Schlagwort-Archive: russland

37.2 Schwesterchen Alenuschka und Brüderchen Iwanuschka – oder ab nach Russland

Bevor es nach Süden geht, machen wir noch schnell einen Abstecher nach Russland. Da haben Brüderchen und Schwesterchen richtige Eigennamen. Aber lest selbst…

Schwesterchen Alenuschka und Brüderchen Iwanuschka

Es waren einmal ein Zar und eine Zarin, die hatten einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn hieß Iwanuschka und die Tochter Alenuschka. Da starben der Zar und die Zarin und die Kinder blieben allein zurück. Da wanderten sie in die weite Welt.

Sie gingen, gingen und gingen, da kamen sie an einen Teich, an dem weidete eine Herde Kühe.

„Ich will trinken,“ sagte Iwanuschka. „Trink nicht, Brüderchen, sonst wirst du ein Kalb,“ sagte Alenuschka. Er gehorchte und sie gingen weiter, da kamen sie an einen Fluß, da weidete eine Herde Pferde am Ufer.

„Ach, Schwesterlein, wenn du wüsstest, wie durstig ich bin!“ „Trink nicht, Brüderlein, sonst wirst du ein Füllen.“ Iwanuschka gehorchte und sie gingen immer weiter, da sahen sie einen See, an dem eine Herde Schafe entlang zog.

„Ach, Schwesterchen, ich bin entsetzlich durstig.“ „Trink nicht, Brüderchen, sonst wirst du ein Lämmchen.“ Iwanuschka gehorchte und sie gingen weiter, da sahen sie einen Bach, daneben weideten Schweine.

„Ach, Schwesterchen, ich trinke, ich bin so schrecklich durstig.“ „Trink nicht, Brüderchen, sonst wirst du ein Ferkel.“ Iwanuschka gehorchte wieder und sie gingen immer, immer weiter, da sahen sie an einem Wasser eine Herde Ziegen.

„Ach, Schwesterchen, ich trinke.“ „Trink nicht, sonst wirst du ein Böckchen.“ Er hielt es aber nicht mehr aus, gehorchte der Schwester nicht, trank und wurde ein Böcklein, das sprang vor Alenuschka einher und rief: „Mäh! mäh!“

Alenuschka band ihm ihren seidenen Gürtel um den Hals, führte ihn daran und weinte dabei bitterlich. Das Böcklein lief und sprang voran, einmal lief es in des Zaren Garten. Da wurde es gesehen und gleich meldete man es dem Zaren. „Eure Majestät, im Garten läuft ein Böcklein umher, ein wunderschönes Mädchen führt es an einem Band.“ Weiterlesen

Werbeanzeigen

35.1 Baron Münchhausens Wunderbare Reise – führt ihn heute nach Russland

Die Geschichten von Baron Münchhausen sind im eigentlichen Sinne natürlich kein Märchen, wenn schon, dann ein Kunstmärchen. Aber nachdem mich die aktuelle deutsche ARD-Verfilmung mit Jan Josef Liefers so dermaßen aufgeregt hat (künstlerische Adaptionsfreiheit gerne, aber doch im Sinne des Originals, sonst gleich selber machen; und wenn Regisseur und Schauspieler keine Lust haben, bitte nicht mitmachen statt runterzuleiern), habe ich beschlossen, das Original muss her – wo die Schwierigkeiten allerdings anfangen…

Fangen wir also am Anfang an und zwar mit Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen (1720-1797), dem historischen Münchhausen. Hieronymus reiste – als zeitgenössisch nicht eben bedeutender Sohn seines Adelsgeschlecht – tatsächlich 1738 nach Russland, wo er am Russisch-Österreichischen Türkenkrieg teilnahm und dabei auf der militärischen Karriereleiter aufstieg, bis die Thronstreitigkeiten in Russland ihn ausbremsten. 1750 nahm er als Rittmeister seinen Abschied und lebte fortan mit seiner Frau auf seinem ererbten Gut in der deutschen Heimat. Gästen erzählte er gern und mit offenbar viel Talent immer schrägere Varianten seiner Abenteuer im Krieg und auf Reisen und legte so den Grundstein zu seinem literarisch-mythischen Alter Ego – dem Baron Münchhausen.

