Archiv der Kategorie: Fabel

26.3 Der Fuchs und der Tiger – auf chinesisch

Vorgestern gab es ja schon Pferd und Seidenraupe, aber es war ja kein richtiges Tiermärchen. Das holen wir heute nach. Lest selbst…

Der Fuchs und der Tiger

Der Fuchs begegnete einst einem Tiger. Der zeigte ihm die Zähne, streckte die Krallen hervor und wollte ihn fressen. Der Fuchs sprach: „Mein Herr, Ihr müsst nicht denken, dass Ihr allein der Tiere König seid. Euer Mut kommt meinem noch nicht gleich. Wir wollen zusammen gehen, und Ihr wollet Euch hinter mir halten. Wenn die Menschen mich sehen und sich nicht fürchten, dann mögt Ihr mich fressen.“

Der Tiger war’s zufrieden, und so führte ihn der Fuchs auf eine große Straße. Die Wanderer nun, wenn sie von fern den Tiger sahen, erschraken alle und liefen weg.

Da sprach der Fuchs: „Was nun? Ich ging voran; die Menschen sahen mich und sahen Euch noch nicht.“

Da zog der Tiger seinen Schwanz ein und lief weg.

Der Tiger hatte wohl bemerkt, dass die Menschen sich vor dem Fuchse fürchteten, doch hatte er nicht bemerkt, dass der Fuchs des Tigers Furchtbarkeit entlehnte.

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Eine chinesische Fabel genau genommen, wenn auch nicht mit europäisch/indischer expliziter Fabel. Eben doch alles eine globale Soße?! 😉

 

Textquelle: Richard Wilhelm: Chinesische Volksmärchen. Jena: Diederichs 1914, S. 25-26.

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25.7 Einhörner, Oma-Wölfe, nee klar – Fabeln von James Thurber

Zum Abschluss gibt es, okay ja, keine deutschen Fabeln. Es sind US-amerikanische Fabeln von James Thurber (1894-1961), dem berühmten Schriftsteller und Cartoonist. Der unter anderem eben eine Menge Fabeln geschrieben hat, die das Genre unvergleichlich brillant in unsere Zeit bringen. Indem er Klassiker am modernen Großstadtleben auflaufen lässt oder eigene Varianten schafft, die – aber lest selbst…

 
 
 

Das Einhorn im Garten

Ein Mann schaute an einem sonnigen Morgen von seinem Frühstück auf und sah ein Einhorn in seinem Garten, das an den Rosen knabberte. Er ging hinaus und gab ihm eine Lilie und das Einhorn aß sie mit gebührendem Ernst. Er erzählte seiner Frau davon und sie sagte, er sei irre und sie würde ihn ins Irrenhaus einliefern müssen, denn Einhörner seien Fantasiewesen. Während er im Garten war, rief sie einen Psychiater und die Polizei und als sie kamen, sagte sie ihnen, ihr Mann hätte ein Einhorn gesehen. Die Männer sahen sie an und steckten sie in eine Zwangsjacke, obwohl sie sich wild wehrte. Als ihr Ehemann hereinkam, fragten sie ihn, ob er seiner Frau erzählt hätte, er habe ein Einhorn gesehen. „Natürlich nicht,“ sagte er, „ein Einhorn ist ein Fantasiewesen.“ Sie brachten also die kreischende Frau ins Irrenhaus und der Mann lebte glücklich und zufrieden bis ans Ende seiner Tage.

Moral: Man weiß erst, wer irre ist, wenn die Tür vom Irrenhaus hinter einem zufällt.

* Blöde Wahl diese Fabel, weil nicht gut zu übersetzen, aber so großartig. Okay. Also der eigentlich Kick ist der, dass Irrer/Trottel im englisches ‚booby‘ heißt und ‚Irrenhaus‘ ‚booby hatch‘. Da macht die Originalmoral natürlich Sinn: Don’t count your boobies until they are hatched.

