Schlagwort-Archive: tamerlan

25.3 Gleim lässt die Fabel reisen und Tamerlan weinen

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) – studierter Jurist, leidenschaftlicher Dichter und supergut vernetzter Freund der Dichter und Denker seiner Zeit – mischte sich in das immer noch nicht geklärte oder abgeklungene Gezank zwar nicht mit einer theoretischen Schrift zur Fabel, aber eine Stellungnahme konnte er sich in seinen 1756/57 veröffentlichten Fabeln doch nicht ganz verkneifen. Lest selbst…

 

Die reisende Fabel

Die arme Tochter des Äsop,
Die Fabel, reiste von Athen,
Entfernte Länder zu besehn.

Wer sie erblickte, der erhob
Ihr Wesen, ihren Gang,
Und ihren Anzug. Nicht zu lang
Und nicht zu kurz, war er bequem:
Wohin sie kam, da war sie angenehm.

Zu Rom schenkt ihr ein feinres Kleid
Ein Freigelassener* des Kaisers seiner Zeit,
Es stand ihr wohl, es war gemacht
Nett, aber ohne Pracht!

Dann reiste sie darin, noch blöde, nach Paris;
Ein edler Ritter** nahm sie auf, und unterwies
Das wohlerzogne Kind, das seine Freundin ward,
In Sitten und in Putz, nach seiner Landesart.
Auch nahm er einst sie mit, in einer Gallanacht,
An Ludwigs Hof, in Hofestracht.

Und weil der jungen Maintenon***
An Geist und Schönheit sie vollkommen glich,
So zog sie allsobald des Königs Aug’ auf sich.
Was hatte sie davon?
Er rühmte sie den Prinzen, sie gefiel!
Und einst beim Spiel,
Nannt’ er, in Gnaden, sie: die Menschenlehrerin!

Ich? Ihro Majestät! ich bin
Nur eine Zeitvertreiberin!
Mich hören Kinder nur so gern!
Ich? Lehrerin? der Menschen? das sei fern!
Was recht und Tugend ist, zu lehren und zu preisen,
Das überlass’ ich Herrn,
Und Königen, und Weisen!

* Phädrus
** La Fontaine, auf den sie alle standen
*** War wohl eine Lieblingsgeliebte des französischen Königs

*******

 

Tamerlan und seine Tochter

Die liebste Tochter Tamerlans,
Des Helden, welcher Furcht und Schrecken
Um sich verbreitete, hieb eines schönen Hahns
Geliebter Henne, (die zu wecken,
Der Hahn sein hässliches Kikri,
Hochstehend, jeden Morgen schrie,)
Nicht dieses harten Schicksals wert,
Den Kopf ab mit des Vaters Schwert.

Der Vater sah’s. Unschuldigen Geschöpfen
Haut man den Kopf nicht ab, sprach er;
Wer, Henker! lehrte dich des Hahns Gemahlin köpfen?
Unmenschliche Tyrannin! wer?
„Herr Vater, Sie!“ – Tyrannin, knie nieder!
Gerechtigkeit muss sein, du bist mir nicht zu lieb!

Der Tochter zitterten, hinkniend, alle Glieder!
Der Vater nahm das Schwert, und hieb
Den schönsten Mädchenkopf
Der liebsten Tochter ab,
Fasst ihn beim Schopf
Und legt ihn sanft ins Grab!

Ob wohl mit Menschenblut der große Tamerlan,
Der böse Taten hat getan,
Die Götter zu versöhnen meinte?
Lehrt’s, Menschenlehrer! mich!

Gerechtigkeit muß sein! sprach der Barbar und weinte
Zwo Thränen bitterlich.

