Archiv der Kategorie: Sage

39.4 Der heilige Nikolaus und der Teufel in San Giovanni di Medua – oder: Der Preis des Verstandes

Heute gibt es eine Ortslegende, die uns zugleich – voll prickelnder Selbstironie – etwas über die albanische Mentalität verrät. Oder zumindest die albanischer Kaufleute, von der die Hafenstadt San Giovanni di Medua seit der Antike und bis ins Mittelalter lebte. Aber lest selbst…

Der heilige Nikolaus und der Teufel in San Giovanni di Medua

Der liebe Gott hatte, als er den ersten Menschen erschuf, für alle Menschen zusammen, angefangen vom Vater Adam durch alle Generationen bis herab zum letzten Menschen, nur dreihundert Gramm oder Dirhems Verstand. Mehr hatte er nicht, unter sie zu verteilen. Wie hätten nun mit so wenig Verstand so viele Köpfe gefüllt werden sollen, die auf der Erde herumlaufen? Wahrlich, das ging nicht! Gibt’s doch manchen Dickschädel, für den auch sechs Oka nicht ausreichen würden. Geschweige denn, dass dreihundert Dirhems genügt hätten, die unter alle Menschen verteilt werden mussten, wobei auf jeden nur ein ganz kleines Stückehen kommen konnte, das nicht ausgereicht hätte, um einen Gallapfel zu füllen. Daher kommt es, dass die Menschen, so alt sie auch werden, einen Schädel haben, der wie ein leeres Kellergewölbe, oder wie ein ausgehöhlter Kürbis ist. Und darum kann jedermann erkennen, dass wir alle, soviel wir auch auf Erden sind, im Schädel, im Gebälk unseres Gehirns jeder ein Brett zu wenig haben. Das heißt, wir haben alle Mangel an Verstand und jeder seine Portion Narretei: Aber das ist jedermanns eigene Sorge.

Nun aber ging die Sache immer schlechter und schlechter, denn je mehr sich die Köpfe auf Erden vermehrten, umso geringer wurden die Portionen Verstand in den einzelnen Köpfen. Aber Gott, der Allmächtige, der von seinem Throne aus die Schicksale der Menschen sieht und erkennt, er wollte den mit Verstand nur so leicht bepackten Adamssöhnen in ihrer geistigen Armut helfen. Darum sagte er eines Tages zum heiligen Nikolaus: „Wenn ich von meinem Platze aus die Dinge der Welt betrachte, dann staune ich über die Menschen, dass es ihnen noch immer nicht in den Kopf gegangen ist, dass sie Brüder sind auf Erden, und dass es doch keine feine Sache ist, wenn sie einander die Schädel einschlagen. Ursache hiervon ist, glaube ich, nur, weil ich unter sie zu wenig Verstand verteilt habe. Darum begib dich jetzt hinunter auf die Erde und belade eine Galeere mit Verstand und fahre aus und verkaufe Verstand an jeden, der ihn kaufen will. Aber zum Schluss muss ich dir noch einschärfen: Du musst ihn verkaufen so teuer, wie der Sohn, der seine Mutter zu Markte bringt; denn Verstand ist teurer als Schafe!“ Weiterlesen

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27.2 Das verzauberte Pferd

Auch heute gibt es noch einmal eine historische Legende um einen aber anderen berühmten Rabbi. Aber lest selbst…

Das verzauberte Pferd

Der heilige Rabbi Baal-Schem kam auf einer seiner Reisen in ein Dorf, wo ein Pächter, der sein eifriger Anhänger war, wohnte. Der Pächter ließ für den Gast ein feines Mahl bereiten. Während des Mahles unterhielt sich Baal-Schem mit ihm über seine Wirtschaft und fragte ihn: „Hast du gute Pferde?“ Und als der Pächter das bejahte, schlug der Rabbi vor: „Wir wollen in den Stall gehen und deine Pferde sehen.“ Im Stalle gefiel dem Rabbi ein kleines Pferdchen ganz besonders, und er bat den Pächter, er möchte es ihm schenken. Darauf sagte der Pächter: „Dieses kleine Pferd ist mir besonders lieb, denn es kann mehr als drei andere Pferde leisten. Wo drei Pferde einen Wagen nicht herausziehen können, zieht es ihn ganz allein heraus, wie ich es schon oft erlebt habe. Wenn Ihr ein anderes Pferd wollt, so will ich Euch das beste aus meinem Stalle schenken.“

