Archiv der Kategorie: Brüderchen und Schwesterchen

37.7 Der Hammelbruder – ein armenischer Schlusspunkt

Wir beenden unsere Reise in Armenien mit einer schönen Variante von Brüderchen und Schwesterchen, in der sich nicht nur die mitteleuropäischen und die orientalischen Motive mischen, sondern auch ganz andere Märchen anklingen. Aber lest selbst…

Der Hammelbruder

Es lebte eine Witwe und sie hatte eine Tochter. Die Witwe heiratete einen Witwer und dieser hatte von seiner ersten Frau zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Da überredete die Frau ihren Mann: „Führe, ja, führe deine Kinder in die Berge!“ Der Mann konnte ihr nicht widerstehen und siehe, einmal legte er sich Brot in die Tasche, nahm die Kinder und machte sich auf in die Berge.

Sie gingen, gingen und kamen an einen unbewohnten Ort. Da sagte der Vater zu den Kindern: „Ruhet hier ein wenig aus!“ Die Kinder fingen an zu ruhen. Und der Vater wandte sein Gesicht ab und weinte bitter, bitter. Dann wandte er sich wieder zu den Kindern um und sagte: „Kinderchen, esst etwas!“ Diese aßen. Da sagte der Knabe: „Väterchen, ich will trinken.“ Der Vater nahm seinen Stock, steckte ihn in die Erde, warf seinen Rock darüber und sagt: „Komm her, mein Sohn, setz dich in den Schatten meines Rockes und ich werde dir Wasser holen.“ Der Bruder und die Schwester blieben hier und der Vater ging fort und ließ seine Kinder ganz im Stiche. Ob sie kurze oder lange Zeit gewartet haben, bis sie sahen, dass der Vater nicht zurückkommt, ist nicht bekannt; sie gingen nach allen Seiten hin, um ihn zu suchen, aber sahen keine menschliche Seele rings umher. Sie kehrten wieder zu dieser Stelle zurück, fingen an zu weinen und sagten:

„Ach, ach!“

„Siehe, da ist des Vaters Stock, dort sein Rock, aber er kommt nicht und kommt nicht.“

„Ach, ach!“

„Siehe, da ist des Vaters Stock, dort sein Rock, aber er kommt nicht und kommt nicht.“

Ob der Bruder und die Schwester lange oder kurze Zeit hier saßen, ist nicht bekannt, aber sie standen endlich auf und nahmen eins den Stock, das andere den Rock und gingen fort, ohne zu wissen, wohin. Sie gingen, gingen und gingen – sie gingen und sahen die Spuren von Pferdehufen mit Regenwasser angefüllt. „Ich will trinken, Schwesterchen,“ sagte ihr der Bruder. „Trinke nicht, Brüderchen, sonst wirst du zum Füllen!“ sagte die Schwester zu ihm. Sie gingen weiter.

Sie gingen, gingen und sahen die Spuren von Ochsenhufen. „Ach, Schwesterchen, wie durstig ich bin!“ „Trinke nicht, Brüderchen!“ sagte sie zu ihm, „sonst wirst du zum Kalbe!“ Sie gingen weiter. Sie gingen, gingen und sahen die Spuren von Büffelhufen. „Ach, Schwesterchen, wie durstig ich bin!“ „Trinke nicht, Brüderchen, sonst wirst du zum Büffelkalbe!“ Sie gingen weiter. Sie gingen, gingen und sahen die Spuren von Bärentatzen. „Ach, ich bin durstig, Schwesterchen!“ „Trinke nicht, Brüderchen, sonst wirst du zum jungen Bären!“ Sie gingen weiter und sahen die Spuren von Schweinshufen. „Ach, Schwesterchen, ich will trinken!“ „Trinke nicht,“ sagte sie zu ihm, „sonst wirst du zum Ferkel!“ Sie gingen weiter. Sie gingen, gingen und sahen die Spuren von Wolfstatzen. „Ach, Schwesterchen, wie ich durstig bin!“ „Trinke nicht, Brüderchen, sonst wirst du zum Wölflein!“ Sie gingen weiter. Sie gingen, gingen und sahen Spuren von Hammelfüssen. „Ach, Schwesterchen, ich sterbe fast vor Durst!“ „Ach, Brüderchen, wie tust du mir leid!“ sagte sie zu ihm, „du wirst ja zum Hammel, wenn du trinkst.“ Weiterlesen

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37.6 Pulia und Morgenstern – Griechische Brüderchen und Schwesterchen

Und wir reisen weiter beziehungsweise fast ein Stückchen zurück, nämlich nach Griechenland, wo es fast so scheint, als wäre die türkische Variante von gestern vor allem mit einer besseren Motivation ausgestattet worden. Aber lest selbst…

Pulia und Morgenstern

Das Märchen hebt an, guten Abend, ihr Herrschaften.

