Archiv der Kategorie: Malta

42.7 Maltesische Rätsel zwischen Orient und Okzident

Von Syrien aus steuern wir so langsam wieder in Richtung Mitteleuropa und gelangen so auf unserer (vorerst) letzten Rätseletappe nach Malta, wo wir uns im maltesischen Gemisch europäischer und orientalischer Erzähltraditionen wieder langsam akklimatisieren können. Rätselt selbst…

Maltesische Rätsel

Ein Junge schlägt seine Mutter.
– Lösung: die Glocke

Sie isst Schwarzes und mistet Rotes.
– Lösung: die Flinte

Recht hübsch lang ist sie; schneid’ mit rundem Schnitte von ihr ab ein kleines Stückchen und leg’s in ein Körbchen.
– Lösung: die Wurst

Rot wie Feuer, und doch kein Feuer; sie lässt Wasser hervorquellen und ist doch keine Quelle. Weiterlesen

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18.7 Die sieben krummen Zitronen

Bevor wir zum heutigen, letzten Märchen aus Russland kommen – ein dickes Dankeschön an euch, meine lieben Leserinnen und Leser. Über 1000(!) Abrufe seit dem 1. April diesen Jahres. Juchuu!

Und damit jetzt aber endlich nach Russland, wo ich euch noch mal ein elaboriertes, schönes Zaubermärchen mit Prinzen, schönen Mädchen und allem Drumunddran kredenze. Lest selbst…

Die sieben krummen Zitronen

Da war einmal ein König; der war schon lange verheiratet. Er wünschte, es möchte ihm ein Sohn werden. Nach einer gewissen Zeit ward ihm ein Sohn. Der König hatte aber ein Gelöbnis getan: wenn ihm ein Sohn würde, so wolle er eine Quelle, die Öl fließen ließe, für die Armen herstellen.

Nachdem er die Ölquelle gemacht und viele Zeit verflossen und der Knabe groß geworden war, ging dieser einmal hinter die Mauer der Ölquelle; dort war eine alte Frau, die das Öl mit einer Eischale in einen Krug schöpfte. Er schleuderte einen kleinen Stein nach ihr und schlug ihr die Eischale aus der Hand. „Santa Maria!“ sprach sie zu ihm; „wie habe ich mich angestrengt, um die Eischale voll zu bekommen; und nun bist du gekommen und hast sie mir umgestürzt! Ich möchte wissen, wer der Mensch ist, der mir die Schale umgestürzt hat!“ Sofort schleuderte der Knabe einen andern, größern Stein nach ihr und zerbrach ihr ihren Krug mit dem Öl ganz und gar. Da sprach sie zu ihm: „Mein Sohn, ich wünschte dir, dass du die sieben krummen Zitronen fändest!“ Da sprang der Knabe auf und sprach: „Ich will wissen, was diese ,krummen Zitronen‘ sind – was sie sind!“ Sie erwiderte: „Mein Sohn, weißt du, was die sieben ,krummen Zitronen‘ sind? Da sind viele ausgezogen, die klüger waren als du, und keiner konnte sie mitbringen!“ Der Knabe sprach: „Ich werde ausziehen und sie holen!“

Alsbald begab er sich nach dem Hause seines Vaters und sprach zu ihm: „Vater, ich ging hinter die Ölquelle, die du als Gelöbnisbau für mich hast errichten lassen; ich fand da eine alte Frau, die dabei war, das Öl mit einer Eischale in einen Krug zu schöpfen, und zerbrach ihr ihn. Sie sprach zu mir: ,Mein Sohn, ich wünschte dir, dass du die sieben krummen Zitronen fändest!‘ Ich fragte sie, was das für Dinger seien; sie sprach zu mir: ,Mein Sohn, da sind viele ausgezogen, die klüger waren als du, und keiner hat sie mitgebracht!‘“ Und er fuhr fort: „Vater, ich will ausziehen und sie holen.“ „Nein, mein Sohn!“ erwiderte er ihm, „Das ist keine Sache, die geschehen kann! Wenn schon Leute auszogen, die klüger waren als du, und sie nicht holten, – wie könntest du sie dann holen?“ „Ich werde ausziehen und sie holen! Gib mir das schönste Pferd, das du hast!“ Der Vater sprach: „Nimm das weiße Pferd!“ Und der Knabe stieg auf und ritt fort. Weiterlesen