Dessen erfolgreiche Geburtsstunde war 1785 die englischsprachige Veröffentlichung einiger seiner ‚Münchhausiaden‘ durch den ehemaligen Museumsdirektor Rudolf Erich Raspe, der nach einem peinlichen Eklat um einen Diebstahl nach England geflohen war und mit den Geschichten Geld verdienen wollte. Schon 1786 übersetzte der deutsche Dichter Gottfried August Bürger (1747-1794) die englische Vorlage, die er immer wieder neu auflegte und bald durch eigene Geschichtchen ergänzte. Bis heute ist Bürgers Fassung die bekannteste, auf die sich also auch der Märchensammler stützt. Tatsächlich aber erscheinen bis heute in den verschiedensten Sprache und in den verschiedensten medialen Genres immer wieder neue Fassungen.

Jetzt aber endlich zum eigentlichen Text, in dem es mit Münchhausens Reise nach Russland losgeht. Aber lest selbst…

Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen
Heute: Seine Reise nach Russland und St. Petersburg

Ich trat meine Reise nach Russland von Haus ab mitten im Winter an, weil ich ganz richtig schloss, dass Frost und Schnee die Wege durch die nördlichen Gegenden von Deutschland, Polen, Kur- und Livland, welche nach der Beschreibung aller Reisenden fast noch elender sind als die Wege nach dem Tempel der Tugend, endlich, ohne besondere Kosten hochpreislicher, wohlfürsorgender Landesregierungen, ausbessern müsste. Ich reiste zu Pferde, welches, wenn es sonst nur gut um Gaul und Reiter steht, die bequemste Art zu reisen ist. Denn man riskiert alsdann weder mit irgendeinem höflichen deutschen Postmeister eine Affaire d’honneur zu bekommen, noch von seinem durstigen Postillion vor jede Schenke geschleppt zu werden. Ich war nur leicht bekleidet, welches ich ziemlich übel empfand, je weiter ich gegen Nordost hin kam. Weiterlesen

19.7 Märchen von der höchst wunderbaren und herrlichen selbstspielenden Harfe

Zum Abschluss der russischen Woche gibt es noch mal ein echtes Sahnestückchen. Mit Prinzen und Prinzessinen, also Zarewna, die aber eigentlich Sultantöchter sind. Nämlich hier geht es verflixt transnational zu. Neugierig? Dann lest selbst…

Märchen von der höchst wunderbaren und herrlichen selbstspielenden Harfe

In einem Lande lebte ein König namens Filon. Dieser König hatte eine Gemahlin namens Chaltura, mit welcher er einen einzigen Sohn namens Astrach erzeugte, und dieser ihr Sohn hatte in den Jugendjahren Neigung zu Rittertaten. Als er zu reifem Alter gelangte, fing er an darauf zu denken, sich zu verheiraten, und er fragte seinen Vater, den König Filon, in welchem Reiche die schönste von allen Zaren- oder Königstöchtern sei. Darauf sprach sein Vater, der König: „Mein liebster Sohn, mein holdes Kind, wenn du Lust hast, dich zu verheiraten, so will ich dir die Bilder der Zaren- und Königstöchter aller Reiche zeigen.“ Da begann Prinz Astrach ihn um diese Bilder zu bitten, und König Filon führte ihn in ein abgesondertes Gemach und zeigte ihm alle diese Bilder. Er betrachtete sie und wählte sich aus diesen Bildern eine Braut und verliebte sich leidenschaftlich in die Tochter des ägyptischen Zaren Afor, die Zarewna Osida, und Astrach entbrannte gegen sie in seiner Liebe und fing an nachzusinnen, wie er sie sich zur Gattin verschaffen könne. Da begann er, seinen Vater um den Segen zu bitten, damit er ihn zum ägyptischen Zaren entließe, um sich mit der Zarewna Osida mit Ringen zu verloben. König Filon freute sich sehr darüber, dass sein Sohn, Prinz Astrach, heiraten wollte, und deshalb entließ er ihn mit seinem Segen zum Zaren Afor.