Es war einmal ein Jäger, der lebte zusammen mit seiner Frau. Und eines Tages gebar die Frau ein schönes Mägdlein, und sie nannten es Pulia. Aber nach kurzer Zeit starb die Frau, und der Jäger – was sollte er machen – heiratete wieder. Die zweite Frau, die Stiefmutter von Pulia also, gebar nach kurzer Zeit auch und bekam ein Knäblein; das nannten sie Morgenstern.

je größer Pulia wurde, desto eifersüchtiger wurde die Stiefmutter auf sie und wollte sie als Sklavin verkaufen und sprach darüber heimlich mit ihrem Mann. Und Morgenstern hörte, was seine Mutter sagte, und ging hin und verriet es Pulia: „Liebe Pulia, meine Mutter will dich als Sklavin verkaufen, was sollen wir jetzt nur tun?“

Pulia machte sich auf und ging zu einer alten Nachbarin, um sie nämlich um Rat zu fragen. Und die Alte sagte ihr: „Du musst von ihr fortgehen, mein Mädchen. Wenn sie dich für den Basar kämmt,“ sagt sie, „soll Morgenstern dir die Schleife aus den Haaren reißen, du musst ihm nachlaufen, und so werdet ihr fortkommen. Deine Stiefmutter wird euch verfolgen, dann musst du dieses Messer von dir werfen, und es wird ein Feld daraus, das gar kein Ende nimmt. Deine Stiefmutter wird es jedoch schnell durchqueren und euch einholen. Dann sollst du diesen Kamm von dir werfen, und es wird ein dichtes Dornengestrüpp daraus, und auch das wird sie durchqueren und euch einholen. Dann sollst du dieses Salz ausstreuen, und es wird ein großer See daraus, und deine Stiefmutter wird ihn nicht durchqueren können und wird umkehren.“ Sie gab also den Kindern ein Messer, einen Kamm und das Salz und schickte sie mit gute Wünschen fort.

Wie die Kinder wieder zu Hause waren, fing die Stiefmutter an, Pulia zu kämmen, und sang ihr etwas vor und erzählte ihr einen Haufen Lügen. Da riss Morgenstern ihr die Schleife aus dem Zopf und lief hinaus, Pulia hinterher, so kamen sie auf die Straße. Die Stiefmutter lief hinterher und wollte sie einholen. Da warf Pulia das Messer der Alten hin, und es ward ein Feld, das kein Ende hat. Aber die Stiefmutter durchquerte ganz schnell das Feld und holte sie wieder ein. Da warf Pulia den Kamm der Alten hin, und er ward ein dichtes Dornengestrüpp. Sie aber durchquerte auch dieses, und da warf Pulia das Salz hin und es ward ein ungeheuer großer See. Die Stiefmutter wollte ihn durchqueren, konnte es aber nicht. Da verwünschte sie Morgenstern, der doch ihr Kind war und sie verleugnet hatte und mit der Stieftochter ging. „Dort, wohin du kommen wirst, sollst du Durst verspüren,“ sagte sie, „und sollst Wasser trinken. Und in solch ein Tier sollst du verwandelt werden, wie das ist, aus dessen Fußspur du trinkst.“ Weiterlesen

37.5 Brüderchen und Schwesterchen – auf Türkisch

Heute reisen wir weiter und kommen in die Türkei, wo sich das Märchen nun deutlich verändert. Aber lest erst einmal selbst…

Brüderchen und Schwesterchen

Einmal war’s und einmal war’s nicht, Allah hatte viele Diener; da war einmal ein Padischah, der einen Sohn und eine Tochter hatte. Der Padischah ward alt, es kam seine Zeit und er starb; der Sohn nahm seine Stelle ein und eine Zeitlang regierend, verzehrte er sein ganzes Vermögen.