18.6 Dschahan und die Kichererbsen

Vom Humor zur maltesischen Eulenspiegel-Figur. Der heißt Dschahan und ist… tja. Lest einfach selbst…

Dschahan und die Kichererbsen

Es war einmal einer, der Dschahan hieß. Einst sprach er zu seiner Mutter: „Gib mir einen Centime, damit ich Kichererbsen dafür kaufe!“ Seine Mutter gab ihm einen Centime, und er holte sich Kichererbsen. Hernach sprach sie zu ihm: „Mein Junge, ich muss ausgehen und die Messe hören.“ Als sie fort war, machte er die Tür auf und ging hinaus. Draußen war eine Frau; zu der sprach er: „Heb’ mir diese Kichererbsen auf, so lange als ich zu meiner Mutter gehe!“ Die Frau legte die Kichererbsen auf den Tisch, und ihr Hahn fraß sie auf. Als Dschahan wiederkam, sagte er zu ihr: „Maria, wo sind die Kichererbsen?“ Die Frau versetzte: „Die hat der Hahn aufgefressen!“ Und sie fuhr fort: „Hier sind drei Centimes; geh’ hin und kauf dir Kichererbsen!“ Dschahan aber sagte: „Das will ich nicht! Ich will den Hahn haben!“ Sie wandte ein: „Wie? Du hast mir den Wert eines Centime gegeben, und ich soll dir einen Hahn geben?“ Dschahan versetzte: „Ich weiß weiter nichts: ich will den Hahn!“ Schließlich gab sie ihm den Hahn.

Am nächsten Tage musste er ein Geschäft auf der Gasse verrichten; und da dort wieder eine Frau saß, sprach er zu ihr: „Maria, halt’ mir diesen Hahn!“ Sie versetzte: „Sehr schön!“ Dschahan ging dann fort. Am folgenden Tage wollte er den Hahn holen. Er sprach zur Frau: „Maria, gib mir meinen Hahn!“ Sie antwortete: „Mein Junge, den Hahn hat dir leider die Sau aufgefressen!“ Dschahan antwortete: „Ich weiß weiter nichts: ich will bloß meinen Hahn haben!“ Die Frau sprach: „Mein Junge, nimm dies Geld und geh’ und kauf dir einen anderen Hahn!“ Dschahan sprach: „Ich will kein Geld; ich will die Sau!“ Schließlich musste sie sie ihm geben.

Am nächsten Tage kam Dschahan zu einer anderen Frau und sprach zu ihr: „Maria, verwahre mir diese Sau, bis ich ein Geschäft, das ich verrichten muss, verrichtet habe!“ Die Frau versetzte: „Gut!“ Am nächsten Tage wollte Dschahan die Sau holen; die Frau aber teilte ihm mit: „Mein Junge, die Sau hat meine Kuh getötet!“ Dschahan begann: „Ich weiß weiter nichts: meine Sau will ich haben!“ Die Frau sprach: „Nimm das Geld hier und kaufe dir eine andere!“ Er aber sagte: „Ich will nun die Kuh!“ Die Frau wandte ein: „Die Kuh gebe ich dir nicht.“ Da erklärte Dschahan: „Ich werde dich vor Gericht zitieren lassen!“ Schließlich gab ihm die Frau die Kuh.

Dschahan nahm die Kuh und ging zu seiner Mutter; zu ihr sprach er: „Mutter, sieh’: für den Centime, für den ich Kichererbsen kaufte, habe ich eine Kuh bekommen, die acht Pfund Sterling wert ist!“ Seine Mutter wurde fast verrückt vor Freude, als sie ihn von acht Pfund reden hörte. Am nächsten Tage verkauften beide die Kuh und erhielten dadurch acht Pfund Sterling. Dann begann Dschahan ein Geschäft mit diesem Gelde, das er aus dem Verkaufe der Kuh erhalten hatte. – Und damit ist die Geschichte zu Ende.

