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41.3 Die verzauberte Weinkanne oder weswegen Hunde und Katzen Feinde sind

Wie Katze und Hund Feinde wurden, wird in vielen Märchentraditionen irgendwie erklärt. So auch in Korea. Aber lest selbst…

Die verzauberte Weinkanne oder weswegen Hunde und Katzen Feinde sind

Vor langen Jahren lebte an dem Ufer eines großen Flusses, an der Stelle, wo die Boote zu landen pflegten, ein alter Mann mit schneeweißem Haar.

Er war arm, aber ehrlich und gut, hatte weder Weib noch Kind und ernährte sich durch einen Weinausschank. So klein sein Geschäft auch nur war, so hatte dasselbe doch in der ganzen Gegend einen guten Ruf, weil der Wein von der besten Sorte war und der Alte weder Zank noch Schlägereien bei sich erlaubte. Er zog auch die Kundschaft, die nur zu ihm kam Wein zu kaufen, derjenigen vor, welche kam, um bei ihm zu trinken. Er schien nie auf Reisen zu gehen, neue Einkäufe zu besorgen und sein Weinvorrat ging nie zu Ende. Immer schenkte er nur aus der nämlichen Kanne und niemand hatte gesehen, dass der Alte Fässer im Hause hielt, aus denen er seine Kanne füllte und doch blieb diese Kanne stets gefüllt, mochten so viel Leute kommen als da wollten. Die getrocknete, langhalsige, gelbe Kürbisflasche war durch den langen Gebrauch schon ganz schwarz geworden und glänzte wie poliert. Wunderlich war es auch, dass der Schankwirt nicht zu altern schien, er behielt immer dasselbe Aussehen, wie vor undenklichen Zeiten.

All dieses war schon so stadtbekannt, dass gar nicht mehr darüber gesprochen wurde – es sei denn, dass einmal ein Fremder kam, den der sonderbare Krug auffiel und der die Leute danach ausfragte; auch der verließ dann den Platz mit derselben Meinung, dass der Alte ein guter Mann sei, sein Wein aber noch besser. Im übrigen kümmerte sich niemand darum wo der Wein herkam, solange es immer dieselbe gute Sorte war, die man erhielt. Man gewöhnt sich eben an alles.

Die einzigen Genossen, mit denen der alte Mann lebte, waren ein Hund und eine Katze und mit ihnen teilte er auch sein Bett und seine Mahlzeit. Es gab in der ganzen Welt keinen klügeren Hund, obgleich man nicht gerade behaupten konnte, dass er hübsch war. Sehr geduldig und gutmütig von Natur, wurde er nur ungemütlich, wenn sein Herr von irgendeinem Kunden Unbill erlitt, oder wenn ihn die Flöhe von allen Seiten angriffen, – dann aber kam ihm die Katze zu Hilfe und bald waren die Feinde besiegt.

Der Kater war ein Original. Zwar schon längst über die Jahre hinaus, in welchen Katzen sich die größte Mühe geben ihren eigenen Schwanz zu fangen, war er doch ebenso hoch als übermütig. Wenn er seinen Freund, den Hund, schlafen sah, vergnügte er sich manchmal damit, ihm eine tote Ratte auf die Nase fallen zu lassen. Der Hund, auf so unangenehme Weise aus dem Schlaf geweckt, fuhr erschrocken in die Höhe und jagte dann, wie vom Bösen besessen im Zimmer umher, während der schadenfrohe Kater ein sehr würdevolles Gesicht machte, wie die Unschuld selbst, sich über die schlechten Manieren seines Freundes zu wundern schien, einen Katzenbuckel machte und den Schwanz dick aufgeplustert kerzengerade in die Höhe streckte.

Mit ihrem Herrn lebten beide Tiere aber in der größten Eintracht. Ging der Alte abends vor die Tür, um seine Pfeife zu rauchen, so begleiteten sie ihn und bewiesen durch ihr Gebell und Miauen der Nachbarschaft, dass sie noch vergnüglich lebten und jederzeit bereit wären, es mit den besten ihres Geschlechtes im Kampfe aufzunehmen.

Dem Alten war es nicht immer so gut ergangen wie jetzt, wo er den Weinhandel betrieb. Er hatte auch Zeiten gekannt, in welchen er nicht wusste, woher er seinen Reis für den nächsten Tag nehmen sollte. Seine guten Tage zählten erst von der Zeit, wo er den letzten Trunk aus seiner Weinflasche einem müden, alten Bettler gegeben hatte. Als derselbe sich an dem Wein gelabt hatte, gab er dem Alten einen kleinen Stein, welcher wie Bernstein aussah und sagte: „Hier Alter, wirf das in deine Flasche und solange der Stein darin bleibt wird es dir nie an Wein fehlen.“

