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31.2 Vom Löwen, Pferd und Fuchs

Natürlich muss es auch ein Tiermärchen aus Sizilien geben, denn sonst wäre der Märchensammler ja nicht der Märchensammler. 🙂 Aber lest selbst…

Vom Löwen, Pferd und Fuchs

Der Löwe war einmal in einen Engpass geraten und konnte nicht wieder heraus. Da kam eben ein Pferd vorbei, und der Löwe rief ihm zu: „Hilf mir aus diesem Engpass heraus.“ „Das will ich schon tun,“ antwortete das Pferd, „versprich mir aber, dass du mich nicht fressen willst.“ Der Löwe versprach es, und das Pferd arbeitete so lange mit seinen Hufen, bis es den Löwen frei gemacht hatte. Als der sich aber frei sah, sprach er: „Jetzt fresse ich dich.“ „Wie waren die Bedingungen?“ sagte das Pferd, „hatten wir nicht ausgemacht, du wolltest mich nicht fressen?“ „Das ist jetzt einerlei,“ rief der Löwe, „wenn du aber willst, so gehen wir vor einen Schiedsrichter.“ „Gut,“ erwiderte das Pferd, „wen wählen wir aber dazu?“ „Den Fuchs,“ sprach der Löwe.

Das Pferd war es zufrieden, und sie gingen zum Fuchs, und der Löwe legte ihm die Frage vor. „Ja,“ antwortete der Fuchs, „es kommt mir vor, als wenn Ihr recht haben müsstet, Herr Löwe; ich kann aber kein Urteil fällen, wenn ich nicht vorher gesehen habe, wie ihr beide standet.“

Also gingen sie alle drei zum Engpass, und das Pferd stellte sich auf denselben Platz, wo es vorher gestanden hatte. Den Löwen aber hieß der Fuchs sich wieder in den Engpass drücken. „Standet Ihr gerade so?“ fragte er. „Dieses Bein war noch ein wenig mehr gedrückt,“ antwortete der Löwe. »Nun, so presst Euch nur noch ein wenig; Ihr müsst Euch genau so hinstellen, wie Ihr in dem Augenblicke waret, als Ihr das Pferd um Hilfe batet.“ Der Löwe drückte sich noch ein wenig, und der Fuchs fragte wieder: „Standet ihr gerade so?“ „Dieses Vorderbein war noch ein wenig weiter drin.“ „Nun, so presst Euch noch ein wenig weiter hinein.“ Endlich hatte sich der Löwe so fest hineingepresst, dass er nicht wieder heraus konnte. „So,“ sagte der Fuchs, „jetzt seid Ihr gerade so weit, wie vorher; nun kann das Pferd zusehen, ob es euch noch einmal helfen will.“ Das Pferd aber wollte nicht, sondern warf so lange Steine herunter, bis es den Löwen erschlug.

„Ja, ja, der Fuchs ist schlau!“

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Also ich muss sagen, diese Tiermärchen finde ich super spannend. Jetze aus meiner nerdigen Wissenschaftlerperspektive. Denn nicht nur, dass es ähnliche Märchen überall auf der Welt gibt, hier sind zudem jede Menge Typen verbunden. Eins ist allerdings immer gleich: Der Räuber verliert. Allerdings ist der Fuchs wohl selten der Helfer.
 
Textquelle: Sicilianische Märchen. Aus dem Volksmund gesammelt von Laura Gonzenbach. Mit Anmerkungen Reinhold Kößler’s und einer Einleitung herausgegeben von Otto Hartwig. Zweiter Theil. Leipzig: Verlag von Wilhelm Engelmann 1870, S. 76-78.
Bildquelle: Das von einem Löwen erschreckte Pferd (1770) von George Stubbs (1724-1806)

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26.3 Der Fuchs und der Tiger – auf chinesisch

Vorgestern gab es ja schon Pferd und Seidenraupe, aber es war ja kein richtiges Tiermärchen. Das holen wir heute nach. Lest selbst…

Der Fuchs und der Tiger

Der Fuchs begegnete einst einem Tiger. Der zeigte ihm die Zähne, streckte die Krallen hervor und wollte ihn fressen. Der Fuchs sprach: „Mein Herr, Ihr müsst nicht denken, dass Ihr allein der Tiere König seid. Euer Mut kommt meinem noch nicht gleich. Wir wollen zusammen gehen, und Ihr wollet Euch hinter mir halten. Wenn die Menschen mich sehen und sich nicht fürchten, dann mögt Ihr mich fressen.“

Der Tiger war’s zufrieden, und so führte ihn der Fuchs auf eine große Straße. Die Wanderer nun, wenn sie von fern den Tiger sahen, erschraken alle und liefen weg.