Baal-Schem erwiderte nichts. Sie sprachen über andere Dinge, und nach einer Stunde fragte der Rabbi den Pächter, ob ihm die Leute viel schuldeten. Der Pächter sagte, er habe viele Schuldner. Baal-Schem sagte ihm darauf: „Zeige mir, bitte, die Schuldscheine.“ Der Pächter brachte alle Schuldscheine, und als der Rabbi einen gewissen Schuldschein sah, sagte er zum Pächter: „Schenke mir diesen Schuldschein!“ Der Pächter darauf: „Rabbi, was taugt Euch dieser Schuldschein? Der Mann, der ihn gezeichnet hat, ist schon längst tot, und er hat nichts hinterlassen, womit man seine Schulden bezahlen könnte.“ Doch der Rabbi wiederholte seine Bitte, und der Pächter schenkte ihm den Schuldschein.

Baal-Schem nahm den Schuldschein und zerriss ihn in kleine Fetzen: so erlöste er den Verstorbenen von seiner Schuld. Dann sagte er zum Pächter: „Geh, schau jetzt nach deinem kleinen Pferde!“ Der Pächter ging in den Stall und sah, dass das kleine Pferd tot war. Er begriff, dass die Sache nicht so einfach war, und Baal-Schem erklärte sie ihm: „Über den Mann, der dir den unbezahlten Schuldschein zurückließ, wurde am himmlischen Gerichtshofe beschlossen, dass er dir die Schuld abarbeiten soll. Da wurde er in ein Pferd verwandelt und hat dir als solches zu deiner Zufriedenheit gedient. Als du mir aber den Schuldschein schenktest und ich diesen zerriss, wurde er frei von seiner Schuld. Darum ist nun das Pferd tot, und seine Seele ist erlöst.“

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Der ‚Held‘ dieser Sage/Legende ist Rabbi Israel ben Elieser (ca. 1700-1760), genannt Baal Schem Tov („Meister des guten, d.h. göttlichen Namens“), der als Begründer des chassidischen Judentums im Osteuropa des 18. Jahrhunderts gilt.

 

Textquelle: Alexander Eliasberg: Sagen polnischer Juden. München: Müller 1916, S. 37-39.
Bildquelle: Porträt von Baal Schem Tov

27.1 Der Wolkenritt von Worms nach Spanien – in jiddischen Märchen und Sagen

Diese Woche gibt es jiddische Legenden und Märchen. Zumeist aus Deutschland beziehungsweise Osteuropa, was natürlich schlicht der deutschen Sprache der Übertragung, nach der ich gesucht habe.

Den Anfang macht eine…hmm…historische Sage. Hauptdarsteller sind zwei berühmte Rabbiner und die Kabbala. Lest selbst…

Der Wolkenritt von Worms nach Spanien

Der berühmte spanische Weise Nachmanides wusste lange Zeit trotz allen Scharfsinnes viele Stellen der Gotteslehre nicht zu erklären. Denn er kannte, wie alle seine Landsleute, damals noch nicht die Geheimkunst der Kabbalisten, von denen man sagte, dass sie allein jene schwierigen Stellen verstünden.

In einer Nacht nun, es war gerade die zweite Nacht vor dem Pesachfeste, wurde im Himmel ausgerufen: „Wer will den spanischen Meister in der Geheimkunst unterweisen und zugleich ihn und seine Stadt von dem Bösewicht befreien, der mit solcher Grausamkeit über sie herrscht?“ Unter den frommen Seelen, die da jede Nacht im Himmel sich einfinden und am Morgen wieder in ihre Leiber zurückkehren, nachdem diese sich durch den Schlaf neu gestärkt haben, war auch die Seele des großen Meisters der Geheimkunst, Rokeach aus Worms. Der meldete sich und erhielt die Erlaubnis, die Geheimkunst dabei anwenden zu dürfen.