Prinz Astrach ging fort, um sich ein gutes Ritterross auszusuchen, und durchschritt alle königlichen Ställe, doch konnte er kein Ross nach seinem Sinne finden. Deshalb nahm er Abschied von Vater und Mutter, empfing von ihnen noch ein Mal den Segen und ging zu Fuße ab nach Ägypten ganz allein; und er ging lange oder kurze Zeit, nah oder fern, und sah auf dem Felde einen weißsteinernen Palast stehen, welcher so vergoldet war, dass Strahlen von ihm glänzten, wie von der Sonne. Prinz Astrach ging auf diesen Palast zu, und als er ihn erreicht hatte, ging er um ihn herum und sah nach den Fenstern, ob er nicht Jemanden erblickte; allein er konnte Niemanden bemerken. Und so ging er auf den Hof und wandelte sehr lange auf dem Hofe herum; aber auch dort sah er keinen einzigen Menschen, und dann ging er in den weißsteinernen Palast, und als er hineingekommen war, durchschritt er alle Gemächer, allein auch da fand er keine Seele, und er ging durch diese Gemächern überaus lange und kam in ein Zimmer, worin ein Tisch für einen einzigen Menschen gedeckt war. Und da Prinz Astrach gerade hungrig war, so setzte er sich an diesen Tisch und aß und trank sich satt. Dann legte er sich auf ein Bette und schlief sehr fest ein. Sobald er erwacht war, ging er wieder durch die Zimmer und kam in ein Gemach, wo er durch’s Fenster einen so schönen Garten erblickte, als er in seinem Leben noch niemals gesehen hatte, und er bekam Lust, in diesem Garten spazieren zu gehen. Deshalb ging er auch dorthin und wandelte daselbst sehr lange, und gelangte dann an eine steinerne Mauer, in welcher eine eiserne Türe war, an der sich ein großes Schloss befand.

Als Prinz Astrach dieses Schloss berührte, hörte er hinter der Türe ein Ritterross wiehern, und Prinz Astrach wünschte dieses Schloss abzunehmen, und so ging er, um etwas zu suchen, womit er es abschlagen könnte, und er fand einen großen Stein von der Größe eines Klafter und einer halben Arschine*, und diesen Stein nahm er mit in den Armen und fing an, das Schloss abzuschlagen; allein nicht bloß das Schloss, sondern auch die Türe zerschlug er mit diesem Steine. Und als die Türe sich öffnete, sah er noch eine andere eiserne Türe mit einem Schlosse; er zerschlug auf gleiche Weise auch diese Türe, und hinter dieser Türe waren noch zehn Türen, und er erbrach sie alle mit diesem Steine und erblickte ein gutes Ritterross und eine vollständige Ritterrüstung. Er ging zu dem Rosse und fing an, es zu streicheln, und sobald das Ross einen Reiter für sich hörte, stand es wie angewurzelt. Und dann fing Prinz Astrach an, das Ross zu satteln, legte ihm den tscherkassischen Sattel auf, gab ihm die Trense von schemachanischer Seide, und führte es, nachdem er es angeschirrt hatte, aus diesem Stalle, saß auf und ritt in das freie Feld, um das Ross zu versuchen. Er schlug es auf die straffen starken Hüften; das Ross wurde hitzig, trennte sich von der Erde, erhob sich höher als der stehende Wald und niedriger als die ziehende Wolke, Berge und Täler ließ es zwischen den Hufen, kleine Flüsse bedeckte es mit dem Schweife und breite Flüsse übersprang es, und so ermüdete Prinz Astrach dieses gute Ross, dass der Schaum wie Seife von ihm floss. Weiterlesen