Da sprach der Fuchs: „Was nun? Ich ging voran; die Menschen sahen mich und sahen Euch noch nicht.“

Da zog der Tiger seinen Schwanz ein und lief weg.

Der Tiger hatte wohl bemerkt, dass die Menschen sich vor dem Fuchse fürchteten, doch hatte er nicht bemerkt, dass der Fuchs des Tigers Furchtbarkeit entlehnte.

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Eine chinesische Fabel genau genommen, wenn auch nicht mit europäisch/indischer expliziter Fabel. Eben doch alles eine globale Soße?! 😉

 

Textquelle: Richard Wilhelm: Chinesische Volksmärchen. Jena: Diederichs 1914, S. 25-26.

24.3 La Fontaine revolutioniert die Fabel mit Fuchs, Rabe und Ratten

Nach der Zeit der Reformation und ihrem didaktischen Bedarf wurde es in Europa erstmal wieder ruhig um die Fabel. Denn so als ordentliche Literatur galt sie halt nicht. Das änderte sich 1668, als Jean de La Fontaine (1621-1695) zwei Bände von Ausgewählten Fabeln, in Verse übertragen von Hrn. De La Fontaine (Fables choisies, mises en vers par M. de La Fontaine).

Was nun anders ist? Lest selbst…
 
 

Der Rabe und der Fuchs

Herr Rabe auf dem Baume hockt,
Im Schnabel einen Käs.
Herr Fuchs, vom Dufte angelockt,
Ruft seinem Witz gemäß:
„Ah, Herr Baron von Rabe,
Wie hübsch Ihr seid, wie stolz Ihr seid!
Entspricht auch des Gesanges Gabe
Dem schönen schwarzen Feierkleid,
Seid Ihr der Phönix-Vogel unter allen!“
Der Rabe hört’s mit höchstem Wohlgefallen,
Lässt gleich auch seine schöne Stimme schallen.
Da rollt aus dem Rabenschnabel der Fraß
Dem Fuchs ins Maul, der unten saß.
Der lachte: „Dank für die Bescherung!
Von mir nimm dafür die Belehrung:
Ein Schmeichler lebt von dem, der auf ihn hört.
Die Lehre ist gewiss den Käse wert.“
Der Rabe saß verdutzt und schwor:
Das käm ihm nicht noch einmal vor. Weiterlesen

24.1 Rabe, Fuchs und Frevel bei Martin Luther – oder: Deutsche Fabeln von lang, lang ist’s her bis beinahe heute

Diese und auch noch nächste Woche machen wir uns mal wieder auf eine Zeitreise und folgen der Fabel per einiger ihrer berühmtesten und wichtigsten Dichter durch die deutsche Geschichte vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert.

Eigentlich müssten wir mit Aesop & Co oder spätestens im Mittelalter anfangen, aber wir springen gleich zum ersten wichtigen Fabeldichter der Frühen Neuzeit. Nämlich Reformator Martin Luther (1483-1546). Der übersetzte die Fabeln Aesops – dessen Existenz er schon bezweifelte – recht frei und passte sie so den moralischen Aussagen an, die seiner Meinung nach vor allem der Jugend seiner eigenen Zeit dringend vermittelt werden sollten. Denn wie immer gilt ja – Unerfreuliches nett verpackt, kommt gleich viel besser rüber.
 