Am nächsten Morgen bereits machte sich unser Rokeach auf den Weg. Er bestieg eine Wolke, welche er mit Hilfe seiner Kunst herbeibeschworen hatte, und fort ging’s in’s ferne Spanien. Die Wolke flog so schnell, dass die frischgebackenen Osterbrote, welche der Meister der Vorsicht halber mitgenommen hatte, noch ganz warm waren, als er in der Stadt des Nachmanides landete. Weiterlesen

21.7 Das Pferdegetrappel – in Bense bei Esens in Ostfriesland

Damit ist die friesische Woche auch beinahe schon wieder rum. Zum Abschluss bleiben wir noch einen Augenblick am Rande von Ostfriesland, wo Hexen und Riesen nun vom Teufel abgelöst werden. Lest selbst…

Das Pferdegetrappel

Vor vielen Jahren war unweit der Stadt Esens das Dorf Bense außerhalb des Norddeichs gelegen. Dies Dorf war von geringer Größe und bestand etwa nur aus drei bis vier großen Bauernhöfen. Der Landbesitz jedoch, der von den Besitzern dieser Höfe als Eigentum beansprucht wurde, war unermesslich groß und erstreckte sich fast bis an die Insel Langeoog hinan. Denn das Festland war damals noch weit ausgedehnter als heutzutage, und man bedurfte zum Übersetzen zur Insel keines Kahns, wie vor hundert Jahren, und keines Fährschiffes, wie gegenwärtig, sondern man nahm einen Springstock ganz gewöhnlicher Art, setzte ihn in die schmale Rille und hüpfte mit einem Schwünge hinüber. Und auch die Entfernung der Inseln zueinander war nicht größer, verkündet doch die Sage, die Insulanerinnen hätten sich auf einer Backschaufel das Brot gegenseitig zugereicht.

Weil die Benser Gutsbesitzer gegen die See keine Marken ihrer Grundstücke hatten, die Fürstliche Regierung somit auch nicht beweisen konnte, dass etwa angeschwemmtes Vorland vorhanden sei, so erhielten sich die Höfe trotz der von der Fürstlichen Regierung gegen sie angestrengten Prozesse im Besitze ihrer sämtlichen Grundstücke. Da ihnen aber einleuchtete, dass bei Bedeichung der Seeländereien sofort das Recht der Regierung auf die dann entstehenden Außendeichslande geltend gemacht werden würde, so unterließen sie es, Deiche zu legen. Dadurch wurde es später dem Teufel ein Kleines, das Dorf im Nu zu vernichten, wie wir gleich hören werden. Weiterlesen

21.6 Das Geisterschiff von Emden

Reißen wir uns – okay, ich mich von Nordfriesland los und schauen – kein Witz! – bei den Ostfriesen vorbei. Wie sieht es hier aus mit der Gefahr für Leib und Leben?

Das Geisterschiff

Als noch die Stadt Emden im schönsten Flor stand, die Ems unter den Stadtmauern dahinfloss und Schiffe aller Länder und Völker den Hafen füllten, begab es sich einmal, dass ein gewaltiger Sturm aus Nordwest losbrach, der das Wasser der Nordsee in ungeheuren Massen und Wellen der Stadt zuwälzte, so dass es ordentlich eine Not wurde. In diesem Wetter lief ein großes städtisches Kauffahrteischiff, das lange auf fremden und fernen Meeren ‚geschwalkt‘ hatte, bei der Einfahrt in die Ems bereits signalisiert worden war und nun sehnlichst erwartet wurde, des Nachts mit vollen Segeln an die Stadt. Schon war es nahe vor der Hafenmündung unweit der langen Brücke, nahe dem schützenden Delft, schon sah man im Scheine der aufgehissten Laternen, die hin und her schlugen, die dunklen Gestalten der Seeleute sich auf- und abbewegen, schon hörte man den Kommandoruf des den Sturm mit Macht übertönenden Kapitäns, hörte das Rasseln des schweren Ankers, der nieder in die Tiefe ging – da brach mit einem Male eine so höllische Windsbraut einher, wirbelten die Wasserberge so schrecklich in die Luft hinein, heulte und pfiff der Wind so gellend und eigentümlich, dass es ein Schauder für die am Hafen stehenden Zuschauer war. Das Schiff wurde plötzlich erfasst, emporgehoben, niedergetaucht und wieder mit einem Ruck aufgehoben, herumgewirbelt und dann in die Tiefe hinabgestampft. Ein grässlicher Notschrei ertönte vom Deck, vierzig wettergebräunte Seeleute, fast alle Emder Söhne, sollten hier im Angesicht ihrer Vaterstadt, im Angesicht ihrer am Kai stehenden Eltern und Geschwister so jämmerlich zu Grunde gehen!?