Der Alte tat, wie ihm der Bettler geheißen und siehe da, die leere Flasche ward wieder voll und der Alte mochte so viel trinken, wie er nur konnte, die Flasche blieb immer voll und leerte sich nie. Nun betrachtete er sie von allen Seiten, nahm immer wieder einen Schluck, schüttelte sie und trank noch einmal. Dann guckte er hinein und trank von neuem, bis ihm der alte Bettler einfiel, dem er doch nun auch noch einen Trunk anbieten wollte. Doch, siehe da, der Bettler war verschwunden. Weil er nun niemand von seinem Weine anbieten konnte, so trank er allein weiter; das machte ihm aber kein Vergnügen und er dachte bei sich, er könne doch unmöglich den ganzen Tag über trinken, denn da würde er sich berauschen und es käme dann vielleicht jemand, der ihm seine Flasche raubte. So kam er auf den Gedanken einen Weinausschank zu eröffnen. Mit welchem Erfolg sahen wir schon. Er war jedoch weise genug, sein Geschäft ganz klein und in der Stille zu betreiben, um nicht die Habgier diebischer Beamten zu erwecken. Nur der Hund und die Katze wussten um das Geheimnis und sie ließen das Gefäß nie aus den Augen.

Doch jedes Ding währt seine Zeit, so auch hier und der Weinausschank nahm ein plötzliches Ende. Weiterlesen

25.6 Kafkas Kleine Fabel

Nach Tagen und Tagen in der Aufklärung machen wir in unserer Zeitreise mit der deutschen Fabel heute einen großen Satz ins 20. Jahrhundert. Zwar ist die Fabel nun meistenteils ins Klassenzimmer verbannt, aber hier und da hat sie doch nochmal Aufmerksamkeit erregt.

Das erste Beispiel ist Franz Kafkas (1883-1924) Kleine Fabel, die er 1920 geschrieben hat. Allerdings ohne Titel. Den bekam der Mini-Text von Max Brod, der ihn mit anderen unveröffentlichten Texten 1931 herausgab. Und tatsächlich kann man sich gleich fragen – ist das eine Fabel? Lest selbst…

Kleine Fabel

„Ach,“ sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern,“ sagte die Katze und fraß sie.

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Die Forschung sieht das Textchen eher als Parabel, zumal es keine ausgesprochene Moral gibt. Nun hat ja nicht jede Fabel eine explizite Moral und implizit ist Kafkas Text natürlich durchaus moralisch. Es ist nur eben keine Moral mit erhobenen, dozierendem Zeigefinger.
Für mich geht es weniger um Fragen von Schicksal und Menschheit, sondern vielmehr darum, wie sehr man als Individuum gefangen sein kann in einem Weg, der einem aufgrund der eigenen Erfahrungen, Macken und Scheuklappen als der einzig mögliche vorkommt. Und selbst wenn einem jemand anders die Lösung sagt, die objektiv simpel wie nur was ist, gibt es für einen selbst eben keinen Ausweg. Bis zum hier bitteren Ende.
Unabhängig von der Einordnung des Texts in eine Gattung regt er so doch auf jeden Fall zum Denken an. Oder was meint ihr?
 

Textquelle: Franz Kafka: Gesammelte Werke. Bd. 8. Frankfurt am Main 1950ff., S. 91-92.
Bildquelle: Foto von Kafka, 1914

9.5 Die Tiere und der Teufel

Befriedigte das gestrige Märchen meine sämtliche Finnland-Märchen-Klischeevorstellungen, so kommt einem das heutige Tiermärchen – ihr dachtet ja wohl nicht, es bleibt bei dem einen? – verdammt, verdammt vertraut vor. Praktisch Bremer Stadtmisukanten auf Finnisch mit anderen Tieren und Teufel statt Räubern – also viel, viel cooler. Verdammter. ;D Aber lest selbst…

Die Tiere und der Teufel
(Ans Karelen)

Es war einmal ein alter Mann, der drei Tiere besaß: eine Katze, einen Hahn und einen Ochsen. Als man nun einst beim Abendessen saß, sagte der Hauswirth zum Knechte: „Morgen früh musst du die Katze töten.“

Aber nach dem Essen gab der Knecht der Katze den Rat: „Fliehe, sonst wirst du morgen früh geschlachtet.“ Die Katze nahm sich die Warnung zu Herzen, und als man sie am frühen Morgen töten wollte, war das Opfer fort, von der Katze nichts zu sehen noch zu hören.

Am folgenden Abend sagte der Hauswirth wieder: „Morgen früh muss man unsern Hahn schlachten.“ Diesen Befehl des Hausherrn hinterbrachte der Knecht auch dem Hahn, der schleunigst das Gehöft verließ. Auch an den Ochsen kam die Reihe zu fliehen, und alle drei fanden sich im Walde wieder zusammen.

