch:

Ein Edler weicht voll hohen Sinns nie von des Gebieters Pflicht, selbst in äußerster Not: nimmer verliert ihre Weiße die Perle und käme sie auch aus des Feuers Mund.“

Als aber der Löwe sich entfernt hatte, kam ein Tiger heran. Als er nun diesen sah, dachte er: „Ah! Ein Bösewicht ist doch durch einen Fußfall weggebracht. Wie werde ich aber nun diesen fortschaffen? Der ist unzweifelhaft ein Held; dessen werde ich sicher nicht Meister werden, ohne Zwietracht zu säen. Denn man sagt auch:

Wo gute Wort’ und auch Gaben nicht zu helfen vermögend sind, da soll man Zwietracht aussäen; denn diese auch verhilft zum Sieg.

Ja sogar ein mit allen Tugenden Ausgerüsteter wird durch Spaltung vernichtet. Es heißt auch:

Wohlgeschützet und in Einschluss, von großer Härte und überschön, wird doch die Perle anbindbar, sobald sie einen Spalt empfängt.

oder: Selbst der innerhalb dem höchsten Wesen Stehende, sich von den äußerlichen Dingen entfernt Habende, guten Lebenswandel Führende, sehr Brave, nach Befreiung Strebende, verfällt in die Bande des Irdischen, wenn er in sich gespalten ist (d. i. wenn die Zweiheit, statt der Einheit, in ihm Herr wird).

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