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41.7 Hong Kil Tong oder die Abenteuer eines verstoßenen Jungen – als koreanischer Robin Hood

Zum Abschluss der koreanischen Wochen gibt es noch eine märchenhafte Legende, in der allerdings weniger Liebe als soziale Kritik im Mittelpunkt steht. Lest selbst…

Hong Kil Tong oder die Abenteuer eines verstoßenen Jungen

Unter der Regierung des dritten Königs von Korea lebte ein Edelmann von hohem Range, welcher aus der berühmten Familie Hong stammte und den Titel eines Ye Cho Pansa führte. Er hatte aus der Ehe mit seiner rechtmäßigen Gattin zwei Söhne und einen Sohn aus der Verbindung mit einer Konkubine. Letzterer, welcher von Geburt an viel von sich reden machte, wird der Held folgender Geschichte sein.

Als Hong Pansa nur erst zwei Söhne besaß, träumte ihm eines nachts, dass ein Drache von so ungeheurer Größe in sein Zimmer käme, dass er selbst keinen Platz mehr darin hatte. Der Träumer erwachte und begriff sofort, dass ihm etwas Gutes bevorstände. Da er hoffte, es würde ihm ein dritter Sohn geboren werden, hatte er nichts Eiligeres zu tun als seiner Gemahlin den Traum mitzuteilen. Doch diese wollte ihn nicht sehen, da sie es ihm sehr übelgenommen, dass er sich eine Konkubine aus der Klasse der Tänzerinnen genommen hatte. Der große Mann war darüber sehr traurig und zog sich unverrichteter Sache in seine Gemächer zurück, wo er allein über seinen Traum und die ihm möglicherweise bevorstehenden Ereignisse nachdachte.

Bald darauf wurde ihm von einer seiner Konkubinen ein Sohn von so tadelloser Schönheit geboren, dass seine erste, rechtmäßige Gemahlin sehr neidisch und er selbst aber höchst unglücklich darüber ward, denn er wäre begreiflicherweise hoch erfreut gewesen, wenn dieser Sohn eine standesgemäße Geburt gehabt hätte und dadurch befähigt gewesen wäre, die Beamtenlaufbahn einzuschlagen. So wurde der schöne Knabe einfach Kil Tong oder Hong Kil Tong genannt. Je älter er wurde, desto mehr entwickelte sich seine Schönheit und sein Verstand. Er lernte sehr leicht und seine Umgebung bewunderte seinen Scharfsinn und seine Geisteskräfte ebenso wie das Ebenmaß seines Körpers und seine schönen Gesichtszüge. Als er heranwuchs, ärgerte er sich sehr darüber, dass ihm sein Platz bei der Dienerschaft angewiesen wurde und er nicht die Erlaubnis hatte, seine Eltern bei dem Namen zu nennen. Die anderen Söhne seines Vaters lachten ihn aus und verspotteten ihn, so dass sein Leben ihm sehr unglücklich erschien.

Eines Tages warf er während des Schulunterrichts voll Missmut seinen Tisch um und erklärte, er wolle Soldat werden. In der nächsten hellen Mondscheinnacht sah ihn Hong Pansa im Hofe Waffenübungen machen und fragte ihn, höchst verwundert darüber, was er damit bezwecke. Kil Pang antwortete ihm unumwunden, dass ihm die steten Ungerechtigkeiten, deren er in seinem Hause ausgesetzt sei, zuwider wären. Er wolle sich daher auf diese Weise für seinen späteren Beruf vorbereiten, damit alle Menschen dann Ehrfurcht und Achtung vor ihm haben sollten. „Denn,“ sagte er, „der Himmel hat alles für den Gebrauch der Menschen erschaffen, diese müssen es nur verstehen, richtig damit umzugehen und der Himmel unterstützt diejenigen, welche sich selbst zu helfen wissen.“

„Welch ein bewunderungswürdiger Knabe,“ sagte Hong Pansa zu sich selbst, „wie sehr bedauere ich es, dass er nicht mein anerkanntes Kind ist, was würde er mir sonst für Ehre bringen. Wie die Sache aber jetzt liegt, befürchte ich noch viel Unangenehmes mit ihm zu erleben.“ Laut rief er Kil zu, er solle schlafen gehen. Doch dieser antwortete ihm, dass, wenn er sich auch zum Schlafen niederlege, ihm alle Ungerechtigkeiten, die ihm tagsüber widerfahren wären, in den Sinn kämen und er so lange darüber nachdächte, bis ihn die Tränen den Schlaf verscheuchten und er wieder aufstände. Da seufzte sein Vater und ließ ihn stillschweigend gewähren. Weiterlesen

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39.6 Die Geschichte von den drei Brüdern, den drei Schwestern und dem halbeisernen Mann

So. Heute wird es wieder ernst und schön mit einem weiteren Zaubermärchen. Inklusive zweimal drei Geschwistern und lauter gruseligen Gestalten. Aber lest selbst…

Die Geschichte von den drei Brüdern, den drei Schwestern und dem halbeisernen Mann

Es waren einmal drei Brüder und drei Schwestern, die Brüder verheirateten die eine an den Sonnenherrn, die andere an den Mond und die letzte an den Südwind. Als sie einige Zeit verheiratet waren, dachten die Brüder: „Wir wollen doch gehen und sehen, wie es ihnen geht.“ Sie machten sich fertig, nahmen Wegzehrung mit und gingen auf die Reise.