*******

Wir stellen also fest – bei Gleim reist die Fabel überhaupt gar nicht nach Deutschland. Das heißt, er blendet einfach mal die ganze Diskussion aus. Bis auf ein paar dezente kleine Seitenhiebe, die natürlich voll ankamen. Kaum überraschend waren die deutschen Theoretiker offenbar von der Passage, wo die Fabel ‚nur Zeitvertreiberin‘ ist, nicht beglückt. Und hatten die Ironie offenbar überlesen. Gleim erklärte sich also: „Weil selbst ein Bodmer diesen Scherz für Ernst genommen hat, wie solches erweislich ist aus seiner Vorrede zu den Fabeln des von Knonau (Zürich 1757), so scheints nicht überflüssig, zu sagen, daß die reisende Fabel hier eine Spötterin ist.“ So, so. ;D

Die zweite Fabel habe ich ausgesucht aus purer persönlicher Begeisterung, denn gleich nochmal die ‚Tartaren‘. Und auch hier wieder beißende Ironie, wenn der Barbar gerade genau zwei Tränen weint, die aber dafür bitterlich.
Und dann dachte ich mir, schaue ich doch mal, ob ich nicht ein feines Tamerlan-Bildchen finde und hoppla. Ich zitiere aus der Beschreibungsseite von Wiki.Commons:
„In einem Brief von 1760 an Gleim berichtet Rode: Tamerlan isst bei einer alten Frau Reisbrei und verbrennt sich den Mund, da er aus der Mitte genommen hat. Er erhält den Rat, beim Essen stets am Rand zu beginnen und folglich auch im Krieg vor dem Eindringen in das Landesinnere zuerst die Grenzen zu sichern.“ Wibke Andresen, „Das Gemäldezyklus auf Gut Neuhaus“. In: Kunst im Dienste der Aufklärung. Radierungen von Bernhard Rode (1725-1797) mit einem Gesamtverzeichnis aller Radierungen des Künstlers im Besitz der graphischen Sammlung der Kunsthalle zu Kiel. Hrsg. v. Frank Büttner. Kiel 1986. S. 59.

Barbaren also offenbar überall.

 

Textquelle: Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Ausgewählte Werke, Leipzig 1885, S. 69f.& 111f.
Bildquelle: Porträt des jungen Gleim & Szene aus dem Leben Tamerlans von Bernhard Rode 1780/81)

Werbeanzeigen

19.7 Märchen von der höchst wunderbaren und herrlichen selbstspielenden Harfe

Zum Abschluss der russischen Woche gibt es noch mal ein echtes Sahnestückchen. Mit Prinzen und Prinzessinen, also Zarewna, die aber eigentlich Sultantöchter sind. Nämlich hier geht es verflixt transnational zu. Neugierig? Dann lest selbst…

Märchen von der höchst wunderbaren und herrlichen selbstspielenden Harfe

In einem Lande lebte ein König namens Filon. Dieser König hatte eine Gemahlin namens Chaltura, mit welcher er einen einzigen Sohn namens Astrach erzeugte, und dieser ihr Sohn hatte in den Jugendjahren Neigung zu Rittertaten. Als er zu reifem Alter gelangte, fing er an darauf zu denken, sich zu verheiraten, und er fragte seinen Vater, den König Filon, in welchem Reiche die schönste von allen Zaren- oder Königstöchtern sei. Darauf sprach sein Vater, der König: „Mein liebster Sohn, mein holdes Kind, wenn du Lust hast, dich zu verheiraten, so will ich dir die Bilder der Zaren- und Königstöchter aller Reiche zeigen.“ Da begann Prinz Astrach ihn um diese Bilder zu bitten, und König Filon führte ihn in ein abgesondertes Gemach und zeigte ihm alle diese Bilder. Er betrachtete sie und wählte sich aus diesen Bildern eine Braut und verliebte sich leidenschaftlich in die Tochter des ägyptischen Zaren Afor, die Zarewna Osida, und Astrach entbrannte gegen sie in seiner Liebe und fing an nachzusinnen, wie er sie sich zur Gattin verschaffen könne. Da begann er, seinen Vater um den Segen zu bitten, damit er ihn zum ägyptischen Zaren entließe, um sich mit der Zarewna Osida mit Ringen zu verloben. König Filon freute sich sehr darüber, dass sein Sohn, Prinz Astrach, heiraten wollte, und deshalb entließ er ihn mit seinem Segen zum Zaren Afor.