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Die Währung macht ja schon klar, dass es ein neueres Märchen ist. Und also der Dschahan. Es bleibt ja unklar, wie bewusst der die ganzen Marias überrumpelt, aber – also ein Sympathieträger ist der für mich nicht. Was meint ihr?

 

Textquelle: Maltesische Märchen, Gedichte und Rätsel in deutscher Übersetzung von Dr. Hans Stumme. Leipzig 1904, S. 91f.
Bildquelle: Illustration aus einer Eulenspiegel-Ausgabe von 1515

18.5 Der Priester Don Isidoro

Was braucht es natürlich auch in Märchen egal von wo? Eben. Augenzwinkern und Lachen. Sonst ist ja doof. Lest also selbst, wie die Malteser es mit dem Märchenhumor machen…

Der Priester Don Isidoro

Don Isidoro hatte fünfzehn Schuljungen; die musste er immer spazieren führen. Schließlich sagte er einmal zu den Jungen: „Der Atem wollte mir bei dem Spaziergange, den wir gemacht haben, ausgehen. Ich denke, ich muss krank sein; ich werde einmal hingehen und mit einem Arzte sprechen.“ Als er den Arzt daraufhin anredete, sprach dieser zu ihm: „Nein! Dir fehlt nichts; Du hast kein inneres Leiden.“ Don Isidoro fragte: „Aber was ist mit mir, dass ich immer so pusten muss?“ Der Arzt versetzte: „Was mit dir ist? Das kommt von der Last! Du trägst an dir zu schwer herum!“ Der Priester versetzte sich einen Schlag ins Gesicht und rief aus: „Famos! Was ist mir da geschehen! Ich soll schwer trächtig sein? Ich bin doch kein weibliches Geschöpf! Nun werde ich mich aber hinsetzen und den Frauen die Beichte abnehmen; schließlich wird ja eine kommen, die mir berichten wird, wie sie niedergekommen ist!“

Don Isidoro setzte sich in den Beichtstuhl, und es kam eine Frau, die zu ihm sprach: „Herr Pater, ich bin gekommen, um zu beichten.“ „Wie lange hast du nicht gebeichtet?“ „Seit zwei Monaten; denn ich war niedergekommen.“ „Gut! Gut! Bitte! Sag’ mir, wie du das gemacht!“ „Herr Pater, ich stieg auf einen Baum, und als ich dabei herunterstürzte, kam sogleich ein kleiner Junge an die Welt, – das heißt den gebar ich.“ „Gut! Jetzt sei gesegnet!“

Hierauf begab sich der Priester nach Hause. Dort befanden sich auch die Schuljungen, zu denen er sprach: „Zieht euch jetzt hübsch sauber an; ich werde euch mit spazieren nehmen!“ Darauf wanderten sie in einen Garten. Dort sprach Don Isidoro zu den Jungen: „Ich werde auf den Baum steigen und euch ein paar Schlehen losbrechen.“ Einer der Knaben stutzte und rief: „Nein! Steig’ nicht hinauf! Lass uns hinaufsteigen! Du trägst zu schwer mit dir herum!“ „Heilige Maria! Was ist mir da geschehen! Auch ihr wisst es? Nein! Ich will hinaufsteigen; lasst mich nur niederkommen!“

Damit stieg er auf den Baum. Als er in den Wipfel des Baumes gelangt war, stürzte er hinunter: es stürzten mit ihm aber eine Anzahl Vogeleier und Vögel mit hinunter, auf die er fiel; und die Vögel begannen aufzufliegen, ein Teil hierhin und ein Teil dorthin. „O je!“ rief er aus; „nun bin ich’s los, – beim lebendigen Gotte! Jetzt sehe ich: ich trug Vögel im Leibe herum! Nun bin ich zufrieden! Und morgen, aus Freude darüber, dass ich die Sache so schnell losgeworden bin, werde ich euch ein Mittagsessen vorsetzen!“

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Wenn aber auch alle so taktvoll sind und der Priester ja Nuancen nicht kapiert. Hätten sie ihm halt einfach gesagt, dass er fett, fett, fett ist. ;D

 

Textquelle: Maltesische Märchen, Gedichte und Rätsel in deutscher Übersetzung von Dr. Hans Stumme. Leipzig 1904, S. 57f.

