Archiv der Kategorie: Fabel

24.5 Clash of the Fabeltheoretiker – als da wären, Gottsched, Breitinger und Bodmer

So, heute kommen wir zurück in Deutschland an. Bevor ihr euch wundert, warum das Wochenthema deutsche Fabel heißt und es hier vor Franzosen wimmelt. Die Antwort ist natürlich, weil wir sie schamlos nachgeahmt haben. Und bevor wir da jetzt in medias res gehen und ordentlich Fabeln lesen, gibt es heute erstmal die notwendige Theorie vorgereicht. In Form eines Zanks, der im 18. Jahrhundert die deutschsprachigen Medien echt in Schwung hielt. So cool war die Fabel. 🙂

Denn klar war, dass die Fabel super geeignet für die Aufklärung des Volkes war. Nur wie genau sollte das theoretisch funktionieren? Wieviel Lehre und wieviel Spaß sollte dabei sein?

1730 meldete sich Johann Christoph Gottsched (1700-1766) in seinem Versuch einer Critischen Dichtkunst zu Wort. Er orientiert sich deutlich am gestern erwähnten Hrn. Le Bossu. Und so ist für Hrn. Gottsched eine Fabel „die Erzählung einer unter gewissen Umständen möglichen, aber nicht wirklich vorgefallenen Begebenheit, darunter eine nützliche moralische Wahrheit verborgen liegt.“
‚Möglich, aber nicht wirklich‘ lässt sich übersetzen zu ‚wahrscheinlich‘ und schwupps sind wir im Zentrum von Gottscheds Theorie. Kommen in einer Fabel ‚unglaubliche‘ Figuren, also sprechende Tiere und Pflanzen und so vor, sollen die sich trotzdem ‚wahrscheinlich‘ verhalten. Soll heißen, ein Huhn soll nicht zum Löwen mutieren. Denn die Naturnachahmung ist für ihn oberstes Gebot, ist die Natur doch die beste Erzieherin.
Man merkt schon: Erst kommt die moralische Aufklärung und dann grad so viel Spaß, das heißt ‚wunderbares‘ Extra, das man die Fabel auch gerne liest. Das heißt denn auch, die Fabel ist nicht der Ort für wahnsinnig viel poetische Kreativität.

Das sieht der Schweizer Johann Jakob Breitinger (1701-1776) direkt mal ganz anders in seiner Critischen Dichtkunst (1740). Weiterlesen

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24.4 La Fontaine und französische Fabeltheorie – oh my

Okay, bevor wir gleich zu den theoretischen Debatten kommen, die nicht zuletzt La Fontaines neue Art von Fabeln auslöste, habt erst noch ein Fabelchen. Immerhin hat Hr. La Fontaine, der 1677 und 1679 auch nochmal zwei Bücher von Fabeln veröffentlicht hat, ja ganz viele geschrieben. Wie wäre es also noch mit einer etwas unbekannteren? Lest selbst…

