Archiv der Kategorie: irische Märchen

22.7 Giolla na Choricean Gobhar oder Der Mann in dem Ziegenfelle

Zum würdigen Abschluss gibt es heute ein Zauber/Heldenmärchen mit Riesen und Prinzessinen und Prüfungen und Teufeln. Lest selbst…

Giolla na Choricean Gobhar oder Der Mann in dem Ziegenfelle

Vor langer, langer Zeit lebte in der Gegend von Enniscerthy eine alte Witwe, die war so arm, dass sie ihrem einzigen Sohn keine Kleider geben konnte und gezwungen war, ihn in ein kleines Loch neben dem Feuerherde zu setzen und mit warmer Asche zu umhüllen. Je größer er ward, desto tiefer musste sie die Grube machen; doch endlich fand sie zufällig ein Ziegenfell und band es ihm um die Lenden und sprach: „Tom, du bist jetzt ein großer Schlingel geworden, bist über sechs Fuß lang und über neunzehn Jahre alt, so dass du auch einmal etwas für mich tun kannst. Gehe also in den Wald und hole mir ein Bündel Holz!“ „Das sollst du nicht zweimal sagen,“ erwiderte Tom und ging fort.

Als er sein Bündel fertig hatte und es eben auf die Schulter nehmen wollte, kam plötzlich ein neun Fuß hoher Riese auf ihn zu und drohte ihn mit seiner Keule zu zerschmettern. Tom aber sprang schnell auf die Seite und versetzte dem Riesen unversehens einen solchen Schlag, dass er den Boden küsste. „Hast du noch etwas zu besorgen,“ sagte er dann zu ihm, „so sag’ es, ehe ich dir vollends den Garaus mache!“

„Ich habe nichts zu bestellen,“ erwiderte der Riese, „aber wenn du mir das Leben schenken willst, werde ich dir meine Keule geben und, wenn du gut und brav bleibst, so wirst du jeden Kampf, den du beginnst, damit gewinnen!“

Tom war damit vollkommen einverstanden. Er nahm die Keule in seine rechte Hand, setzte sich auf sein Holzbündel und sprach: „Da ich so viele Mühe gehabt habe, dich zusammenzuhauen, so zeige dich auch dankbar gegen mich und trage mich nach Hause.“ Er schlug mit seiner Keule aufs Bündel und augenblicklich erhob es sich vom Boden und trug ihn durch die Luft nach Hause.

Als das Holz verbrannt war, wurde Tom abermals nach dem Walde geschickt, wo er diesmal mit einem Riesen kämpfen musste, der zwei Köpfe hatte. Der Kampf war ein hartnäckiger; aber Tom blieb Sieger und der Riese schenkte ihm dafür, dass er ihm das Leben ließ, eine Wunderpfeife, die Jeden tanzen machte, der ihre Töne hörte. Tom überzeugte sich auch gleich von ihrer Zauberkraft, indem er sich auf das Holzbündel setzte und es ihn nach Hause tanzen ließ.

Beim dritten Male hatte er mit einem dreiköpfigen Kerle zu kämpfen. Als er ihn ebenfalls besiegt hatte, erhielt er zum Geschenke eine Salbe, die ihn unverbrennbar und unverwundbar machte.

„Es sind unser nur Drei,“ sagte der Riese zum Abschied, „und es wird jetzt Niemand mehr kommen, der dich im Walde stört. Hole dir also so viel Holz wie du willst.“

Tom ging nach Hause und war stolzer als zehn Pfauen. Auch wagte er sich an diesem Tage zum ersten Male auf die Straße, wo er jedoch von einigen jungen Bengeln seines seltsamen Anzuges wegen verhöhnt und ausgelacht wurde. Gern hätte er sie seine Keule fühlen lassen, aber unnützerweise wollte er doch keinen Mord begehen.

