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20.3 Der Löwe und der Hase – aus dem indischen Pantschatantra

Wir bleiben beim Thema des erzwungen…naja, wehrhaften Hasens, springen aber direkt nach Indien ins Pantschatantra. Mehr zu dieser altindischen Fabelsammlung habe ich euch ja schon hier erzählt. Wer da also noch mal nachschauen möchte… Sonst lest los! 😀

Der Löwe und der Hase

In der Mitte eines Waldes lebte ein Löwe, Namens Bhasuraka*. Dieser nun brachte infolge seiner übermäßigen Stärke ohne Unterbrechung viele Gazellen, Hasen und andere Tiere um. Da versammelten sich eines Tages alle Geschöpfe des Waldes: Gazellen, Eber, Büffel, Gayal, Hasen und so weiter, gingen zu ihm und sagten: „O Herr! Wozu diese unnütze Ermordung alles Wildes, da ja schon ein Tier genügt, dich zu sättigen? Schließe deswegen mit uns eine Übereinkunft: Von heute an magst du hier ruhig sitzen bleiben und jeden Tag soll nach der Reihenfolge der Geschöpfe ein Tier zu dir kommen, um sich von dir fressen zu lassen. Auf diese Weise wird dir doch dein Lebensunterhalt ohne Anstrengung zu Teil, und wir andrerseits werden nicht ausgerottet. Das ist Königsrecht und demgemäß möge gehandelt werden. Man sagt auch: Weiterlesen

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13.7 Je gelehrter, desto verkehrter, oder „die Löwenmacher“

Zum Abschluss der Pantschatantra-Woche sind wir im fünften Buch angekommen, wo es herzzerreißend um das Handeln ohne sorgfältige Prüfung geht. In der Rahmenhandlung begegnet ein durchaus international bekannter Plot in der indischen Version: Ein Brahmane vertraut sein Kind seinem Freund, der Manguste an. Als er zurückkehrt, hat die Manguste mit einem blutigem Maul. Prompt tötet er seinen tierischen Freund, der ja wohl sein Kind ermordet hat. Zu spät erkennt er, dass sein Kind noch lebt und zwar, weil ihn die Manguste vor einer Schlange verteidigt hat.

Wie die Binnenerzählungen zeigen, geht es um jede Form von Voreiligkeit. Aber lest selbst…

Je gelehrter, desto verkehrter, oder „die Löwenmacher“
(5. Buch, 4. Erzählung)

An einem gewissen Orte wohnten vier Brahmanensöhne, welche die größte Freundschaft zueinander gefasst hatten. Von diesen hatten drei sämtliche Wissenschaften durchaus erlernt, ermangelten aber aller Einsicht. Einer dagegen hatte nichts gelernt, sondern besaß nichts weiter als Einsicht. Einstmals nun kamen sie zusammen und beratschlagten miteinander: „Welchen Wert hat das Wissen, wenn man sich nicht dadurch, dass man in die Fremde geht und die Gunst von Fürsten gewinnt, Vermögen erwirbt? Drum lasst uns alle auf jeden Fall in die Fremde gehen!“

Nachdem so geschehen und sie eine Strecke Weges gegangen waren, sagte der älteste von ihnen: „Ah! Einer unter uns, der vierte, hat nichts gelernt und ist nur verständig. Die Könige aber geben keine Geschenke für bloßen Verstand ohne Wissenschaft. Deswegen werden wir ihm keinen Antheil an dem geben, was wir erwerben. Darum möge er umkehren und nach Hause gehn!“ Da sagte der zweite: „He! Du sehr Einsichtiger! Du hast nichts gelernt, drum geh‘ nach Haus!“ Darauf sprach der dritte: „Ah! So zu handeln geziemt sich nicht. Wir haben von Kindheit auf miteinander gespielt, drum lasst ihn mitgehn! Er ist sehr würdig und möge deshalb an dem von uns erworbenen Reichtum Antheil haben!“