Eines Tages sprach er zu seiner Schwester: „Liebste, wir haben all unser Vermögen verzehrt; wenn man erfährt, dass wir ohne Geld dastehen, so jagt man uns von dannen und obendrein werden wir aus Schande niemandem in die Augen sehen können. Das Beste ist, wenn wir all diesem ausweichen und bei Zeiten weggehen.“ Die beiden Geschwister packten ihre Siebensachen zusammen und entfernten sich in der Nacht aus dem Palaste; sie zogen in die Welt.

Sie gingen denn vorwärts und gelangten auf eine endlos große Ebene. Sie litten gar sehr durch die Hitze, so dass sie beinahe zusammenbrachen. Der Bruder konnte es schon nicht länger ertragen und als er auf der Erde eine Pfütze erblickte, sprach er zum Mädchen: „Schwester, von hier mache ich keinen Schritt vorwärts, bevor ich dies Wasser nicht getrunken habe.“ – „Aber Bruder« versetzte seine Schwester, „wer weiß, ob es Wasser oder Kot ist? Haben wir es bis lang ausgehalten, so wollen wir noch weitergehn, vielleicht finden wir gar bald Wasser!“

Aber der Bruder erwiderte: „Nein, ich gehe keinen Schritt vorwärts; ich trinke es, wenn ich auch nur so lange leben sollte.“ Hiermit machte er sich über das Wasser, schlürfte und schlürfte es; und siehe da! kaum hatte er es getrunken, so ward aus ihm ein Hirsch.

Die Schwester klagte und jammerte gar bitterlich: was nun aus ihr werden solle; aber es war geschehen und sie machten sich denn wieder auf den Weg. Sie gingen hin und her auf der großen Ebene; bei einer großen Quelle stand ein großer Baum; dort hielten sie Rast. Da sprach der Hirsch: „Schwester, kriech auf diesen Baum hinauf; ich gehe weg, vielleicht finde ich einen Imbiss.“ Das Mädchen kroch auf den Baum, der Hirsch ging weg, durchstreifte die Gegend; die Hasen, die er abfing, brachte er seiner Schwester und sie verzehrten dieselben und lebten also von einem Tage auf den anderen, von einer Woche zur anderen. Weiterlesen

37.4 Von Maria und ihrem Brüderchen – und wir bleiben auf Sizilien

Doch ja, wir bleiben noch kurz auf Sizilien, um die Sonne und eine zweite Variante desselben Märchens zu genießen. Aber lest selbst…

Von Maria und ihrem Brüderchen

Es war einmal ein Mann, dem war seine Frau gestorben und die hatte ihm zwei Kinder hinterlassen, einen Knaben, der hieß Peppe*, und ein Mädchen, das hieß Maria. Die beiden Kinder waren sehr schön und ihr Vater hatte sie von Herzen lieb. Weil er arm war, so ernährte er sich damit, dass er in den Wald ging, Reiserbündel machte und diese dann in der Stadt verkaufte. Weil er sich aber niemals von den Kindern trennen mochte, so nahm er sie mit in den Wald und sie suchten auch Reiser und trugen kleine Bündel nach Haus.

Nach einiger Zeit gedachte sich der Mann wieder zu verheiraten. „Ach, Vater, tut das nicht,“ bat Maria, „wenn ihr uns eine Stiefmutter gebt, so wird sie uns gewiss misshandeln.“ „Sorge dich nicht, mein Kind,“ antwortete er, „ich bin ja da und werde euch beschützen und werde euch immer so lieb haben, wie jetzt.“ Also ging er hin und heiratete eine Nachbarin, die war eine Wirtin und hatte eine Tochter. Diese Tochter war aber sehr hässlich und einäugig.

Eine Zeitlang ging alles gut, bald aber wurde die Stiefmutter unfreundlich gegen die arme Maria und ihr Brüderchen, misshandelte und schlug sie und gab ihnen fast nichts zu essen. Und weil Maria so schön war und ihre eigene Tochter so hässlich, so konnte die Stiefmutter sie erst recht nicht leiden und dachte, wie sie sie verderben wollte. Da sprach sie eines Tages zu ihrem Mann: „Die Zeiten sind so schlecht, und das Brot ist so teuer, und deine Kinder essen so viel, dass wir gewiss noch zu Bettlern werden. Tu deine Kinder fort, denn ich gebe ihnen nichts mehr zu essen.“ „Ach, wo soll ich denn meine armen Kinder hinschicken?“ sprach der Vater. „Lass sie morgen im dichten Wald, dass sie den Rückweg nicht finden,“ antwortete die Stiefmutter. „Ach nein,“ sagte der Mann, „wie könnte ich eine solche Sünde begehen und meine Kinder, die ich so lieb habe, im Walde verlassen?“