Da kam nun eines Tages ein Mann in glänzender Kleidung in das Dorf und machte bekannt, dass die Tochter des Königs zu Dublin so melancholisch sei, dass sie seit sieben Jahren nicht ein einziges Mal gelacht habe; wer sie nun drei Mal lachen mache, der würde sie zur Frau bekommen. „Das passt gerade für mich,“ sagte Tom zu sich selber, nahm Keule, Salbe und Pfeife und machte sich augenblicklich auf den Weg nach Dublin. Weiterlesen

22.6 Die Geschichte von drei Geistern, welche Fußball spielten

In Märchen eh kaum möglich, scheint es in irischen Märchen noch viel weniger möglich, dem Geistergesindel zu entrinnen. Statt Feen gibt es heute aber ‚echte Kerle‘, die – wie könnte es anders sein! – Fußball spielen. Aber lest selbst…

Die Geschichte von drei Geistern, welche Fußball spielten

Es war einmal eine arme Witwe, die hatte einen einzigen Sohn, den sie fort in die weite Welt schicken musste, da sie zu Hause kein Brot für ihn hatte. Derselbe ging nun von Haus zu Haus und suchte Obdach und Arbeit.

Einst kam er zu einem reichen Bauern, der sprach zu ihm: „Wenn du eine Nacht in dem Schloss nebenan schlafen willst, so sollst du am nächsten Morgen hundert Guineen haben!“

„Das will ich gerne tun,“ erwiderte der Knabe, „vorausgesetzt, dass ihr Niemand hinschickt, der mich umbringen soll!“

„Gewiß nicht. Aber in jenem Schlosse spukt es seit dem Tode meines Vaters und schon zwei oder drei Personen, die darin schliefen, wurden am nächsten Morgen tot gefunden. Wenn du diese Nacht überlebst, so sollst du ein schönes Landgut und meine Tochter zur Frau haben.“

„Ich habe ein gutes Gewissen und brauche mich daher vor bösen Geistern nicht zu fürchten,“ erklärte der junge Mann. Und als er zu Abend gegessen hatte, ward er in ein Zimmer des verzauberten Schlosses geführt und seinem Schicksale überlassen. Er machte sich ein großes Feuer an und setzte sich an den Tisch, auf dem eine große Flasche mit Wein stand.

„Mein Gebetbuch ist besser,“ sagte er zu sich und fing an, darin zu lesen; doch bald wurde er durch ein verdächtiges Geräusch im Kamine gestört. „Ich falle, ich falle,“ rief es beständig. „Falle nur zu!“ antwortete der Jüngling und gleich kamen zwei menschliche Beine herunter, die sich von selber in eine Ecke stellten. Als er nachsehen wollte, hörte er wieder dieselben Worte; er antwortete wieder das nämliche und mit der Zeit kam der übrige Körper herunter und setzte sich auf die Beine. In derselben Weise kamen noch zwei andere altmodisch gekleidete Männer aus dem Schornstein und begannen mit dem ersten Fußball zu spielen.

„Lasst uns doch lieber zu viert spielen,“ sprach der junge Mann, „dann sind zwei auf jeder Seite.“ Sie waren damit einverstanden und spielten bis spät nach Mitternacht. Als sie nun gehen wollten, fragte er sie: „Sagt mir doch, liebe Leute, warum ihr jede Nacht hierher kommt und ob ich etwas für euch tun kann, um euch zur Ruhe zu verhelfen!“ Weiterlesen

22.5 Der verzauberte See

Im heutigen Märchen geht es weniger um übernatürliche Wesen, obwohl eine „fat fairy“ vorkommt, als um deren Zauberreiche. Zum Beispiel eben auf dem Grund eines verzauberten Sees, aber lest selbst…

Der verzauberte See

Im westlichen Irland gab und gibt es zweifellos noch immer einen See, in dem zu verschiedenen Zeiten mehrere junge Männer ertranken. Was dieses Ereignis erstaunlich machte, war, dass man die Leichname der Ertrunkenen niemals wieder fand. Die Menschen wunderten sich natürlich darüber und allmählich erlangte der See einen schlechten Ruf. Viele grausige Geschichten wurden über ihn erzählt: einige behaupteten, in dunkler Nacht leuchteten die Fluten wie Feuer, andere wollten schauerliche Gestalten über den See haben gleiten sehen; und alle waren sich einig, dass ein seltsamer Schwefelgeruch aus ihm hervorsteige.