Nachdem so geschehen und sie ihren Weg fortsetzten, erblickten sie in einem Walde die Gebeine eines toten Löwen. Da sagte der eine: „Lasst uns eine Probe der von uns früher gelernten Wissenschaft machen! Da liegt ein totes Tier! Das wollen wir durch die Macht unsrer eifrig erlernten Wissenschaft wieder beleben!“ Darauf sagte der eine: „Ich verstehe die Knochen zusammenzufügen!“ Der zweite sagte: „Ich liefre Fell, Fleisch und Blut!“ Der dritte sagte: „Ich belebe es!“ Darauf fügte der eine die Gebeine zusammen, der zweite verband sie durch Fell und Fleisch und Blut; als der dritte eben daran war sie mit Leben zu versehen, da verwies es ihm der Einsichtige und sprach: „Es ist ein Löwe! Wenn du ihn lebendig machst, dann wird er uns alle zusammen umbringen.“ Da antwortete jener: „Pfui! Unwissender! In meiner Hand soll die Wissenschaft nicht unfruchtbar sein!“ Darauf sprach dieser: „Dann warte einen Augenblick, bis ich auf diesen Baum in unsrer Nähe geklettert bin!“

Nachdem dies so geschehen und der Löwe lebendig gemacht war, sprang dieser auf und brachte alle drei um. Der Einsichtige aber stieg, sobald der Löwe nach einem andern Ort gegangen war, von dem Baume herab und ging nach Haus. Daher sage ich:

Besser Einsicht als solch’ Wissen! Einsicht ist mehr als Wissenschaft; wenn Einsicht fehlt, der geht unter, wie’s jenen Löwenmachern ging.

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Räusper. Hüstel. Ähem. Also eine Parabel über den Wert des gesunden Menschenverstands – Löwe = nicht gut! – gegenüber der Arroganz moderner Wissenschaft. Frei nach dem Motto: Nur weil es möglich ist, muss es nicht schlau sein. Dank gen-manipuliertem Gemüse etc. immer noch genauso wenn nicht noch viel brisanter als im antiken Indien. Verflixt. Haben wir Menschen wieder nix gelernt.

Textquelle: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Theodor Benfey. Zweiter Theil: Übersetzung und Anmerkungen. Leipzig: F. A. Brockhaus 1859, S. 332-34.
Bildquelle: Illustration in einer indischen Handschrift des 17. Jahrhunderts – inklusive der Manguste gegen die Schlange, wobei es jedoch eigentlich um Gewaltdarstellung geht

13.6 Wie der Schakal sich gegen Löwe, Tiger, Leopard und einen andern Schakal im Besitz eines toten Elefanten erhält

Heute gibt es also die eine weitere Fabel aus dem vierten Buch, deren Titel einfach schon genial ist. Und die eindrucksvoll beweist, dass Tierfabeln eben nicht nur Metaphern menschlichen Handelns sind, sondern auch auf genauer Beobachtung beruhen können.

Wie der Schakal sich gegen Löwe, Tiger, Leopard und einen andern Schakal im Besitz eines toten Elefanten erhält
(4. Buch, 10. Erzählung)

In einer gewissen Waldgegend wohnte einst ein Schakal, Namens Mahatschaturaka*. Dieser fand im Walde einst einen von selbst gestorbenen Elefanten; er ging von allen Seiten um ihn herum, konnte aber das harte Fell desselben nicht zerbeißen. Während dies vorging, kam ein hier und dort umherschweifender Löwe in dieselbe Gegend. Als jener nun diesen kommen sah, legte er den Reif seiner Krone auf den Boden, faltete seine beiden Hände zusammen und sprach demütig: „O Herr! Ich stehe hier als dein Keulenträger und bewache diesen Elefanten für dich. Drum möge der Herr ihn verzehren!“ Der Löwe aber, da er ihn sich demütig bücken sah, sprach: „Ah! Ich esse nie und nimmer ein Tier, das von einem andern getötet ist. Man sagt auch:

Der Löwe, der sich von des Wildes Fleisch nährt, greift, hungernd selbst, nimmer im Wald zum Grase; so lassen auch nimmer die Hochgebornen im Unglück selbst ab von dem Pfad der Tugend.

Drum begnadige ich dich selbst mit diesem Elefanten.“ Nachdem er dies gehört, sprach der Schakal voll Freude: „So geziemt es sich für einen Herrn gegen seine ergebnen Diener. Denn man sagt auch:

Ein Edler weicht voll hohen Sinns nie von des Gebieters Pflicht, selbst in äußerster Not: nimmer verliert ihre Weiße die Perle und käme sie auch aus des Feuers Mund.“

Als aber der Löwe sich entfernt hatte, kam ein Tiger heran. Als er nun diesen sah, dachte er: „Ah! Ein Bösewicht ist doch durch einen Fußfall weggebracht. Wie werde ich aber nun diesen fortschaffen? Der ist unzweifelhaft ein Held; dessen werde ich sicher nicht Meister werden, ohne Zwietracht zu säen. Denn man sagt auch:

Wo gute Wort’ und auch Gaben nicht zu helfen vermögend sind, da soll man Zwietracht aussäen; denn diese auch verhilft zum Sieg.