19.6 Das Urteil des Schemjaka

Von der Stadt geht es heute wieder aufs Land. Zu einem armen Bauern mit viel Dusel. Aber lest selbst…

Das Urteil des Schemjaka

Auf einigen Grundstücken lebten zwei Brüder; der eine war reich, der andere arm. Da kam der arme Bruder zu dem reichen, um ihn um ein Pferd zu bitten, damit er Holz aus dem Walde holen könnte. Der Reiche gab ihm das Pferd, und der Arme fing nun auch an, um ein Kummet zu bitten; der Reiche aber zürnte auf den Bruder und gab ihm kein Kummet*. Der arme Bruder aber kam auf den Gedanken, den Schlitten dem Pferde an den Schweif zu binden, und so fuhr er in den Wald nach Holz und lud ein so großes Fuder**, als das Pferd nur zu ziehen Kraft hatte. Als er an sein Haus kam, machte er den Torweg auf, und vergaß, das vorgelegte Brett*** wegzunehmen, und das Pferd stürzte über das Bret und riss sich den Schwanz aus. Der arme Bauer brachte zu dem Reichen das Pferd ohne Schweif, und als der reiche Bruder das Pferd ohne Schweif sah, nahm er es nicht an und ging zu dem Richter Schemjaka, um den Armen zu verklagen. Der Arme sah, dass er unglücklich werden sollte, und dass man nach ihm schicken würde, und der Arme merkte schon lange, dass er nichts zu geben habe, und folgte seinem Bruder auf dem Fuße nach.

Da kamen die beiden Brüder zu einem reichen Bauer zum Nachtlager, und der Bauer fing an, mit dem reichen Bruder zu essen, zu trinken und sich zu belustigen, und sie luden den armen nicht zu sich ein. Der arme lag auf der Ofenbank, blickte dann und wann auf sie, und fiel plötzlich von der Ofenbank und zerdrückte ein Kind in der Wiege. Und der Bauer ging zu dem Richter Schemjaka, den Armen zu verklagen. Weiterlesen

19.5 Märchen von einem Schuster und seinem Diener Prituitschkin

Nach Hirte und Bauern mit Teufelchen nun zu Schustern und einem, ja sogar dem richtigen Teufel. Denn Diener, Schlawiner! Äh, lassen wir vielleicht die Versuche im Reimen der Literaturwissenschaftlerin und ihr lest einfach selbst…

Märchen von einem Schuster und seinem Diener Prituitschkin

In einem Reiche lebte ein berühmter und ausgezeichneter Fürst, Mistafor Skurlatowitsch; der hatte einen Diener namens Gorja, Sohn von Krutschinin. Mistafor übergab ihn einem geschickten Meister zur Lehre in der Schuhmacherkunst unter der Bedingung, dass er der erste unter allen Meistern, der beste und geschickteste würde. Und so lernte Gorja einige Jahre, und er lernte so gut aus, dass er die Schuhe zur Probe besser nähte als sein Meister. Da nahm ihn Mistafor Skurlatowitsch in sei n Haus und stellte ihn an, bei ihm Schuhe zu machen, und er machte zwanzig Dutzend Schuhe, doch seinem Herrn Mistafor Skurlatowitsch gefiel nicht ein einziges Paar. Deshalb schlug er ihn unbarmherzig; von diesen Prügeln wäre der Schuster Gorja Krutschinin beinahe toll geworden, und vor Kummer wurde er sehr krank. Und er war krank zehn Wochen.

