Archiv der Kategorie: norwegische Märchen

23.7 Hakon Borkenbart

Zum Abschluss der norwegischen Märchenwoche kommen wir zu einem Märchen, das der einen oder dem anderen bekannt vorkommen könnte. Aber lest selbst…

Hakon Borkenbart

Es war einmal eine Königstochter, die war so stolz und schnippisch, dass kein Freier ihr gut genug war; sie machte sich über alle lustig und gab dem einen nach dem andern einen Korb; dennoch aber kamen immer der Freier genug, weil die Hexe so außerordentlich schön war. Einmal kam auch ein Prinz, mit Namen Hakon Borkenbart, und warb um sie. Aber da sagte die Prinzessin am Abend zu dem Hofnarren, er solle hingehen, und dem einen Pferd des Prinzen die Ohren abschneiden, und dem andern das Maul bis an beide Ohren aufschlitzen. Das tat denn der Hofnarr auch.

Als nun der Prinz den andern Tag ausfahren wollte, stand die Prinzessin auf dem Flur und sah hinaus. „Nein!“ sagte sie, „so etwas hab’ ich mein Lebtag noch nicht gesehen. Da ist der Nordwind gekommen und hat dem einen Pferd die Ohren abgeweht, und darüber hat das andre so gewaltig gelacht, dass ihm das Maul bis an die Ohren aufgerissen ist.“ Und damit lief sie hinein und ließ den Prinzen abziehen.

Dieser reiste nun wieder nach Hause, aber er dachte bei sich selbst, er wolle sich schon dafür rächen, machte sich einen großen Bart von Moos, zog einen weißen ledernen Rock an und kleidete sich aus wie ein Bettler; dann kaufte er bei einem Goldschmied einen goldnen Rocken, und damit setzte er sich eines Morgens unter das Fenster der Prinzessin hin und fing an zu feilen; denn der Rocken war noch nicht ganz fertig, auch war noch kein Wocken daran.

Als die Prinzessin ans Fenster kam, öffnete sie es sogleich und fragte ihn, ob er ihr nicht den goldnen Rocken verkaufen wolle. „Nein, zu verkaufen ist er nicht,“ sagte Hakon Borkenbart, „aber es mag drum sein! Willst Du mich diese Nacht vor Deiner Kammertür schlafen lassen, so sollst Du ihn haben.“ Ja, das, meinte die Prinzessin, wäre ein wohlfeiler Kauf, und die Sache sei eben nicht so gefährlich. Sie bekam nun den Rocken, und am Abend legte Hakon Borkenbart sich draußen vor ihrer Kammertür hin.

Als es aber auf die Nacht kam, fing er an entsetzlich zu frieren. „Hutetutetutetu! Es ist so kalt hier!“ rief er, „Lass mich bloß hinein!“ „Ich glaube, Du bist verrückt!“ sagte die Prinzessin. „Ach, hutetutetutetu! es ist so kalt! Lass mich bloß hinein!“ rief Hakon Borkenbart noch einmal. „Scht! Schweig doch still!“ sagte die Prinzessin, „Denn hört mein Vater, dass hier eine Mannsperson ist, so bin ich rein unglücklich.“ „Oh hutetutetutetu! Wie mich friert! Lass mich bloß hinein und auf der Erde liegen!“ flehte Hakon Borkenbart. Es war nun kein anderer Rat, die Prinzessin musste ihn einlassen, und darauf legte er sich in ihrer Kammer auf die Erde hin und schlief ein.