Der Kaufmann, der Edelmann, der Prinz und der Hirt

Vier Weltentdecker, nackt der Wut des Meers entflohn,
Ein Kaufmann, ein Baron, ein Hirt, ein Königssohn,
Von gleicher Armut alle jetzt wie Belisar,
Erbettelten zur Lindrung ihrer großen Not
Von fremden Leuten nun ihr Brot.
Zu sagen, welcher Zufall diese kleine Schar
Zusammenschloss, aus der ein jeder anders war,
Erscheint mir unnütz ganz und gar.
Sie setzten schließlich sich bei einem Brunnen hin
Und hielten Rat, die armen Leute.
Der Prinz beklagte, dass die Großen oft die Beute
Des Unglücks sind. Der Hirt dagegen sprach: „Ich bin
Der Meinung, jeder lasse eitles Jammern ruhn,
Um besser das, was gegenwärtig hilft, zu tun.
Kein Klagen heilt; nur Arbeit schenkt Gewinn,
Mit ihr vermögen wir bis Rom zu ziehen!“
So sprach ein Hirt? – Was findet ihr darin?
Meint ihr, gekrönten Häuptern einzig habe
Der Himmel Weisheit und Verstand verliehen,
Und Hirten hätten keine größre Geistesgabe
Als ihre Schafe? – Nun, der Rat des Hirten
Gefiel den andern drei,
Die an Amerikas Gestade mit ihm irrten.
Der Kaufmann sprach, er sei
In Rechenkunst erprobt und wolle Stunden geben.
„Ich lehre Politik,“ versprach der Königssohn.
„Ich kenne die Heraldik wie mein Leben,“
Erklärte eifrig der Baron:
„Ich werde Schüler nehmen gegen guten Lohn.“
Als ob man auch in jenen wilden Landen schon
Intresse hätte für so leere Eitelkeit.
Es sprach der Hirt: „Recht gut, doch leider nicht gescheit;
Des Monats dreißig Tage sind nicht schnell entflohn,
Wir können schwerlich bis zu eurem Zahltag fasten.
Die Hoffnung, die ihr zeigt, ist schön, doch liegt sie weit;
Wir dürfen nicht so lange rasten.
Ich habe Hunger währenddessen.
Sagt doch, mit welcher Sicherheit
Beschafft ihr morgen unser Mittagessen?
Und wer sorgt heute für das Abendessen?
Denn darum handelt sich’s vor allen Dingen.
Es reicht mir eure Wissenschaft nicht hin,
Doch meine Hand soll Rettung bringen.“
Er sprach’s und ging zum Wald und machte Reisig dort,
Verkaufte dieses Tag für Tag, und sein Gewinn,
So klein er wohl auch war, verhinderte hinfort,
Dass jene, die gleich ihm nicht lang zu fasten wussten,
Nicht schließlich „drunten“ ihre Gaben üben mussten.

Was dies Geschehnis lehrt? – Das Leben zu erhalten,
Bedarf’s an Künsten wenig nur:
Lasst nur die Gaben der Natur
Und eure Hand als schnellste Helfer walten!

*******

So während wir nun alle noch rätseln, wer die vier sind, auf zur Theorie. 1675 hat sich schon René Le Bossu (1631-1680) mit seiner Traité du Poeme épique (1675) zu Wort gemeldet, der Fabeln mit Tieren, mit Menschen und mit beiden unterschied und die Fabel sah als „eine erfundene Rede mit dem Ziel, mittels Lehrweisheiten, die in der Allegorie einer Handlung verkleidet sind, die Moral der Menschen zu formen“. Aber wo ist der Witz?

Ja, der kommt auch in der dann richtig lebendigen Diskussion zu Beginn des 18. Jahrhundert nicht so doll vor. Man merkt den Aufklärern – insbesondere Antoine de La Motte (1672-1731; Discours sur la Fable, 1719) und David Henri Richer (1685-1748; Vorwort zu seinen Fables nouvelles, mises en verse, 1729) – an, dass auch sie in der Fabel vor allem ein Medium sehen, was super zur – na, eben – Aufklärung zu gebrauchen ist. Betont wird also die Moral, die eindeutig zu verstehen sein muss.

 

Textquelle: Jean de Lafontaine: Fabeln. Berlin 1923, S. 194-196.
Bildquelle: Illustration zur Fabel von Jean-Baptiste Oudry

24.3 La Fontaine revolutioniert die Fabel mit Fuchs, Rabe und Ratten

Nach der Zeit der Reformation und ihrem didaktischen Bedarf wurde es in Europa erstmal wieder ruhig um die Fabel. Denn so als ordentliche Literatur galt sie halt nicht. Das änderte sich 1668, als Jean de La Fontaine (1621-1695) zwei Bände von Ausgewählten Fabeln, in Verse übertragen von Hrn. De La Fontaine (Fables choisies, mises en vers par M. de La Fontaine).

