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25.5 Lessing, der alte Fuchs, mit dem alten Wolf

Nachdem ich euch gestern Lessings Theorie zur Fabel und seine Umsetzung vorgestellt habe, gibt es heute einfach noch eine – naja, eigentlich sieben Fabeln. Lest selbst…

Die Geschichte des alten Wolfs, in sieben Fabeln
(1)

Der böse Wolf war zu Jahren gekommen, und fasste den gleißenden Entschluss, mit den Schäfern auf einem gütlichen Fuß zu leben. Er machte sich also auf, und kam zu dem Schäfer, dessen Horden seiner Höhle die nächsten waren.
„Schäfer,“ sprach er, „du nennest mich den blutgierigen Räuber, der ich doch wirklich nicht bin. Freilich muss ich mich an deine Schafe halten, wenn mich hungert; denn Hunger tut weh. Schütze mich nur vor dem Hunger; mache mich nur satt, und du sollst mit mir recht wohl zufrieden sein. Denn ich bin wirklich das zahmste, sanftmütigste Tier, wenn ich satt bin.“
„Wenn du satt bist? Das kann wohl sein:“ versetzte der Schäfer. „Aber wenn bist du denn satt? Du und der Geiz werden es nie. Geh deinen Weg!“

(2)

Der abgewiesene Wolf kam zu einem zweiten Schäfer.
„Du weißt Schäfer,“ war seine Anrede, „dass ich dir, das Jahr durch, manches Schaf würgen könnte. Willst du mir überhaupt jedes Jahr sechs Schafe geben; so bin ich zufrieden. Du kannst alsdenn sicher schlafen, und die Hunde ohne Bedenken abschaffen.“
„Sechs Schafe?“ sprach der Schäfer. „Das ist ja eine ganze Herde! –“
„Nun, weil du es bist, so will ich mich mit fünfen begnügen:“ sagte der Wolf.
„Du scherzest; fünf Schafe! Mehr als fünf Schafe opfre ich kaum im ganzen Jahre dem Pan.“
„Auch nicht viere?“ fragte der Wolf weiter; und der Schäfer schüttelte spöttisch den Kopf.
„Drei? – Zwei? – –“
„Nicht ein einziges;“ fiel endlich der Bescheid. „Denn es wäre ja wohl töricht, wenn ich mich einem Feinde zinsbar machte, vor welchem ich mich durch meine Wachsamkeit sichern kann.“

(3)

Aller guten Dinge sind drei; dachte der Wolf und kam zu einem dritten Schäfer.
„Es geht mir recht nahe,“ sprach er, „dass ich unter euch Schäfern als das grausamste, gewissenloseste Tier verschrien bin. Dir, Montan, will ich itzt beweisen, wie unrecht man mir tut. Gib mir jährlich ein Schaf, so soll deine Herde in jenem Walde, den niemand unsicher macht, als ich, frei und unbeschädiget weiden dürfen. Ein Schaf! Welche Kleinigkeit! Könnte ich großmütiger, könnte ich uneigennütziger handeln? – Du lachst, Schäfer? Worüber lachst du denn?“
„O über nichts! Aber wie alt bist du, guter Freund?“ sprach der Schäfer.
„Was geht dich mein Alter an? Immer noch alt genug, dir deine liebsten Lämmer zu würgen.“ Weiterlesen

20.7 Und zum Finale? Der Hase bei Aesop und andern ollen Griechen

Die letzte Etappe der Hasenreise steht heute ein bißchen unter dem Motto „Wer hat’s erfunden?“ Die Antwort lautet natürlich, wo es ja um Tiermärchen geht und Indien schon vorbei ist, Aesop. Oder doch zumindest die ollen Griechen. Aber lest selbst… (und zwar gleich mal 3!)

Die Schildkröte und der Hase

Eine Flussschildkröte und ein Hase forderten sich zu einem Wettlaufe heraus und setzten einen bestimmten Ort als Ziel fest. Der Hase, der seiner Schnellfüssigkeit wegen sorglos war, behandelte die Angelegenheit nachlässig und schlief; die Schildkröte hingegen ließ, weil sie die Schwerfälligkeit ihrer Natur kannte, vom Laufen nicht ab. Sie lief während der Hase schlief und kam ihm darum zuvor.