Einige Tage danach kam Hakon auch mit dem Wocken und setzte sich wieder unter das Fenster der Prinzessin hin und fing an zu feilen; denn der Wocken war noch nicht ganz fertig. Sobald die Prinzessin ihn gewahr wurde, öffnete sie wieder das Fenster und fragte ihn, was er da hätte. „Oh, es ist bloß der Wocken zu dem Spinnrocken, den Du mir neulich abkauftest; denn ich dachte, wenn Du doch einmal den Rocken hättest, so könntest Du auch wohl den Wocken dazu gebrauchen.“ „Was willst Du denn dafür haben?“ fragte ihn die Prinzessin. „Für Geld ist er nicht feil,“ sagte er, „willst Du mich aber diese Nacht wieder auf dem Boden in deiner Kammer schlafen lassen, so sollst Du ihn haben.“ „Ja, recht gern,“ sagte die Prinzessin, „aber Du musst auch nicht wieder so frieren und Hutetu! sagen.“ Nein, das wollt’ er auch nicht; aber als es auf die Nacht kam, fing er an zu huppern und zu frieren und hutetu! zu sagen, dass der Prinzessin wieder angst und bange ward, und sie musste ihm erlauben, sich an die Erde dicht vor ihrem Bett hinzulegen, damit nur der König es nicht gewahr würde, und da schlief er nun die Nacht über ruhig und wohl.

Hiernach dauerte es eine ganze Zeit, ehe Hakon Borkenbart sich wieder sehen ließ; endlich aber bemerkte die Prinzessin ihn eines Morgens wieder unter ihrem Fenster, wo er saß und an einer goldnen Garnwinde feilte. Sie fragte ihn nun wieder, was er für die Garnwinde haben wolle. „Die ist nicht für Geld feil,“ sagte er, „aber willst Du mich diese Nacht in Deiner Kammer mit dem Kopf an Deiner Bettstelle schlafen lassen, so sollst Du sie haben.“ Ja, das könnte er gern, sagte die Prinzessin, wenn er bloß ruhig sein und nicht wieder solchen Lärm machen wolle. Nein, das wolle er gewiss nicht, sagte Hakon Borkenbart. Weiterlesen

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23.6 Das Mädchen, welches lange pinkeln konnte

So, nach wunderschönen Zauber/Heldenmärchen und lustigen Tiermärchen heute ein zünftig-zotiges Schwankmärchen. Aber lest selbst…

Das Mädchen, welches lange pinkeln konnte

Es war einmal ein Kaufmann, der ein großes Grundstück gekauft hatte, von dem aber ein guter Teil noch ganz wüst lag, und da er nun auch eine Tochter besaß, welche wunderlang pinkeln konnte, so machte er mit jedem, der zu ihm kam und bei ihm Arbeit haben wollte, den Accord, dass wenn er nicht im Stande wäre, so lange zu graben, wie seine Tochter zu pinkeln vermochte, so solle er außer der Kost keine andere Bezahlung bekommen; könne er aber langer graben, so würde er dreifachen Tagelohn erhalten. Da fanden sich nun viele, die es versuchten, aber umsonst; denn gruben sie lange, so pinkelte das Mädchen noch länger, und dies ging so fort, bis endlich der Kaufmann fast das ganze Grundstück für Essen und Trinken umgegraben bekam.

Endlich jedoch kam da Einer, der pfiffiger als alle andern war und meinte, es solle dem Mädchen nichts nützen, wie geschickt sie auch ihre Fut* zu gebrauchen wüsste. Er ging daher auf den Accord ein, kaufte aber dann einige Tüten Rosinen, gebrannte Mandeln und Zuckerwerk, worauf er am nächsten Morgen ganz frühzeitig aufs Feld hinausging und die Tüte Rosinen unter die Scheunenbrücke, die andere mit den Mandeln unter einen Stein, die dritte mit dem Zuckerwerk unter einen Wachholderstrauch versteckte. Um die Frühstückszeit kam nun die Kaufmannstochter und setzte sich auf die Scheunenbrücke, wo sie mit den Arbeitern, während sie aßen, zu plaudern pflegte.

Als sie aber sah, wie rüstig der erwähnte Bursche gearbeitet und wieviel er in den ersten drei Stunden gegraben hatte, erschrak sie ganz gewaltig, aus Furcht, dass sie verlieren könnte und rief ihn in die Scheuer hinein, wo er frühstücken sollte. Er kam also und fing ohne weiteres zu essen an, bald nachher aber schlug er sich zwischen die Beine und sprach: „Halt’s Maul, du Schwätzer! Witterst du nun wieder etwas?“ „Zu wem sprichst du denn da?“ fragte das Mädchen. „Es ist nichts,“ antwortete der Bursche, „Ich habe hier einen Wahrsager sitzen, der nimmer die Schnauze halten kann, sondern ohne Aufhören schwatzt und sich in jeden Quark mischt.“ „Ei der Tausend!“ rief das Mädchen aus, und fügte voll Neugier hinzu: „Was sagt er denn jetzt?“ „Was er sagt, darum muss man sich nicht kümmern,“ erwiderte der Bursche; „es ist doch nur tolles Zeug, wenn er auch zuweilen die Wahrheit spricht und das, was er prophezeit, eintrifft.“ Weiterlesen

