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20.5 Der Fuchs und der Hase – in Finnland

Gelernt haben wir auf unserer Reise ja schon, dass der Hase mit verflixt vielen Gesichtern daherkommt. Da fragt man sich doch, ob diese schon fast schizophrenen Züge nicht auch mal erklärt werden? Werden sie. Und dazu machen wir nochmal eine kleine Extrareise. Anfangen tun wir in Finnland. Aber lest selbst…

Der Fuchs und der Hase
(aus Satakunta)

Einstmals traten sich Fuchs und Hase. Der Fuchs sagte zum Hasen: „Dich fürchtet doch Niemand!“ „Wer fürchtet dich denn?“ fragte der Hase. „Mich fürchtet Jedermann,“ meinte der Fuchs, „ich besitze einen langen Schwanz, deshalb hält man mich aus der Ferne für den Wolf und fürchtet mich in Folge dessen. Aber dich fürchtet doch Niemand.“ „Lass uns eine Wette eingehen,“ sagte der Hase, „ich werde dir zeigen, dass auch ich gefürchtet bin.“

Danach wandelten die Beiden miteinander dahin; da erblickte der Hase eine Herde Schafe, die hinter einem Zaune ruhten. Mit einem Satze sprang er mitten unter sie. Im blinden Schrecken darüber stoben die Schafe auseinander, so schnell sie nur irgend konnten. Der Hase war überglücklich, seine Wette gewonnen zu haben und fing an zu lachen, und lachte so unbändig, dass ihm das Mäulchen kreuzweise zerriss. Von der Zeit an tragen alle Hasen die Lippen kreuzweis gespalten.

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Man ist ja fast ein bißchen nervös, so mit einem wettenden Hasen. Aber zum Glück wird ja nicht um die Wette gelaufen, sondern nur erschreckt.

Nett, nett, und jetzt wissen wir, woher die Hasenscharte kommt, aber das erklärt doch nix zum Charakter, denkt hier vielleicht? Schaut morgen wieder vorbei und es gibt die Auflösung. ;D

Textquelle: Finnische Märchen übersetzt von Emmy Schreck. Mit einer Einleitung von Gustav Meyer. Weimar: Hermann Böhlau 1887, S. 228.

9.7 Der Aschenhocker

Nee, nee, ich schließe nicht an das Thema von letzter Woche. Es gibt (leider) kein finnisches Aschenputtel, sondern ein weiteres Zaubermärchen, was dafür irgendwie an den Herrn der Ringe erinnert. Aber lest selbst…

Der Aschenhocker
(Ans Öterbotten)

Es waren einmal drei Brüder: zwei tüchtige, der dritte ein Aschenhocker. Ihnen waren die Eltern gestorben und sie waren arm zurückgeblieben. Darüber trauerten sie bitter und weinten, was sie weinen konnten. Nachdem sie lange Zeit getrauert, hatten sie einen Traum, worin ihnen der Vater befahl, der Reihe nach je eine Nacht am Schiffsstande die Gänse zu hüten. Zuerst ging der älteste Bruder dahin; aber nachdem er eine Zeitlang am Strande gesessen, fürchtete er sich so sehr in der Finsternis der Nacht, dass er davoneilte. Die Andern fragten den Heimkehrenden: „Was hast du erhalten?“ „Ihr werdet’s selber sehen, wenn eure Reihe kommt,“ sagte der Jüngling und ließ sich auf keine Erklärung ein. In der zweiten Nacht begab sich der mittlere Bruder auf die Wacht, und es ging ihm wie dem ältesten. In der dritten Nacht kam die Reihe an den Aschenhocker; er saß die ganze Nacht durch und fürchtete sich nicht.