Prinz Astrach ging fort, um sich ein gutes Ritterross auszusuchen, und durchschritt alle königlichen Ställe, doch konnte er kein Ross nach seinem Sinne finden. Deshalb nahm er Abschied von Vater und Mutter, empfing von ihnen noch ein Mal den Segen und ging zu Fuße ab nach Ägypten ganz allein; und er ging lange oder kurze Zeit, nah oder fern, und sah auf dem Felde einen weißsteinernen Palast stehen, welcher so vergoldet war, dass Strahlen von ihm glänzten, wie von der Sonne. Prinz Astrach ging auf diesen Palast zu, und als er ihn erreicht hatte, ging er um ihn herum und sah nach den Fenstern, ob er nicht Jemanden erblickte; allein er konnte Niemanden bemerken. Und so ging er auf den Hof und wandelte sehr lange auf dem Hofe herum; aber auch dort sah er keinen einzigen Menschen, und dann ging er in den weißsteinernen Palast, und als er hineingekommen war, durchschritt er alle Gemächer, allein auch da fand er keine Seele, und er ging durch diese Gemächern überaus lange und kam in ein Zimmer, worin ein Tisch für einen einzigen Menschen gedeckt war. Und da Prinz Astrach gerade hungrig war, so setzte er sich an diesen Tisch und aß und trank sich satt. Dann legte er sich auf ein Bette und schlief sehr fest ein. Sobald er erwacht war, ging er wieder durch die Zimmer und kam in ein Gemach, wo er durch’s Fenster einen so schönen Garten erblickte, als er in seinem Leben noch niemals gesehen hatte, und er bekam Lust, in diesem Garten spazieren zu gehen. Deshalb ging er auch dorthin und wandelte daselbst sehr lange, und gelangte dann an eine steinerne Mauer, in welcher eine eiserne Türe war, an der sich ein großes Schloss befand.

Als Prinz Astrach dieses Schloss berührte, hörte er hinter der Türe ein Ritterross wiehern, und Prinz Astrach wünschte dieses Schloss abzunehmen, und so ging er, um etwas zu suchen, womit er es abschlagen könnte, und er fand einen großen Stein von der Größe eines Klafter und einer halben Arschine*, und diesen Stein nahm er mit in den Armen und fing an, das Schloss abzuschlagen; allein nicht bloß das Schloss, sondern auch die Türe zerschlug er mit diesem Steine. Und als die Türe sich öffnete, sah er noch eine andere eiserne Türe mit einem Schlosse; er zerschlug auf gleiche Weise auch diese Türe, und hinter dieser Türe waren noch zehn Türen, und er erbrach sie alle mit diesem Steine und erblickte ein gutes Ritterross und eine vollständige Ritterrüstung. Er ging zu dem Rosse und fing an, es zu streicheln, und sobald das Ross einen Reiter für sich hörte, stand es wie angewurzelt. Und dann fing Prinz Astrach an, das Ross zu satteln, legte ihm den tscherkassischen Sattel auf, gab ihm die Trense von schemachanischer Seide, und führte es, nachdem er es angeschirrt hatte, aus diesem Stalle, saß auf und ritt in das freie Feld, um das Ross zu versuchen. Er schlug es auf die straffen starken Hüften; das Ross wurde hitzig, trennte sich von der Erde, erhob sich höher als der stehende Wald und niedriger als die ziehende Wolke, Berge und Täler ließ es zwischen den Hufen, kleine Flüsse bedeckte es mit dem Schweife und breite Flüsse übersprang es, und so ermüdete Prinz Astrach dieses gute Ross, dass der Schaum wie Seife von ihm floss. Weiterlesen