23.5 Der Bär und der Fuchs – und zwar gleich zwei Mal!

Nun aber noch einmal ein ordentliches Tiermärchen. Nein, besser gleich zwei. 🙂 Lest selbst…

Der Bär und der Fuchs
Warum der Bär einen Stumpfschwanz hat

Dem Bären begegnete einmal der Fuchs, der mit einem Bündel Fische angeschlichen kam, die er gestohlen hatte. „Wo hast Du die her?“ fragte der Bär. „Die hab’ ich mir geangelt, Herr Bär,“ versetzte der Fuchs. Da bekam der Bär auch Lust, das Angeln zu lernen, und bat den Fuchs, ihm doch zu sagen, wie er es machen müsste. „Das ist eine leichte Kunst und sehr bald gelernt,“ erwiderte der Fuchs, „Du musst nur aufs Eis gehen, Dir ein Loch hauen und den Schwanz hineinstecken, und dann musst Du ihn recht lange drein halten und Dich nicht darum bekümmern, wenn’s ein bisschen weh tut. Denn das ist ein Zeichen, dass Fische dran beißen; und je länger Du’s aushalten kannst, desto mehr Fische bekommst Du. Aber wenn’s zuletzt recht tüchtig kneift, dann musst Du aufziehen.“ Ja, der Bär tat, wie der Fuchs ihm gesagt hatte, und hielt den Schwanz so lange ins Loch, bis er darin festgefroren war. Da zog er auf – den Schwanz ab, und nun geht er noch da den heutigen Tag mit einem Stumpfschwanz.

Wie der Fuchs den Bären ums Weihnachtsessen prellt

Der Bär und der Fuchs hatten sich einmal zusammen ein Viertel Butter gekauft, das wollten sie zum Weihnachten haben und verwahrten es daher unter einen dicken Tannenbusch. Darauf gingen sie fort und legten sich auf einem Hügel in der Sonne schlafen. Als sie eine Weile gelegen hatten, sprang der Fuchs auf und rief: „Ja!“ und damit lief er gradesweges zu dem Butterviertel, wovon er gut den dritten Teil auffraß. Als er aber zurückkam, und der Bär ihn fragte, wo er gewesen sei, dass er so fett ums Maul wäre, sagte er: „Meinst Du denn nicht, ich sei zu Gevatter gebeten, Du?“ „Na so!“ sagte der Bär, „wie hieß denn das Kind?“ „Angefangen,“ sagte der Fuchs. Weiterlesen

23.4 Die drei Muhmen

In den bisherigen norwegischen Märchen mussten in meiner kompetenten (oh, das hört sich spannend an) Auswahl ja nur Männer oder Jungs (oder Hähne) Prüfungen bestehen. Nun ist das weibliche Geschlecht an der Reihe. Und schon geht alles ganz anders. Aber lest selbst…

Die drei Muhmen

Es war einmal ein armer Mann, der wohnte in einer Hütte, weit, weit weg in einem Walde, und ernährte sich von der Jägerei. Er hatte eine einzige Tochter, die war außerordentlich schön. Da aber die Mutter schon früh gestorben, und das Mädchen nun schon halb erwachsen war, sagte sie eines Tages zu ihrem Vater, sie wolle sich bei andern Leuten in Dienst geben, damit sie lernen könne, sich hiernach selbst ihr Brot zu verdienen. „Ja, meine Tochter,“ sagte der Vater, „Du hast bei mir freilich nichts anders gelernt, als Vögel rupfen, aber Du magst es immerhin versuchen, Dir Dein Brot selbst zu verdienen.“