Was nun anders ist? Lest selbst…
 
 

Der Rabe und der Fuchs

Herr Rabe auf dem Baume hockt,
Im Schnabel einen Käs.
Herr Fuchs, vom Dufte angelockt,
Ruft seinem Witz gemäß:
„Ah, Herr Baron von Rabe,
Wie hübsch Ihr seid, wie stolz Ihr seid!
Entspricht auch des Gesanges Gabe
Dem schönen schwarzen Feierkleid,
Seid Ihr der Phönix-Vogel unter allen!“
Der Rabe hört’s mit höchstem Wohlgefallen,
Lässt gleich auch seine schöne Stimme schallen.
Da rollt aus dem Rabenschnabel der Fraß
Dem Fuchs ins Maul, der unten saß.
Der lachte: „Dank für die Bescherung!
Von mir nimm dafür die Belehrung:
Ein Schmeichler lebt von dem, der auf ihn hört.
Die Lehre ist gewiss den Käse wert.“
Der Rabe saß verdutzt und schwor:
Das käm ihm nicht noch einmal vor. Weiterlesen

24.2 Hans Sachs über Land- und Stadtmaus

Wir bleiben in der frühen Frühen Neuzeit, in der auch der Nürnberger Meistersinger Hans Sachs (1494-1576) Fabeln schrieb. Auch wenn Sachs mit Luther in Sachen Reformation völlig einer Meinung war, so zeigt sich nicht zuletzt in seinen Fabeln doch ein anderer Blick. Aber lest selbst… Und zwar so ziemlich im Original, mit nur ein paar Erklärungen meinerseits, wo ich dachte, ist wohl besser…dafür nur eine! Und jetzt lest aber wirklich… 🙂

 
 

Fabel der zweier meus
(besser bekannt als: Stadtmaus und Feldmaus)

Ein hausmaus die gieng über felt,
het doch weder zerung noch gelt;
der begegnet da ein feltmaus,
dieselbige bat sie zu haus,
die nachtherberg bei ir zu han (haben).
das nam die hausmaus willig an,
gieng mit ir in ein hecken nein,
da schloffen (schlüpften) sie in ein löchlein.
die feltmaus gar freuntlicher weis
ir fürsetzt ir geringe speis,
als eicheln, haselnüß und koren.
als sie waren gesettigt woren,
schliefens dahin in senfter ru;
aber des andren tages fru
nam urlaub und ir danken was
die hausmaus und zog hin ir stras.
als sie nun ir sach richtet aus
und wolt widerumb heim zu haus,
kerts wider bei der feltmaus ein
und saget: liebe schwester mein,
du hast mir mitteilt dein armut,
kom mit mir heim, da ich als gut
dir auch wil tun und herberg geben,
da du solt frölich und wol leben!
da gieng mit ir heim die feltmaus
in ein schön köstliches steinhaus,
in die speiskamer schloffens frei,
darin sie funden mancherlei
der guten speis von fleisch und fisch,
was man aufhub vons herren tisch,
confect, rosin, mandel und feigen,
das tet sie als der feltmaus zeigen
und sprach: hie tu trinken und eßen
und deiner armut gar vergeßen.
die feltmaus aß, war wolgemut
und sprach: wie hast du es so gut!
nöten bist du so feist und vol.
sie sprach: teglich leb ich so wol,
so must du mit hartseling dingen
dein spröd narung zu wegen bringen.
wilt du, so magst du bei mir bleiben,
dein zeit in disem haus vertreiben,
also wol leben für und für.
in dem da rumpelt an der tür
der kelner, spert auf, gieng hinein;
die meus erschrakn, doch schlof balt ein Weiterlesen

24.1 Rabe, Fuchs und Frevel bei Martin Luther – oder: Deutsche Fabeln von lang, lang ist’s her bis beinahe heute

Diese und auch noch nächste Woche machen wir uns mal wieder auf eine Zeitreise und folgen der Fabel per einiger ihrer berühmtesten und wichtigsten Dichter durch die deutsche Geschichte vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert.