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Das kleine Mädchen und der Wolf

Eines Nachmittags wartete ein großer Wolf in einem dunklen Wald darauf, dass ein kleines Mädchen mit einem Korb voller Essen auf dem Weg zu ihrer Großmutter vorbeikäme. Schließlich kam ein kleines Mädchen und sie trug einen Korb voll Essen. „Trägst du diesen Korb zu deiner Großmutter?“ fragte der Wolf. Das kleine Mädchen sagte ja, das täte sie. Da fragte der Wolf, wo ihre Großmutter lebte und das kleinen Mädchen sagt es ihm und er verschwand in den Wald. Weiterlesen

25.6 Kafkas Kleine Fabel

Nach Tagen und Tagen in der Aufklärung machen wir in unserer Zeitreise mit der deutschen Fabel heute einen großen Satz ins 20. Jahrhundert. Zwar ist die Fabel nun meistenteils ins Klassenzimmer verbannt, aber hier und da hat sie doch nochmal Aufmerksamkeit erregt.

Das erste Beispiel ist Franz Kafkas (1883-1924) Kleine Fabel, die er 1920 geschrieben hat. Allerdings ohne Titel. Den bekam der Mini-Text von Max Brod, der ihn mit anderen unveröffentlichten Texten 1931 herausgab. Und tatsächlich kann man sich gleich fragen – ist das eine Fabel? Lest selbst…

Kleine Fabel

„Ach,“ sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern,“ sagte die Katze und fraß sie.

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Die Forschung sieht das Textchen eher als Parabel, zumal es keine ausgesprochene Moral gibt. Nun hat ja nicht jede Fabel eine explizite Moral und implizit ist Kafkas Text natürlich durchaus moralisch. Es ist nur eben keine Moral mit erhobenen, dozierendem Zeigefinger.
Für mich geht es weniger um Fragen von Schicksal und Menschheit, sondern vielmehr darum, wie sehr man als Individuum gefangen sein kann in einem Weg, der einem aufgrund der eigenen Erfahrungen, Macken und Scheuklappen als der einzig mögliche vorkommt. Und selbst wenn einem jemand anders die Lösung sagt, die objektiv simpel wie nur was ist, gibt es für einen selbst eben keinen Ausweg. Bis zum hier bitteren Ende.
Unabhängig von der Einordnung des Texts in eine Gattung regt er so doch auf jeden Fall zum Denken an. Oder was meint ihr?
 

Textquelle: Franz Kafka: Gesammelte Werke. Bd. 8. Frankfurt am Main 1950ff., S. 91-92.
Bildquelle: Foto von Kafka, 1914

25.5 Lessing, der alte Fuchs, mit dem alten Wolf

Nachdem ich euch gestern Lessings Theorie zur Fabel und seine Umsetzung vorgestellt habe, gibt es heute einfach noch eine – naja, eigentlich sieben Fabeln. Lest selbst…

Die Geschichte des alten Wolfs, in sieben Fabeln
(1)

Der böse Wolf war zu Jahren gekommen, und fasste den gleißenden Entschluss, mit den Schäfern auf einem gütlichen Fuß zu leben. Er machte sich also auf, und kam zu dem Schäfer, dessen Horden seiner Höhle die nächsten waren.
„Schäfer,“ sprach er, „du nennest mich den blutgierigen Räuber, der ich doch wirklich nicht bin. Freilich muss ich mich an deine Schafe halten, wenn mich hungert; denn Hunger tut weh. Schütze mich nur vor dem Hunger; mache mich nur satt, und du sollst mit mir recht wohl zufrieden sein. Denn ich bin wirklich das zahmste, sanftmütigste Tier, wenn ich satt bin.“
„Wenn du satt bist? Das kann wohl sein:“ versetzte der Schäfer. „Aber wenn bist du denn satt? Du und der Geiz werden es nie. Geh deinen Weg!“

(2)