Das Mädchen ging nun fort, um sich einen Dienst zu suchen, und als sie eine Weile gegangen war, kam sie zu einem Königsschloss; da blieb sie, und die Königin mochte sie so wohl leiden, dass die andern Dirnen ganz neidisch auf sie wurden. Darum sagten sie eines Tages zu der Königin, das Mädchen hätte sich gerühmt, ein Pfund Flachs in vier und zwanzig Stunden spinnen zu können; denn sie wussten, die Königin hielt so viel auf Handarbeiten. „Ja, hast Du das gesagt, so sollst Du es auch,“ sagte die Königin zu ihr, „indessen macht es nichts, wenn Du auch etwas mehr Zeit dazu gebrauchst.“ Das arme Mädchen wagte nicht, zu sagen, dass sie niemals gesponnen hätte, sondern bat nur um eine Kammer für sich allein; die bekam sie denn auch, und man brachte ihr einen Spinnrocken und Flachs. Da saß sie nun und war betrübt und weinte und konnte sich gar nicht raten. Sie stellte den Rocken vor sich hin und kehrte und drehte ihn, aber sie wusste ganz und gar nicht, wie sie’s anfangen sollte; denn sie hatte nie zuvor in ihrem Leben nur einmal einen Spinnrocken gesehen. Weiterlesen

23.3 Hähnchen und Hühnchen im Nusswald

Heute still ich meinen Tiere-in-Märchenbedarf mit einer weiteren norwegischen Variante eines Klassikers. Aber lest selbst…

Hähnchen und Hühnchen im Nusswald

Hähnchen und Hühnchen gingen einmal in den Nusswald, um sich Nüsse zu pflücken; da bekam Hühnchen eine Nussschale in den Hals und lag nun da und zappelte und schlug mit den Flügeln. Nun sollte Hähnchen hinlaufen und dem Hühnchen Wasser aus der Quelle holen.

Hähnchen lief auch hin, und als er zur Quelle kam, sagte er: „Quelle, gib mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ Die Quelle aber antwortete: „Ich geb’ Dir kein Wasser, eh Du mir nicht Laub gibst.“ Da lief Hähnchen zur Linde: „Linde, gib mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir kein Laub, eh Du mir nicht rotes Goldband gibst,“ antwortete die Linde.

Da lief Hähnchen zur Jungfrau Maria: „Jungfrau Maria, gib mir rotes Goldband. Das rote Goldband geb’ ich der Linde, die Linde gibt mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir kein rotes Goldband, eh Du mir nicht Schuhe gibst,“ antwortete die Jungfrau Maria. Da lief Hähnchen zum Schuster: „Schuster, gib mir Schuh’, die Schuh’ geb‘ ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria gibt mir rotes Goldband, das rote Goldband geb’ ich der Linde, die Linde gibt mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir keine Schuh’, eh‘ Du mir nicht Borsten gibst,“ antwortete der Schuster. Da lief Hähnchen zum Eber: „Eber, gib mir Borsten, die Borsten geb’ ich dem Schuster, der Schuster gibt mir Schuh’, die Schuh’ geb’ ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria gibt mir rotes Goldband, das rote Goldband geb’ ich der Linde, die Linde gibt mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir keine Borsten, eh Du mir nicht Korn gibst,“ antwortete der Eber. Weiterlesen

23.2 Von Aschenbrödel, welcher die silbernen Enten, die Bettdecke und die goldne Harfe des Trollen stahl

Ihr erinnert euch an unsere Märchenweltreise mit Aschenputtel inklusive der Entdeckung, dass es bei den Ungarn und bei den Siebenbürger Sachsen einen männlichen Aschenbrödel hat? Nicht nur dort.

Auch in den norwegischen Märchen ist der Aschenbrödel ein Bauernjunge, um den es allerlei wunderschöne Märchen gibt. Aber lest selbst…

Von Aschenbrödel, welcher die silbernen Enten, die Bettdecke und die goldne Harfe des Trollen stahl

Es war einmal ein armer Mann, der hatte drei Söhne. Als er starb, wollten die beiden ältesten in die Welt reisen, um ihr Glück zu versuchen; aber den jüngsten wollten sie gar nicht mit haben. „Du da,“ sagten sie, „taugst zu nichts anderm, als in der Asche zu wühlen, Du!“ „So muss ich denn allein gehen,“ sagte Aschenbrödel.