Eigentlich müssten wir mit Aesop & Co oder spätestens im Mittelalter anfangen, aber wir springen gleich zum ersten wichtigen Fabeldichter der Frühen Neuzeit. Nämlich Reformator Martin Luther (1483-1546). Der übersetzte die Fabeln Aesops – dessen Existenz er schon bezweifelte – recht frei und passte sie so den moralischen Aussagen an, die seiner Meinung nach vor allem der Jugend seiner eigenen Zeit dringend vermittelt werden sollten. Denn wie immer gilt ja – Unerfreuliches nett verpackt, kommt gleich viel besser rüber.
 
 

Vom Raben und Fuchs

Ein Rabe hatte einen Käse gestohlen, und setzte sich auf einen hohen Baum, und wollte zehren; als er aber seiner Art nach nicht schweigen kann, wenn er isst, höret ihn ein Fuchs über dem Käse kecken, und lief zu und sprach: „O Rab, nun hab ich mein Lebtag keinen schönern Vogel gesehen an Federn und an Gestalt, denn du bist. Und wenn du auch eine so schöne Stimme hättest zu singen, so sollte man dich zum König krönen über alle Vögel. Den Raben kützelte solch Lob und Schmeicheln, fing an, wollte seinen schönen Gesang hören lassen, und als er den Schnabel auftät, entfiel ihm der Käse, den nahm der Fuchs behend, fraß ihn, und lachte des törichten Raben.

Hüt dich, wenn der Fuchs den Raben lobt.
Hüte dich für Schmeichlern, die schinden und schaden.

*******

Frevel, Gewalt
(oder: Der Löwe will nicht teilen)

Es geselleten sich ein Rind, Ziegen und Schaf zum Löwen, und zogen mit einander auf die Jagd in einem Forst. Da sie nun einen Hirsch gefangen, und in vier Teil gleich geteilet hatten, sprach der Löwe: „Ihr wisset, dass ein Teil mein ist, als euer Geselle; das andere gebührt mir, als einem Könige unter den Tieren; das dritte will ich haben darum, dass ich stärker bin, und mehr danach gelaufen und gearbeitet habe, denn ihr alle; wer aber das vierte haben will, der muss mir’s mit Gewalt nehmen. Also mussten die drei für ihre Mühe das Nachsehen und den Schaden zu Lohn haben.

Lehre.
Fahre nicht zu hoch, halt dich zu deines Gleichen. Dulcis in expertis cultura potentis amici: Es ist mit Herren nicht gut Kirschen essen, sie werfen einen mit Stielen. Ulpian. L. Si non fueriut. Das ist eine Gesellschaft mit dem Löwen, wo einer allein den Genieß, der ander allein den schaden hat.

*******

Die Fabeln vom eitlen Raben ist wohl eine der bekanntesten, da meist adaptierten Fabeln Aesops – und zwar durchaus global. Nicht so weit verbreitet ist die zweite Fabel, was auch an Luthers wirklich extrem ‚unsexy‘ Titel liegen könnte.
Interessant auch der Mix aus gebildetem Latein und lockeren Sprichwörtern, war doch die Idee auch der volkssprachlichen Fabeln, dass nicht nur die Geistlichen sie lesen konnten.

Textquelle: Dr. Martin Luthers Werke. In einer das Bedürfnis der Zeit berücksichtigenden Auswahl. Zweite vermehrte Auflage. Dritter Teil. Hamburg: Perthes 1827, S. 198 und 194f.
Bildquelle: Martin Luther in (auf?) einem Porträt von Lucas Cranach dem Älteren&Illustration zum Aesopschen – naja, Original

20.7 Und zum Finale? Der Hase bei Aesop und andern ollen Griechen

Die letzte Etappe der Hasenreise steht heute ein bißchen unter dem Motto „Wer hat’s erfunden?“ Die Antwort lautet natürlich, wo es ja um Tiermärchen geht und Indien schon vorbei ist, Aesop. Oder doch zumindest die ollen Griechen. Aber lest selbst… (und zwar gleich mal 3!)