Es lebte in geringer Entfernung von diesem See ein junger Bauer namens Roderick Keating, der im Begriff war eines der schönsten Mädchen der ganzen Gegend zu heiraten. Eben war er von Limerick, wo er einen Trauring gekauft hatte, im Geleit zweier oder dreier Bekannter zurückgekehrt; sie standen am Ufer des Sees angelangt, als diese mit ihm über Peggy Honan zu scherzen begannen. Einer sagte, dass der junge Delaney, ein Nebenbuhler, in des Bräutigams Abwesenheit um die Gunst der Geliebten geworben habe – aber Rodericks Vertrauen auf seine Verlobte war zu groß, um durch dieses Gerede beeindruckt zu werden und so griff er mit der Hand in seine Tasche, zog den Trauring hervor und hielt ihn bedeutungsvoll in die Höhe. Indem er so den Ring als ein wahres Siegeszeichen zwischen Zeigefinger und Daumen drehte, entfiel er ihm irgendwie und rollte in den See. Roderick sah ihm mit der höchsten Bestürzung nach, weniger seines Wertes, obgleich er eine halbe Guinee dafür gegeben hatte, als der schlimmen Vorbedeutung wegen. Und das Wasser war so tief, dass man des Rings schwerlich wieder habhaft werden konnte. Seine Gefährten lachten ihn aus; vergeblich suchte er durch das Anerbieten ansehnlicher Belohnung sie zu bewegen, nach dem Ring unterzutauchen. Sie waren so wenig zu dem Wagstücke geneigt, als Roderick selbst, denn die Erzählungen, die sie als Kinder vernommen hatten, hatten sie zu nachhaltig beeindruckt und abergläubische Furcht erfüllte die Brust eines jeden.

„Muss ich also nach Limerick umkehren, einen andern Ring zu kaufen?“ rief der junge Bauer, „Zehnmal soviel als der Ring kostet, will es keiner darum wagen?“

Unter den Umstehenden befand sich ein Mensch, den man allgemein für blödsinnig und nicht recht bei Troste hielt, er war aber unschuldig wie ein Kind und pflegte in der Gegend von einem Ort zum andern zu wandern. Als er von so ansehnlichem Lohn hörte, erklärte Paddeen, denn das war sein Name, falls ihm Roderick Keating geben wolle, was er den andern versprochen hätte, so wäre er bereit, nach dem Ring zu tauchen. Während er sprach, sah Paddeen so begierig auf die Herausforderung wie auf das Geld aus. Weiterlesen

22.4 Das Geisterpferd

Wir bleiben bei den übernatürlichen Wesen, die in Irland echt bestens zu gedeihen scheinen. Nach Elfen und Klageweibern heute zu einem Pferdchen. Aber lest selbst…

Das Geisterpferd

Die Geschichte von Morty Sullivan mag allen jungen Männern zur Warnung dienen, in der Heimat zu bleiben, still und redlich zu leben und nicht in der Welt umherzuziehen. Als Morty eben das fünfzehnte Lebensjahr erreicht hatte, lief er seinen Eltern fort, die ein altes, ehrenwertes Paar waren und seinetwegen viele Tränen vergossen. Es wird erzählt, dass beide mit gebrochenem Herzen ob seinem Verlust starben; alles, was sie je über ihn in Erfahrung brachten war, dass er an Bord eines nach Amerika bestimmten Schiffes gegangen wäre.

Dreißig Jahre, nachdem die Alten friedlich in ihr Grab gelegt worden waren, kam ein Fremder nach Beerhaven und erkundigte sich nach ihnen – es war ihr Sohn Morty. Und um die Wahrheit zu sagen, sein Herz schien kummervoll, als er hörte, dass seine Eltern gestorben wären. Doch welche Antwort konnte er sonst erwarten? Reue kommt gewöhnlich, wenn es zu spät ist.

Morty Sullivan, jedoch, wurde als Buße für seine Sünden eine Wallfahrt nach der Kapelle von St. Gobnate angeraten, die in einer wilden Gegend namens Ballyvourney liegt.