Da kamen beim ersten Morgenroth drei Gänse an den Strand geflogen, streiften ihr Gefieder ab und versteckten es hinter einem Zaun; alsbald verwandelten sie sich in wunderschöne Mädchen und warfen sich ins Meer, um zu baden. Der Aschenhocker wählte sich derweilen heimlich die schönsten unter ihren Flügeln aus, steckte sie zu sich und ging wieder an seinen Platz. Nachdem die Jungfrauen eine Weile gebadet hatten, kamen sie wieder an den Strand, um heimzukehren; sie gingen an den Zaun, wo sich zweie wieder in ihr Gefieder kleideten und davonflogen; aber die dritte konnte nicht mit, denn sie fand ihre Flügel nicht. Da trat der Aschenhocker hervor und sagte zum Mädchen: „Hier sind deine Flügel; aber ich gebe sie dir nicht, wenn du nicht mein Weib wirst!“ Das Mädchen erklärte ihm darauf, dass sie eine Königstochter sei; dass sie und ihre Dienerinnen als Gänse an das Meer geflogen seien, um zu baden, und bat den Aschenhocker um ihre Flügel. Aber er blieb bei seiner ersten Bedingung und sagte: „Wenn du mich zum Gatten nimmst, gebe ich dir deine Flügel.“ Nun, der Jungfrau half ihr Zögern nicht, da der Tag bereits zu leuchten begann; sie gelobte also den Aschenhocker zu heiraten, erhielt ihre Flügel, bekleidete sich damit und flog als Gans in ihre Heimat, indem sie dem Aschenhocker zurief, er solle sie in ihrem Schlosse aufsuchen.

Der Aschenhocker ging heim, und die Brüder fragten ihn sogleich: „Nun, was hast du beim Gänsehüten erhalten?“ „Eine Königstochter zum Weibe,“ sagte der Aschenhocker. „Du wärst der Rechte für eine Königstochter!“ spotteten die Andern und glaubten ihm nicht. Aber der Aschenhocker machte sich sogleich auf den Weg zum Königsschlosse und sagte, dort angelangt, zur Jungfrau: „Ich bin gekommen, um dich zu holen; willst du mir jetzt folgen?“ „Gewiss,“ sagte das Mädchen; „aber wir dürfen dem Könige nichts davon sagen. Lass uns im geheimen die Hochzeit halten.“ „Wie sollten wir Hochzeit halten, ohne es dem Könige zu sagen?“ meinte der Aschenhocker. „Das ist es eben,“ sagte das Mädchen, „doch wenn du es meinem Vater sagst, wird er dir so viele Hindernisse entgegenstellen, dass du in Ewigkeit nicht darüber hin wegkommst.“ „Wie es auch gehe,“ antwortete der Aschenhocker, „ich sage es ihm doch!“ Darauf ging er zum Könige und brachte ihm sein Anliegen vor. „Nein, ich gebe dir meine Tochter nicht,“ erwiderte der König, „ehe du alle Bäume an dieser Bucht gefällt hast.“ Weiterlesen

9.6 Das dem Meere entstiegene Mädchen

Pünktlich zum Wochenende gibt es heute ein wunderschönes Zaubermärchen um einen wunderschönen Jungen, seine noch wunderschönere Schwester in Silberketten, einen irgendwie leicht depperten Königssohn und einen reizenden Hund namens Pilkka. Oh, und eine Hexe gibt es auch. Aber lest selbst..

Oh, nur so als Warnung. Der letzte Satz des Märchens lautet absolut zurecht: „So lang ist die Geschichte.“ 😀

Das dem Meere entstiegene Mädchen
(Aus Russisch-Karelen)

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die hatten einen Sohn und eine Tochter, welche beide wunderbar schön waren. Der Knabe ging ins Königsschloss und verdingte sich dort als Hirt; aber da die Schwester im Elternhaus geblieben war, verging der Bruder vor Sehnsucht nach ihr. Immer musste er an seine alte Heimat denken. Einmal, als er seine Herde weidete, zeichnete er sogar das Bild seiner Schwester auf einen Baumschwamm und nahm es mit aufs Schloss. Da traf es sich, dass der Königssohn das Bildnis erblickte, und da das Mädchen so liebreizend und schön war, dass man es nicht mit Worten aussagen, nicht in Versen besingen konnte, wollte er sie zum Weibe nehmen und sagte zu ihrem Bruder: „Hole deine Schwester her. Ist sie so schön wie ihr Bild, dann soll sie meine Gemahlin werden, und du sollst auch bei mir leben.“