Dies lehrt, dass Sorgfalt und unausgesetztes Streben besser, als Sorglosigkeit und Nachlässigkeit sind.

Textquelle: Die Fabeln des Sophos […] von Dr. Julius Landsberger. Posen 1859, S. 69.
Bildquelle: Illustration zur Fabel von Jean Grandeville (1803-1847)

Der Löwe und der Hase
(von Gotthold Ephraim Lessing)

Ein Löwe würdigte einen drolligen Hasen seiner nähern Bekanntschaft. Aber ist es denn wahr, fragte ihn einst der Hase, dass euch Löwen ein elender krähender Hahn so leicht verjagen kann?

Allerdings ist es wahr, antwortete der Löwe; und es ist eine allgemeine Anmerkung, daß wir großen Tiere durchgängig eine gewisse kleine Schwachheit an uns haben. So wirst du, zum Exempel, von dem Elefanten gehört haben, dass ihm das Grunzen eines Schweins Schauder und Entsetzen erwecket. –

Wahrhaftig? Unterbrach ihn der Hase. Ja, nun begreif ich auch, warum wir Hasen uns so entsetzlich vor den Hunden fürchten.

Textquelle: Gotthold Ephraim Lessing: Fabeln (1759&1777). Abhandlungen über die Fabel. Hrsg. Von Heinz Rölleke. Stuttgart: Reclam 2004, S. 12.

Die Hasen und die Frösche

Die Hasen klagten einst über ihre missliche Lage. „Wir leben,“ sprach ein Redner, „in steter Furcht vor Menschen und Tieren, eine Beute der Hunde, der Adler, ja fast aller Raubtiere! Unsere stete Angst ist ärger als der Tod selbst. Auf, lasst uns ein für allemal sterben.“

In einem nahen Teich wollten sie sich nun ersäufen; sie eilten ihm zu; allein das außerordentliche Getöse und ihre wunderbare Gestalt erschreckte eine Menge Frösche, die am Ufer saßen, so sehr, dass sie aufs schnellste untertauchten.

„Halt!“ rief nun eben dieser Sprecher, „wir wollen das Ersäufen noch ein wenig aufschieben, denn auch uns fürchten, wie ihr seht, einige Tiere, welche also wohl noch unglücklicher sein müssen als wir.“

Laß dich nie durch’s Unglück niederschlagen; es gibt immer noch Unglücklichere, mit deren Lage du nicht tauschen würdest.

Textquelle: Weil mich meine Bücher im Stich gelassen haben – Gutenberg
Bildquelle: Illustration zum Text von dem großartigen Wenzel Hollar (1607-1677)

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Na, habe ich zuviel versprochen? Wettlauf mit Hase, wenn es auch hier nicht Cleverness, sondern Fleiß ist, der die Schildkröte siegen lässt. Da mag Herr Landsberger nachgeholfen haben, wenn auch nicht für die christliche Moral ausnahmsweise, denn der Julius? Rabbiner.

Gut, gut. Lessings Fabel ist eher die Gegenvariante. Aber immerhin Hase und Löwe. Mit reizend naiv-arrogantem Hasen. Eine andere Variante zum Thema Angst überwinden.

Und damit sind wir auch schon bei der letzten Fabel. Den Angsthasen. Schafe statt Hasen und nix mit füchsischen Nebendarstellern, aber dafür verflixt nah an der mongolischen Version. Und die geht garantiert auf eine Vorlage von Außen zurück. Ich dachte immer an etwas Indisches, aber wer weiß, wer da von wem letztlich… 😉

3.4 Fuchs und Storch in der Lessing’schen Übersetzung von Richardson

Wir springen weitere hundert Jahre in die Zukunft – dazwischen hätte es unter anderem noch Hans Sachs gegeben – und landen bei einer weiteren Übersetzung ins Deutsche. Das englische Original stammt von Samuel Richardson (1689-1761), der durchaus an sich spannend ist, wirkte er doch nicht zuletzt auf die englische Empfindsamkeit und damit zum Beispiel auf eine Jane Austen.