„Wo ist die Barge?“ rief man am Ufer, aber der Hafenschließer wies in den Delft auf das von ihm dort angeschlossen gehaltene Wachtboot, und sagte kalt und fühllos: „Die Barge bleibt hier, es wäre nutzlos, sie ausgehen zu lassen; auch hat Elfert Giesberts es nicht besser verdient, als es ihm jetzt geschenkt wird da draußen!“ Denn der so benannte Kapitän des Schiffes, das da außen eben unterging, war der erklärte Feind des Baumschließers, und der Schließer kannte nicht das Wort der heiligen Schrift: ‚Liebet eure Feinde‘, sondern wusste nur von dem Worte: ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘. Und obgleich der Schließer Nachricht davon hatte, dass sein eigner Sohn an Bord des Kauffahrers sei, so war doch der Hass gegen den Kapitän in seinem Herzen so groß, dass er keine Hand zur Rettung der Mannschaft ansetzte. Und als man ihn nun gezwungen hatte, den Schlüssel herzugeben, da war es längst zu spät. Mit Mann und Maus war das Schiff versunken in dem Wirbel der Wasserberge, und höhnisch Pfiffen die Winde über die Stadtmauer hin.

Aber noch immer, wenn ein Sturm aus Nordwest heranzieht, die Wasser der See an den Deich hinan rasen, die Luft ächzt und stöhnt und die Winde gellen und heulen, sieht man in rabenschwarzer Mitternacht ein Geisterschiff in bläulichen Lichtschimmer eingehüllt heranstürmen, hört man das Klappern der Taue, das Rasseln der Ketten, das Rufen des Kapitäns und den mark- und beinerschütternden Angst- und Todesschrei der Sterbenden. Und wer den Schrei hört, fährt schauernd zusammen und eilt von jener Unglücksstätte hinweg.

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Auch hier also Gespenster. Le Seufz. Aber anstatt Zwergen und Hexen geht es hier deutlich christianisierter zu, wenn das Gespensterschiff biblische Moral anmahnt. Was natürlich auch daran liegen mag, wann und von wem diese Sagen fixiert wurden.

 

Textquelle: Sagen und sagenhafte Erzählungen aus Ostfriesland. Gesammelt und bearbeitet von Fr. Sundermann. Aurich 1869, S. 34f.
Bildquelle: Die Stadt Emden und ihr Hafen auf einer Karte von 1575

21.5 Der Steinhügel bei Hedehusum – immer noch auf Föhr

Falls ihr jetzt Sorge habt, ob man unter diesen räuberischen, verhexten Bedingungen auch nur eine Zehenspitze an nordfriesische Sandstrände setzen sollte. Auch hier hat das Christentum natürlich schon längst gewirkt, nachdem geklärt, welches Christentum nun. Aber lest selbst…

Der Steinhügel bei Hedehusum

Drei junge Föhringer kamen als Studenten aus Wittenberg nach Hause und begannen Luthers Lehre unter ihren Landsleuten zu verbreiten. Sie gerieten mit den katholischen Predigern der Insel darüber in Streit und disputierten namentlich einmal auf einer Kindtaufe in Üttersum (Utersum) mit ihnen. Da ward der Diakonus zu St. Laurentii für die neue Lehre gewonnen. aber die übrigen blieben dem papistischen Glauben getreu. Ein Mönch oder Prediger an der St. Johanniskirche in Nieblum war so voll Eifer gegen die Reformation, dass er eigens nach Amrum ritt um die dortigen Einwohner und Mönche zu vermahnen, dass sie beständig bei der alten Lehre sollten verbleiben. Und er ließ sich vernehmen, dass wenn die päpstliche Religion nicht die rechte Religion wäre, er nicht begehre lebendig wieder heimzukommen. Als er nun wieder auf Föhr gekommen und von Witzum nach Hedehusum reiten wollte, stürzte er vom Pferde und brach den Hals. Als ein altes Weib ihn da mit dem Tode ringend fand, soll er, nun die Wahrheit der lutherischen Lehre einsehend, die Worte gesprochen haben: „Zwischen Rand und Sand ich noch Gnade fand!“ und damit verschieden sein.