Die beiden gingen und kamen zu einem Königsschloss; da erhielten sie Dienste, der eine beim Stallmeister, und der andre beim Gärtner. Aschenbrödel ging auch fort und nahm einen großen Backtrog mit, das war das Einzige, was die Ältern hinterlassen hatten, wonach aber die andern beiden nichts fragten; der Trog war zwar schwer zu tragen, aber Aschenbrödel wollte ihn doch nicht stehen lassen.

Als er eine Zeitlang gewandert war, kam er ebenfalls zu dem Königsschloss, und dort bat er um einen Dienst. Sie antworteten ihm aber, dass sie ihn nicht brauchen könnten; da er indes so flehentlich bat, sollte er zuletzt die Erlaubnis haben, in der Küche zu sein und der Köchin Holz und Wasser zuzutragen. Er war fleißig und flink, und es dauerte nicht lange, so hielten alle viel von ihm; aber die beiden Andern waren faul, und darum bekamen sie oft Schläge und wenig Lohn und wurden nun neidisch auf Aschenbrödel, da sie sahen, dass es ihm besser ging.

Dem Königsschloss grade gegenüber, an der andern Seite eines Wassers, wohnte ein Troll, der hatte sieben silberne Enten, die auf dem Wasser schwammen, so dass man sie von dem Schloss aus sehen konnte; die hatte sich der König oft gewünscht, und deshalb sagten die zwei Brüder zu dem Stallmeister: „Wenn unser Bruder wollte, so hat er sich gerühmt, dem König die sieben silbernen Enten verschaffen zu können.“ Man kann sich wohl denken, es dauerte nicht lange, so sagte der Stallmeister es dem König. Dieser sagte darauf zu Aschenbrödel: „Deine Brüder sagen, Du könntest mir die silbernen Enten verschaffen, und nun verlange ich es von Dir.“ „Das habe ich weder gedacht, noch gesagt,“ antwortete der Bursch. „Du hast es gesagt,“ sprach der König, „und darum sollst Du sie mir schaffen.“ „Je nun,“ sagte der Bursch, „wenn’s denn nicht anders sein kann, so gieb mir nur eine Metze Rocken und eine Metze Weizen; dann will ich’s versuchen.“ Weiterlesen

23.1 Der Vogel Dam – oder: Wunderschöne Märchen aus Norwegen

Auf der Suche nach schönen Märchenmotive für den inzwischen freilich nicht mehr ganz so neuen Header für den Märchensammler bin ich auf eine Reihe wunderschöner Illustrationen von Carl Larsson zu norwegischen Märchen gestoßen. Und bin dadurch neugierig geworden auf die dazugehörigen Märchen und wurde nicht enttäuscht. Wunderschöne, detailverliebte Märchen. Auf nach Norwegen, heißt es also diese Woche!

Standesgemäß fangen wir mit dem Märchen an, dessen eine Illustration ich in den Header gebastelt habe. Aber lest selbst…

Der Vogel Dam

Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter, und von denen hielt er so viel, dass er sie nie aus den Augen ließ; aber jeden Mittag, wenn der König schlief, gingen die Prinzessinnen spazieren. Einstmals, da der König wieder seinen Mittagsschlummer hielt, und die Prinzessinnen, wie gewöhnlich, spazieren gegangen waren, geschah es, dass sie nicht zurückkehrten, sondern ausblieben. Da entstand große Sorge und Betrübnis im ganzen Land; aber am betrübtesten von Allen war der König. Er sandte Boten aus durch sein ganzes Reich und in viele fremde Länder und ließ sie nachsuchen und ihnen nachläuten mit allen Glocken über das ganze Land; aber die Prinzessinnen waren fort und blieben fort, so dass Niemand wusste, wo sie gestoben oder geflogen waren.