Der Jüngling eilte nach Hause, trug die Werbung vor und drängte: „Nun musst du, Schwesterlein, als Braut zum Königssohn kommen; du wirst in dem Schlosse leben!“ Aber das Mädchen machte Einwendungen und sagte: „Erst wenn der Mahlstein, den mir Vater und Mutter gegeben, durch den Gebrauch zerkrümelt, erst dann, mein Bruder, will ich des Vaters Haus verlassen.“ — Da ging der Bruder hinaus und zerschlug den Stein; dann fügte er die Stücke wieder locker zusammen. Als das Mädchen zu mahlen begann, barst der Stein auseinander. „Kommst du jetzt, Schwesterlein?“ fragte der Bruder. — „Noch nicht, mein Bruder“, antwortete das Mädchen. „Ich gehe nicht, ehe die Bank am Spinnrad, das mir Vater und Mutter gegeben, entzwei ist.“ Was war zu tun? Sobald die Schwester hinausgegangen war, zertrümmerte der Jüngling die Bank, und als das Mädchen zurückkam und zu spinnen anfing, brach das Spinnrad entzwei. „Kommst du jetzt, Schwesterlein?“ — „Ich komme nicht, ehe der Mörser, den mir der Vater gegeben, durchstoßen ist.“ Nun, der Bruder zerschlug auch den Mörser und fragte wieder: „Kommst du jetzt?“ „Nicht eher komme ich, lieber Bruder, als bis ich die Schwelle meines Vaterhauses mit meinem Gewande abgenutzt habe.“ — Da zerbrach der Bruder auch die Schwelle, ohne dass es die Schwester wusste, und fragte aufs neue: „Kommst du nicht jetzt, Schwesterchen?“ — Nun musste sie doch endlich mit ihm gehen, kleidete sich in ihren besten Staat und machte sich mit dem Bruder auf den Weg.

Um ins Königsschloss zu gelangen, musste man über das Meer fahren, und die Geschwister wollten sich eben am Bootshafen einschiffen, als Pilkka, des Mädchens kleiner Hund, herangelaufen kam und mit in den Nachen verlangte. Das Mädchen hatte nicht das Herz ihn zurückzulassen und nahm ihn mit; darauf ruderten sie ab. Nachdem sie eine Strecke gefahren waren, sahen sie eine Hexe am Ufer stehen, die rief ihnen von der Spitze einer Halbinsel zu: „Nehmt mich mit auf die Reise, du Mannes Sohn, du Weibes Tochter!“ „Sollen wir sie aufnehmen, Schwester?“ fragte der Bruder. „Beileibe nicht!“ antwortete das Mädchen. „Nur Böses kommt vom Bösen, von des schlimmen Mannes Samen.“ — Man nahm die Hexe nicht auf, sondern ruderte weiter, bis in die Nähe einer zweiten Halbinsel. Dort stand schon dieselbe Hexe und rief wieder: „Nehmt mich mit auf euren Weg!“ „Soll ich sie nicht aufnehmen, Schwesterlein?“ „Lass sie stehen!“ sagte das Mädchen. „Nur Böses kommt vom Bösen, von des schlimmen Mannes Samen.“ — Nun, man nahm die Hexe nicht mit und ruderte weiter, bis sich eine dritte Halbinsel zeigte. Siehe, da stand schon wieder die Hexe und rief: „Nehmt mich mit!“ Die Schwester wollte nichts von ihr wissen und riet: „Nimm sie nicht auf!“ Aber der Bruder meinte: „Lass uns das Weib mitnehmen! Gott selber, scheint es, führt sie uns zu!“ Da kam die Hexe in den Nachen und setzte sich in die Mitte; kaum war sie drin, als sie den Geschwistern die Ohren verzauberte, dass sie ganz taub wurden.