Wie es aber immer so geht, dass die Männer sich von ihren Frauen bereden lassen, so ließ sich auch dieser Mann von seiner Frau bereden, weckte am andern Morgen in aller Frühe die beiden Kinder und sprach: „Kommt, Kinder, heute weiß ich einen schönen Platz im Wald, wo wir viel Holz finden werden.“ Also machten sie sich auf und nahmen auch etwas Brot mit. Unterwegs begegneten ihnen ein Mann, der verkaufte Lupinen. „Vater,“ sprach Maria, „gebt uns einen Senare**, damit wir uns Lupinen kaufen.“ Da gab ihnen der Vater den Senare und die Kinder kauften sich die Lupinen und aßen sie unterwegs und warfen dabei die Schalen auf den Weg. Endlich kamen sie in den Wald, und der Vater sagte: „Seht, Kinder, dort weiter unten sind viele Reiser, geht ihr dort hin und machet die Bündel, derweil ich diesen alten Baumstamm umhaue. Ihr höret ja immer den Schall der Axt.“ Die Kinder taten, wie ihr Vater sie geheißen, und fingen an große Reiserbündel zu machen. Der Vater aber nahm einen großen Kürbis, band ihn an den großen Baumstamm an, so dass er immerfort gegen den Stamm schlug, und schlich nach Haus. Die Kinder arbeiteten den ganzen Tag und wenn sie innehielten um nach ihrem Vater zu horchen, so hörten sie den Kürbis, der gegen den Baumstamm schlug, meinten es sei die Axt ihres Vaters und arbeiteten fröhlich weiter.

Als es aber schon anfing Abend zu werden, sprach Maria: „Der Vater arbeitet heute so lange, wir wollen doch lieber hingehen und ihn rufen.“ Da gingen sie hin, aber sie fanden ihren Vater nicht, und so viel sie auch rufen mochten, er antwortete ihnen nicht. Als sie aber den Kürbis erblickten, da merkten sie, dass er sie im finstern Walde allein gelassen hatte und fingen an bitterlich zu weinen. „Weine nicht, Peppe,“ sagte endlich Maria, „wir haben ja heute früh unterwegs die Lupinen gegessen, und wenn wir immer den Schalen nachgehen, so kommen wir schon in eine Gegend, die wir kennen und von wo aus wir uns nach Hause finden.“ Da gingen sie immer den Lupinenschalen nach und fanden sich zum Walde heraus und kamen glücklich nach Hause. Der Vater aber saß bei seinem Abendessen und hatte keine Lust zu essen, sondern weinte und jammerte nur: „Ach, meine armen, lieben Kinder, ich habe euch verlassen! Jetzt werden euch die wilden Tiere fressen! O meine Kinder!“ Da riefen die Kinder hinter der Tür: „Vater, hier sind wir ja, macht uns auf.“ Und als der Vater die Tür aufmachte, sah er seine lieben Kinder gesund vor sich stehen. Da umarmte er sie und hieß sie sich zu Tische setzen, und freute sich von Herzen, daß sie wieder da waren. Weiterlesen

37.3 Von Sabedda und ihrem Brüderchen – nächster Stopp: Sizilien

So, jetzt geht es aber nun entschlossen nach Süden und zwar mit einem großen Sprung gleich nach Sizilien. Lest selbst…

Von Sabedda und ihrem Brüderchen

Es war einmal ein Mann, dem war seine Frau gestorben, und hatte ihm zwei Kinder hinterlassen, einen Sohn und eine Tochter. Die Tochter war sehr schön, schöner als die Sonne, und ging in die Schule zu einer Lehrerin; die hatte eine Tochter, die war schwarz und hässlich, hässlicher als die Schulden. Die Lehrerin aber war eine listige Frau, und schenkte ihr immer Süßigkeiten, und sprach zu ihr: „Sage deinem Vater, er solle mich heiraten, so will ich dir alle Tage Süßigkeiten geben und du sollst es gut haben.“ Also bat das Kind seinen Vater, er solle doch die freundliche Lehrerin heiraten. Der Vater aber antwortete immer: „Sabedda*, du weißt nicht was du sagst; du wirst sehen, es wird dich reuen.“ Sabedda ließ nicht nach, ihren Vater zu bitten, bis er endlich eines Tage die Geduld verlor, und sprach: „Gut, ich will deinen Willen tun, wenn es dir aber schlecht geht, so komm nicht zu mir, um zu klagen.“