Die Schildkröte und der Hase

Eine Flussschildkröte und ein Hase forderten sich zu einem Wettlaufe heraus und setzten einen bestimmten Ort als Ziel fest. Der Hase, der seiner Schnellfüssigkeit wegen sorglos war, behandelte die Angelegenheit nachlässig und schlief; die Schildkröte hingegen ließ, weil sie die Schwerfälligkeit ihrer Natur kannte, vom Laufen nicht ab. Sie lief während der Hase schlief und kam ihm darum zuvor.

Dies lehrt, dass Sorgfalt und unausgesetztes Streben besser, als Sorglosigkeit und Nachlässigkeit sind.

Textquelle: Die Fabeln des Sophos […] von Dr. Julius Landsberger. Posen 1859, S. 69.
Bildquelle: Illustration zur Fabel von Jean Grandeville (1803-1847)

Der Löwe und der Hase
(von Gotthold Ephraim Lessing)

Ein Löwe würdigte einen drolligen Hasen seiner nähern Bekanntschaft. Aber ist es denn wahr, fragte ihn einst der Hase, dass euch Löwen ein elender krähender Hahn so leicht verjagen kann?

Allerdings ist es wahr, antwortete der Löwe; und es ist eine allgemeine Anmerkung, daß wir großen Tiere durchgängig eine gewisse kleine Schwachheit an uns haben. So wirst du, zum Exempel, von dem Elefanten gehört haben, dass ihm das Grunzen eines Schweins Schauder und Entsetzen erwecket. –

Wahrhaftig? Unterbrach ihn der Hase. Ja, nun begreif ich auch, warum wir Hasen uns so entsetzlich vor den Hunden fürchten.

Textquelle: Gotthold Ephraim Lessing: Fabeln (1759&1777). Abhandlungen über die Fabel. Hrsg. Von Heinz Rölleke. Stuttgart: Reclam 2004, S. 12.

Die Hasen und die Frösche

Die Hasen klagten einst über ihre missliche Lage. „Wir leben,“ sprach ein Redner, „in steter Furcht vor Menschen und Tieren, eine Beute der Hunde, der Adler, ja fast aller Raubtiere! Unsere stete Angst ist ärger als der Tod selbst. Auf, lasst uns ein für allemal sterben.“

In einem nahen Teich wollten sie sich nun ersäufen; sie eilten ihm zu; allein das außerordentliche Getöse und ihre wunderbare Gestalt erschreckte eine Menge Frösche, die am Ufer saßen, so sehr, dass sie aufs schnellste untertauchten.

„Halt!“ rief nun eben dieser Sprecher, „wir wollen das Ersäufen noch ein wenig aufschieben, denn auch uns fürchten, wie ihr seht, einige Tiere, welche also wohl noch unglücklicher sein müssen als wir.“

Laß dich nie durch’s Unglück niederschlagen; es gibt immer noch Unglücklichere, mit deren Lage du nicht tauschen würdest.

Textquelle: Weil mich meine Bücher im Stich gelassen haben – Gutenberg
Bildquelle: Illustration zum Text von dem großartigen Wenzel Hollar (1607-1677)

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Na, habe ich zuviel versprochen? Wettlauf mit Hase, wenn es auch hier nicht Cleverness, sondern Fleiß ist, der die Schildkröte siegen lässt. Da mag Herr Landsberger nachgeholfen haben, wenn auch nicht für die christliche Moral ausnahmsweise, denn der Julius? Rabbiner.

Gut, gut. Lessings Fabel ist eher die Gegenvariante. Aber immerhin Hase und Löwe. Mit reizend naiv-arrogantem Hasen. Eine andere Variante zum Thema Angst überwinden.

Und damit sind wir auch schon bei der letzten Fabel. Den Angsthasen. Schafe statt Hasen und nix mit füchsischen Nebendarstellern, aber dafür verflixt nah an der mongolischen Version. Und die geht garantiert auf eine Vorlage von Außen zurück. Ich dachte immer an etwas Indisches, aber wer weiß, wer da von wem letztlich… 😉

20.3 Der Löwe und der Hase – aus dem indischen Pantschatantra

Wir bleiben beim Thema des erzwungen…naja, wehrhaften Hasens, springen aber direkt nach Indien ins Pantschatantra. Mehr zu dieser altindischen Fabelsammlung habe ich euch ja schon hier erzählt. Wer da also noch mal nachschauen möchte… Sonst lest los! 😀