Nachdem die Drei eine Strecke gefahren waren, sahen sie das Königsschloss aus der Ferne schimmern, und der Bruder, der am Steuer saß, sagte zur Schwester: „Erhebe dich, Schwester, von deinem Sitze, schmücke dich aufs beste, das Königsschloss ist sichtbar!“ Das Mädchen, welches die Worte des Bruders nicht verstand, fragte von der Spitze des Bootes aus: „Was sagst du, mein trauter Bruder?“ Die Hexe antwortete aus der Mitte des Nachens: „Das sagt dein trauter Bruder: Höre auf zu rudern und wirf dich ins Meer!“ Das Mädchen warf sich freilich nicht ins Meer, aber sie legte die Ruder bei, und die Hexe ergriff dieselben statt ihrer. — Nach einer Weile sagte der Bruder zum zweiten Male: „Erhebe dich, Schwester, von deinem Sitze, schmücke dich fein, denn das Königsschloss ist nahe!“ „Was sagst du, trauter Bruder?“ fragte die Schwester. Die Hexe erklärte es ihr: „Das sagt dein trauter Bruder: Nimm deine Schuhe ab, ziehe deine schönen Kleider aus und wirf dich ins Meer!“ Das Mädchen zog ihre Kleider aus und gab sie der Hexe, aber sie warf sich diesmal doch noch nicht ins Meer. — Man fuhr eine Strecke weiter, da sagte der Bruder zum dritten Male: „Erhebe dich, Schwester, von deinem Sitze, schmücke dich schön, wir sind gleich beim Königsschloss!“ Die Schwester verstand ihn wieder nicht und fragte: „Was sagst du, mein trauter Bruder?“ „Das sagt dein trauter Bruder,“ log ihr die Hexe vor; „stoße dir das Auge aus, zerbrich dir die Hand und wirf dich ins Meer!“ — „Ach, ich muss wohl dem Gebot meines einzigen Bruders folgen,“ meinte das Mädchen und warf sich, nach dem vermeintlichen Befehl ihres Bruders, ins Wasser. Der Bruder entsetzte sich und wollte sie retten, aber die Hexe trat ihm in den Weg und sagte: „Sei du ruhig, ich sehe sie ja noch!“ Dabei griff sie nach den Rudern, aber sie trieb das Boot nur immer weiter. Das Mädchen blieb weit zurück und versank ins Meer, dass man von ihr nichts mehr sah noch hörte.
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9.5 Die Tiere und der Teufel

Befriedigte das gestrige Märchen meine sämtliche Finnland-Märchen-Klischeevorstellungen, so kommt einem das heutige Tiermärchen – ihr dachtet ja wohl nicht, es bleibt bei dem einen? – verdammt, verdammt vertraut vor. Praktisch Bremer Stadtmisukanten auf Finnisch mit anderen Tieren und Teufel statt Räubern – also viel, viel cooler. Verdammter. ;D Aber lest selbst…

Die Tiere und der Teufel
(Ans Karelen)

Es war einmal ein alter Mann, der drei Tiere besaß: eine Katze, einen Hahn und einen Ochsen. Als man nun einst beim Abendessen saß, sagte der Hauswirth zum Knechte: „Morgen früh musst du die Katze töten.“

Aber nach dem Essen gab der Knecht der Katze den Rat: „Fliehe, sonst wirst du morgen früh geschlachtet.“ Die Katze nahm sich die Warnung zu Herzen, und als man sie am frühen Morgen töten wollte, war das Opfer fort, von der Katze nichts zu sehen noch zu hören.

Am folgenden Abend sagte der Hauswirth wieder: „Morgen früh muss man unsern Hahn schlachten.“ Diesen Befehl des Hausherrn hinterbrachte der Knecht auch dem Hahn, der schleunigst das Gehöft verließ. Auch an den Ochsen kam die Reihe zu fliehen, und alle drei fanden sich im Walde wieder zusammen.