Ja sogar ein mit allen Tugenden Ausgerüsteter wird durch Spaltung vernichtet. Es heißt auch:

Wohlgeschützet und in Einschluss, von großer Härte und überschön, wird doch die Perle anbindbar, sobald sie einen Spalt empfängt.

oder: Selbst der innerhalb dem höchsten Wesen Stehende, sich von den äußerlichen Dingen entfernt Habende, guten Lebenswandel Führende, sehr Brave, nach Befreiung Strebende, verfällt in die Bande des Irdischen, wenn er in sich gespalten ist (d. i. wenn die Zweiheit, statt der Einheit, in ihm Herr wird).

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13.5 Der Esel im Tigerfell

Und schwupps sind wir schon im vierten Buch angekommen. Es geht um den Verlust von schon Besessenem, d.h. den Verlust von Freunden. Affe und Krokodil sind die engsten Freunde, bis das Krokodil durch eine List das Herz des Affens als vermeintliches Heilmittel für seine Krokodilfrau ergattern will. Der Affe entkommt dem unerfreulichen Tod, aber die Freundschaft ist hin.

Als erste von zwei Tierfabeln aus diesem Buch gibt es heute einen absoluten Klassiker, der direkt seinen Weg auch in die europäische Erzähltradition – zum Beispiel bei Herrn Lessing – gefunden hat. Aber lest selbst…

Der Esel im Tigerfell
(4. Buch, 7. Erzählung)

In einem gewissen Orte wohnte einst ein Walker, namens Suddhapata. Dieser hatte einen Esel, welcher aus Mangel an Futter überaus schwach geworden war. Der Walker nun, als er im Walde umherschweifte, sah einen toten Tiger. Da dachte er: „Ah! Das trifft sich gut! Mit diesem Tigerfell will ich den Esel bedecken und ihn in der Nacht in die Gerstenfelder loslassen, damit die in der Nähe befindlichen Feldhüter ihn für einen Tiger halten und nicht wegjagen.“

Nachdem dies geschehen war, fraß der Esel Gerste nach Lüsten. Auf diese Weise wurde er im Verlauf der Zeit fett und es kostete Mühe, ihn in den Stall zu bringen, wo er angebunden zu werden pflegte. Einst aber, vor Brunst übermütig, hörte er aus weiter Ferne das Geschrei einer Eselin. Auf dieses bloße Geschrei hin fing er auch an zu brüllen. Da erkannten die Feldhüter, dass es ein in ein Tigerfell gekleideter Esel sei, und schlugen ihn mit Knüttel-, Pfeil- und Steinwürfen tot.

Daher sage ich:

Obgleich sich wohlgeschützt wähnend, mit einem Tigerfell bedeckt und furchtbare Gestalt zeigend, starb der Esel durch sein Gebrüll.

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Spannend scheint mir hier die Moral. Denn die Fabel ist zugleich ihre eigene Sentenz! Offenbar war der arme Esel, der ja eigentlich nix kann fürs Feld-leer-fressen, also schon im antiken Indien absolut bekannt.

Textquelle: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Theodor Benfey. Zweiter Theil: Übersetzung und Anmerkungen. Leipzig: F. A. Brockhaus 1859, S. 308.

13.4 Der Zimmermann und sein treuloses Weib

Heute gibt es eine Fabel aus dem dritten Buch des Pantschatantra, in dem es in der Rahmenerzählung um den Krieg der Krähen und Eulen geht. Schon immer waren die Krähen und Eulen Feinde, als sich eine Krähe bei den Eulen einschleicht und sie ausspioniert.

Gewappnet mit diesem Wissen kehrt sie zurück zu den ihren und die Krähen entfachen Feuer an den Eingängen der Höhlen der Eulen, die so elendig sterben.

Passend geht es in den Binnenerzählungen des Buches immer wieder um Treue und zwar auch zwischen Eheleuten. Aber lest selbst ein Beispiel…

Der Zimmermann und sein treuloses Weib
(3. Buch, 11. Erzählung)

In einem Orte wohnte einmal ein Zimmermann, namens Biradhara; der hatte eine Frau, Kamadamini. Die war wollüstig und hatte einen schlechten Ruf bei den Leuten. Er aber, da er sie auf die Probe stellen wollte, dachte bei sich: „Wie kann ich sie wohl auf die Probe stellen? Denn es heißt auch:

Wenn einst des Feuers Glut kalt ist und sehr glühend des Mondes Strahl, dann mögen auch die Frau’n keusch sein, sowie die Bösewichter gut.