Also heiratete der Vater die Lehrerin, und am Anfang war die Stiefmutter freundlich mit Sabedda und ihrem Brüderchen. Es dauerte aber nicht lange, so wurde sie unfreundlich gegen die Kinder, und Sabedda musste alle harte Arbeit tun, Holz suchen, und Wasser tragen, und bekam viele Schläge und wenig zu essen. Gegen ihre eigene hässliche Tochter aber war die Frau freundlich, und ließ sie tun, was sie wollte. Wenn nun Sabedda so traurig war, sprach ihr Vater wohl zu ihr: „Siehst du, warum hast du nicht auf mich gehört? ich habe es dir ja gesagt, es würde dich reuen. Jetzt kann ich dir nicht helfen.“

Eines Tages nun, da die Stiefmutter die arme Sabedda wieder grausam geschlagen hatte, sprach diese zu ihrem Brüderchen: „Komm, wir wollen in die weite Welt gehen, und unser Glück versuchen; bei der Stiefmutter kann ich es nicht mehr aushalten.“ Das Brüderchen war es zufrieden, und so schlichen sie sich leise mit einander fort, und wanderte in die weite Welt.

Da sie nun eine lange Zeit gewandert waren, wurde das Brüderchen so durstig, daß es schier verschmachtete, und da sie an einen Bach kamen, sprach es: „Sabedda, ich bin so durstig, ich will ein wenig trinken.“ Sabedda aber verstand, was das Bächlein rauschte: „Wer von meinem Wasser trinkt, der wird ein Schäfchen mit goldnen Hörnern.“ Und so sprach sie: „Ach, Brüderchen, trinke nicht von diesem Wasser, sonst wirst du ein Schäfchen mit goldnen Hörnern.“ Aber das Brüderchen hatte sich schon zum Wasser niedergebeugt, und kaum hatte es einige Schlucke getrunken, so war es schon in ein niedliches Schäfchen verwandelt, und hatte hübsche goldne Hörner. Da fing Sabedda an zu weinen, und wanderte traurig weiter, und das Schäfchen lief neben ihr her. Weiterlesen

37.2 Schwesterchen Alenuschka und Brüderchen Iwanuschka – oder ab nach Russland

Bevor es nach Süden geht, machen wir noch schnell einen Abstecher nach Russland. Da haben Brüderchen und Schwesterchen richtige Eigennamen. Aber lest selbst…

Schwesterchen Alenuschka und Brüderchen Iwanuschka

Es waren einmal ein Zar und eine Zarin, die hatten einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn hieß Iwanuschka und die Tochter Alenuschka. Da starben der Zar und die Zarin und die Kinder blieben allein zurück. Da wanderten sie in die weite Welt.

Sie gingen, gingen und gingen, da kamen sie an einen Teich, an dem weidete eine Herde Kühe.

„Ich will trinken,“ sagte Iwanuschka. „Trink nicht, Brüderchen, sonst wirst du ein Kalb,“ sagte Alenuschka. Er gehorchte und sie gingen weiter, da kamen sie an einen Fluß, da weidete eine Herde Pferde am Ufer.

„Ach, Schwesterlein, wenn du wüsstest, wie durstig ich bin!“ „Trink nicht, Brüderlein, sonst wirst du ein Füllen.“ Iwanuschka gehorchte und sie gingen immer weiter, da sahen sie einen See, an dem eine Herde Schafe entlang zog.

„Ach, Schwesterchen, ich bin entsetzlich durstig.“ „Trink nicht, Brüderchen, sonst wirst du ein Lämmchen.“ Iwanuschka gehorchte und sie gingen weiter, da sahen sie einen Bach, daneben weideten Schweine.

„Ach, Schwesterchen, ich trinke, ich bin so schrecklich durstig.“ „Trink nicht, Brüderchen, sonst wirst du ein Ferkel.“ Iwanuschka gehorchte wieder und sie gingen immer, immer weiter, da sahen sie an einem Wasser eine Herde Ziegen.