Zu seinem Gedächtnis ward ein Steinhaufe an dem Orte errichtet und lange gezeigt und wer des Weges kam, pflegte sich mit einem Stein zu versehen und auf den Haufen hinzuwerfen. Diejenigen, welche Steine gebrauchten, konnten sich dann davon von Zeit zu Zeit ein Fuder holen. Jetzt ist dieser Haufen von lauter kleinen Steinen ganz verschwunden, seit das Land verteilt und urbar gemacht; aber jedermann kennt noch seine Stelle, und weiß die Geschichte zu erzählen.

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Die Evangelen haben also gewonnen und tatsächlich ist die St. Laurentiner-Kirche – meines Wissens – nach die größte auf Föhr. Ihr müsst halt immer dran denken, dass Föhr an sich ja nicht so groß ist. 😀

Zur Sache mit dem Steinhügel und dem Christentum, das das ganze Hexereizeug verdrängt, kann ich nur sagen, dass nahe der Stelle, wo der Steinhügel gewesen sein muss, tatsächlich ein Hünengrab ist.

 

Textquelle: Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Herausgegeben von Karl Müllendorff. Kiel 1845, S. 124f.
Bildquelle: die evangelische St. Laurentii-Kirche bei Süderende und auf Föhr

21.4 Die Wasserhose über Föhr

Um gleichmal die gestern geweckte Hoffnung zu zerstören. Nein, an Land ist auf den nordfriesischen Inseln auch nicht alles schön. Zwergen und Hexen überall! Die einen dann auch noch wieder gerne aufs Meer rausziehen. Aber lest selbst…

Die Wasserhose

An einem heißen Sommertage setzte ein Mann aus Nieblum auf Föhr, der in der Wohlmende mit Grasmähen beschäftigt war, sich nieder, um ein Stück Brot in Ruhe zu verzehren. Aber da kam eine große Wasserhose in gerader Richtung auf ihn los. Der Mann, der wohl wusste, dass diese von Hexen herrühren, warf beherzt sein Brotmesser hinein, um die Hexe zu verwunden. Da im Nu ward er gefasst und wirbelnd durch die Luft getragen, bis er endlich wohlbehalten auf einer kleinen Insel am Ende der Welt wieder den Boden berührte. Er sah den elendesten Tod voraus, denn die Insel war ganz wild und durchaus unbewohnt und von einem wilden stürmischen Meere umgeben. In seiner Angst und Not schrie er um Hilfe und bat die Hexe um Verzeihung.

Da ward ein Stuhl vor ihm niedergelassen, an dem ein Strick mit drei Knoten befestigt war. Er setzte sich darauf und es kam eine Stimme aus der Luft, die ihm zurief, wenn er wieder nach Hause wolle, solle er den einen Knoten öffnen; ginge dann die Fahrt nicht schnell genug, könne er auch den zweiten lösen; vor dem dritten aber solle er sich hüten. Sogleich ging seine Reise durch die Luft vor sich, als er den ersten Knoten löste. Bald machte er auch den zweiten los und er fuhr nun so geschwind wie eine Kanonenkugel dahin. Bald lag Föhr wieder vor seinen Augen; da konnte er nicht der Versuchung widerstehen, auch den dritten Knoten zu öffnen. Mit ungeheurer Schnelligkeit ging’s nun fort und hätte er nicht auf den Kirchturm zu St. Johannis getroffen, wäre er über die Insel hingeflogen.* Bei dem Zusammentreffen mit dem Turmhahn aber verlor der unglückliche Mann beide Beine und hatte nun die traurige Erfahrung gemacht, wie gefährlich es sei, sich mit Hexen abzugeben.