Vor allem jedoch stammt die deutsche Übersetzung vom deutschen Pendant zu Jean de La Fontaine, nämlich Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), der allerdings heute berühmter für seine Dramen, wie etwa Nathan der Weisen, ist. Für sein aufklärerisches Wirken und Wollen waren ihm aber gerade Fabeln ganz zentral, besagte doch die Theorie – formuliert von Lessing selbst in seinen Abhandlungen über die Fabel (1753) -, dass man mit der Fabel die aufklärerische Botschaft perfekt auch ans einfache Volk bringen konnte.

Es überrascht bei diesem didaktischen Anspruch kaum kaum, dass Lessing die Fabel, die übrigens nicht in seinen eigenen Fabelbüchern enthalten ist, sehr nah am Original übersetzt. Und damit auch an dessen Moral, die nicht nur nichts vom Witz La Fontaines spüren lässt, sondern die aesop’sche Fabel bei weitem übertrifft – in Quantität und Qualität.

Der Fuchs und der Storch

Originalillustration der englischen AusgabeEin Fuchs lud einstmals einen Storch zu einem Gastgebote. Er ließ verschiedene Suppen in flachen Tellern und Schüsseln auftragen, fing an sie begierig aufzuschlürfen und bat seinen Gast herzlich, sich’s ja wohl schmecken zu lassen. Der Storch sahe, daß er angeführt war, nahm aber die Bewirtung mit einem heitern Gesichte auf und sagte seinem Freunde, daß er so gut sein und diesen Abend nun auch mit ihm vorlieb nehmen werde. Der Fuchs machte verschiedene Entschuldigungen allein der Storch ließ sich nicht abweisen, und endlich mußte er ihm versprechen zu kommen. Die Gerichte wurden in Gläsern mit engen Hälsen aufgetragen, und es waren die leckerhaftesten, die der Storch nur hatte finden können. Wohlan, mein lieber Freund, sprach er zu dem Fuchs, tue als ob du zu Hause wärest, und hiermit machte er sich selbst begierig drüber. Der Fuchs merkte den Possen gar bald, schlich sich weg und mußte bekennen, daß er für seinen unwirtbaren Mutwillen gehörig bezahlt sei.

LEHRE: Nichts sieht alberner aus als ein tückischer Schalk, der überlistet und durch seinen eigenen Possen zu Schanden gemacht wird.

BETRACHTUNG: Dieses ist gemeiniglich das Schicksal der Lustigmacher und Possenreißer, die, wenn sie denken, daß sie sich mit andern lustig machen, endlich selbst zum Gelächter werden.
Des Fuchses Mutwille ging zu weit, weil es sowohl auf seine Einladung als unter seinem Dache geschah. Die Vergeltung des Storchs war also, auch nach den Regeln der Höflichkeit und des guten Umgangs, eine ganz verantwortliche Rache; denn da der Fuchs die Spötterei anfing, so erhielt der andere nicht nur eine Aufforderung, sondern auch eine Art von recht, ihn die Freiheiten in Gesellschaft, die alle Grenzen der Leutseligkeit, der Ehre, der Hochachtung und Anständigkeit überschreiten, beurteilen und zugleich einsehen lernen, daß die Gesetzte der Menschlichkeit und der Gastfreiheit auf alle Weise unverletzlich sein sollten; denn einen Freund wegen eines lustigen Einfalls beleidigen, ist ein unsittlicher und unerträglicher Übermut.

 

Textquelle: Samuel Richardson: Äsopische Fabeln mit moralischen Lehren und Betrachtungen. [1740] Aus dem Englischen übertragen und mit einer Vorrede von Gotthold Ephraim Lessing sowie den vierzig Kupfertafeln der Erstausgabe von 1757. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Walter Pape. Berlin 1987. S. 52ff.
Bildquelle: Originalillustration aus der englischen Ausgabe: Æsop’s fables. With Instructive Morals and Reflections, Abstracted from all Party Considerations, Adapted to all Capacities, and Designed to promote Religion Morality and Universal Benevolance. […], by Mr. [Samuel] Richardson. Printed for T. Wilson and R. Spence, Booksellers in York [1790], tab. IV. – Copyright für den verwendeten Bildausschnitt: berlinickerin