 

Vom Raben und Fuchs

Ein Rabe hatte einen Käse gestohlen, und setzte sich auf einen hohen Baum, und wollte zehren; als er aber seiner Art nach nicht schweigen kann, wenn er isst, höret ihn ein Fuchs über dem Käse kecken, und lief zu und sprach: „O Rab, nun hab ich mein Lebtag keinen schönern Vogel gesehen an Federn und an Gestalt, denn du bist. Und wenn du auch eine so schöne Stimme hättest zu singen, so sollte man dich zum König krönen über alle Vögel. Den Raben kützelte solch Lob und Schmeicheln, fing an, wollte seinen schönen Gesang hören lassen, und als er den Schnabel auftät, entfiel ihm der Käse, den nahm der Fuchs behend, fraß ihn, und lachte des törichten Raben.

Hüt dich, wenn der Fuchs den Raben lobt.
Hüte dich für Schmeichlern, die schinden und schaden.

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Frevel, Gewalt
(oder: Der Löwe will nicht teilen)

Es geselleten sich ein Rind, Ziegen und Schaf zum Löwen, und zogen mit einander auf die Jagd in einem Forst. Da sie nun einen Hirsch gefangen, und in vier Teil gleich geteilet hatten, sprach der Löwe: „Ihr wisset, dass ein Teil mein ist, als euer Geselle; das andere gebührt mir, als einem Könige unter den Tieren; das dritte will ich haben darum, dass ich stärker bin, und mehr danach gelaufen und gearbeitet habe, denn ihr alle; wer aber das vierte haben will, der muss mir’s mit Gewalt nehmen. Also mussten die drei für ihre Mühe das Nachsehen und den Schaden zu Lohn haben.

Lehre.
Fahre nicht zu hoch, halt dich zu deines Gleichen. Dulcis in expertis cultura potentis amici: Es ist mit Herren nicht gut Kirschen essen, sie werfen einen mit Stielen. Ulpian. L. Si non fueriut. Das ist eine Gesellschaft mit dem Löwen, wo einer allein den Genieß, der ander allein den schaden hat.

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Die Fabeln vom eitlen Raben ist wohl eine der bekanntesten, da meist adaptierten Fabeln Aesops – und zwar durchaus global. Nicht so weit verbreitet ist die zweite Fabel, was auch an Luthers wirklich extrem ‚unsexy‘ Titel liegen könnte.
Interessant auch der Mix aus gebildetem Latein und lockeren Sprichwörtern, war doch die Idee auch der volkssprachlichen Fabeln, dass nicht nur die Geistlichen sie lesen konnten.

Textquelle: Dr. Martin Luthers Werke. In einer das Bedürfnis der Zeit berücksichtigenden Auswahl. Zweite vermehrte Auflage. Dritter Teil. Hamburg: Perthes 1827, S. 198 und 194f.
Bildquelle: Martin Luther in (auf?) einem Porträt von Lucas Cranach dem Älteren&Illustration zum Aesopschen – naja, Original

23.5 Der Bär und der Fuchs – und zwar gleich zwei Mal!

Nun aber noch einmal ein ordentliches Tiermärchen. Nein, besser gleich zwei. 🙂 Lest selbst…

Der Bär und der Fuchs
Warum der Bär einen Stumpfschwanz hat

Dem Bären begegnete einmal der Fuchs, der mit einem Bündel Fische angeschlichen kam, die er gestohlen hatte. „Wo hast Du die her?“ fragte der Bär. „Die hab’ ich mir geangelt, Herr Bär,“ versetzte der Fuchs. Da bekam der Bär auch Lust, das Angeln zu lernen, und bat den Fuchs, ihm doch zu sagen, wie er es machen müsste. „Das ist eine leichte Kunst und sehr bald gelernt,“ erwiderte der Fuchs, „Du musst nur aufs Eis gehen, Dir ein Loch hauen und den Schwanz hineinstecken, und dann musst Du ihn recht lange drein halten und Dich nicht darum bekümmern, wenn’s ein bisschen weh tut. Denn das ist ein Zeichen, dass Fische dran beißen; und je länger Du’s aushalten kannst, desto mehr Fische bekommst Du. Aber wenn’s zuletzt recht tüchtig kneift, dann musst Du aufziehen.“ Ja, der Bär tat, wie der Fuchs ihm gesagt hatte, und hielt den Schwanz so lange ins Loch, bis er darin festgefroren war. Da zog er auf – den Schwanz ab, und nun geht er noch da den heutigen Tag mit einem Stumpfschwanz.