Sie wanderten unter den Bäumen dahin; da kommt ihnen ein Wolf entgegen. „Wohin gehst du?“ fragen sie diesen. „Ich suche die Herde dort auf,“ antwortete der Wolf; „ich will sehen, ob ich nicht ein Lämmchen zum Imbiss erwischen kann.“ „Geh nicht hin!“ warnten die Andern. „Dort wird man dich töten; komm lieber mit uns.“ Der Wolf willigte ein und sie gingen vier Mann hoch weiter. Da kommt ihnen ein Bär entgegen. „Wohin gehst du?“ fragen sie wiederum. „In die Nähe des Dorfes dort; ich will Hafer fressen,“ antwortete der Bär. „Geh nicht hin, du könntest zu Schaden kommen,“ sagten die Andern, „komm lieber mit uns.“ Der Bär ging denn auch mit ihnen, und als sie zu Fünfen ein Stückchen weitergewandert waren, begegneten sie einem Hasen. Den redeten sie ebenfalls an und auch ihn gewannen sie zum Gefährten, worauf sie einem Dorf zuschritten und sich anschickten die Badestube zu heizen. Weiterlesen

9.4 Lippo und Tapio

Heute aber nun ein ätiologisches Märchen. Und zwar geht es nicht um die Erschaffung der blonden Menschen, aber immerhin um den Ursprung der Lappen. Lest selbst…

Lippo und Tapio
(Ans Ilomantsi*)

Lippo, der flinke Mann, der Jäger, begab sich eines Tages mit zwei Gefährten auf die Renntierjagd. Einen ganzen Tag wanderten sie im Walde umher, da brach die Nacht herein, und sie suchten in einer Reisighütte Schutz gegen die Finsternis und die Kälte. Sie brachten die Nacht in der Hütte zu, und als der Tag zu dämmern begann, glitten die drei Männer auf ihren Schneeschuhen weiter. Bevor sie die Hütte verließen, schlug Lippo seine Schneeschuhe aneinander und sagte: „Heute muss mir der Tag Beute bringen; ein Stück dem einen Schneeschuh, ein Stück dem andern, ein drittes meinem Stabe.“

Die Männer hatten sich kaum in Bewegung gesetzt, als sie auch drei Renntierspuren fanden; sie folgten ihnen und erblickten bald die drei Renntiere: zwei nebeneinander, das dritte etwas weiter ab von den andern. Da sagte Lippo zu den Gefährten: „Ihr mögt die beiden Tiere verfolgen, das sei eure Beute; ich will dem einzelnen nachjagen.“ Mit diesen Worten glitt er auf dem Schnee dahin, den ganzen Tag, bis ihn die Nacht überraschte; aber das Rennthier holte er nicht ein, obgleich er der schnellste Schneeschuhläufer war. Weiterlesen

9.3 Die redenden Tannen

Dem heutigen Titel nach mögt ihr vielleicht auf ein ätiologisches Märchen tippen? Nee. Denkt lieber an Dr. Dolittle. Aber lest selbst…

Die redenden Tannen
(Aus Jaakkima*)

Es war einmal ein Jäger, der ging einst mit seinen zwei Hunden in den Wald und jagte drin einen ganzen Tag lang. Dabei war er so tief ins Gehölz gedrungen, dass er sich im Dunkel des Abends nicht mehr zurechtfinden konnte; er beschloss die Nacht im Walde zuzubringen und erst am Morgen heimzukehren. Mit diesen Gedanken ging er an den Stamm einer großen Tanne, machte daneben ein Feuer, um sich zu erwärmen, und legte sich daran zur Ruhe nieder. Er fühlte sich recht behaglich und war bereits im Einschlafen, als er Jemand sprechen hörte.

Auf der Tanne, vor deren Stamm das Feuer brannte, befand sich eine große Schlange, welche hinunterverlangte und den Mann um Hülfe bat, da sie des Feuers wegen sich nicht getraute hinabzugleiten. Der Mann verwunderte sich, dass die Schlange in Menschensprache redete, aber er erwiderte doch: „Ich kann dich nicht herunterlassen, du würdest mich verschlingen.“ „Ich verschlinge dich nicht, Brüderchen!“ versicherte die Schlange. „Wenn du mir hinunterhilfst, werde ich dich alle Zungen lehren, aller Vögel, Bäume und aller Tiere Sprache.“ „Nun, wie soll ich dir denn helfen?“ fragte der Mann. „Fälle einen großen Baum und lehne ihn an die Tanne, dann gleite ich an ihm hinunter,“ belehrte ihn die Schlange. Der Mann, dem der Lohn gut dünkte, war es zufrieden; er lehnte einen Baum an die Tanne und ließ die Schlange daran herunterkommen. Als diese unten war, lehrte sie aus Dankbarkeit den Mann alle Sprachen, die es auf Erden geben mag, die der Vögel, der Bäume, aller Tiere und Pflanzen; aber sie verbot ihm streng es Jemand zu offenbaren; nicht einmal dem eignen Weibe dürfte er die Sache erzählen, sonst müsste er auf der Stelle sterben. Weiterlesen