Da könnte man denn wohl begreifen, dass sie von irgendeinem Trollen entführt sein mussten. Das Gerücht hiervon verbreitete sich bald von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, und endlich gelangte es auch zu einem König, der in einem Lande weit, weit weg wohnte und zwölf Söhne hatte. Als die Söhne von den zwölf Königstöchtern erzählen hörten, baten sie ihren Vater um Erlaubnis, reisen zu dürfen, um die Prinzessinnen aufzusuchen. Der alte König aber wollte anfangs nichts davon wissen; denn er fürchtete, dass er dann die Söhne niemals wiedersehen möchte; aber die Prinzen fielen ihm zu Füßen und baten ihn so lange, bis er endlich nachgab und sie reisen ließ.

Er rüstete nun ein Schiff für sie aus und setzte zum Steuermann über dasselbe den Ritter Röd, der zu Wasser wohl erfahren war. Lange Zeit segelten sie nun umher und forschten in allen Ländern, wohin sie kamen, nach den Prinzessinnen; aber sie entdeckten keine Spur von ihnen. Es fehlten jetzt nur noch wenige Tage, so hatten sie schon sieben Jahre gesegelt. Da entstand eines Tages ein heftiger Sturm und ein solches Unwetter, dass sie glaubten, sie würden nimmer wieder ans Land kommen, und alle mussten in einem fort arbeiten, so dass kein Schlaf in ihre Augen kam, so lange das böse Wetter anhielt. Aber am dritten Tage legte sich der Sturm, und es ward auf einmal ganz still. Alle waren nun von der Arbeit und dem schlimmen Wetter so müde geworden, dass sie sogleich einschliefen; nur der jüngste Prinz hatte keine Ruhe und konnte nicht schlafen.

Während er nun auf dem Verdeck hin- und herging, trieb das Schiff an eine Insel, und auf der Insel lief ein Hündchen am Ufer und bellte und winselte gegen das Schiff an, als ob es hinauf wolle. Der Königssohn pfiff und lockte das Hündchen an sich; aber es konnte nicht zu ihm kommen und bellte und winselte nur umso mehr. Dem Prinzen schien, es wäre Sünde, das Hündchen dort umkommen zu lassen, das, wie er glaubte, von einem Schiff sei, welches in dem Sturm untergegangen wäre. Aber er wusste nicht, wie er ihm helfen sollte, da er sich nicht im Stande glaubte, das Boot allein auszusetzen; denn alle die andern schliefen, und er wollte sie nicht gern wegen des Hundes aufwecken. Aber das Wetter war so klar und so still; da dachte er denn, du musst es doch versuchen, ob du das Tierchen nicht retten kannst, und er machte sich daran, das Boot auszusetzen, und es ging damit leichter, als er geglaubt hatte.

Er ruderte nun ans Land und ging auf das Hündchen zu; aber so oft er es greifen wollte, sprang es zur Seite und lockte so den Prinzen immer weiter fort, bis dieser, eh er es gewahr ward, sich in einem großen, prächtigen Schlosse befand. Da verwandelte sich das Hündchen plötzlich in eine schöne Prinzessin. Auf der Bank aber saß ein Mann, so groß und so hässlich, dass der Prinz darüber erschrak. „Du brauchst nicht bange zu sein,“ sagte der Mann, aber der Prinz erschrak noch mehr, als er seine Stimme hörte. „Ich weiß wohl, was Du willst: Es sind Eurer zwölf Prinzen, die suchen die zwölf verloren gegangenen Prinzessinnen. Ich weiß aber wohl, wo sie sind: sie sind bei meinem Herrn; da sitzen sie jede auf ihrem Stuhl und lausen ihn, denn er hat zwölf Köpfe. Nun seid Ihr sieben Jahre lang umhergesegelt, aber Ihr werdet noch sieben Jahre dazu segeln müssen, eh Ihr sie findet. Was Dich betrifft, so könntest Du gern hier bleiben, und meine Tochter bekommen; aber Du musst erst meinen Herrn töten, denn er ist sehr strenge gegen uns, so dass wir seiner längst überdrüssig sind; und wenn er tot ist, werde ich König an seiner Stelle. Versuche aber nun, ob Du dieses Schwert zu schwingen vermagst,“ sagte der Troll. Weiterlesen