Wie der Fuchs den Bären ums Weihnachtsessen prellt

Der Bär und der Fuchs hatten sich einmal zusammen ein Viertel Butter gekauft, das wollten sie zum Weihnachten haben und verwahrten es daher unter einen dicken Tannenbusch. Darauf gingen sie fort und legten sich auf einem Hügel in der Sonne schlafen. Als sie eine Weile gelegen hatten, sprang der Fuchs auf und rief: „Ja!“ und damit lief er gradesweges zu dem Butterviertel, wovon er gut den dritten Teil auffraß. Als er aber zurückkam, und der Bär ihn fragte, wo er gewesen sei, dass er so fett ums Maul wäre, sagte er: „Meinst Du denn nicht, ich sei zu Gevatter gebeten, Du?“ „Na so!“ sagte der Bär, „wie hieß denn das Kind?“ „Angefangen,“ sagte der Fuchs. Weiterlesen

20.5 Der Fuchs und der Hase – in Finnland

Gelernt haben wir auf unserer Reise ja schon, dass der Hase mit verflixt vielen Gesichtern daherkommt. Da fragt man sich doch, ob diese schon fast schizophrenen Züge nicht auch mal erklärt werden? Werden sie. Und dazu machen wir nochmal eine kleine Extrareise. Anfangen tun wir in Finnland. Aber lest selbst…

Der Fuchs und der Hase
(aus Satakunta)

Einstmals traten sich Fuchs und Hase. Der Fuchs sagte zum Hasen: „Dich fürchtet doch Niemand!“ „Wer fürchtet dich denn?“ fragte der Hase. „Mich fürchtet Jedermann,“ meinte der Fuchs, „ich besitze einen langen Schwanz, deshalb hält man mich aus der Ferne für den Wolf und fürchtet mich in Folge dessen. Aber dich fürchtet doch Niemand.“ „Lass uns eine Wette eingehen,“ sagte der Hase, „ich werde dir zeigen, dass auch ich gefürchtet bin.“

Danach wandelten die Beiden miteinander dahin; da erblickte der Hase eine Herde Schafe, die hinter einem Zaune ruhten. Mit einem Satze sprang er mitten unter sie. Im blinden Schrecken darüber stoben die Schafe auseinander, so schnell sie nur irgend konnten. Der Hase war überglücklich, seine Wette gewonnen zu haben und fing an zu lachen, und lachte so unbändig, dass ihm das Mäulchen kreuzweise zerriss. Von der Zeit an tragen alle Hasen die Lippen kreuzweis gespalten.

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Man ist ja fast ein bißchen nervös, so mit einem wettenden Hasen. Aber zum Glück wird ja nicht um die Wette gelaufen, sondern nur erschreckt.

Nett, nett, und jetzt wissen wir, woher die Hasenscharte kommt, aber das erklärt doch nix zum Charakter, denkt hier vielleicht? Schaut morgen wieder vorbei und es gibt die Auflösung. ;D

Textquelle: Finnische Märchen übersetzt von Emmy Schreck. Mit einer Einleitung von Gustav Meyer. Weimar: Hermann Böhlau 1887, S. 228.

20.2 Der Hase und der Fuchs

Wir bleiben noch ein bißchen in deutschen Landen. Aber diesmal trifft der Hase nicht auf den Igel, sondern auf den Fuchs und schon sieht alles ein wenig anders aus. Lest selbst…

Der Hase und der Fuchs

Ein Hase und ein Fuchs reisten beide mit einander. Es war Winterszeit, grünte kein Kraut, und auf dem Felde kroch weder Maus noch Laus. „Das ist ein hungriges Wetter,“ sprach der Fuchs zum Hasen, „mir schnurren alle Gedärme zusammen.“ – „Ja wohl,“ antwortete der Hase. „Es ist überall Dürrhof, und ich möchte meine eignen Löffel fressen, wenn ich damit in’s Maul langen könnte.“

