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41.1 Der Hase und die Schildkröte – oder: Die koreanische Märchenwoche ist eröffnet

Diese Woche verschlägt es uns nach Korea, nachdem ich es doch noch geschafft habe, eine gemeinfreie Textquelle aufzutun. Es handelt sich um eine deutsche Übersetzung der englischsprachigen Sammlung Korean Tales (1889) von Horace Newton Allen, einem US-amerikanischen Arzt, Missionar und Diplomat. Er kam zunächst als Leibarzt des Königs an den koreanischen Hof; später brachte er es zum Konsul. Allen trug mit dazu bei, koreanische Literatur und Folklore durch seine Übersetzung im ‚Westen‘ bekannt zu machen.

Auch sein deutscher Übersetzer Hr. H. G. Arnous kannte Korea aus eigener Erfahrung. Laut Hans-Alexander Kneider kam er zu Beginn der 1880er nach Korea und war ab Ende des Jahrzehnts bis 1903 im Zollamt beschäftigt. Das heißt, er arbeitet offiziell in koreanischen Diensten. Hintergrund hierfür ist das Handelsabkommen zwischen dem koreanischen Königreich Joseon und dem Deutschen Reich.

Des Englischen war er aber offenbar nicht absolut mächtig, wenn er – und das als Zollbeamter! – in der Einleitung wie in verschiedenen Märchen die Landeswährung ‚cash‘ heißen lässt. Also Englisch für schlicht ‚Bargeld‘. Tatsächlich hieß die koreanische Währung bis 1892 Mun und danach erstmal Yang. Ebenso hat er erklärende Einschübe von Hrn. Allen gestrichen. Vielleicht sogar aus editorisch vorbildlichem Eifer, handelte es sich doch um künstliche Zufügungen zum Märchentext. Schließlich muss ja kein Koreaner einem anderen erklären, warum und wie ihr Speicher heißt. Nur wäre es ja hübsch gewesen, die Erklärungen als Anmerkungen mitzuliefern, aber nix ist. Ich reiche sie euch also nach dem englischen Original nach.

Jetzt aber ohne weiteren Aufschub zum ersten Märchen, das gleich ein wunderschönes Tiermärchen ist. Lest selbst…

Der Hase und die Schildkröte

Als der Fischkönig einst in seinem Reiche umher schwamm, sah er einen fetten Wurm dicht vor seinen Augen auf- und niederhüpfen und gierig nach ihm schnappend, geriet ein Angelhaken in seinen Rachen. Es gelang ihm jedoch bald die Leine, an welcher der Haken mit dem Wurm befestigt war, zu zerreißen und so dem traurigen Schicksale zu entgehen, seinen königlichen Leichnam den gewöhnlichen Sterblichen zur Nahrung hingeben zu müssen.

Alle Großen des Reiches, vom Wallfische an bis zur Schildkröte wurden an das Krankenlager des Königs berufen. Sie erschienen mit ernsten Gesichtern und jeder nachdenkend, auf welche Weise der Haken wohl aus dem königlichen Schlunde entfernt werden könne. Endlich meinte die Schildkröte, dass das einzige dazu wirksame Mittel Umschläge von einem Paar ganz frischer Hasenaugen wären. Den Rat fand man wohl gut, woher aber ein Paar frische Hasenaugen bekommen? Auch hierfür wusste die Schildkröte Abhilfe; sie sagte, sie kenne einen Hasen und würde es versuchen ihn zum Palaste zu bringen. Sobald sie ihn jedoch hergeleitet haben würde, wolle sie sich wieder entfernen, es wäre dann Sache der Ärzte dem Hasen die Augen herauszunehmen, ihr wäre der Anblick von Blut zuwider, und sie könne es nicht riechen. Der König bedankte sich huldvoll für den guten Rat und die Schildkröte wusste wohl, dass ihr Glück gemacht sei, wenn es ihr nur gelänge des Hasen habhaft zu werden. Weiterlesen

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20.7 Und zum Finale? Der Hase bei Aesop und andern ollen Griechen

Die letzte Etappe der Hasenreise steht heute ein bißchen unter dem Motto „Wer hat’s erfunden?“ Die Antwort lautet natürlich, wo es ja um Tiermärchen geht und Indien schon vorbei ist, Aesop. Oder doch zumindest die ollen Griechen. Aber lest selbst… (und zwar gleich mal 3!)