Und als er anfing zu genesen und nach und nach herumzugehen, da stellte Mistafor Skurlatowitsch den Gorja Krutschinin wieder an, bei ihm Schuhe zu machen. Aber als er einige Paar gemacht hatte, und sie ihm brachte, dass er sie anprobiere, da gefiel diesem nicht ein einziges Paar. Und Skurlatowitsch warf ihm diese Schuhe an den Kopf und schlug ihm das ganze Gesicht blutig. Aber Gorja Krutschinin, der eine Altine* Geld bei sich hatte, ging in eine Kneipe und sprach diese Worte: „Wenn mich doch der Teufel von diesem Herrn befreite!“

Da stand plötzlich vor ihm ein unbekannter Mensch und sprach: „Über wen ereiferst du dich, guter Jüngling?“ Weiterlesen

19.4 Goldfischchen

Heute wird euch nicht nur ein Motiv, oder zwei bekannt vorkommen, denn es gibt die russische Version vom Fischer und seiner Frau. Lest selbst…

Goldfischchen

Am Meer, im Ozean, auf der Insel Bujan* stand ein verfallenes Hüttchen. Im Hüttchen wohnten zwei alte Leute. Sie lebten in großer Armut; mit dem Netz, das er selbst gemacht hatte, ging der Alte zum Meer, um Fische zu fangen: und damit verdiente er nur knapp das tägliche Brot. Einmal hatte er das Netz ausgeworfen, fing an zu ziehen, und es kam ihm so schwer vor, so schwer wie noch nie zuvor: er vermochte kaum es in die Höhe zu bringen. Und wie er nachsieht, ist das Netz leer: nur ein Fischchen hatte sich gefangen aber freilich kein einfaches – ein goldenes. Bat ihn das Fischchen mit menschlicher Stimme: „Nimm mich nicht, Alterchen! Lass mich wieder tauchen in’s blaue Meer; werde dir nützlich sein: was du nur wünschest, ich will es erfüllen.“ Der Alte dachte nach, dachte nach, endlich sagt er: „Brauche nichts von dir, geh’ du nur wieder in’s Meer.“ Warf darauf das Goldfischchen in’s Wasser und kehrte nach Haus zurück.

Als er heimkam, fragte ihn die Alte: „Hast viel gefangen, Alter?“ „Nur ein einziges Fischchen, ein Goldfischchen, und das habe ich wieder in’s Meer geworfen – hat mich gar zu sehr gebeten. ‚Lass mich wieder tauchen in’s blaue Meer,‘ sagte es; ‚werde dir nützlich sein: was du nur wünschest, ich will es erfüllen.‘ Ich erbarmte mich des Fischchens, nahm kein Lösegeld, gab ihm umsonst die Freiheit.“ „Ach, du alter Teufel! ein großes Glück kam dir in die Hände, und du verstandest nicht, es zu halten.“ Ganz erbost war die Alte, schimpfte den Alten vom Morgen bis zum Abend, keine Ruhe ließ sie ihm. „Hättest du doch nur Brot bei ihm gefragt! Wird ja bald keine trockene Rinde mehr im Hause sein.“ Der Alte konnt’s nicht mehr aushalten, ging zum Goldfischchen, es um Brot zu bitten. Kam zum Meer und rief mit lauter Stimme:

„Fischlein! Fischlein! Stell’ dich in’s Meer
Mit dem Schwanz, den Kopf zu mir her.“ Weiterlesen

19.3 Von den Teufelchen auf dem Eichenbaum

Nach zu helfendem Prinz und glücklichem Hirten kommen wir heute zu zwei Bauern, die sich über ein … nun, Grundsatzproblem streiten. Aber lest selbst…

Von den Teufelchen auf dem Eichenbaum

Es wohnten im Dorf zwei Bauern, Nachbarsleute, beide arm, ohne Kind und Kegel – schlau war der Eine, den’s immer kitzelte, zu mausen und den lieben Nächsten um das Seine zu prellen; wie’s Gott gefällt, lebte der Andere und mühte sich, sein dürftiges Leben durch rechtliche Arbeit zu fristen.