Sie wanderten unter den Bäumen dahin; da kommt ihnen ein Wolf entgegen. „Wohin gehst du?“ fragen sie diesen. „Ich suche die Herde dort auf,“ antwortete der Wolf; „ich will sehen, ob ich nicht ein Lämmchen zum Imbiss erwischen kann.“ „Geh nicht hin!“ warnten die Andern. „Dort wird man dich töten; komm lieber mit uns.“ Der Wolf willigte ein und sie gingen vier Mann hoch weiter. Da kommt ihnen ein Bär entgegen. „Wohin gehst du?“ fragen sie wiederum. „In die Nähe des Dorfes dort; ich will Hafer fressen,“ antwortete der Bär. „Geh nicht hin, du könntest zu Schaden kommen,“ sagten die Andern, „komm lieber mit uns.“ Der Bär ging denn auch mit ihnen, und als sie zu Fünfen ein Stückchen weitergewandert waren, begegneten sie einem Hasen. Den redeten sie ebenfalls an und auch ihn gewannen sie zum Gefährten, worauf sie einem Dorf zuschritten und sich anschickten die Badestube zu heizen. Weiterlesen

7.3 Der giftige Fisch

Heute leben wir mal gefährlich, also eigentlich stellvertretend gefährlich und ganz stereotyp, indem wir Kugelfisch vorkosten lassen. Aber lest selbst…

Der giftige Fisch

Ein Mann hatte einstmals einen Fisch gefangen, den man Stachelbauch oder Fugu nennt und für giftig hält. Er kannte aber dessen böse Eigenschaften nicht recht und begann, ihn zum Mahle herzurichten, obwohl er doch nicht ohne alle Besorgnis war. Während er mit dem Zubereiten des Fisches beschäftigt war, kam eine hungrige Katze, ergriff ein Stück von dem Fische und lief mit demselben davon. Der Mann verfolgte sie; sie lief deshalb in einen engen Spalt zwischen zwei Häuser, wo sie in Sicherheit war; das Stück Fisch hielt sie fortwährend im Maule.

Der Mann dachte nun, als er von der Verfolgung der Katze zu seiner früheren Beschäftigung zurückgekehrt war, dass seine Besorgnis wohl unbegründet sein müsse, denn wenn die schlaue Katze den Fisch nicht verschmähe, könne er ihm unmöglich schaden. Er begann daher, als sein Mahl fertig war, ruhig den Fisch zu verspeisen.

Die Katze aber hatte, nachdem sie ihre Beute in Sicherheit gebracht, doch auch einige Bedenken gehabt. Sie kam daher aus ihrem Verstecke wieder hervor und sah zu, ob der Mann den Fisch auch wirklich verzehre. Als sie nun sah, dass er ihn wirklich aß, da zögerte sie nicht länger und fraß ihr Stück ebenfalls.

Beide, Mann und Katze, starben elendiglich. So täuschen sich die schlauesten oft am allerleichtesten.

 

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Ich würde als Moral von der Geschichte ja eher „Dumm gelaufen“ vorschlagen, denn ehrlich.

Interessante Nebenbemerkung übrigens: Dasselbe Märchen findet sich in nicht so schön auch in den Japanischen Märchen (1913, S. 65) von Karl Alberti und der ergänzt folgende Anmerkung: „Fugu, ein stachlicher Fisch zur Gattung der Tetrodon gehörig; das Fleisch dieses Fisches ist giftig und daher ungenießbar. Er wird nur gefangen um als Düngemittel verwendet zu werden.“ – Tatsächlich wurde Kugelfischfleisch seit ewigen Zeiten gegessen, war jedoch in Japan phasenweise immer wieder verboten und tatsächlich gerade wieder von 1867 bis 1912, d.h. in der Meiji Periode.

 

Textquelle: Japanische Märchen und Sagen. Von David Brauns, Professor an der Universität Halle. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, kgl. Hofbuchhändler 1885, S. 94.
Bildquelle: Illustration von verschiedenen Kugelfischen aus dem Atlas Zoologique du Voyage de la corvette La Bonite Bibliothèque patrimoniale de Gray – der ‚Fugu‘ ist ganz unten zu bewundern)

6.5 Die Bremer Stadtmusikanten

Und ein weiterer Märchenklassiker, der einem merkwürdig aktuell erscheint. Und hier mit einer superschönen Postkartenserie als Illustrationen. Aber lest und schaut selbst…

Die Bremer Stadtmusikanten

Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so dass er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen, aber der Esel merkte, dass kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen. Dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden.

Als er ein Weilchen fortgegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der jappte wie einer, der sich müde gelaufen hat. „Nun, was jappst du so, Packan?“ fragte der Esel. „Ach,“ sagte der Hund, „weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde, auch auf der Jagd nicht mehr fort kann, hat mich mein Herr wollen tot schlagen, da hab ich Reißaus genommen; aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?“ „Weißt du was,“ sprach der Esel, „ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant, geh mit und lass dich auch bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.“ Der Hund war’s zufrieden, und sie gingen weiter. Weiterlesen