Der abgewiesene Wolf kam zu einem zweiten Schäfer.
„Du weißt Schäfer,“ war seine Anrede, „dass ich dir, das Jahr durch, manches Schaf würgen könnte. Willst du mir überhaupt jedes Jahr sechs Schafe geben; so bin ich zufrieden. Du kannst alsdenn sicher schlafen, und die Hunde ohne Bedenken abschaffen.“
„Sechs Schafe?“ sprach der Schäfer. „Das ist ja eine ganze Herde! –“
„Nun, weil du es bist, so will ich mich mit fünfen begnügen:“ sagte der Wolf.
„Du scherzest; fünf Schafe! Mehr als fünf Schafe opfre ich kaum im ganzen Jahre dem Pan.“
„Auch nicht viere?“ fragte der Wolf weiter; und der Schäfer schüttelte spöttisch den Kopf.
„Drei? – Zwei? – –“
„Nicht ein einziges;“ fiel endlich der Bescheid. „Denn es wäre ja wohl töricht, wenn ich mich einem Feinde zinsbar machte, vor welchem ich mich durch meine Wachsamkeit sichern kann.“

(3)

Aller guten Dinge sind drei; dachte der Wolf und kam zu einem dritten Schäfer.
„Es geht mir recht nahe,“ sprach er, „dass ich unter euch Schäfern als das grausamste, gewissenloseste Tier verschrien bin. Dir, Montan, will ich itzt beweisen, wie unrecht man mir tut. Gib mir jährlich ein Schaf, so soll deine Herde in jenem Walde, den niemand unsicher macht, als ich, frei und unbeschädiget weiden dürfen. Ein Schaf! Welche Kleinigkeit! Könnte ich großmütiger, könnte ich uneigennütziger handeln? – Du lachst, Schäfer? Worüber lachst du denn?“
„O über nichts! Aber wie alt bist du, guter Freund?“ sprach der Schäfer.
„Was geht dich mein Alter an? Immer noch alt genug, dir deine liebsten Lämmer zu würgen.“ Weiterlesen

25.4 Lessing, Godfather der deutschen Fabel und ihrer Theorie

Sozusagen der ‚Godfather of the German fable‘ war dann aber Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781). Der hatte in den 1750ern die Fabeln seiner internationalen Vorgänger, u.a. auch Gleim, rezensiert und Richardsons Fabeln ins Deutsche übersetzt. Und er beschäftigte sich intensiv mit Aesop. Lessing selbst dichtete auch schon einige Fabeln, aber mit Schwung betrat er erst 1759 die Bühne mit seinen Fabeln. Drei Bücher nebst Abhandlungen mit dieser Dichtungsart verwandten Inhalts.

Lessing definiert die Fabel wie folgt: „Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall zurückführen, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen, und eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschauend erkennt: so heißt diese Erdichtung eine Fabel.“

Hört sich das noch recht unverfänglich an, so bezieht er doch klar Stellung gegen die verspielte Tradition La Fontaines und seiner deutschen Nachahmer, die er an Gleim festmacht. Stattdessen will er zurück zu Aesop, das heißt zur Fabel als knapp und schlicht, aber präzise. Für letzteres plädiert er für bzw. verwendet er selbst geschliffene Dialoge.

Und auch im Streit um das Wunderbare positioniert er sich und zwar mit einer so schlauen, wie eigentlich simplen Beobachtung: Tiere in Fabeln seien nix Wunderbares, da sie ja überhaupt nicht neu seien. Er meint also, es wird kein Leser dasitzen und denken: Oh wow, sprechende Tiere! Das hatte ich ja noch nie! – Recht hat er.
Trotzdem ist auch Lessing doll für Tiere als Figuren, weil sie schlicht vor allem beim einfachen Volk – und das will ja auch Lessing aufklären – viel bekannter seien als z.B. historische Personen.

Aber wie sieht das nun in der Praxis aus? Lest selbst… Weiterlesen

25.3 Gleim lässt die Fabel reisen und Tamerlan weinen

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) – studierter Jurist, leidenschaftlicher Dichter und supergut vernetzter Freund der Dichter und Denker seiner Zeit – mischte sich in das immer noch nicht geklärte oder abgeklungene Gezank zwar nicht mit einer theoretischen Schrift zur Fabel, aber eine Stellungnahme konnte er sich in seinen 1756/57 veröffentlichten Fabeln doch nicht ganz verkneifen. Lest selbst…

 

Die reisende Fabel

Die arme Tochter des Äsop,
Die Fabel, reiste von Athen,
Entfernte Länder zu besehn.