Die Schildkröte und der Hase

Eine Flussschildkröte und ein Hase forderten sich zu einem Wettlaufe heraus und setzten einen bestimmten Ort als Ziel fest. Der Hase, der seiner Schnellfüssigkeit wegen sorglos war, behandelte die Angelegenheit nachlässig und schlief; die Schildkröte hingegen ließ, weil sie die Schwerfälligkeit ihrer Natur kannte, vom Laufen nicht ab. Sie lief während der Hase schlief und kam ihm darum zuvor.

Dies lehrt, dass Sorgfalt und unausgesetztes Streben besser, als Sorglosigkeit und Nachlässigkeit sind.

Textquelle: Die Fabeln des Sophos […] von Dr. Julius Landsberger. Posen 1859, S. 69.
Bildquelle: Illustration zur Fabel von Jean Grandeville (1803-1847)

Der Löwe und der Hase
(von Gotthold Ephraim Lessing)

Ein Löwe würdigte einen drolligen Hasen seiner nähern Bekanntschaft. Aber ist es denn wahr, fragte ihn einst der Hase, dass euch Löwen ein elender krähender Hahn so leicht verjagen kann?

Allerdings ist es wahr, antwortete der Löwe; und es ist eine allgemeine Anmerkung, daß wir großen Tiere durchgängig eine gewisse kleine Schwachheit an uns haben. So wirst du, zum Exempel, von dem Elefanten gehört haben, dass ihm das Grunzen eines Schweins Schauder und Entsetzen erwecket. –

Wahrhaftig? Unterbrach ihn der Hase. Ja, nun begreif ich auch, warum wir Hasen uns so entsetzlich vor den Hunden fürchten.

Textquelle: Gotthold Ephraim Lessing: Fabeln (1759&1777). Abhandlungen über die Fabel. Hrsg. Von Heinz Rölleke. Stuttgart: Reclam 2004, S. 12.

Die Hasen und die Frösche

Die Hasen klagten einst über ihre missliche Lage. „Wir leben,“ sprach ein Redner, „in steter Furcht vor Menschen und Tieren, eine Beute der Hunde, der Adler, ja fast aller Raubtiere! Unsere stete Angst ist ärger als der Tod selbst. Auf, lasst uns ein für allemal sterben.“

In einem nahen Teich wollten sie sich nun ersäufen; sie eilten ihm zu; allein das außerordentliche Getöse und ihre wunderbare Gestalt erschreckte eine Menge Frösche, die am Ufer saßen, so sehr, dass sie aufs schnellste untertauchten.

„Halt!“ rief nun eben dieser Sprecher, „wir wollen das Ersäufen noch ein wenig aufschieben, denn auch uns fürchten, wie ihr seht, einige Tiere, welche also wohl noch unglücklicher sein müssen als wir.“

Laß dich nie durch’s Unglück niederschlagen; es gibt immer noch Unglücklichere, mit deren Lage du nicht tauschen würdest.

Textquelle: Weil mich meine Bücher im Stich gelassen haben – Gutenberg
Bildquelle: Illustration zum Text von dem großartigen Wenzel Hollar (1607-1677)

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Na, habe ich zuviel versprochen? Wettlauf mit Hase, wenn es auch hier nicht Cleverness, sondern Fleiß ist, der die Schildkröte siegen lässt. Da mag Herr Landsberger nachgeholfen haben, wenn auch nicht für die christliche Moral ausnahmsweise, denn der Julius? Rabbiner.

Gut, gut. Lessings Fabel ist eher die Gegenvariante. Aber immerhin Hase und Löwe. Mit reizend naiv-arrogantem Hasen. Eine andere Variante zum Thema Angst überwinden.

Und damit sind wir auch schon bei der letzten Fabel. Den Angsthasen. Schafe statt Hasen und nix mit füchsischen Nebendarstellern, aber dafür verflixt nah an der mongolischen Version. Und die geht garantiert auf eine Vorlage von Außen zurück. Ich dachte immer an etwas Indisches, aber wer weiß, wer da von wem letztlich… 😉