Stritten sich eines Tages die Nachbarsleute, ob es besser sei: zu lügen und zu trügen, oder mühselig in der Gotteswelt ehrlich seine Tage zu verbringen. Der Eine sagte: „Ehrlichkeit ist ein Hungerleider, so ein schäbiger Gesell, der’s nicht lange macht.“ Sagte der Andere: „Lieber tot sein, als in der Lüge leben. Ich wollt’s nicht, Gevatter, wollt’s nicht, und säße ich auch, wie ich da bin, im Butterfass und brauchte nur zuzugreifen.“ Sie stritten, stritten, keiner gibt dem anderen nach, und als sie so viel gesprochen hatten, dass nichts mehr zu sprechen war, beschlossen sie, in die Welt zu wandern und an allen Ecken zu fragen, wie man leben müsse.

Wie sie nun so gehen, sehen sie einen Bauern, der pflügt. „Gott zum Gruß, guter Mann! Kannst du nicht unseren Streit entscheiden? Sage uns, ob es besser sei: zu lügen und zu trügen, oder mühselig in der Gotteswelt ehrlich seine Tage zu verbringen.“ „Ne, Brüderchen, kein Mensch ist im Stande, sein lebenlang ehrlich zu leben, mit der Lüge geht’s schon eher.“ „Siehst du, ich habe Recht,“ sagt der Lügenpeter.

Wie sie weiter gehen, begegnet ihnen ein Kaufmann in einer mit Waren vollgepropften Kibitka*, die ein Paar feiste Pferde ziehen. Unsere Bäuerlein nähern sich der Kibitka, grüßen und sagen: „Nichts für ungut, wir kommen zu deiner Wohlgeboren mit einer Bitte. Kannst du nicht unseren Streit entscheiden? Sage uns, ob es besser sei: zu lügen und zu trügen, oder mühselig in der Gotteswelt ehrlich seine Tage zu vollbringen.“ „Nein, Kinderchen, ehrlich zu leben ist ein schweres Stück Arbeit, mit ein bisschen Lug und Trug geht Kibitka s schon eher. Man täuscht uns ja – wie müssen wir denn da nicht auch täuschen?“ „Siehst du, ich habe Recht,“ sagt der Lügenpeter. Weiterlesen

19.2 Das Märchen von dem listigen Hirten und dem wilden Eber

Nachdem gestern der Prinz ohne den Wolf ja eigentlich nix hingekriegt hätte, schauen wir heute mal, wie sich ein Hirte so schlägt. Lest selbst…

Das Märchen von dem listigen Hirten und dem wilden Eber

Hinter dreimal neun Ländern und dreimal zehn Zartümern lebte ein König, der in seinem Königreiche einen sehr großen und dichten Wald hatte, in welchem sich, ohne dass man wusste, woher er gekommen sei, ein wilder Eber einfand, der viele Reisende, welche durch den Wald zogen, anfiel und auffraß. Der König sendete oftmals eine große Anzahl Krieger in den Wald, um den Eber zu töten, aber das grausame Ungetüm gewann jedesmal den Sieg über seine Verfolger. Dieser wilde Eber aber wurde immer blutdurstiger, und wagte es sogar aus dem Wald herauszukommen, um Alles aufzufressen, was ihm nur zu Gesichte kam.

Der König, welcher vor dem Eber eine große Furcht hatte, dachte, dass er auch mit der Zeit seine Ausfälle bis auf die Stadt erstrecken, und unter den Bewohnern derselben großes Unglück anrichten könne, so, dass sich zuletzt Niemand mehr getrauen würde, auf die Straße hinauszugehen. Er befahl daher in seinem ganzen Reiche den Ukas* zu verkünden, in welchem er versprach, demjenigen, der im Stande sei, den wilden Eber zu töten, die schöne Zarewna Iljia zur Gemahlin zu geben, was immer für eines Standes oder Ranges der Held auch sein möchte. Aber Niemand wollte sich in die Gefahr begeben, und mit dem grimmen Tiere den Kampf bestehen, so gerne auch ein jeder Herrscher des Landes geworden wäre.