Er war sogleich bereit dazu und in der Absicht keine Stunde zu verlieren, trat er noch denselben Nachmittag seine Reise an. Morty war noch nicht sehr weit gekommen, als schon die Nacht anbrach. Es schien kein Mond und das Sternenlicht wurde verdeckt durch dichten Nebel, der aus den Tälern aufstieg. Der Weg ging durch eine Berggegend mit vielen Kreuzwegen und Nebenpfaden, so dass es für einen Fremden wie Morty schwer war, sich ohne Führer zurecht zu finden. Er war ungeduldig, sein Ziel zu erreichen, und trieb sich selbst unnachgiebig an. Aber der Nebel wurde dichter und dichter und schließlich zweifelte er, ob er auf rechtem Wege zu St. Gobnate-Kapelle sei. Als er daher ein Licht erblickte, welches ihm nicht weit entfernt schien, ging er darauf zu, und wie er sich ganz nah glaubte, so schien das Licht plötzlich wieder in weiter Entfernung zu sein und schimmerte nur ganz schwach durch den Nebel. Zwar war Morty darüber ziemlich erstaunt, aber entmutigt war er keineswegs, denn er dachte, es sei ein Licht, welches die heilige Gobnate gesendet habe, um seine Füße sicher durch das Gebirge zu ihrer Kapelle zu leiten.

So wanderte er noch viele Meilen fort, immer, wie er glaubte, dem Lichte sich nähernd, welches plötzlich in eine weite Entfernung gesprungen war. Endlich kam er doch so nah, dass er bemerkte, das Licht rühre von einem Feuer her, neben welchem er deutlich ein altes Weib sitzen sah. Jetzt, in der Tat, wurde sein Glaube ein wenig erschüttert, und es nahm ihn sehr Wunder, dass beides, das Feuer und das alte Weib vor ihm hergezogen waren, so manche saure Stunde und über so holprigen Weg. Weiterlesen

22.3 Die Banshee von Bunworth

So, jetzt aber genug mit Elfen und ihren Vettern. Auf zur Banshee – die mir zugegeben eher aus Harry Potter bekannt ist, nicht das ich konkret wüsste, wo sie da vorkommt. Auch die Banshee ist jedoch ursprünglich und eigentlich eine Figur der irischen Folklore. Lest selbst…

Die Banshee von Bunworth

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war der ehrwürdige Charles Bunworth der Pfarrer von Buttevant in der Grafschaft Cork. Er war ein Mann von gründlichen Kenntnissen und ungeheuchelter Frömmigkei, aufrichtig und großmütig. Von den Reichen war er geachtet, von den Armen geliebt und ein Unterschied im Glauben minderte nicht die Zuversicht, mit der sie sich in einer schwierigen Angelegenheiten und Zeiten an „den Pfarrer“ (so nannten sie Herrn Bunworth) wendeten; denn sie waren gewiss, von ihm Beistand in Rat und Tat zu erhalten, wie ihn ein Vater seinen Kindern zu gewähren pflegt. Zu ihm kamen aus der benachbarten Stadt Newmarket seines Rates und Unterrichts wegen Curran sowohl als Yelverton vor ihrem Eintritt in das College zu Dublin. Jung, ohne Vermögen und Erfahrung empfingen diese späterhin berühmten Männer außer der Belehrung, die sie suchten, noch Unterstützung in Geld, und ihre glänzende Laufbahn in der Folge rechtfertigte die Unterstützung ihres Mentors.

Was indessen den Ruf des Herrn Bunworth weit über die Grenzen der nächsten Kirchsprengel hinaus verbreitete, war seine Fertigkeit auf der irischen Harfe, und die gastfreundliche Aufnahme und Bewirtung der armen Harfenspieler, die von Haus zu Haus in der Grafschaft umherzogen. Dankbar besangen sie auf ihren Wanderungen den Ruhm des Wohltäters zu den Tönen ihrer Harfe, indem sie zur Vergeltung seiner Güte reiche Segnungen auf sein weißes Haupt herabriefen und in ihren schlichten Versen die Reize seiner Töchter, Elizabeth und Mary, priesen. Es war Alles, was diese armen Kerle vermochten. Aber wer will an der Aufrichtigkeit ihres Dankes zweifeln, da bei dem Tod des Herrn Bunworth nicht weniger als fünfzehn Harfen auf dem Boden seines Kornhauses sich hinterlegt fanden, die ihm von den letzten Gliedern eines Stammes, der nun aufgehört hat zu bestehen, waren vermacht worden? Geringfügig, ohne Zweifel, war der eigentliche Wert dieser Überbleibsel, doch in den Gaben des Herzens liegt etwas, das verdient erhalten zu werden und es ist zu bedauern, dass nach seinem Tode diese Harfen eine nach der andern zerschlagen und von einem unwissenden Diener der Familie, welchem man, als sie für eine Zeitlang ihren Aufenthalt in Cork nahm, die Sorge für das Hauswesen übertragen hatte, zum Feueranmachen verbraucht wurden.