Unterwegs überfiel sie die Nacht auf freiem Felde nahe bei einem Berge, sie machten an einer Stelle halt, zogen ihr Brot heraus und zündeten Licht an. Als sie mit Essen fertig waren, sagte der älteste: „Legt ihr euch schlafen, ich will aufbleiben und euch bewachen, dass keiner komme uns zu berauben und zu töten.“ Die beiden jüngeren Brüder legten sich nun schlafen und er hielt Wache. Das Licht hatte eine Kutschedra* bemerkt, ging gerade darauf zu, und als sie auch noch die Männer sah, freute sie sich sehr, und stürzte auf den Wächter zu, um ihn zu fressen. Der aber schoss und tötete sie, zog darauf seinen Säbel, hieb ihr den Kopf ab und steckte ihn in seinen Ranzen, nahm auch die Kutschedra und warf sie in eine Grube, dass seine Brüder sie nicht sähen. Darauf wartete er noch eine Weile, weckte sie und sie machten sich wieder auf.

Die zweite Nacht verbrachten sie an einem andern Ort, und als sie Licht gemacht und gegessen hatten, legten sich zwei schlafen, der mittlere Bruder wachte, und auch der tötete in der Nacht eine Kutschedra wie der älteste.

In der dritten Nacht sagte der jüngste: „Schlaft ihr jetzt, ich werde wachen.“ Sie aber meinten: „Schlaf du, du bist zu jung, lass einen von uns Wache halten.“ Er wollte aber nicht und bewachte sie. Auch zu ihm kam eine Kutschedra, aber jung wie er war, schoss er nicht sicher; da zog er seinen Säbel, um sie zu erschlagen, aber im Todeskampf schlug sie mit dem Schwanz und löschte das Licht aus. Nun überlegte er, wie er es wieder anzünden könnte, hatte aber nichts womit. Da sah er auf einem Berggipfel ein kleines Feuer und machte sich dahin auf. Unterwegs traf er die Mutter der Nacht; die fragte er: „Wohin gehst du?“ Sie antwortete: „Ich gehe Tag machen.“ Darauf sagte er: „Warte auf mich, bis ich das Licht angezündet habe.“ Sie antwortete: „Ich warte.“ Er traute ihr aber nicht und band sie fest, dass sie nicht Tag machen könnte. Weiterlesen

36.2 Die Furcht – also von einem der auszog, um sie zu finden

Auch das heutige Märchen ist die türkische Variante eines internationalen Erfolgsmuster, nämlich von einem der auszog, die Furcht zu finden. Lest selbst…

Die Furcht

Es war einmal vor alten Zeiten eine Frau, die hatte einen Sohn. Als beide eines Abends so nebeneinander saßen, da sagte die Frau zu ihrem Sohne: „Geh, mein Kind und schließ das Tor, denn ich habe Furcht.“ Der Sohn fragte die Mutter: „Was ist das, Furcht?“ „Nun, wenn man sich fürchtet,“ antwortete die Mutter. – „Was mag denn nur die Furcht sein?“ sann der Junge nach, „ich will hingehen und sie aufsuchen“ Und er machte sich auf den Weg, kam in ein Gebirge, wo er vierzig Räuber erblickte, die ein Feuer anmachten und sich dann um dasselbe herumsetzten. Der Jüngling ging zu ihnen hin und mit dem Wunsche: „Gott grüße euch Agas!“* setzte er sich zu ihnen hin. Da sprachen die Räuber zu ihm: „Kein Vogel wagt sich hierher, keine Karawane zieht da vorüber; wie konntest du es wagen, deine Schritte hierher zu lenken?!“ „Ich suche die Furcht, o zeigt mir sie doch.“ „Die Furcht ist da, wo wir sind,“ sprachen die Räuber. „Wo denn?“ fragte der Jüngling. Darauf antworteten die Räuber: „Nimm diesen Kessel, dieses Mehl, Fett und Zucker, gehe da hinüber in den Friedhof und bereite dort Helwa zu.“ „Gut,“ sprach der Jüngling und ging.