Wer sie erblickte, der erhob
Ihr Wesen, ihren Gang,
Und ihren Anzug. Nicht zu lang
Und nicht zu kurz, war er bequem:
Wohin sie kam, da war sie angenehm.

Zu Rom schenkt ihr ein feinres Kleid
Ein Freigelassener* des Kaisers seiner Zeit,
Es stand ihr wohl, es war gemacht
Nett, aber ohne Pracht!

Dann reiste sie darin, noch blöde, nach Paris;
Ein edler Ritter** nahm sie auf, und unterwies
Das wohlerzogne Kind, das seine Freundin ward,
In Sitten und in Putz, nach seiner Landesart.
Auch nahm er einst sie mit, in einer Gallanacht,
An Ludwigs Hof, in Hofestracht.

Und weil der jungen Maintenon***
An Geist und Schönheit sie vollkommen glich,
So zog sie allsobald des Königs Aug’ auf sich.
Was hatte sie davon?
Er rühmte sie den Prinzen, sie gefiel!
Und einst beim Spiel,
Nannt’ er, in Gnaden, sie: die Menschenlehrerin!

Ich? Ihro Majestät! ich bin
Nur eine Zeitvertreiberin!
Mich hören Kinder nur so gern!
Ich? Lehrerin? der Menschen? das sei fern!
Was recht und Tugend ist, zu lehren und zu preisen,
Das überlass’ ich Herrn,
Und Königen, und Weisen!

* Phädrus
** La Fontaine, auf den sie alle standen
*** War wohl eine Lieblingsgeliebte des französischen Königs

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Tamerlan und seine Tochter

Die liebste Tochter Tamerlans,
Des Helden, welcher Furcht und Schrecken
Um sich verbreitete, hieb eines schönen Hahns
Geliebter Henne, (die zu wecken,
Der Hahn sein hässliches Kikri,
Hochstehend, jeden Morgen schrie,)
Nicht dieses harten Schicksals wert,
Den Kopf ab mit des Vaters Schwert.

Der Vater sah’s. Unschuldigen Geschöpfen
Haut man den Kopf nicht ab, sprach er;
Wer, Henker! lehrte dich des Hahns Gemahlin köpfen?
Unmenschliche Tyrannin! wer?
„Herr Vater, Sie!“ – Tyrannin, knie nieder!
Gerechtigkeit muss sein, du bist mir nicht zu lieb!

Der Tochter zitterten, hinkniend, alle Glieder!
Der Vater nahm das Schwert, und hieb
Den schönsten Mädchenkopf
Der liebsten Tochter ab,
Fasst ihn beim Schopf
Und legt ihn sanft ins Grab!

Ob wohl mit Menschenblut der große Tamerlan,
Der böse Taten hat getan,
Die Götter zu versöhnen meinte?
Lehrt’s, Menschenlehrer! mich!

Gerechtigkeit muß sein! sprach der Barbar und weinte
Zwo Thränen bitterlich.

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Wir stellen also fest – bei Gleim reist die Fabel überhaupt gar nicht nach Deutschland. Das heißt, er blendet einfach mal die ganze Diskussion aus. Bis auf ein paar dezente kleine Seitenhiebe, die natürlich voll ankamen. Kaum überraschend waren die deutschen Theoretiker offenbar von der Passage, wo die Fabel ‚nur Zeitvertreiberin‘ ist, nicht beglückt. Und hatten die Ironie offenbar überlesen. Gleim erklärte sich also: „Weil selbst ein Bodmer diesen Scherz für Ernst genommen hat, wie solches erweislich ist aus seiner Vorrede zu den Fabeln des von Knonau (Zürich 1757), so scheints nicht überflüssig, zu sagen, daß die reisende Fabel hier eine Spötterin ist.“ So, so. ;D