Der Löwe und der Hase

In der Mitte eines Waldes lebte ein Löwe, Namens Bhasuraka*. Dieser nun brachte infolge seiner übermäßigen Stärke ohne Unterbrechung viele Gazellen, Hasen und andere Tiere um. Da versammelten sich eines Tages alle Geschöpfe des Waldes: Gazellen, Eber, Büffel, Gayal, Hasen und so weiter, gingen zu ihm und sagten: „O Herr! Wozu diese unnütze Ermordung alles Wildes, da ja schon ein Tier genügt, dich zu sättigen? Schließe deswegen mit uns eine Übereinkunft: Von heute an magst du hier ruhig sitzen bleiben und jeden Tag soll nach der Reihenfolge der Geschöpfe ein Tier zu dir kommen, um sich von dir fressen zu lassen. Auf diese Weise wird dir doch dein Lebensunterhalt ohne Anstrengung zu Teil, und wir andrerseits werden nicht ausgerottet. Das ist Königsrecht und demgemäß möge gehandelt werden. Man sagt auch: Weiterlesen

13.7 Je gelehrter, desto verkehrter, oder „die Löwenmacher“

Zum Abschluss der Pantschatantra-Woche sind wir im fünften Buch angekommen, wo es herzzerreißend um das Handeln ohne sorgfältige Prüfung geht. In der Rahmenhandlung begegnet ein durchaus international bekannter Plot in der indischen Version: Ein Brahmane vertraut sein Kind seinem Freund, der Manguste an. Als er zurückkehrt, hat die Manguste mit einem blutigem Maul. Prompt tötet er seinen tierischen Freund, der ja wohl sein Kind ermordet hat. Zu spät erkennt er, dass sein Kind noch lebt und zwar, weil ihn die Manguste vor einer Schlange verteidigt hat.

Wie die Binnenerzählungen zeigen, geht es um jede Form von Voreiligkeit. Aber lest selbst…

Je gelehrter, desto verkehrter, oder „die Löwenmacher“
(5. Buch, 4. Erzählung)

An einem gewissen Orte wohnten vier Brahmanensöhne, welche die größte Freundschaft zueinander gefasst hatten. Von diesen hatten drei sämtliche Wissenschaften durchaus erlernt, ermangelten aber aller Einsicht. Einer dagegen hatte nichts gelernt, sondern besaß nichts weiter als Einsicht. Einstmals nun kamen sie zusammen und beratschlagten miteinander: „Welchen Wert hat das Wissen, wenn man sich nicht dadurch, dass man in die Fremde geht und die Gunst von Fürsten gewinnt, Vermögen erwirbt? Drum lasst uns alle auf jeden Fall in die Fremde gehen!“

Nachdem so geschehen und sie eine Strecke Weges gegangen waren, sagte der älteste von ihnen: „Ah! Einer unter uns, der vierte, hat nichts gelernt und ist nur verständig. Die Könige aber geben keine Geschenke für bloßen Verstand ohne Wissenschaft. Deswegen werden wir ihm keinen Antheil an dem geben, was wir erwerben. Darum möge er umkehren und nach Hause gehn!“ Da sagte der zweite: „He! Du sehr Einsichtiger! Du hast nichts gelernt, drum geh‘ nach Haus!“ Darauf sprach der dritte: „Ah! So zu handeln geziemt sich nicht. Wir haben von Kindheit auf miteinander gespielt, drum lasst ihn mitgehn! Er ist sehr würdig und möge deshalb an dem von uns erworbenen Reichtum Antheil haben!“