18.4 Der Affe, der ein Mädchen entführte

Auch bei maltesischen Märchen braucht es bei mir natürlich Tiermärchen. Oder wie heute zumindest mal eine Annäherung. Lest selbst…

Der Affe, der ein Mädchen entführte

Es war einmal ein Mädchen; das schnitt etwas Gras vom Felde. Ein Affe kam vorbei, packte sie und nahm sie mit, und zwar nach dem Meere. Er nahm einen großen Feigenbaumstamm her und beförderte das Mädchen auf den Stamm, während er auch selbst aufstieg. Dann begann er zu rudern und fuhr so auf dem Baumstamme dahin. Er gelangte nach einem Lande, an dem nicht allzuviel Dampfer vorüberzufahren pflegten, – ein einziger alle vier Jahre!

Das Mädchen ließ er dort im Walde, während er selber auszuziehen und ihr etwas zu essen zu bringen pflegte, – Hühner, Truthühner, Ziegen; er stahl alles, was er vorfand, und brachte es ihr, damit sie es koche. So lebte sie mit ihm dort zusammen, weinte aber beständig und hatte immer Furcht. Sie hatte drei Kinder von jenem Affen: halb sahen sie wie Affen aus, aber ihr Gesicht war das eines Menschen.

Eines Tages war der Affe fortgegangen, um ihr etwas Essbares zu stehlen, da sah sie einen Dampfer vorüberfahren. Sie gab ihm ein Zeichen, und der Dampfer fuhr auf sie zu; dann stieg sie rasch an Bord und fuhr mit dem Dampfer ab. Der Affe sah alles von Ferne; er rief aus: „Sie hat’s nun wirklich fertig bekommen! Da will ich hinlaufen!“ Und er begann zu laufen, erreichte sie aber nicht. Da begann er sein Haar auszuraufen und sein Gesicht mit den Händen zu bedecken. Dann nahm er die drei Kinder her und riss sie mitten auseinander und tötete sie so und rächte sich durch ihren Tod.

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Es kommt mir ja ein bisschen indisch vor dieses Märchen. Dazu würde auch durchaus das echt knallharte Ende passen. Weiachen.

P.S.: Ich muss ja gestehen, dass mich die arg modernen Dampfer immer wieder verwirren. Ich erwarte offenbar romantische Segelboote. Aber Märchen werden beim Erzählen natürlich auch aktualisiert.

 

Textquelle: Maltesische Märchen, Gedichte und Rätsel in deutscher Übersetzung von Dr. Hans Stumme. Leipzig 1904, S. 56f.
Bildquelle: Kupfergravur von Albrecht Dürer (1471-1528): Die heilige Familie mit der Meerkatze

18.3 Runzelschmutzchen

Heute gibt es die eindeutig maltesische Variante von einem internationalen Klassiker. Ich will mal nicht mehr verraten – lest selbst…

Runzelschmutzchen

Es war einmal ein Mann; der besaß ein Weizenfeld, auf das er sich täglich begab, um aufzupassen; denn die Vögel kamen immer und fraßen ihm den Weizen weg. Er machte schließlich eine Puppe aus Lumpen und hing sie an einem Baume auf, damit sie im Winde hin und herbaumele und die Vögel erschreckt würden.