9.2 Die Brautfahrt des Schmiedes Ilmarinen

Heute gibt es hier ein Märchen, das sich in stückweise auch in verschiedenen Teilen den berühmten finnischen Nationalepos Kalevala wiederfindet. Sagt auch Herr Meyer.

Das Kalevala hat übrigens der finnische Philologe und Arzt Elias Lönnrot (1802-1884) Mitte des 19. Jahrhunderts aus Bestandteilen finnischer Mythologie und Folklore… tja, zusammengeschrieben, was ich ja mal grundsätzlich ein wahnsinnig spannende Sache finde. Vom Wissenschaftler, der Märchen sammelt, zum Schriftsteller, der daraus ein literarisches Werk schafft, das dann zum Nationalkunstwerk wird. Großes, großes Kino.

Aber bevor ich wieder auf einen meiner Nerd-Trips gerate, lest lieber selbst das Märchen…

Die Brautfahrt des Schmiedes Ilmarinen
(Aus Aunus*)

Der Schmied Ilmarinen, der unsterbliche Meister, arbeitete in seiner Schmiede, tat das Eisen in die Esse und bewegte den Blasebalg. Da trat ein Weiblein an die Schwelle der Schmiede — klein war das Weiblein, so klein sie war, groß war das Weiblein, so groß sie war, — das sagte: „Ei, Schmied Ilmarinen, wüsstest du die Kunde, die ich dir bringe, du tätest nicht das Eisen in die Esse!“ Darauf antwortete der Schmied Ilmarinen: „Kleines Weiblein, du winziges, großes Weiblein, du riesiges! bringst du mir gute Kunde, dann gebe ich dir auch gute Gaben; lautet deine Nachricht schlecht, dann stoße ich dir dies glühende Eisen in die Kehle!“ „Dies ist, was ich dir zu sagen habe:“ erwiderte das Weib, „es sind zwei Freier hinausgefahren, die um des Teufelkönigs Tochter, die blendend weiße, schöne Katrina werben wollen. Im Nachen sind sie hinausgerudert.“

Als er das hörte, nahm der Schmied Ilmarinen schnell das Eisen aus der Esse und schritt in tiefen Gedanken nach Hause. Er beriet sich mit seiner Mutter und sprach: „O Mutter, die du mich geboren, heize die kupferne Badstube; heize sie, dass sie heißer werde als glühendes Eisen, heißer als ein glühender Stein!“

Die Mutter heizte die Badstube und schickte sich an, den Sohn zu baden. Doch Ilmarinen sagte: „Gib mir, o Mutter, die du mich geboren, mein leinenes Hemd und meine enganliegende Hose, dass ich mich schmücke.“ Da brachte ihm die Mutter das Hemd und die Hose, und der Schmied begab sich in die Badstube.

Nachdem er sich gebadet, läuft er eilig, barfüßig und ungegürtet, nach Hause und ruft seinem Sklaven zu: „Mein alter, treuer Sklave, spanne schnell mein drei Sommer altes, treffliches Fohlen vor den bunten Schlitten; nimm das kupferne Geschirr dazu, mit dem eisernen Zaum, den stählernen Zügeln und dem zinnernen Brustriemen.“ Der greise, treue Sklave führte das drei Sommer alte, treffliche Fohlen herbei und fing an es einzuspannen; aber der Brustriemen ging nicht zu. Da kommt der Schmied llmarinen selber, barfüßig und ungegürtet, seinem Sklaven zu Hülfe, knüpft den Brustriemen fest und spannt das Fohlen ein. Dann tritt er wieder in die Stube, kleidet sich eilends an, nimmt Abschied von seiner Mutter und sagt: „O Mutter, die du mich geboren, gib mir deinen Segen auf die Reise, denn es gilt jetzt eine Brautfahrt!“ Weiterlesen