Im Friedhofe zündete er ein Feuer an und begann die Helwa zu kochen. Da streckte sich ihm aus einem Grabe eine Hand entgegen und fragte: „Ich bekomme nichts?“ Der Junge versetzte der Hand eins mit dem Löffel, indem er sagte: „Freilich werde ich den Toten geben, ehe noch die Lebenden davon gegessen.“ Er machte die Helwa fertig und kehrte zu den Räubern zurück. „Nun, hast du sie gefunden?“ fragten sie ihn. „Nein,“ antwortete der Jüngling, „alles, was ich gesehen, war eine Hand, die sich mir zeigte und Helwa begehrte; ich aber versetzte derselben einen tüchtigen Hieb, worauf sie wieder verschwand.“ Die Räuber fingen an, sich zu verwundern. „Hier in der Nähe ist ein Bad,“ sagten sie, „dort kannst du die Furcht finden.“ Weiterlesen

31.1 Vom Räuber, der einen Hexenkopf hatte – wunderschöne sizilianische Märchen

Diese Woche geht es zurück nach Europa, gerade so. Sizilianische Märchen gibt es. Die stehen auf meinem Plan, seit ich den Märchensammler angefangen habe, aber irgendwie bin ich bislang nicht dazu gekommen. Umso dramatischer, als die Märchen wunder-wunderschön sind.

Und um gleich stilvoll anzufangen, gibt es heute ein sizilianisches Zaubermärchen. Lest selbst…

Vom Räuber, der einen Hexenkopf hatte

Es war einmal ein König, der hatte drei schöne Töchter, die Jüngste aber war die Schönste und Klügste. Eines Tages rief er sie und sprach zu ihr: „Komm mein Kind und lause mich ein wenig.“ Das tat die jüngste Tochter und fand eine Laus. Da setzte der König die Laus in einen großen Topf mit Fett und ließ sie viele Jahre darinnen. Als er aber eines Tages den Topf zerschlagen ließ, war die Laus zu einem solchen Ungetüm angewachsen, dass alle Leute davor erschraken und der König sie umbringen ließ. Dann ließ er ihr die Haut abziehen, nagelte sie über die Thür fest und sprach: „Derjenige, der erraten kann, von welchem Tier dieses Fell ist, der soll meine älteste Tochter zur Frau bekommen. Wer es aber nicht errät, der muss seinen Kopf dabei verlieren.“ Da kamen von nah und fern Prinzen und vornehme Herren und wollten die schöne Königstochter freien, aber keiner konnte das Rätsel erraten, und so mussten sie jämmerlich sterben.

Nun war auch ein Räuber, der lebte in einer wilden Gegend ganz allein. Der hatte einen Hexenkopf in einem kleinen Körbchen, bei dem holte er sich immer guten Rat, wenn er irgendetwas unternehmen wollte. Dieser Räuber hörte nun davon, wie so viele Freier das Leben ließen und keiner das schwere Rätsel herausbringen konnte. Da trat er vor seinen Hexenkopf und fragte: „Sage mir, Kopf, von welchem Tier ist das Fell, das der König über seiner Thür angenagelt hat?“ „Von einer Laus,“ antwortete der Kopf. Nun war der Räuber guter Dinge und machte sich auf den Weg nach der Stadt. Unterwegs fragten ihn die Leute, wo er hinginge. „Ich gehe nach der Stadt und will die älteste Königstochter freien,“ antwortete er. „So geht ihr eurem gewissen Tode entgegen,“ meinten die Leute.

Als er nun in die Stadt kam, ließ er sich bei dem König melden, er hätte auch Lust, das Rätsel zu erraten. Da ließ ihn der König hereinkommen, zeigte ihm die Haut und fragte: „Kannst du mir sagen, von welchem Tier dieses Fell ist?“ „Von einem Hasen?“ sagte der Räuber. „Falsch!“ „Vielleicht von einem Hund?“ „Falsch!“ „Ist es vielleicht das Fell einer Laus?“

Da hatte er es erraten und der König gab ihm seine älteste Tochter zur Frau. Als nun die Hochzeitsfeierlichkeiten vorbei waren, sprach er zum König: „Ich will nun mit meiner Frau nach Haus zurückkehren.“ Da umarmte die Königstochter ihren Vater und ihre Schwestern, und ging mit ihrem Manne fort.

Nachdem sie lange, lange Zeit gewandert waren, kamen sie in eine wilde, einsame Gegend. „Ach,“ sprach die Königstochter, „wohin führest du mich denn? Wie hässlich es hier ist!“ „Komm du nur mit!“ antwortete der Räuber. Da kamen sie endlich an sein Haus, das war so finster und hässlich, dass die Königstochter wieder sagte: „Wohnst du denn hier? Ach, wie unfreundlich es hier ist!“ „Komm nur herein,“ antwortete der Räuber. Nun musste die arme Königstochter in der Wildnis wohnen und hart arbeiten. Weiterlesen