* Das mit dem Kirchturm stimmt schon. Denn ansonsten ist Föhr ja platt wie eine Flunder. ;D

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Das Bild von Goya, das zu einer 80-teiligen, höchst gesellschaftskritischen Druckserie namens Los Caprichos gehört, erscheint mir als Illustration höchst vielsagend. Nicht nur ist es eine Hexe, die einen Mann entführt. Für mein kunsthistorischen natürlich unwissendes Auge zeigt zudem die Nacktheit der beiden, worum es wirklich geht. Sex. Und die männliche Tendenz, eigene Schwachheiten in Punkto Treue gerne den ja ehrlich schon an Zauberkraft grenzenden Verlockungen der holden Weiblichkeit unterzuschieben.

 

Textquelle: Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Herausgegeben von Karl Müllendorff. Kiel 1845, S. 225f.
Bildquelle: Linda maestra (Schöne Lehrerin) von Francisco de Goya y Lucientes (1746–1828)

21.3 Wie die Föhrer Stranddiebe bekehrt wurden

Apropos Seeräuber. Die gab es offenbar nicht nur auf Sylt. Die ganzen nordfriesischen Inseln wimmelten nur so von ihnen! Lest selbst…

Wie die Föhrer Stranddiebe bekehrt wurden

In einer stürmischen Herbstnacht des 18. Jahrhunderts war ein holländisches Schiff auf Hörnum, der südlichen Halbinsel Sylts, gestrandet. Die Mannschaft war bis auf den Steuermann und einen Matrosen ertrunken und das Schiff zertrümmert. Die Ladung, welche aus Seiden- und Baumwollwaren bestand, lag zerstreut auf dem Strande umher, wohin die Wellen sie zufällig geworfen hatten.

An dem Abende des folgenden Tages klärte sich das Wetter allmählich auf, Die ungeheure Wolkenkette, welche den Himmel in mehreren Tagen bedeckt hatte, war vorübergezogen, und hatte sich, einem mächtigen Gebirge ähnlich, an dem östlichen Horizont gelagert. Nur dunstiges Gewölk jagte noch von der See herauf, und die Sonne, welche am ganzen Tage nicht sichtbar gewesen war, belebte durch ihre letzten roten Strahlen die einsame Gegend. Dann sank sie hinter die hügelartigen Wogen des Meeres hinab, welche noch immer mit einem Getöse, das meilenweit gehört werden konnte, sich auf den Sand wälzten. Der Wind legte sich mehr und mehr, und eine jener schönen, dunstigen, mondhellen Nächten, welche eben so sehr, wie die westlichen Stürme, die nördlichen Küstenländer Europas charakterisieren, folgte dem stürmischen Tage. Weiterlesen

21.2 Das Bröddehooggespenst auf Sylt

Wir bleiben noch ein bißchen auf den nordfriesischen Inseln, genauer sagt auf dem von Geistern heimgesuchten Sylt.

Oh, und damit sich die nachfolgende Sage auch wie eine solche liest, habe ich Herrn Hansens eingearbeitete Anmerkungen vorsichtig extrahiert. Sein Punkt ist folgender: Am nördlichen Zipfel Sylts gibt es als höchsten Punkt der Gegend zwischen Kampen und Braderup einen Hügel mit dem klingenden Namen Bröddehoog (Brütehügel), um den sich Geschichten um ein spukendes Wesen ranken. Herr Hansens muss zugeben, dass er nix dazu gefunden hat, außer die folgende Sage, die uns aber ja völlig reicht. Lest selbst…

Das Bröddehooggespenst
(Eine Norddörfer Sage)

In alten Zeiten gab es hier auf dem Lande Sylt sehr reiche Leute. Einer der Bewohner dieser altfriesischen Berg- oder Nordwestharde hatte sich vorzugsweise große Schätze gesammelt, aber auf eine sehr gottlose Weise. Er hatte nämlich in vielen Jahren Seeräuberei und betrügerischen Seehandel getrieben und war endlich mit seinem erbeuteten Gelde glücklich heimgekehrt. Wie alle diejenigen, welche sich durch ungerechtes Gut bereichert haben, war er misstrauisch gegen jedermann und suchte daher seine Schätze möglichst den Augen seiner Landsleute zu entziehen.