9.1 Des Fuchses böse Streiche – oder Finnische Märchen, das Erste

Diese Woche gibt es wieder Märchen aus einem bestimmten Land und zwar aus Finnland. Ich muss gestehen, dass ich bis jetzt – oder genau genommen bis vor einigen Wochen – nicht bewusst ein finnisches Märchen gelesen oder gehört hatte. Und so ist wohl immer noch was Wahres dran an dem Befund von Herrn Gustav Meyer, dem Herausgeber meiner Hauptquelle Finnische Märchen (1887), dass noch in Fachkreisen eher Wissensmangel herrscht, zumal eben kaum jemand finnisch könne. – Übrigens auch nicht Herr Meyer, für den eine Muttersprachlerin das Übersetzen übernommen hat.

Und noch in einem anderen Punkt muss ich Herrn Meyer rechtgeben. Denn der meint, dass dieser Wissensmangel nicht nur schade wäre, weil finnische Märchen in vieler Hinsicht eine Schnittstelle verschiedener ‚nationaler‘ Traditionen bildeten. Sondern auch, weil die Finnen im europäischen Vergleich verflixt früh mit dem wissenschaftlichen Sammeln ihrer mündlichen Überlieferung begonnen hätten. Nämlich schon im 17. Jahrhundert. Zum Vergleich: die europäische Boomzeit war dann das 19. Jahrhundert.

Tatsächlich – aber das konnte Herr Meyer noch nicht wissen – blieben bzw. bleiben die bis heute Vorreiter. Denn ein Standardwerk der Märchenforschung und die bis heute mehr oder weniger gültige Klassifikation der unterschiedlichen Typen stammt von…? Genau. Einem Finnen. Nämlich Antti Aarne (1867-1925), der 1910 erstmals sein Verzeichnis der Märchentypen mit Hülfe von Fachgenossen veröffentlichte. Das wurde dann in den 1930ern und 1960ern noch einmal von dem Amerikaner Stith Thompson (1885-1976) überarbeitet. Die resultierende Gemeinschafgtsproduktion läuft unter Aarne-Thompson-Index (AaTh).

Aber damit soll es nun erstmal genug meines Rumge-Nerd-es sein. Auf zu den Märchen an sich. Und da wollen wir gleich mit einem Tiermärchen anfangen, denn die haben auch Herrn Meyer ursprünglich auf die Spur gebracht. Aber lest selbst..

Des Fuchses böse Streiche

Einst diente der Kater beim Fuchs als Knecht. Da kam einmal der Wolf, den Fuchs zu besuchen, und dieser fragte ihn: „Nun, Wolf, wie ist es dir ergangen?“

Der Wolf fing an zu klagen und antwortete: „Bald hätte ich meine Zähne an den Nagel hängen müssen, wenn ich nicht mit Pekka (Peter) ein feistes Schwein zum Schlachten gefunden hätte.“ Pekka war nämlich der Bär.

Der Fuchs erzählte dagegen, dass er einen gar flinken Knecht habe. „Ja, und dieser besitzt so eigentümliche Fliegen, dass sie dich in die Flucht zu jagen im stande sind.“ „Ei,“ meinte der Wolf, „das möchte ich sehen! Keine Fliege kann mir ja was antun, ebensowenig wie ein Kater!“

Darauf ging der Wolf zu Pekka und sagte ihm: „Komm, lass uns doch die merkwürdigen Fliegen ansehen, von denen Mikko (Michel) behauptet, dass sie dich und mich in die Flucht jagen können.“

Gut, Mikko führte nun den Wolf und Pekka zu einem Wespennest und sagte: „Hier, in diesem Beutelchen stecken sie.“ Der Wolf verlangte, dass Mikko die Fliegen selber zeigen sollte. „Ei,“ sagte Mikko, „befiehl doch dem Pekka, dass er das Nest öffne.“ Weiterlesen