Endlich ergab es sich, dass ein junger Hirte seine Herde in der Nähe jenes Waldes hütete, in welchem sich der Eber aufhielt. Nicht lange, so erblickte er das Ungetüm, welches gerade auf ihn los kam, und sich anschickte, ihn aufzufressen. Der Hirte lief in den Wald, und kletterte auf einen hohen und dicken Birnbaum, auf welchem er sein ferneres Schicksal erwartete.

Es ist nötig zu wissen, dass der Hirte keine andere Waffe bei sich führte, als ein Beil, welches er in seinem Gürtel stecken hatte. Der Eber, welcher dem Hirten nachgelaufen war, sah, dass es ihm auf keine Art möglich wäre, seiner Beute habhaft zu werden, und fing nun an, den Baum bei den Wurzeln zu zernagen. Der Hirte erschrak darüber sehr und dachte, wenn der Eber den Baum zernagte, dieser endlich umfallen müsse, und er auf diese Art dennoch ein Opfer des Ungetüms werden würde. In diesem angstvollen Zustande riss er Weintraubenäste, welche sich um den Baum schlangen, herab, und warf damit auf den Eber.

Der Eber fraß eine große Anzahl von den Weintrauben, wurde davon betrunken, legte sich sodann neben den Birnbaum nieder, und schlief ein. Der Hirte, welcher nicht wusste, ob der Eber wirklich eingeschlafen sei, oder sich nur so anstellte, nahm wieder einige Weintraubenäste und warf sie auf ihn herab. Als er aber endlich bemerkte, dass der Eber wirklich schlafe, wagte er es, von dem Baum herabzusteigen. Er ließ sich auf die Erde nieder, hieb mit dem Beile dem Eber den Kopf ab, und benachrichtigte sogleich den König von seiner Heldentat.

Der König, welcher sein Versprechen nicht brechen wollte, gab hierauf dem Hirten die schöne Zarewna Ilija zur Gemahlin. Dieser vermählte sich mit der Königstochter, bestieg nach dem Tode des alten Königs den Thron, und so lebten Beide in Einigkeit und Frieden, nachdem sie der Himmel noch mit zahlreichen Kindern gesegnet hatte.

* Also den Erlass.

*******

Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass der Hirte bei aller Panik absichtlich, die Traubenäste runtergeschmissen hat. Dass es also nicht nur glücklicher Zufall war, dass er den Eber ‚heldenhaft‘ bezwungen hat. ;D

 

Textquelle: Die ältesten Volksmärchen der Russen. Von Johann R. Vogl. Wien: Verlag von Pfantsch & Compagnie 1841, S. 139-141.
Bildquelle: Prinz auf Wildschweinjagd in – Form einer – fein, ja – persischen Miniatur

19.1 Das Märchen vom Vogel Schar, dem Pferd mit der goldenen Mähne und vom grauen Wolf – oder: Russische Märchen

Diese Woche ist nix mehr mit Inseln. Stattdessen gibt es russische Märchen, aus denen ich schon ewig mal wenigstens einige hier vorstellen wollte. Und damit die sieben dann auch richtig zählen, geht es heute mit einem laaaaaaangen Zaubermärchen los. Lest selbst (und seid tapfer!)…

Das Märchen vom Vogel Schar, dem Pferd mit der goldenen Mähne und vom grauen Wolf

In dem Königreiche eines gewissen Kaisertums lebte ein Zar namens Wislaw Andronowitsch, welcher drei Söhne hatte. Der Älteste hieß Dmitrii Zarewitsch, der Jüngere Wasilji Zarewitsch und der Jüngste Iwan Zarewitsch.

Dieser Zar besaß solch einen prachtvollen Garten, wie in keinem Königreiche einer zu sehen war, und in welchem sehr viele seltene Bäume mit und ohne Früchten wuchsen. Einer dieser Bäume, ein Apfelbaum, war der Liebling des Zars, denn es wuchsen auf ihm goldene Äpfel.