Ich weiß, dass sie, der Leute Gerede zufolge, unkeusch ist. Man sagt ja:

Was weder in den profanen noch heil’gen Schriften gesehn, gehört, das freilich weiß die Welt: alles, was nur in Brahma’s Ei geschieht.“

Nachdem er so erwogen hatte, sagte er zu seiner Frau: „Liebe! Morgen früh werde ich nach einem andern Dorf wandern; darauf werden einige Tage hingehn. Du musst deshalb einige angemessene Reisezehrung besorgen!“ Sie aber, nachdem sie dies gehört, ließ voller Freude und Sehnsucht alles, was sie zu tun hatte, stehn und liegen und machte mit vieler Butter und vielem Zucker eine gekochte Speise zurecht. Sagt man ja doch mit Recht:

Am regnigten Tage, in wolkiger Nacht, wenn der Regen im Wald und sonsten strömt, wenn der Mann in der Fremde, da freut sich das geile unzüchtige Weib.

Darauf stand er in der Frühe auf und verließ sein Haus. Sie aber, nachdem sie ihn hatte abreisen sehn, besorgte mit freudestrahlendem Gesicht Putz und Schmuck ihres Leibes und konnte kaum das Ende des Tages erwarten. Dann ging sie in das Haus ihres schon lange mit ihr bekannten Liebhabers und sagte zu ihm: „Mein schlechter Mann ist in ein andres Dorf gegangen. Du kannst also, sobald die Leute schlafen, in unser Haus kommen.“ Nachdem dies so geschehen war, kehrte der Zimmermann, welcher den Tag über im Walde zugebracht hatte, am Abend durch eine andre Tür in sein Haus zurück, legte sich unter das Bett und blieb da versteckt. Mittlerweile kam dieser Devadatta* und ließ sich auf das Bett nieder. Als der Zimmermann ihn sah, wurde sein Herz von Zorn ergriffen und er dachte: „Soll ich aufspringen und ihn tot schlagen? Ober alle beide, wenn sie vor Wollust eingeschlafen sind, ermorden? Doch ich will erst sehen, was sie tut, und hören, was sie mit ihm spricht!“ Weiterlesen

13.3 Der allzugierige Schakal

Heute kommen wir zum zweiten Buch des indischen Pantschatantra, in dem es nun um die Erwerbung von Freunden geht. Entsprechend wird in der Rahmenhandlung erzählt, wie die Krähe zunächst Freundschaft mit der Ratte, die zuvor die Taube gerettet hat, schließt; hinzu kommen Schildkröte und Hirsch bzw. Gazelle.

Statt um Freundschaft geht es in der heutigen Fabel allerdings um die Gier. Lest selbst…

Der allzugierige Schakal
(2. Buch, 3. Erzählung)

Einst machte sich ein Pulinda* auf den Weg nach einer Waldgegend, um zu jagen. Indem er nun vorwärts ging, begegnete er einem großen an Gestalt dem Gipfel des Berges Andschana gleichen Eber. Sowie er ihn erblickte, traf er ihn mit einem scharfen, hinter dem Ohr hervor abgeschossenen Pfeil. Aber auch dieser hatte mit wuterfülltem Sinn dem Pulinda mit der Spitze seines wie der junge Mond glänzenden Hauers den Bauch aufgerissen, sodass er leblos zu Boden stürzte. Dann, nachdem er den Jäger getötet, verlor auch der Eber das Leben, einzig durch den Schmerz der Pfeilwunde.

Mittlerweile kam ein Schakal, dem ein naher Tod verhängt war, hier und dort, von Mangel an Speise gequält, umherirrend, an denselben Ort. Als er alle beide, sowohl den Pulinda als den Eber tot sah, dachte er voller Freude: „Haha! Das Schicksal ist mir gewogen! Darum wird mir diese unerwartete Speise zu Teil! Sagt man ja doch mit Recht:

Selbst ohne alle Anstrengung kommt Glück und Unglück Menschen zu, als Frucht der Werke eines frühern Lebens, vom Schicksal zugeteilt.

Und so:

In welchem Ort, in welcher Zeit, in welchem Lebensalter man Gutes oder Böses getan, die Frucht genießt man ebenso.