„Ach, Schwesterchen, ich trinke.“ „Trink nicht, sonst wirst du ein Böckchen.“ Er hielt es aber nicht mehr aus, gehorchte der Schwester nicht, trank und wurde ein Böcklein, das sprang vor Alenuschka einher und rief: „Mäh! mäh!“

Alenuschka band ihm ihren seidenen Gürtel um den Hals, führte ihn daran und weinte dabei bitterlich. Das Böcklein lief und sprang voran, einmal lief es in des Zaren Garten. Da wurde es gesehen und gleich meldete man es dem Zaren. „Eure Majestät, im Garten läuft ein Böcklein umher, ein wunderschönes Mädchen führt es an einem Band.“ Weiterlesen

37.1 Brüderchen und Schwesterchen gehen auf Märchenweltreise – heute: Start bei den Brüdern Grimm

Nachdem ich ewig nicht die Zeit für die notwendige Recherche hatte, geht es diese Woche endlich mal wieder auf eine Märchenweltreise und zwar mit dem berühmten Märchen von Brüderchen und Schwesterchen.

Im Laufe der Woche wird es uns in immer südöstlichere Gefilde treiben, aber beginnen wollen wir doch mit der zumindest mir bekannten Version und damit bei den Brüdern Grimm. Lest also selbst…

Brüderchen und Schwesterchen
(Brüder Grimm)

Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand und sprach: „Seit die Mutter tot ist, haben wir keine gute Stunde mehr; die Stiefmutter schlägt uns alle Tage, und wenn wir zu ihr kommen, stößt sie uns mit den Füßen fort. Die harten Brotkrusten, die übrig bleiben, sind unsere Speise, und dem Hündlein unter dem Tisch geht’s besser: dem wirft sie doch manchmal einen guten Bissen zu. Dass Gott erbarm, wenn das unsere Mutter wüsste! Komm, wir wollen miteinander in die weite Welt gehen.“ Sie gingen den ganzen Tag über Wiesen, Felder und Steine, und als es regnete, sprach das Schwesterchen: „Gott und unsere Herzen die weinen zusammen!“ Abends kamen sie in einen großen Wald und waren so müde von Jammer, Hunger und dem langen Weg, dass sie sich in einen hohlen Baum setzten und einschliefen.

Am andern Morgen, als sie aufwachten, stand die Sonne schon hoch am Himmel und schien heiß in den Baum hinein. Da sprach das Brüderchen: „Schwesterchen, mich dürstet, wenn ich ein Brünnlein wüsste, ich ging und tränk einmal; ich mein, ich hört eins rauschen.“ Brüderchen stand auf, nahm Schwesterchen an der Hand, und sie wollten das Brünnlein suchen. Die böse Stiefmutter aber war eine Hexe und hatte wohl gesehen wie die beiden Kinder fortgegangen waren, war ihnen nachgeschlichen, heimlich, wie die Hexen schleichen, und hatte alle Brunnen im Walde verwünscht. Als sie nun ein Brünnlein fanden, das so glitzerig über die Steine sprang, wollte das Brüderchen daraus trinken: aber das Schwesterchen hörte wie es im Rauschen sprach: „Wer aus mir trinkt, wird ein Tiger: wer aus mir trinkt, wird ein Tiger.“ Da rief das Schwesterchen: „Ich bitte dich, Brüderchen, trink nicht, sonst wirst du ein wildes Tier und zerreißt mich.“ Das Brüderchen trank nicht, ob es gleich so großen Durst hatte, und sprach: „Ich will warten bis zur nächsten Quelle.“ Als sie zum zweiten Brünnlein kamen, hörte das Schwesterchen wie auch dieses sprach: „Wer aus mir trinkt, wird ein Wolf: wer aus mir trinkt, wird ein Wolf.“ Da rief das Schwesterchen: „Brüderchen, ich bitte dich, trink nicht, sonst wirst du ein Wolf und frisst mich.“ Das Brüderchen trank nicht und sprach: „Ich will warten, bis wir zur nächsten Quelle kommen, aber dann muss ich trinken, du magst sagen, was du willst: mein Durst ist gar zu groß.“ Und als sie zum dritten Brünnlein kamen, hörte das Schwesterlein, wie es im Rauschen sprach: „Wer aus mir trinkt, wird ein Reh, wer aus mir trinkt, wird ein Reh.“ Das Schwesterchen sprach: „Ach Brüderchen, ich bitte dich, trink nicht, sonst wirst du ein Reh und läufst mir fort.“ Aber das Brüderchen hatte sich gleich beim Brünnlein nieder gekniet, hinab gebeugt und von dem Wasser getrunken, und wie die ersten Tropfen aus seine Lippen gekommen waren, lag es da als ein Rehkälbchen. Weiterlesen