So hungrig trabten sie mit einander fort. Da sahen sie von weitem ein Bauernmädchen kommen, das trug einen Handkorb, und aus dem Korbe kam dem Fuchs und dem Hasen ein angenehmer Geruch entgegen, der Geruch von frischen Semmeln. „Weißt du was!“ sprach der Fuchs: ,„Lege dich hin der Länge lang, und stelle dich tot. Das Mädchen wird seinen Korb hinstellen, und dich aufbeben wollen, um deinen armen Balg zu gewinnen, denn Hasenbälge geben Handschuhe; derweilen erwische ich den Semmelkorb, uns zum Troste.“

Der Hase tat nach des Fuchses Rat, fiel hin und stellte sich tot, und der Fuchs duckte sich hinter eine Windwehe von Schnee. Das Mädchen kam, sah den frischen Hasen, der alle Viere von sich streckte, stellte richtig den Korb hin und bückte sich nach dem Hasen. Jetzt wischte der Fuchs hervor, erschnappte den Korb und strich damit querfeldein, gleich war der Hase lebendig und folgte eilend seinem Begleiter. Dieser aber stand gar nicht still und machte keine Miene, die Semmeln zu teilen, sondern ließ merken, dass er sie allein fressen wollte. Das vermerkte der Hase sehr übel. Als sie nun in die Nähe eines kleinen Weihers kamen, sprach der Hase zum Fuchs: „Wie wär es. wenn wir uns eine Mahlzeit Fische verschafften? Wir haben dann Fische und Weißbrot, wie die großen Herren! Hänge deinen Schwanz ein wenig in’s Wasser, so werden die Fische die jetzt auch nicht viel zu beißen haben, sich daran hängen. Eile aber, ehe der Weiher zufriert.“

Das leuchtete dem Fuchs ein, er ging hin an den Weiher, der eben zufrieren wollte, und hing seinen Schwanz hinein, und eine kleine Weile, so war der Schwanz des Fuchses fest angefroren. Da nahm der Hase den Semmelkorb, fraß die Semmeln vor des Fuchses Augen ganz gemächlich, eine nach der andern, und sagte zum Fuchs: „Warte nur, bis es auftaut, warte nur bis ins Frühjahr, warte nur bis es auftaut!“ und lief davon, und der Fuchs bellte ihm nach, wie ein böser Hund an der Kette.

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Deutlich ist dieses Tiermärchen nicht zur Fabel gegen bürgerliche Arroganz geworden, sondern funktioniert ganz nach dem internationalen Reglement von Tiermärchen, wo das schwächere Beutetierchens sich durch Cleverness rettet. Und hier dem Fuchs eine eiskalte Lektion erteilt.

 

Textquelle: Ludwig Bechstein’s Märchenbuch. Mit 90 Holzschnitten und Originalzeichnungen von Ludwig Richter. 32. Auflage. Leipzig: Verlag von Georg Wigand 1879, S. 120ff.
Bildquelle: Illustrationen zum Tiermärchen von Ludwig Richter

9.1 Des Fuchses böse Streiche – oder Finnische Märchen, das Erste

Diese Woche gibt es wieder Märchen aus einem bestimmten Land und zwar aus Finnland. Ich muss gestehen, dass ich bis jetzt – oder genau genommen bis vor einigen Wochen – nicht bewusst ein finnisches Märchen gelesen oder gehört hatte. Und so ist wohl immer noch was Wahres dran an dem Befund von Herrn Gustav Meyer, dem Herausgeber meiner Hauptquelle Finnische Märchen (1887), dass noch in Fachkreisen eher Wissensmangel herrscht, zumal eben kaum jemand finnisch könne. – Übrigens auch nicht Herr Meyer, für den eine Muttersprachlerin das Übersetzen übernommen hat.

Und noch in einem anderen Punkt muss ich Herrn Meyer rechtgeben. Denn der meint, dass dieser Wissensmangel nicht nur schade wäre, weil finnische Märchen in vieler Hinsicht eine Schnittstelle verschiedener ‚nationaler‘ Traditionen bildeten. Sondern auch, weil die Finnen im europäischen Vergleich verflixt früh mit dem wissenschaftlichen Sammeln ihrer mündlichen Überlieferung begonnen hätten. Nämlich schon im 17. Jahrhundert. Zum Vergleich: die europäische Boomzeit war dann das 19. Jahrhundert.