Dies will ich nun so genießen, dass mir Lebensunterhalt für viele Tage zufällt. Drum will ich jetzt nur die Sehne essen, welche an die Spitzen des Bogens reicht! Es heißt ja:

Allmählich soll man Reichtümer genießen, die man sich erwarb, wie der Weise die Panacee; aber niemals aus Übermut.“

Nachdem er so im Herzen beschlossen, nahm er die vom Bogen abstehende Spitze mitten in der Mund und fing an, die Sehne zu essen. Nachdem er darauf den Strick zerbissen, fuhr die Spitze des Bogens, den Gaumen zerreißend, wie eine Feuerflamme aus dem Kopf heraus. Er aber war augenblicklich infolge des Schmerzes tot. Daher sage ich:

Zu viel Begierde soll man meiden; etwas Begierde schadet nicht. Wer der Begierde zu sehr fröhnet, dem fahret Feuer aus dem Kopf.

* Herr Benfey sagt hierzu irgendwie nix, aber offenbar – laut wiki – waren die Pulindas ein Stamm im alten Indien.

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Also eine Fabel um einen Gierschlund im wahrsten Sinne. Gemein, das. Wobei der Leser ja immerhin immer schön vorgewarnt wird, wenn dem Schakal ja gleich in den ersten Sätzen kein langes Leben prophezeit wird.

Textquelle: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Theodor Benfey. Zweiter Theil: Übersetzung und Anmerkungen. Leipzig: F. A. Brockhaus 1859, S. 174f.
Bildquelle: Illustration zum ersten Buch des Pantschatantra, aber immerhin mit Schakal

13.2 Die Affen und der Vogel Sutschimukha

Wir bleiben im gestern schon skizzierten ersten Buch des Pantaschatantra und – dies aber eher zufällig – bei den Affen.

Die Affen und der Vogel Sutschimukha
(1. Buch, 17. Erzählung)

In einer gewissen Berggegend wohnte einmal eine Affenherde. Diese konnte sich einstmals zur Winterzeit gar nicht zufrieden geben. Ihre Körper zitterten, weil ein sehr kalter Wind sie anwehte, ein Schneefall sie traf und ein heftiger Regenguss auf sie niederstürzte. Einige Affen sammelten daher Gundschâfrüchte, welche Feuerfunken ähnlich sind, stellten sich rings um sie und pusteten, um Feuer zu erlangen. Als aber ein Vogel, Namens Sutschimukha*, diese ihre vergebliche Anstrengung sah, sprach er: „Ach, ihr seid alle Toren! Dies sind keine Feuerfunken; es sind Gundschâfrüchte. Wozu also die unnütze Anstrengung? Dadurch könnt ihr euch nicht gegen die Kälte schützen. Drum sucht irgendeine gegen den Wind geschützte Waldgegend, eine Höhle oder Berggrotte! Auch jetzt noch zeigen sich mächtige Regenwolken.“ Darauf sprach einer von diesen zu ihm: „Ha! Du Tor! Was geht das dich an? Halt dein Maul. Es heißt auch:

Einen in Arbeit oft Gestörten, einen Spieler, der unterliegt, soll ein Kluger nicht anreden, wenn er sein eignes Bestes wünscht.

Und so:

Wer Jäger, die umsonst jagen, und Narren, die von Not geplagt, törichterweise anredet, der zieht sich selbst ein Übel zu.“

Jener aber, ohne sich raten zu lassen, hörte nicht auf, noch weiter zu den Affen zu sprechen: „He! Wozu die unnütze Mühe?“ Da er aber keinen Augenblick mit Schwatzen nachließ, packte ihn ein Affe, der über die vergebliche Arbeit in Zorn geraten war, an die Flügel und schleuderte ihn an einen Fels, sodass er umkam. Daher sage ich:

Kein unkrümmbares Holz krümmt sich; mit Messern schneid’t man Steine nicht: Sutschimukha! Bedenk’ dieses! Lehr’ keinen, der nicht lernen will!

Und so:

Denn Belehrung reizt nur Narren, beruhigt sie aber nimmermehr: das Wasser, das die Schlang’ einschlürft, dient zu vermehren nur ihr Gift.

Und ferner:

Belehrung soll man nicht geben jedwedem ohne Unterschied: Sieh! wie ein törichter Affe hauslos die schön behaus’te macht.