Diesen Garten wählte auch ein Vogel namens Schar* zu seinem Aufenthalte. Dieser Vogel aber hatte goldene Federn, und Augen, welche dem Kristall des Südens gleich kamen. Er flog jede Nacht in den Garten des Zars, setzte sich auf dessen Lieblingsbaum und pflückte die goldenen Äpfel ab und entfloh mit ihnen.

Der Zar wurde sehr ergrimmt über diesen Vogel, welcher ihm bereits so viele Äpfel geraubt hatte, rief seine drei Söhne zu sich und sprach zu ihnen: „Meine lieben Kinder, wer kann mir von euch den Vogel Schar in meinem Garten fangen und wer von euch ihn fängt, dem gebe ich noch bei meinen Lebzeiten mein halbes Königreich, nach meinem Tode aber das ganze.“ Die Söhne des Zars erfreuten sich darüber gar sehr und sagten: „Gnädigster Vater, wir werden Alles aufbieten, um den Vogel Schar lebendig zu bekommen.“

Die erste Nacht wachte in dem Garten Dmitrii Zarewitsch und legte sich unter den Baum, von welchem der Vogel die Äpfel zu rauben pflegte. Er schlief aber ein und hörte es nicht, wie der Vogel Schar sich auf dem Baume niederließ. noch wie er von diesem die Äpfel raubte. Am Morgen rief der Zar Wislaw Andronowitsch seinen Sohn Dmitrii Zarewitsch und fragte ihn: „Mein lieber Sohn, hast du diese Nacht den Vogel Schar gesehen oder nicht?“ Er antwortete: „Mein lieber Vater, diese Nacht ist der Vogel Schar nicht gekommen.“

In der zweiten Nacht bewachte den Garten Wasilji Zarewitsch. Er setzte sich unter denselben Baum und nachdem er mehrere Stunden dort gesessen hatte, schlief er fest ein, dass auch er es nicht hörte, wie der Vogel Schar kam und die Äpfel raubte. Am Morgen fragte ihn der Zar: „Mein lieber Sohn, hast du diese Nacht den Vogel Schar gesehen oder nicht?“ „Lieber Vater, diese Nacht ist der Vogel Schar nicht gekommen,“ antwortete der Sohn.

In der dritten Nacht bewachte den Garten Iwan Zarewitsch und setzte sich unter den Apfelbaum und saß eine Stunde und eine zweite und eine dritte. Mit einem Mal erhellte sich der ganze Garten, als ob er mit vielen Lichtern erleuchtet würde; das war der Vogel Schar, welcher kam, um die Äpfel zu rauben. Iwan Zarewitsch saß unter dem Baum, schlich listiger Weise hinzu und erfasste den Vogel am Schweife, jedoch vermochte er ihn nicht festzuhalten. Der Vogel entriss sich ihm und entfloh, so dass dem Iwan Zarewitsch sonst nichts als eine Feder aus seinem Schweife in der Hand blieb.

Am Morgen, als der Zar Wislaw aufwachte, ging Iwan Zarewitsch zu ihm und gab ihm die Feder des Vogels. Den Zar Wislaw erfreute es sehr, dass es seinem jüngsten Sohne gelang, auch nur eine einzige Feder des Vogels zu erhalten. Diese Feder war so wunderbar und hell, dass, wenn man sie in ein dunkles Gemach brachte, selbe solche Strahlen von sich gab, dass man meinte, es sei in dem Gemache eine große Anzahl Lichter angezündet. Der Zar Wislaw legte diese Feder in sein Kabinet als ein Kleinod, welches der Aufbewahrung verdiente; der Vogel Schar jedoch kam von dieser Zeit an nicht wieder in den Garten.

Da berief der Zar Wislaw abermals seine Söhne und sprach zu ihnen: „Meine lieben Kinder, es ist Zeit, dass ihr euch jetzt auf die Reise begebt, um den Vogel Schar zu suchen. Findet ihr ihn, so trachtet ihn mir lebendig zu bringen, und was ich versprochen habe, soll demjenigen gehalten werden, der mir den Vogel Schar bringt.“ Weiterlesen