Eines Tages kam der Königssohn dort vorüber, der sich gerade auf der Jagd befand. Er sprach: „Was ist denn das für ein Ding, das dort am Baume hängt?“ Er trat näher und fand, dass es eine Puppe aus Lumpen war. Da begann diese ihn anzusingen: „Ich werde noch den Prinzen heiraten!“ Da rief der Prinz aus: „Das Ding aus Lumpen kann sprechen?“ Und er nahm sie her, schnitt sie vom Baume los und steckte sie in die Tasche seiner Jacke. Dann begab er sich nach Hause zu seiner Mutter und holte die Puppe aus der Tasche heraus, mit den Worten: „Sieh’, Mutter, was ich dir mitbringe!“ „Was ist denn das? Ein Lumpen?“ „Das Ding saß da und sang und sprach, sie wolle den Königssohn heiraten.“ „Ach, geh! Gib ihr einen Fußtritt und kollere sie in den Keller!“ Da beförderte der Prinz die Puppe in den Keller. Weiterlesen

18.2 Der Vogel, der durch seinen Gesang das Alter um ein Jahr verjüngt

Gestern war ja doch deutlich der mitteleuropäische Einfluss spürbar. Heute gibt es dagegen Anklänge an Tausendundeine Nacht. Aber lest selbst…

Der Vogel, der durch seinen Gesang das Alter um ein Jahr verjüngt

Es war einmal ein König; der besaß drei jugendliche Söhne. Der älteste hieß Tillu, der zweite Guttu und der jüngste Giuseppe.

Der älteste sprach einst zu seinem Vater: „Vater, die Leute haben mir gesagt, dass es in einem Lande, weit drinnen im Innern, einen Vogel gebe, der durch seinen Gesang das Alter um ein Jahr verjünge.“ „Nein, mein Sohn!“ versetzte der König; „bitte! Warum willst du fortgehen um nie wieder zurückzukehren?“ „Nein!“ sagte der Prinz; „ich werde hingehen und den Vogel herholen!“ Hiermit zog er ein fürstliches Gewand an, stieg zu Ross, nahm eine Anzahl Wechsel mit und sprach noch: „Vater, ich reise ab!“

Darauf ritt er davon – immer weiter – und erblickte schließlich einen Lichtschein in der Ferne; der Lichtschein kam von einem Palaste her, der – geradezu mit Gewalt – die Leute zum Wohnen in ihm einlud: jedermann musste dorthin gehen. So gelangte der älteste Prinz denn in die Nähe dieses Lichtscheins und begab sich in jenen Palast. Dann nahm er dem Pferde das Sattelzeug ab und stellte es im Stalle ein, während er in die oberen Gemächer stieg und sein Prachtzimmer aufsuchte; und kaum hatte er sich in einen Polsterstuhl geworfen, – da trat ein überaus schönes junges Mädchen ein. Sie war eine Zauberin.

„Ach!“ begann sie; „schöner Jüngling! Willst du, dass wir eine Partie Karten spielen, um uns die Zeit etwas zu vertreiben?“ Der Prinz versetzte: „Ja!“ Und nun begannen die beiden zu spielen, und sie gewann ihm sein fürstliches Gewand ab, und die Wechsel insgesamt, sowie das Pferd, sodass ihm nichts mehr blieb. Darauf erklärte der Prinz den Leuten im Palast: „Behaltet mich als Diener bei euch! Ich kann schon einen Teller waschen; und was von den Speisen übrigbleibt, das gebt mir zu essen!“

Guttu (der zweite Sohn) begann: „Vater, ich werde meinem Bruder nachreisen!“ Der König versetzte: „Nein, mein Sohn! Denn es wird dir ebenso wie ihm gehen; er ist fortgereist und nicht wiedergekommen!“ „Hab’ keine Angst, Vater!“ sprach hierauf der Sohn und ging hin und bekleidete sich mit einem fürstlichen Gewande, der Vater gab ihm eine Menge Wechsel mit, und er (der Sohn) stieg auf und reiste ab – immer, immer weiter. Weiterlesen

18.1 Kugelchen – oder: Märchen aus dem Meltingpot Malta

Diese Woche geht es wieder in wärmere Gefilde – und ich hoffe, ihr habt noch keinen Schnupfen von meinen Heiß-Kalt-Wechseln. Immerhin bleiben wir auf einer Insel. Von Island reisen wir nämlich nach Malta.