* Wie Herr Benfrey erklärt bedeutet der Name: „Mund, wie eine Nadel habend: Spitzschnabel“.

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Das nur als Eindruck für das Verhältnis von Fabelinhalt zu moralischen Sentenzen.

Textquelle: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Theodor Benfey. Zweiter Theil: Übersetzung und Anmerkungen. Leipzig: F. A. Brockhaus 1859, S. 111f.

13.1 Der übergeschäftige Affe, oder: indische Fabeln aus dem Pantschatantra

Diese Woche gibt es im Märchensammler einen Ritt durch das orientalisch-asiatische Äquivalent zu den Aesop’schen Fabeln, nämlich der indischen Fabelsammlung Pantschatantra, deren Einzelteile vermutlich im 3.-2- Jahrhundert v. Chr. zusammengetragen wurden. Die heutige Form ist bekannt seit 3.-6. Jahrhundert n.Chr. Dabei bedient sich die Sammlung selbst bereits unterschiedlicher Traditionen, wie die Fabeln dann wiederum unzählige Traditionen beeinflusst haben. Für den deutschsprachigen Raum war und ist die Übersetzung des Indologen Theodor Benfey (1809-1881) bahnbrechend.

Laut dem sozusagen Rahmen-Rahmen der Sammlung ist sie als Art Lehrbuch für drei renitente Prinzen gedacht. Der eigentliche Text ist sodann in fünf Bücher unterteilt, in denen jeweils die einzelnen Fabeln durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten werden.

Fangen wir also heute mit dem ersten Buch an, das von der Verfeindung von Freunden handelt. Als sich eine Freundschaft zwischen dem König des Waldes, dem Löwen Pingalaka, und dem Stier Sanjivaka entwickelt, zerstört ein Gefolgsmann des Königs, der Schakal Damanaka, diese Freundschaft wieder, obwohl sein Kollege und Kumpel, der Schakal Karataka, ihn davon abzubringen versucht. Und eben hier ist dann auch die heutige Fabel, die erste (Binnen-)Erzählung im ersten Buch, einzuordnen. Lest selbst…

Der übergeschäftige Affe
(1. Buch, 1. Erzählung)

Karatata antwortele: „Wozu sich um Dinge bekümmern, die uns nichts angehen? Denn man sagt auch:

Der Mann, der sich in Ding’ einlässt, welche nicht seines Amtes sind, der geht zu Grund, gleichwie der Affe, der den Keil aus dem Balken zog.“

Damanaka sprach: „Wie war das?“ Jener erzählte:

An einem Orte in der Nähe einer Stadt hatte ein Kaufmannssohn in der Mitte einer Baumgruppe den Bau eines Göttertempels begonnen. Da gingen nun die Werkleute, der Baumeister sowohl als die übrigen, wenn es Mittag wurde, in die Stadt um zu essen. Einstmals aber kam eine Affenherde, welche in der Nähe hauste, und sich hier und da herumtrieb. Es befand sich da ein von einem Handwerksmann halb gespaltener Balken von Andschanaholz mit einem Keil von Khadiraholz mitten darin. Da fingen nun die Affen an nach Herzenslust auf den Wipfeln der Bäume, den Spitzen des Tempels und den Flächen der Balken herum zu spielen, und einer von ihnen, welchem ein naher Tod beschieden war, setzte sich, seiner beweglichen Natur folgend, auf diesen halbgespaltenen Balken, warf den Balkenbindestrick weg und sprach: „Ah! da hat einer einen Keil an einer unrechten Stelle eingetrieben!“ Dann ergriff er diesen mit beiden Händen und fing an, ihn herauszuziehen. Es waren aber seine Hoden in die Öffnung des Balkens geraten und, sobald er den Keil aus seiner Stelle herausgebracht hatte, geschah ihm, was ich dir schon vorher gesagt habe. Darum sage ich:

Der Mann, der sich in Ding’ einlässt… und so weiter.

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Und schon zeigt sich wieder, dass supermoralisch – und es gibt im Pantschatantra Fabeln, deren vor- und nachgestellte Lehren um ein Vielfaches den eigentlichen Fabeltext übertreffen – nicht zugleich asexuell sein muss. Es sei denn wir befinden uns in der deutschen Aufklärung. ;D

Textquelle: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Theodor Benfey. Zweiter Theil: Übersetzung und Anmerkungen. Leipzig: F. A. Brockhaus 1859, S. 9f.
Bildquelle: Porträtfoto des Indologen Theodor Benfey