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26.4 Nicht der Froschkönig, sondern die Froschprinzessin in China

Und zum Abschluss noch mal ein schönes langen Märchen, aus dem wir fürs Leben lernen können. Nee, ehrlich. Oder fast. Lest selbst…

Die Froschprinzessin

Am mittleren Yangtsekiang wird der Froschkönig sehr eifrig verehrt. Er hat einen Tempel; dort gibt es Frösche zu Tausenden und aber Tausenden, zum Teil von riesiger Größe. Wer sich den Zorn des Gottes zuzieht, in dessen Hause treten seltsame Erscheinungen auf: Frösche hüpfen auf Tischen und Betten umher; in schlimmeren Fällen kriechen sie selbst an den glatten Wänden empor, ohne dass sie herunterfallen. Verschiedene Arten von Vorzeichen gibt es; aber alle deuten darauf hin, dass dem Hause Unglück droht. Dann geraten die Bewohner in große Furcht, schlachten ein Rind und bringen es als Opfer dar. So wird der Gott umgestimmt, und es geschieht nichts weiteres.

In jener Gegend lebte ein Knabe namens Siä Kung-Schong. Er war klug und schön. Als er etwa sechs, sieben Jahre alt war, kam eine grüngekleidete Dienerin in die Wohnung. Sie nannte sich selbst eine Botin des Froschkönigs und teilte mit, dass der Froschkönig seine Tochter dem jungen Siä vermählen wolle. Der alte Siä war ein ehrlicher und beschränkter Mann, und da ihm die Sache nicht passte, schlug er es ab, weil sein Sohn noch zu jung sei. Trotz dieser Ablehnung wagte man aber doch nicht, nach einer anderen Lebensgefährtin für den Sohn zu sehen.

Einige Jahre waren darüber hingegangen, und der Junge wuchs allmählich heran. Man verabredete eine Heirat mit einem Fräulein Giang. Der Froschkönig aber teilte ihr mit: „Der junge Siä ist mein Schwiegersohn; wie kannst du dich unterstehen, von verbotenen Früchten zu naschen!“ Da fürchtete sich der Vater Giang und nahm sein Wort zurück.

Der alte Siä ward sehr betrübt darüber. Er bereitete ein Opfer und ging in den Tempel zu beten. Er brachte vor, dass er sich unwürdig fühle, mit einem Gotte in Verwandtschaft zu treten. Da er aber ausgebetet hatte, zeigten sich in dem Opferfleisch und Wein große Maden, die wimmelnd umherkrochen. Er goss sie aus, bat um Verzeihung und kehrte voll schlimmer Ahnungen heim. Er wusste sich nun nicht mehr zu helfen und ließ den Dingen ihren Lauf.

Eines Tages ging der junge Siä auf der Straße. Da trat ein Bote auf ihn zu, der ihm den Auftrag des Froschkönigs überbrachte, dass er dringend gebeten sei, zu ihm zu kommen. Es blieb ihm nichts übrig: er musste dem Boten folgen. Der führte ihn durch ein rotes Tor in prächtige, hohe Gemächer. Im Saale saß ein Greis, der wohl achtzig Jahre alt sein mochte. Siä warf sich huldigend vor ihm nieder. Der Greis hieß ihn aufstehen und wies ihm einen Platz am Tische an. Bald kamen Mägde und Weiber herbeigedrängt, ihn anzuschauen. Da wandte sich der Greis zu ihnen und sprach: „Geht ins Gemach und saget, dass der Bräutigam gekommen!“

Eilends liefen ein paar Mägde weg. Nach einiger Zeit kam eine Alte aus dem inneren Gemach, die führte an der Hand ein Mädchen, wohl sechzehn Jahre alt und unvergleichlich schön. Auf diese wies der Greis und sprach: „Dies ist mein zehntes Töchterchen. Ich dachte mir, ihr beide passet wohl zusammen. Aber dein Vater hat wegen der Verschiedenheit der Rasse uns verschmäht. Doch ist die eigne Hochzeit eine Sache, die für das ganze Leben wichtig ist. Zur Hälfte nur vermögen sie die Eltern zu bestimmen. Schließlich kommt das meiste auf dich selber an.“ Weiterlesen

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26.3 Der Fuchs und der Tiger – auf chinesisch

Vorgestern gab es ja schon Pferd und Seidenraupe, aber es war ja kein richtiges Tiermärchen. Das holen wir heute nach. Lest selbst…

Der Fuchs und der Tiger

Der Fuchs begegnete einst einem Tiger. Der zeigte ihm die Zähne, streckte die Krallen hervor und wollte ihn fressen. Der Fuchs sprach: „Mein Herr, Ihr müsst nicht denken, dass Ihr allein der Tiere König seid. Euer Mut kommt meinem noch nicht gleich. Wir wollen zusammen gehen, und Ihr wollet Euch hinter mir halten. Wenn die Menschen mich sehen und sich nicht fürchten, dann mögt Ihr mich fressen.“

Der Tiger war’s zufrieden, und so führte ihn der Fuchs auf eine große Straße. Die Wanderer nun, wenn sie von fern den Tiger sahen, erschraken alle und liefen weg.