Die Umstände bei dem Tode des Herrn Bunworth mögen von Manchem in Zweifel gezogen werden; doch es leben noch jetzt glaubwürdige Zeugen, welche die Wahrhaftigkeit davon behaupten und bestellt werden können, um die meisten, wo nicht alle Einzelheiten der folgenden Erzählung zu verbürgen. Weiterlesen

22.2 Manche Dinge muss man sehen, um sie zu glauben

Aber in Irland gibt es nicht nur Feen, wie wir sie kennen. Reizend hübsch mit Flügelchen. Nee. Es hat zum Beispiel auch den Cluricaun, eine Art grummeliger Vetter des berühmten Leprechaun und wie dieser eine Art Mischung aus Fee und Zwerg oder Gnom. Er ist ein überzeugter Einzelgänger und Trinker, weiß, wo Schätze sind, kann prima Schuhe machen und vieles mehr. Insgesamt ist er aber wohl nicht so übel und kann sogar hilfreich sein, wenn er will. Wollen will er aber wohl nicht so schnell, wie ihr heute lesen könnt…

Manche Dinge muss man sehen, um sie zu glauben

Es gibt eine Art Menschen, denen jeder einmal irgendwann begegnet ist; Menschen, die tun, als glaubten sie nicht, woran sie im Herzen doch glauben und wovor sie sich fürchten. Felix O’Driscoll war vorlauter, übermütiger Tausendsassa, der dazu neigte erst zu handeln und dann zu denken wie – aber das interessiert uns im Moment nicht. Er redete immer irgendwelchen Unsinn und so behauptete er unter anderem, weder an die Elfen noch an Cluricaune und Phuken zu glauben und manchmal war er so unverschämt so zu tun, als glaube er auch nicht an Geister, an welche doch jeder Mensch auf irgendeine Weise glaubt. Die Leute aber pflegten sich zu wissend zuzuzwinkern, wenn Felix prahlte, denn man hatte bemerkt, dass er sich davor drückte, nachts die Furt von Ahnamoe zu überqueren und dass, als er einmal in der Dunkelheit über den alten Kirchplatz von Grenaugh ritt, obgleich er sich Mut genug angetrunken hatte, er sein Pferd in Trab setzte, so dass niemand gleichen Schritt mit ihm halten konnte und er regelmäßig von Zeit zu Zeit einen scharfen Blick über seine linke Schulter warf.

Eines Abends saßen in Larry Reilly’s Wirtshaus einige Leute – unter ihnen Felix – beisammen, tranken und schwatzten. Er fing wie gewöhnlich mit seinem Geschwätz über die Elfen an und schwur, dass er nicht glaube, es gebe etwas Lebendiges außer Menschen und Tieren, Fischen und Vögeln und solchen Dingen, die man mit Augen sehen könnte; er begann auf eine so freche Art von dem stillen Volke zu reden, dass etliche in der Gesellschaft erschraken und sich bekreuzigten, ungewiss, was sich ereignen könnte, als eine alte Frau Moirna Hogaune genannt, welche in einen blauen Mantel gewickelt, in der Ecke beim Feuer gesessen und ihre Pfeife geraucht hatte, ohne in das Gespräch sich einzulassen, ihre Pfeife aus dem Mund nahm, ins Feuer spie und sich umwendend den Felix ins Auge fasste.

