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19.1 Das Märchen vom Vogel Schar, dem Pferd mit der goldenen Mähne und vom grauen Wolf – oder: Russische Märchen

Diese Woche ist nix mehr mit Inseln. Stattdessen gibt es russische Märchen, aus denen ich schon ewig mal wenigstens einige hier vorstellen wollte. Und damit die sieben dann auch richtig zählen, geht es heute mit einem laaaaaaangen Zaubermärchen los. Lest selbst (und seid tapfer!)…

Das Märchen vom Vogel Schar, dem Pferd mit der goldenen Mähne und vom grauen Wolf

In dem Königreiche eines gewissen Kaisertums lebte ein Zar namens Wislaw Andronowitsch, welcher drei Söhne hatte. Der Älteste hieß Dmitrii Zarewitsch, der Jüngere Wasilji Zarewitsch und der Jüngste Iwan Zarewitsch.

Dieser Zar besaß solch einen prachtvollen Garten, wie in keinem Königreiche einer zu sehen war, und in welchem sehr viele seltene Bäume mit und ohne Früchten wuchsen. Einer dieser Bäume, ein Apfelbaum, war der Liebling des Zars, denn es wuchsen auf ihm goldene Äpfel.

Diesen Garten wählte auch ein Vogel namens Schar* zu seinem Aufenthalte. Dieser Vogel aber hatte goldene Federn, und Augen, welche dem Kristall des Südens gleich kamen. Er flog jede Nacht in den Garten des Zars, setzte sich auf dessen Lieblingsbaum und pflückte die goldenen Äpfel ab und entfloh mit ihnen.

Der Zar wurde sehr ergrimmt über diesen Vogel, welcher ihm bereits so viele Äpfel geraubt hatte, rief seine drei Söhne zu sich und sprach zu ihnen: „Meine lieben Kinder, wer kann mir von euch den Vogel Schar in meinem Garten fangen und wer von euch ihn fängt, dem gebe ich noch bei meinen Lebzeiten mein halbes Königreich, nach meinem Tode aber das ganze.“ Die Söhne des Zars erfreuten sich darüber gar sehr und sagten: „Gnädigster Vater, wir werden Alles aufbieten, um den Vogel Schar lebendig zu bekommen.“

Die erste Nacht wachte in dem Garten Dmitrii Zarewitsch und legte sich unter den Baum, von welchem der Vogel die Äpfel zu rauben pflegte. Er schlief aber ein und hörte es nicht, wie der Vogel Schar sich auf dem Baume niederließ. noch wie er von diesem die Äpfel raubte. Am Morgen rief der Zar Wislaw Andronowitsch seinen Sohn Dmitrii Zarewitsch und fragte ihn: „Mein lieber Sohn, hast du diese Nacht den Vogel Schar gesehen oder nicht?“ Er antwortete: „Mein lieber Vater, diese Nacht ist der Vogel Schar nicht gekommen.“

In der zweiten Nacht bewachte den Garten Wasilji Zarewitsch. Er setzte sich unter denselben Baum und nachdem er mehrere Stunden dort gesessen hatte, schlief er fest ein, dass auch er es nicht hörte, wie der Vogel Schar kam und die Äpfel raubte. Am Morgen fragte ihn der Zar: „Mein lieber Sohn, hast du diese Nacht den Vogel Schar gesehen oder nicht?“ „Lieber Vater, diese Nacht ist der Vogel Schar nicht gekommen,“ antwortete der Sohn.

In der dritten Nacht bewachte den Garten Iwan Zarewitsch und setzte sich unter den Apfelbaum und saß eine Stunde und eine zweite und eine dritte. Mit einem Mal erhellte sich der ganze Garten, als ob er mit vielen Lichtern erleuchtet würde; das war der Vogel Schar, welcher kam, um die Äpfel zu rauben. Iwan Zarewitsch saß unter dem Baum, schlich listiger Weise hinzu und erfasste den Vogel am Schweife, jedoch vermochte er ihn nicht festzuhalten. Der Vogel entriss sich ihm und entfloh, so dass dem Iwan Zarewitsch sonst nichts als eine Feder aus seinem Schweife in der Hand blieb.

Am Morgen, als der Zar Wislaw aufwachte, ging Iwan Zarewitsch zu ihm und gab ihm die Feder des Vogels. Den Zar Wislaw erfreute es sehr, dass es seinem jüngsten Sohne gelang, auch nur eine einzige Feder des Vogels zu erhalten. Diese Feder war so wunderbar und hell, dass, wenn man sie in ein dunkles Gemach brachte, selbe solche Strahlen von sich gab, dass man meinte, es sei in dem Gemache eine große Anzahl Lichter angezündet. Der Zar Wislaw legte diese Feder in sein Kabinet als ein Kleinod, welches der Aufbewahrung verdiente; der Vogel Schar jedoch kam von dieser Zeit an nicht wieder in den Garten.

Da berief der Zar Wislaw abermals seine Söhne und sprach zu ihnen: „Meine lieben Kinder, es ist Zeit, dass ihr euch jetzt auf die Reise begebt, um den Vogel Schar zu suchen. Findet ihr ihn, so trachtet ihn mir lebendig zu bringen, und was ich versprochen habe, soll demjenigen gehalten werden, der mir den Vogel Schar bringt.“ Weiterlesen

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