Die zweite Fabel habe ich ausgesucht aus purer persönlicher Begeisterung, denn gleich nochmal die ‚Tartaren‘. Und auch hier wieder beißende Ironie, wenn der Barbar gerade genau zwei Tränen weint, die aber dafür bitterlich.
Und dann dachte ich mir, schaue ich doch mal, ob ich nicht ein feines Tamerlan-Bildchen finde und hoppla. Ich zitiere aus der Beschreibungsseite von Wiki.Commons:
„In einem Brief von 1760 an Gleim berichtet Rode: Tamerlan isst bei einer alten Frau Reisbrei und verbrennt sich den Mund, da er aus der Mitte genommen hat. Er erhält den Rat, beim Essen stets am Rand zu beginnen und folglich auch im Krieg vor dem Eindringen in das Landesinnere zuerst die Grenzen zu sichern.“ Wibke Andresen, „Das Gemäldezyklus auf Gut Neuhaus“. In: Kunst im Dienste der Aufklärung. Radierungen von Bernhard Rode (1725-1797) mit einem Gesamtverzeichnis aller Radierungen des Künstlers im Besitz der graphischen Sammlung der Kunsthalle zu Kiel. Hrsg. v. Frank Büttner. Kiel 1986. S. 59.

Barbaren also offenbar überall.

 

Textquelle: Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Ausgewählte Werke, Leipzig 1885, S. 69f.& 111f.
Bildquelle: Porträt des jungen Gleim & Szene aus dem Leben Tamerlans von Bernhard Rode 1780/81)

25.2 Lichtwer über Pferde, Esel und beraubte Fabeln

Dass so ein bißchen oder gerne auch ein bißchen mehr Disput ja gar nix schaden kann, zeigt auch das Beispiel von Magnus Gottfried Lichtwer (1719-1783), eines der berühmtesten Fabeldichters seiner Zeit, wobei die Geburt seiner Fabeln in vier Büchern eine schwere war.

1748 wurde eine erste Variante anonym gedruckt und offenbar meistenteils schlicht ignoriert. 1757 gab er sie überarbeitet noch einmal heraus und hatte nun – dank Gottscheds Lob, Moses Mendelsohns sicherlich ebenso publikumswirksamer Kritik und die unerlaubte und vor allem verfälschende Neuausgabe von Karl Ramler, den er denn auch in seiner Vorrede zerreißt – enormen Erfolg.

Und die Fabeln? Orientierten sich an Aesop, den er in einer Art zweiter Vorrede in Versen für die Natürlichkeit lobt, mit der er das Wunderbare sprechender Tiere doch wahrscheinlich fasst. Schweizer Einschlag scheint es. Aber nun die Fabeln? Lest selbst…

 

Die beraubte Fabel

Es zog die Göttin aller Dichter,
Die Fabel, in ein fremdes Land,
Wo eine Rotte Bösewichter
Sie einsam auf der Straße fand.

Ihr Beutel, den sie liefern müssen,
Befand sich leer; sie soll die Schuld
Mit dem Verlust der Kleider büßen,
Die Göttin litt es mit Geduld.

Mehr, als man hoffte, ward gefunden,
Man nahm ihr Alles; was geschah? Weiterlesen

25.1 Von wunderbarer Theorie, Tanzbären und Tartaren bei Gellert

In dem Zank zwischen Gottsched und den Schweizern verortet sich auch Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) und zwar erstmal auch theoretisch. In seiner Schrift Von dem Nutzen der Fabel (1744) schlägt er sich klar auf die Seite von Breitinger und des ‚Wunderbaren‘. Das Besondere in seiner Theorie und das Erfolgsrezept seiner Praxis – 1746/47 veröffentlicht er gleich zwei Bücher von Fabeln und Erzählungen, 1754 folgt ein drittes – ist seine volksnahe Sprache und überhaupt Darstellung. Und ebenfalls wie Breitinger findet er auch, dass die Fabel eigentlich ihre Moral deutlich genug machen sollte – aber sicher ist sicher. Also schauen wir es uns so und so an, und einmal mit Tieren und einmal mit Menschen. Lest selbst…

Der Tanzbär

Ein Bär, der lange Zeit sein Brot ertanzen müssen,
Entrann und wählte sich den ersten Aufenthalt.
Die Bären grüßten ihn mit brüderlichen Küssen
Und brummten freudig durch den Wald.
Und wo ein Bär den andern sah:
So hieß es: Petz ist wieder da!
Der Bär erzählte drauf, was er in fremden Landen
Für Abenteuer ausgestanden,
Was er gesehn, gehört, getan!
Und fing, da er vom Tanzen red’te,
Als ging er noch an seiner Kette,
Auf polnisch schön zu tanzen an.