Denn die maltesischen Märchen sind nicht nur wunderschön. Sie spiegeln auch die Geschichte ihrer Heimat wieder, die ja ein wahrer Melting Pot ist. Nach den ersten Siedlern irgendwann lang, lang ist’s her, reichten dann in der Antike die Phönizier, die Karthager, die Römer, die Germanen (oh ja?!) und die Byzantiner die Insel alle paar Jahrhunderte weiter. Im Mittelalter klatschten dann die Araber ab, bevor kurz wieder wir Deutsche übernahmen, dann die Franzosen, die Spanier. In der Frühen Neuzeit zankten sich diverse Orden mit dem Osmanischen Reich um klein Malta. Und im 19. Jahrhundert setzten dann die Engländer ihren Kolonialherrenpopo ab, bis die Malteser sie 1964 wegschubsten.

All diese Fremdherrscher, die sich im bunten Ringelreihe die Klinke in die Hand drückten, hinterließen natürlich auch in der mündlichen Erzählkultur der Insel ihre Spuren. Darauf weist auch Herr Dr. Stumme hin, der für die von mir benutzte Märchenausgabe verantwortlich zeichnet. Mitteleuropäische Märchenklassiker, die wir vor allem durch die Brüder Grimm kennen, treffen auf Elemente der arabischen Erzählkultur und auf Motive der nahen italienischen beziehungsweise sizilianischen Märchentradition. Was jetzt genau woher kommt, ist natürlich schwer festzustellen. Zumal – wie auch Dr. Stumme bemerkt – orientalische Motive zumindest in der Frühen Neuzeit natürlich auch längst in Mitteleuropa angelangt sind. Ein prima Potpourri sind die maltesischen Märchen trotzdem.

Und so soll es gleich mit einem prima Beispiel für diese wilden Mixturen losgehen. Lest selbst…

Kugelchen

Es war einmal ein Mann, der Holzhacker war. Er hatte eine Frau und zehn Jungen; der älteste war zehn, der jüngste fünf Jahre alt. Die Leute waren sehr arm, und da sie diese Jungen hatten, konnten niemals alle satt zu essen bekommen. Der jüngste war eigentlich ein ganz winziges Stückchen Mensch; und weil er, als er geboren wurde, wie eine Kugel aussah, nannten sie ihn „Kugelchen“. So klein er aber war, ein so schlechter Kerl war er; weil er aber den schlechten Kerl nicht zeigte, hielt ihn jedermann für einfältig.

In einem Jahre nun trat eine so große Hungersnot ein, dass der Mann einst, als die Jungen schliefen, mit seiner Frau übereinkam, die Jungen in den Wald zu schaffen, damit diese dort verloren gingen und sie sie so loswürden. Doch die Mutter wollte es nicht haben, denn sie hatte die Jungen sehr lieb; doch als sie einsah, dass es besser sei, die Jungen nicht leiden zu sehen, ließ sie ihrem Manne schließlich seinen Willen. Unser Kugelchen aber war, als er hörte, dass die Eltern von ihren Jungen sprachen, ganz, ganz leise aus seinem Bette gestiegen und hatte sich unter dem Sitzbänkchen seiner Mutter versteckt und so alles vernommen, was ihm am nächsten Morgen bevorstehen sollte. Was tat er nun? Er stand zeitig auf, begab sich ans Ufer des Meeres, füllte seine Taschen ganz mit kleinen Kieselsteinen an und kehrte wieder nach Hause zurück. Als es Morgen geworden war und man aufgebrochen war, sagte Kugelchen seinen Brüdern nichts von dem, was er gehört hatte; und nun ging es in einen großen Wald. Der Mann begann seine Holzhackerarbeit, und die Jungen sammelten Thymian. Weiterlesen