Nachdem so geschehen und sie ihren Weg fortsetzten, erblickten sie in einem Walde die Gebeine eines toten Löwen. Da sagte der eine: „Lasst uns eine Probe der von uns früher gelernten Wissenschaft machen! Da liegt ein totes Tier! Das wollen wir durch die Macht unsrer eifrig erlernten Wissenschaft wieder beleben!“ Darauf sagte der eine: „Ich verstehe die Knochen zusammenzufügen!“ Der zweite sagte: „Ich liefre Fell, Fleisch und Blut!“ Der dritte sagte: „Ich belebe es!“ Darauf fügte der eine die Gebeine zusammen, der zweite verband sie durch Fell und Fleisch und Blut; als der dritte eben daran war sie mit Leben zu versehen, da verwies es ihm der Einsichtige und sprach: „Es ist ein Löwe! Wenn du ihn lebendig machst, dann wird er uns alle zusammen umbringen.“ Da antwortete jener: „Pfui! Unwissender! In meiner Hand soll die Wissenschaft nicht unfruchtbar sein!“ Darauf sprach dieser: „Dann warte einen Augenblick, bis ich auf diesen Baum in unsrer Nähe geklettert bin!“

Nachdem dies so geschehen und der Löwe lebendig gemacht war, sprang dieser auf und brachte alle drei um. Der Einsichtige aber stieg, sobald der Löwe nach einem andern Ort gegangen war, von dem Baume herab und ging nach Haus. Daher sage ich:

Besser Einsicht als solch’ Wissen! Einsicht ist mehr als Wissenschaft; wenn Einsicht fehlt, der geht unter, wie’s jenen Löwenmachern ging.

*******

Räusper. Hüstel. Ähem. Also eine Parabel über den Wert des gesunden Menschenverstands – Löwe = nicht gut! – gegenüber der Arroganz moderner Wissenschaft. Frei nach dem Motto: Nur weil es möglich ist, muss es nicht schlau sein. Dank gen-manipuliertem Gemüse etc. immer noch genauso wenn nicht noch viel brisanter als im antiken Indien. Verflixt. Haben wir Menschen wieder nix gelernt.

Textquelle: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Theodor Benfey. Zweiter Theil: Übersetzung und Anmerkungen. Leipzig: F. A. Brockhaus 1859, S. 332-34.
Bildquelle: Illustration in einer indischen Handschrift des 17. Jahrhunderts – inklusive der Manguste gegen die Schlange, wobei es jedoch eigentlich um Gewaltdarstellung geht

13.6 Wie der Schakal sich gegen Löwe, Tiger, Leopard und einen andern Schakal im Besitz eines toten Elefanten erhält

Heute gibt es also die eine weitere Fabel aus dem vierten Buch, deren Titel einfach schon genial ist. Und die eindrucksvoll beweist, dass Tierfabeln eben nicht nur Metaphern menschlichen Handelns sind, sondern auch auf genauer Beobachtung beruhen können.

Wie der Schakal sich gegen Löwe, Tiger, Leopard und einen andern Schakal im Besitz eines toten Elefanten erhält
(4. Buch, 10. Erzählung)

In einer gewissen Waldgegend wohnte einst ein Schakal, Namens Mahatschaturaka*. Dieser fand im Walde einst einen von selbst gestorbenen Elefanten; er ging von allen Seiten um ihn herum, konnte aber das harte Fell desselben nicht zerbeißen. Während dies vorging, kam ein hier und dort umherschweifender Löwe in dieselbe Gegend. Als jener nun diesen kommen sah, legte er den Reif seiner Krone auf den Boden, faltete seine beiden Hände zusammen und sprach demütig: „O Herr! Ich stehe hier als dein Keulenträger und bewache diesen Elefanten für dich. Drum möge der Herr ihn verzehren!“ Der Löwe aber, da er ihn sich demütig bücken sah, sprach: „Ah! Ich esse nie und nimmer ein Tier, das von einem andern getötet ist. Man sagt auch:

Der Löwe, der sich von des Wildes Fleisch nährt, greift, hungernd selbst, nimmer im Wald zum Grase; so lassen auch nimmer die Hochgebornen im Unglück selbst ab von dem Pfad der Tugend.