Da sprach der Fuchs: „Was nun? Ich ging voran; die Menschen sahen mich und sahen Euch noch nicht.“

Da zog der Tiger seinen Schwanz ein und lief weg.

Der Tiger hatte wohl bemerkt, dass die Menschen sich vor dem Fuchse fürchteten, doch hatte er nicht bemerkt, dass der Fuchs des Tigers Furchtbarkeit entlehnte.

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Eine chinesische Fabel genau genommen, wenn auch nicht mit europäisch/indischer expliziter Fabel. Eben doch alles eine globale Soße?! 😉

 

Textquelle: Richard Wilhelm: Chinesische Volksmärchen. Jena: Diederichs 1914, S. 25-26.

26.2 Das Mädchen mit dem Pferdekopf

Das heutige Märchen geht los wie ein normales Zaubermärchen, aber wird dann zur Göttersage. Lest selbst…

Das Mädchen mit dem Pferdekopf

In uralten Zeiten lebte einmal ein Greis, der ging auf Reisen. Niemand war zu Hause, als nur seine einzige Tochter und ein weißer Hengst. Jeden Tag fütterte die Tochter das Pferd. In ihrer Einsamkeit hatte sie Heimweh nach ihrem Vater.

So redete sie einmal im Scherz zu ihrem Pferd: „Wenn du mir meinen Vater zurückbringst, so will ich dich heiraten.“

Kaum hatte das Pferd die Worte gehört, da riss es sich los und lief weg. Es lief in einem fort, bis es an den Ort kam, wo der Vater war. Als der Vater das Pferd erblickte, war er freudig überrascht, fing es ein und setzte sich drauf. Das Pferd wandte sich zurück nach dem Weg, auf dem es gekommen war, und wieherte unablässig.

„Was hat nur das Pferd?“ dachte der Vater. „Sicher muss zu Hause irgendetwas los sein.“

So ließ er ihm denn die Zügel und ritt zurück.

Weil das Pferd so klug gewesen war, so gab er ihm reichliches Futter. Aber das Pferd fraß nichts, und wenn es das Mädchen sah, so schlug es nach ihr und wollte sie beißen. Der Vater verwunderte sich darüber und fragte das Mädchen. Die Tochter sagte ihm alles der Wahrheit gemäß.

„Du darfst keinem Menschen etwas davon sagen,“ sprach der Vater, „wir könnten sonst in übles Gerede kommen.“

Dann nahm er seine Armbrust und schoss das Pferd tot. Seine Haut aber hängte er im Hof zum Trocknen auf. Dann verreiste er wieder.

Eines Tages ging die Tochter mit einer Nachbarin spazieren. Als sie zu dem Hofe kamen, da stieß sie mit dem Fuß an das Pferdefell und sprach: „Ein unvernünftiges Tier wie du – und wolltest ein Menschenmädchen zur Frau! Es geschieht dir ganz recht, dass du jetzt tot bist.“

Aber noch ehe sie ausgeredet, da bewegte sich die Pferdehaut und richtete sich auf. Sie wickelte sich um das Mädchen herum und rannte weg.

Entsetzt lief die Nachbarin zu ihrem Vater und erzählte ihm, was vorgefallen. Überall suchte man nach dem Mädchen, aber es blieb verschwunden.

Endlich nach einigen Tagen sah man in den Zweigen eines Baumes das Mädchen in der Pferdehaut hängen. Allmählich verwandelte sie sich in eine Seidenraupe und verpuppte sich. Die Fäden, in die sie sich einspann, waren stark und dicht. Die Nachbarin nahm sie herunter und ließ sie ausschlüpfen. Dann spann sie die Seide und fand reichlichen Gewinn.