Er entdeckte inmitten der düstern Heide, welche die drei Norddörfer der Insel Sylt umgibt, auf dem erwähnten, aber hier noch namenlosen Hügel einen günstigen Ort, seinen Reichtum zu verbergen. Denn als er eines Tages den Hügel ersteigen wollte, stieß sein Fuß zufällig an einen großen platten Stein; dieser rollte zur Seite hinunter, und eine bedeutende Öffnung tat sich vor ihm auf. Er kroch hinein, sah sich um und fand einen irdenen Topf nebst einiger Asche, einigen halbverbrannten Knochen und einem zweischneidigen Dolch in der Höhle. Übrigens war das altertümliche Totengewölbe ungewöhnlich geräumig, und er beschloss sogleich, seine Schätze hier in Sicherheit zu bringen. Er führte seinen Vorsatz in einer finstern Nacht aus; verschloss alsdann die Öffnung mit dem Steine und ging wieder fort. Weiterlesen

21.1 Die friesischen Riesen im Kampfe mit den Dänen – oder: Friesische Sagen

Nachdem es mich in den letzten Wochen in allen Herren (und Damen) Länder gezogen hat und euch daher gleich mit, kehre ich diese Woche mal wieder in heimische Gefilde zurück. Und zwar in eine Ecke derselben, von der wiederum eine winzige Ecke für mich ein bißchen so etwas wie meine zweite Heimat ist. Auf geht es also nach Friesland – Nord und Ost – und dabei darf natürlich ein Schlenker zu meinem geliebten Föhr nicht fehlen.

Los geht es mit einer Sage, die eine der wichtigen historischen Phasen der nordfriesischen Inseln und eine ihrer illustren historischen Persönlichkeiten aufgreift. Aber lest selbst…

Die friesischen Riesen im Kampfe mit den Dänen

Einst in alter Zeit (1350) kam die schwarze Pest nach Sylt. Die Leute bekamen Niesen und Brechen, wurden schwarz inwendig und starben wie die Fliegen. In Archsum starben sie alle, in Morsum blieben nur elf Leute übrig, in den Norddörfern nur ein alter Mann und ein kleines Kind in Wenningstedt und in Eidum nur drei Familien. In Keitum wurden die Leichen bei Haufen hinuntergestürzt in ein großes Loch in der Nordost-Ecke auf dem Kirchhofe. Allein nach Rantum und auf Hörnum kam die Krankheit nicht. – Einige Jahre später kamen schrecklich hohe Fluten (1354 und 1362). Die Deiche brachen alle durch, die Eilande rissen immer mehr von einander und es kamen wieder viele Menschen um. Steidum und das alte Wenningstedt gingen durch die hohen Wasser ganz und gar zu Grunde und auf List ertranken alle Leute bis auf Jens Lüng und seine Frau Merret. – Als die Rantumer sahen, dass sie beinahe allein nachgeblieben waren auf Sylt, da zogen ab und zu einige von ihnen nach den leeren Dörfern und Häusern, um da zu wohnen und das Land, welches dazu gehörte, zu gebrauchen; allein es blieb außerdem seit der Zeit viel altes Ackerland auf Sylt wüst liegen, das nimmer wieder aufgebrochen ist.

Unterdessen kamen auch um diese Zeit von dem Festlande und von andern Inseln viele Leute nach Sylt, um da zu wohnen und dieses Land wieder anzubauen. Unter andern kam auch ein dänischer General (Waldemar Zappy), der die Wiedinger (1359) geschlagen hatte, nach Sylt, um dieses Land einzunehmen für den König von Dänemark (Waldemar Atterdag). Aber es scheint, dass er nur das östliche Ende von Sylt bekommen habe, denn er baute sich eine Burg im folgenden Jahre in Archsum und zog bald wieder weg.

Die Rantumer und die andern Sylter Riesen, die noch übrig waren, hielten beständig Wache auf dem Turm bei Keitum, welchen Tipken gebaut hatte, und passten auf, dass die Dänen nicht näher kämen.* Es hieß sogar, dass sie um diese Zeit etwas höher auf dem Keitum-Kliff eine Burg angelegt hätten, welche Breiteburg genannt worden ist. Aber gewisser ist es, dass sie auf einer Ecke im Südost von Rantum eine Burg bauten, die später die Ratsburg genannt wurde, denn die Rantumer Kämpfer wollten zu der Zeit das Raten (Regieren) tun für ganz Sylt.


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