„Du glaubst also nicht, dass es Wesen wie die Cluricaune gibt?“ sagte sie. Felix sah sie erschrocken an, antwortete aber nichts. „Bei meiner Treue, es sieht einem Grünschnabel wie dir ähnlich, so zu tun, als glaubtest du nicht an das, was dein Vater, dein Vaters Vater und dessen Väter vor ihm niemals im geringsten bezweifelt haben! Aber um es kurz zu machen, manches muss man sehen, um es glauben, wie man so sagt; und wo ich deine Großmutter sein könnte, lass mich dir sagen, dass es Wesen wie die Cluricaune gibt und dass ich selbst einen gesehen habe – da hast du’s!“

Jedermann in der Stube blickte erstaunt auf und drängte sich um das offene Feuer im Kamin, um ihr zuzuhören. Felix versuchte zu lachen, aber es gelang ihm nicht recht und niemand achtete auf ihn. Weiterlesen

22.1 Das weiße Kalb vom Knocksheogowna – oder: Irland und seine Märchen

Irgendwie lassen mich Inseln anscheinend nicht los, obwohl es keine bewusste Entscheidung ist… Hmm. Aber wie dem auch sei (mit dem merkwürdigen Unterbewusstsein), diese Woche gibt es jedenfalls bei mir irische Märchen und Sagen zu lesen.

Erste Aossiziation? Feen! Jedenfalls bei mir. Und also gibt es heute zum stilechten Einstand ein Märchen über das ‚stille Volk‘, wie sie in meiner Textgrundlage genannt werden. Die ist eine Neuauflage einer Übersetzung der Brüder Grimm und somit aus dem 19. Jahrhundert und gibt auch gleich eine quasi ethnographische (!) Einführung in Feen. Vieles davon findet sich im folgenden Märchen wieder. Aber lest selbst…

Das weiße Kalb – oder die Legende von Knocksheogowna

In Tipperary liegt ein Berg so seltsam gestaltet, wie einer auf der Welt. Seine Spitze sieht aus wie ein Nachtmütze, die dir im Schlaf verrutscht ist. Auf seinem höchsten Punkt aber ist ein kleines Haus zur Erlustigung in den Sommertagen aufgebaut worden. Das war aber lang nach der Zeit der Elfen und nun ist das Häuschen, meine ich, verlassen.

Bevor man aber jenes Haus baute oder einen Acker besäte, war dort ein geräumiger Weideplatz eingehegt, wo ein Hirte Tag und Nacht seine Herde hütete. Grund und Boden gehörte von Alters her den Elfen und die verdross es, dass die Wiesen, auf dem sie sonst behend und lustig umher gesprungen waren, von den schweren Klauen der Ochsen und Kühe zertreten wurde. Das Gebrüll der Herde klang ihren Ohren unerträglich und die Königin des Volkes entschloss sich endlich selbst, die Ankömmlinge wieder zu vertreiben.

Als die Erntenächte kamen, der Mond über den Berg sein Licht ausgoss, das Vieh still und gesättigt auf dem Boden lag und der Hirte, in seinen Mantel eingewickelt, hin und her sinnend sich der Gesellschaft der Sterne erfreute, die über ihm flimmerten, da zeigte sie sich in verschiedenen, aber immer hässlichen und furchtbaren Gestalten vor ihm tanzend. Einmal erschien sie als ein mächtiges Ross mit Adlerflügeln und einem Drachenschweif, laut zischend und Feuer ausatmend. Plötzlich verwandelte sie sich in ein kleines Männchen, lahm an einem Bein, mit einem Ochsenkopf und von einer lodernden Flamme umkreist. Dann war sie ein großer Affe mit Entenfüßen und schlug ein Rad dazu, wie ein welscher Hahn. Aber ich könnte tagelang erzählen, wenn ich sagen sollte, was für Gestalten sie noch annahm. Sie brüllte, oder wieherte, oder blökte, oder heulte, oder krächzte, wie bisher noch niemand auf der Welt hatte brüllen, wiehern, blöken, heulen oder krächzen hören. Der arme Hirte bedeckte sein Gesicht, aber was half ihm das! Sie hauchte ihn nur einmal an und das Stück Mantel, das er mit aller Kraft vor die Augen drückte, war weggeblasen; nun stand er da, ohne sich zu rühren; nicht einmal seine Augen konnte er zuschließen: von unbekannter Macht gefesselt, musste er diese schrecklichen Gesichte anstarren, bis seine sträubenden Haare seine Mütze einen halben Fuß über seinen Kopf hoben und seine Zähne vor lauter Klappern auszufallen drohten. Das Vieh aber riss panisch aus, als wäre es von Bremsen gestochen und der Spuk dauerte, bis die Sonne über den Hügel schien. Weiterlesen