Tatsächlich – aber das konnte Herr Meyer noch nicht wissen – blieben bzw. bleiben die bis heute Vorreiter. Denn ein Standardwerk der Märchenforschung und die bis heute mehr oder weniger gültige Klassifikation der unterschiedlichen Typen stammt von…? Genau. Einem Finnen. Nämlich Antti Aarne (1867-1925), der 1910 erstmals sein Verzeichnis der Märchentypen mit Hülfe von Fachgenossen veröffentlichte. Das wurde dann in den 1930ern und 1960ern noch einmal von dem Amerikaner Stith Thompson (1885-1976) überarbeitet. Die resultierende Gemeinschafgtsproduktion läuft unter Aarne-Thompson-Index (AaTh).

Aber damit soll es nun erstmal genug meines Rumge-Nerd-es sein. Auf zu den Märchen an sich. Und da wollen wir gleich mit einem Tiermärchen anfangen, denn die haben auch Herrn Meyer ursprünglich auf die Spur gebracht. Aber lest selbst..

Des Fuchses böse Streiche

Einst diente der Kater beim Fuchs als Knecht. Da kam einmal der Wolf, den Fuchs zu besuchen, und dieser fragte ihn: „Nun, Wolf, wie ist es dir ergangen?“

Der Wolf fing an zu klagen und antwortete: „Bald hätte ich meine Zähne an den Nagel hängen müssen, wenn ich nicht mit Pekka (Peter) ein feistes Schwein zum Schlachten gefunden hätte.“ Pekka war nämlich der Bär.

Der Fuchs erzählte dagegen, dass er einen gar flinken Knecht habe. „Ja, und dieser besitzt so eigentümliche Fliegen, dass sie dich in die Flucht zu jagen im stande sind.“ „Ei,“ meinte der Wolf, „das möchte ich sehen! Keine Fliege kann mir ja was antun, ebensowenig wie ein Kater!“

Darauf ging der Wolf zu Pekka und sagte ihm: „Komm, lass uns doch die merkwürdigen Fliegen ansehen, von denen Mikko (Michel) behauptet, dass sie dich und mich in die Flucht jagen können.“

Gut, Mikko führte nun den Wolf und Pekka zu einem Wespennest und sagte: „Hier, in diesem Beutelchen stecken sie.“ Der Wolf verlangte, dass Mikko die Fliegen selber zeigen sollte. „Ei,“ sagte Mikko, „befiehl doch dem Pekka, dass er das Nest öffne.“ Weiterlesen

7.1 Der weiße Fuchs

Diese Woche gibt es Märchen und Sagen aus dem fernen Japan. Anfangen will ich mit einer berühmten und herzzereißend schönen Legende, die zugleich das erste japanische ‚Märchen‘ war, das ich je gelesen habe. Without further ado…

Der weiße Fuchs

Vor vielen Jahren jagte einmal im Walde von Shimoda* der Sohn eines Fürsten. Er hatte das seltene Glück einen schneeweißen Fuchs weiblichen Geschlechts zu fangen. Er wollte das Tier töten, aber Yasuna, der Sohn eines Tempelaufsehers, der sich an der Jagd beteiligte, bat es ihm zu schenken, weil er wusste, dass solche Füchse mit weißem Fell Zauberkräfte besitzen, mehrere tausend Jahre alt werden und sich in jede beliebige Gestalt verwandeln können. Aber der Sohn des Fürsten wollte das schöne Fell des Tieres für sich haben, schlug Yasuna die Bitte ab und befahl seinen Leuten die Füchsin zu töten. Yasuna aber bemächtigte sich dieser mit Gewalt, indem er mit den Jägern kämpfte und obgleich aus vielen Wunden blutend, konnte er doch mit dem Tiere flüchten. Nachdem er eine Weile gelaufen war, brach er erschöpft zusammen; er musste die Füchsin loslassen, die schnell im Walde verschwand. Seltsamerweise kam plötzlich seine Verlobte Kuzunoha daher, die, als sie seine Wunden sah, sie ihm verband und ihn nach Hause geleitete.

