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38.1 Adelbert von Chamissos „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ – heute: die Vorreden

Diese Woche gibt es ein weiteres deutsches Kunstmärchen aus der Romantik. Im Sommer 1813 schrieb der Medizinstudent und natürlich der Dichter Adelbert von Chamisso (1781-1838, eigentlich: Louis Charles Adélaïde de Chamissot) das Kunstmärchen Peter Schlemihl’s wundersame Geschichte (1814 veröffentlicht), das hinter den kunstvoll verwobenen Märchenmotiven deutlich autobiographische Züge trägt.

Denn auch Chamisso rang um seine Identität und zwar gleich doppelt. Als französischer Flüchtling saß er just 1813 und damit in den Befreiungskriegen von Napoleon zwischen den Stühlen seiner nationalen Identität. Und dann rang er auch noch zwischen dem rationalen und gesellschaftlich anerkannten Medizinerweg und dem eigentlichen Dichterdrang, als welcher er aber im Bürgertum ein – naja, in seiner Bildsprache gerade kein Schattendasein geführt hätte.

Bevor ihr alles über Peter Schlemihl’s Schatten erfahrt, gibt es heute jedoch die insgesamt drei Vorreden der zweiten Auflage des Märchens, in denen – ebenfalls sehr kunstvoll – die Illusion eines real existierenden Schlemihls aufgebaut wird, der Chamisso seine eigene Geschichte überreicht hat. Teil der Illusion sind der Verleger und Chamissos Freund Julius Eduard Hitzig und Friedrich de la Motte Fouqué, der nicht zuletzt für sein Kunstmärchen Undine bis heute bekannt ist. Aber lest am besten selbst…

Peter Schlemihls wundersame Geschichte
mitgeteilt von Adelbert von Chamisso

An Julius Eduard Hitzig von Adelbert von Chamisso

Du vergissest niemanden, Du wirst Dich noch eines gewissen Peter Schlemihls erinnern, den Du in früheren Jahren ein paar Mal bei mir gesehen hast, ein langbeiniger Bursch, den man ungeschickt glaubte, weil er linkisch war, und der wegen seiner Trägheit für faul galt. Ich hatte ihn lieb – Du kannst nicht vergessen haben, Eduard, wie er uns einmal in unserer grünen Zeit durch die Sonette lief, ich brachte ihn mit auf einen der poetischen Tees, wo er mir noch während des Schreibens einschlief, ohne das Lesen abzuwarten. Nun erinnere ich mich auch eines Witzes, den Du auf ihn machtest. Du hattest ihn nämlich schon, Gott weiß wo und wann, in einer alten schwarzen Kurtka* gesehen, die er freilich damals noch immer trug, und sagtest: „der ganze Kerl wäre glücklich zu schätzen, wenn seine Seele nur halb so unsterblich wäre, als seine Kurtka.“ – So wenig galt er bei Euch. – Ich hatte ihn lieb. – Von diesem Schlemihl nun, den ich seit langen Jahren aus dem Gesicht verloren hatte, rührt das Heft her, das ich Dir mitteilen will. – Dir nur, Eduard, meinem nächsten, innigsten Freunde, meinem bessren Ich, vor dem ich kein Geheimnis verwahren kann, teil ich es mit, nur Dir und, es versteht sich von selbst, unserm Fouqué, gleich Dir in meiner Seele eingewurzelt – aber in ihm teil ich es bloß dem Freunde mit, nicht dem Dichter. – Weiterlesen