Drum begnadige ich dich selbst mit diesem Elefanten.“ Nachdem er dies gehört, sprach der Schakal voll Freude: „So geziemt es sich für einen Herrn gegen seine ergebnen Diener. Denn man sagt auch:

Ein Edler weicht voll hohen Sinns nie von des Gebieters Pflicht, selbst in äußerster Not: nimmer verliert ihre Weiße die Perle und käme sie auch aus des Feuers Mund.“

Als aber der Löwe sich entfernt hatte, kam ein Tiger heran. Als er nun diesen sah, dachte er: „Ah! Ein Bösewicht ist doch durch einen Fußfall weggebracht. Wie werde ich aber nun diesen fortschaffen? Der ist unzweifelhaft ein Held; dessen werde ich sicher nicht Meister werden, ohne Zwietracht zu säen. Denn man sagt auch:

Wo gute Wort’ und auch Gaben nicht zu helfen vermögend sind, da soll man Zwietracht aussäen; denn diese auch verhilft zum Sieg.

Ja sogar ein mit allen Tugenden Ausgerüsteter wird durch Spaltung vernichtet. Es heißt auch:

Wohlgeschützet und in Einschluss, von großer Härte und überschön, wird doch die Perle anbindbar, sobald sie einen Spalt empfängt.

oder: Selbst der innerhalb dem höchsten Wesen Stehende, sich von den äußerlichen Dingen entfernt Habende, guten Lebenswandel Führende, sehr Brave, nach Befreiung Strebende, verfällt in die Bande des Irdischen, wenn er in sich gespalten ist (d. i. wenn die Zweiheit, statt der Einheit, in ihm Herr wird).

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13.5 Der Esel im Tigerfell

Und schwupps sind wir schon im vierten Buch angekommen. Es geht um den Verlust von schon Besessenem, d.h. den Verlust von Freunden. Affe und Krokodil sind die engsten Freunde, bis das Krokodil durch eine List das Herz des Affens als vermeintliches Heilmittel für seine Krokodilfrau ergattern will. Der Affe entkommt dem unerfreulichen Tod, aber die Freundschaft ist hin.

Als erste von zwei Tierfabeln aus diesem Buch gibt es heute einen absoluten Klassiker, der direkt seinen Weg auch in die europäische Erzähltradition – zum Beispiel bei Herrn Lessing – gefunden hat. Aber lest selbst…

Der Esel im Tigerfell
(4. Buch, 7. Erzählung)

In einem gewissen Orte wohnte einst ein Walker, namens Suddhapata. Dieser hatte einen Esel, welcher aus Mangel an Futter überaus schwach geworden war. Der Walker nun, als er im Walde umherschweifte, sah einen toten Tiger. Da dachte er: „Ah! Das trifft sich gut! Mit diesem Tigerfell will ich den Esel bedecken und ihn in der Nacht in die Gerstenfelder loslassen, damit die in der Nähe befindlichen Feldhüter ihn für einen Tiger halten und nicht wegjagen.“

Nachdem dies geschehen war, fraß der Esel Gerste nach Lüsten. Auf diese Weise wurde er im Verlauf der Zeit fett und es kostete Mühe, ihn in den Stall zu bringen, wo er angebunden zu werden pflegte. Einst aber, vor Brunst übermütig, hörte er aus weiter Ferne das Geschrei einer Eselin. Auf dieses bloße Geschrei hin fing er auch an zu brüllen. Da erkannten die Feldhüter, dass es ein in ein Tigerfell gekleideter Esel sei, und schlugen ihn mit Knüttel-, Pfeil- und Steinwürfen tot.

Daher sage ich:

Obgleich sich wohlgeschützt wähnend, mit einem Tigerfell bedeckt und furchtbare Gestalt zeigend, starb der Esel durch sein Gebrüll.

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Spannend scheint mir hier die Moral. Denn die Fabel ist zugleich ihre eigene Sentenz! Offenbar war der arme Esel, der ja eigentlich nix kann fürs Feld-leer-fressen, also schon im antiken Indien absolut bekannt.

Textquelle: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Theodor Benfey. Zweiter Theil: Übersetzung und Anmerkungen. Leipzig: F. A. Brockhaus 1859, S. 308.