Ihre Angehörigen aber sehnten sich sehr nach ihr. Da erschien eines Tages das Mädchen in den Wolken auf ihrem Pferde reitend mit einem großen Gefolge und sprach: „Im Himmel ist mir nun das Amt übertragen, zu wachen über die Zucht der Seidenraupen. Ihr müsst euch nicht mehr nach mir sehnen.“ Darauf wurden ihr in ihrer Heimat Tempel errichtet, und jedes Jahr zur Zeit der Seidenraupen fleht man sie unter Opfern an um ihren Schutz. Sie heißt die Göttin mit dem Pferdekopf.

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Hr. Wilhelm vermutet als Ursprung dieser Sage Szetschuan. Und er erklärt – danke! – den Zusammenhang von Pferd und Seidenraupe damit, dass das Pferd das Himmelszeichen ist, dass im Frühling angesagt ist, wenn die Seidenraupen gepflegt werden. Tatsächlich habe es in China drei verschiedenen Göttinnen, die im Jahreswechsel für die Seidenraupen zuständig sind. – Haben wir doch wieder was gelernt. 😀

 
Textquelle: Richard Wilhelm: Chinesische Volksmärchen. Jena: Diederichs 1914, S. 47-48.
Bildquelle: Das Gemälde ist nicht so richtig chinesisch, sondern aus einer Pferde-Reihe von Giuseppe Castiglione; dieses heißt „Chaoni’er (超洱骢, literally Exceeding Piebald)“ – so wiki.commons.

26.1 Wie der Molo die Rosenrot stahl – nämlich in chinesischen Märchen

Erstmal schlechte Nachrichten für euch, aber eigentlich gute für mich. Meine Doktorarbeit ist jetzt echt auf den letzten Metern, was aber heißt nochmal richtig ranklotzen. Damit nicht noch mein einziger freier Tag in Stress ausartet, habe ich beschlossen, der Märchensammler muss weniger arbeitsintensiv werden für den Moment. Also gibt es nicht mehr jeden Tag ein neues Märchen, sondern im Schnitt jeden zweiten. Schauen wir mal, ob das funzt.

Jetzt aber zu den Märchen dieser Woche. Nach so vielen deutschen Fabeln geht es jetzt wieder in die Ferne, nämlich nach China. Starten tun wir mit einem Zaubermärchen. Lest selbst…

Wie der Molo die Rosenrot stahl

Zur Zeit der Tangdynastie gab es Schwertmeister verschiedener Art. Die ersten, das waren die Schwertheiligen. Sie konnten sich nach Belieben verwandeln, und ihr Schwert war wie der Blitzstrahl. Ehe sich’s die Leute versahen, waren ihre Köpfe schon gefallen. Doch waren diese Männer hohen Sinns und mischten sich nicht leicht in Weltgeschäfte ein. Die zweite Art, das waren die Schwerthelden. Sie pflegten die Ungerechten zu töten und den Bedrängten zu Hilfe zu kommen. Sie trugen einen Dolch an ihrer Seite verborgen und hatten eine Ledertasche um. Durch Zaubermittel vermochten sie Menschenköpfe in Wasser zu verwandeln. Sie flogen über die Dächer und gingen an den Wänden auf und ab. Spurlos kamen und gingen sie. Die unterste Art, das waren Mörder. Sie ließen sich dingen, wenn einer sich an seinen Feinden rächen wollte. Der Tod war ihnen etwas Alltägliches.

Der alte Drachenbart war wohl mitten zwischen der ersten und zweiten Art. Der Molo aber, von dem eine andere Geschichte erzählt, war einer der Schwerthelden.

Es lebte zu jener Zeit ein junger Mann namens Tsui. Sein Vater war ein hoher Beamter und Freund eines Fürsten. Der Vater sandte einst seinen Sohn, um seinen Freund, der krank war, zu besuchen. Der Sohn war jung und schön und wohlbegabt. Er ging hin, seines Vaters Befehle auszurichten. Als er in das Haus kam, da standen drei schöne Sklavinnen, die auf goldne Schalen rote Pfirsiche häuften, sie mit Zuckerwasser übergössen und ihm darreichten. Als er gegessen hatte, verabschiedete er sich, und der vornehme Gastfreund befahl einer Sklavin mit Namen Rosenrot, ihn zum Hofe hinauszugeleiten. Beim Gehen sah sich der junge Mann fortwährend nach ihr um. Sie blinzelte ihn lächelnd an und machte ihm mit der Hand Zeichen. Erst streckte sie drei Finger aus, dann drehte sie dreimal die Hand um, und endlich wies sie auf einen kleinen Spiegel, den sie vorn auf der Brust trug. Beim Abschied flüsterte sie ihm noch zu: „Vergiss mein nicht!“ Weiterlesen