Yasuna war erstaunt seine Verlobte bei sich zu sehen, die er bei ihren Eltern, die in der Kumamoto-Provinz**, weit entfernt von Shimoda, wohnten, vermutete, und fragte daher, wie es komme, daß sie sich jetzt hier befinde und ihn im Walde gefunden habe. Kuzunoha aber antwortete: „Frage mich jetzt nicht, noch ist es nicht Zeit, dir dies zu erklären. Ist es an der Zeit, so wirst du alles erfahren!“ Weiterlesen

3.7 Gevatterin Füchsin und Gevatter Storch

Aber nicht nur in Deutschland und dem westlichen Europa hat sich diese Fabel mit der Zeit häufig auch als Tiermärchen etabliert. Auf dem Weg hinaus aus Europa heute als finale Station: Russland. Auch hier sind die knappe Form und vor allem die explizite Moral der klassischen Fabel abhanden gekommen. Stattdessen begegnet ein Tiermärchen mit ätiologischen Zügen:

Gevatterin Füchsin und Gevatter Storch

Die Füchsin und der Storch hatten Freundschaft geschlossen, sie hatten auch gelegentlich miteinander Gevatter gestanden, und waren also verwandt. Eines schönen Tages fiel es der Füchsin ein, Gevatter Storch zu Gast zu bitten. „Komm, lieber Vetter, komm, mein Bester, ich will dir mit was Gutem aufwarten.“ Der Storch kam zum Schmaus. Die Füchsin hatte süßen Brei gekocht und auf Tellern ausgebreitet. Sie setzte dem Storch vor und nötigte ihn: „Iß nur, lieber Gevatter Storch! Ich hab’s selbst bereitet.“

Der Storch klappert und schnappert mit seinem Schnabel – er bekommt nichts hinein. Inzwischen aber hat die Füchsin den ganzen Brei ausgeschleckt und ausgeleckt. Der Brei war aufgegessen; da sagte die Füchsin: „Nichts für ungut, lieber Vetter, mit mehr kann ich dir leider nicht aufwarten…“

„Dank auch schön, liebe Gevatterin! Nächstens komm du zu mir zu Gast!“

Am nächsten Tage kam die Füchsin zum Storch; dieser hatte eine gute Fischsuppe gekocht und sie in einen Krug mit engem Hals gegossen. Er stellte den Krug auf den Tisch und bat: „Greift nur zu, liebe Gevatterin!“ Die Füchsin dreht und wendet sich um den Krug herum, rechtsum und linksum, und schnuppert und schleckt – sie erwischt aber nichts; sie kommt mit ihrem Kopf nicht in den Krug hinein. Der Storch aber schlürfte und schlingerte indessen mit seinem Schnabel die Suppe aus dem Krug, bis er alles aufgegessen hatte. Dann sagte er: „Na, nimm’s nicht übel, liebe Gevatterin! Aber mehr ist leider nicht da!“ Das ärgerte die Füchsin sehr: denn sie gedachte sich für die ganze Woche satt zu essen, und nun mußte sie mit hungrigem Magen nach Hause gehen. Seit dem Tage war’s mit der Freundschaft zwischen Storch und Füchsin aus!

 

Textquelle: Russische Volksmärchen. Aus dem Russischen nacherzählt von Xaver Graf Schaffgotsch. Hamburg und München: H. Ellermann [1964]. S. 17f.

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Es geht also nicht mehr um die Moral aus der Geschicht‘, die der Leser auf den eigenen Umgang mit seinen Mitmenschen beziehen soll. Sondern dieselbe Geschichte erklärt nun die durch diesen Zwischenfall verursachte Feindschaft zwischen Frau Füchsin und Herrn Storch, die der Leser theoretisch seither selbst beobachten könnte. Ich muss gestehen, ich habe keine Ahnung, ob die sich echt nicht ausstehen können… Liest sich so jedenfalls viel netter.