Die Brüder, die ihn tanzen sahn,
Bewunderten die Wendung seiner Glieder,
Und gleich versuchten es die Brüder;
Allein anstatt, wie er, zu gehn,
So konnten sie kaum aufrecht stehn,
Und mancher fiel die Länge lang darnieder.
Um desto mehr ließ sich der Tänzer sehn;
Doch seine Kunst verdross den ganzen Haufen.
„Fort,“ schrien alle, »fort mit dir!
Du Narr, willst klüger sein als wir?“ Weiterlesen

24.7 Daniel Triller kommt irgendwann zu Stadt- und Feldmaus

Hagedorn auf dem Fuße folgten 1740 die Fabeln von Daniel Wilhelm Triller (1695-1782). Der war eigentlich Mediziner, aber bei seinen Zeitgenossen auch für seine Gedichte und Fabeln bekannt. Und als Bekannter von Hrn. Gottsched, hat er wohl auch ein bißchen abgekriegt. Zu Recht, muss ich mal sagen. Aber lest selbst…

 
 
 
 

Die CXLVIII Fabel
Vorzug und Sicherheit des armen Landlebens, für dem unruhigen reichen Stadtleben

In einer anmutigen Fabel, von der Feld- und Stadtmaus, aus des Horatii 6ten Satyre, des zweiten Buchs, am Ende.

Lucanus, Pharsal. Lib. V.
O vitae tuta facultas
Pauperis! augustique lares! o munera nondum intellecta Deum!

Sonntags, als die Predigt aus, die ja wohl so gut gewesen,
Als wir sie gemeiniglich in den Hauspostillen lesen,
Ließ die Stadtmaus sich gefallen, für das Tor hinaus zu gehn,
Allda frische Luft zu schöpfen, und die Felder zu besehn.
Eben dieses hatte sich auch die Feldmaus vorgenommen;
Als sie nun von ungefähr auf den Weg zusammen kommen,
Und sich unvermutet sahen, war es beiden angenehm,
Denn sie waren alte Freunde, und Gevattern außerdem.
„Herr Gevatter, geh doch mit,“ fing die Feldmaus an zu sagen,
„Und verschmäh nicht Hausmannskost: Hab ich nicht viel aufzutragen,
Hoffen wir doch satt zu werden; meine beste Schüssel ist
Deines Wirtes guter Wille, der dir nichts im Haus verschließt.“
„Ja!“ versetzte diese drauf, „wär es endlich in der Wochen,
Könnt ich schon noch mit dir gehn; doch heut bin ich schon versprochen,
Und bereits zu Gast gebeten, weil man, nach Gewohnheit, meist
Sonntags Abends, in den Städten, mit einander kostbar speist.
Doch es sei vor diesesmal, ich gewähr dich deiner Bitte,
Und nehm heut mit dir vorlieb, führ mich nur in deine Hütte,
Muss man doch nicht immer schmausen.“ Also gingen beide fort,
Kamen auch, nach einer Weile, zu dem angezeigten Ort,
Wo die Feldmaus in dem Wald ihre Wohnung eingegraben.
Alldort krochen sie hinein: Da sollt man gesehen haben,
Was die Stadtmaus vor Gesichter, was vor tolle Mienen zog,
Wie sie große Augen machte, und so Haupt als Fuß bewog;
Es kam ihr unmöglich für, eine Stunde hier zu leben,
Und sie wünschte, dass sie sich nie in dieses Loch begeben,
Das so schmutzig, eng und dunkel, einsam, wüst und fürchterlich,
Weil in dieser wilden Gegend niemand leicht vorüber strich. Weiterlesen

24.6 Hagedorn über Rabe, Fuchs, Schwimmer und Überlebensstrategien am Hof

Nun aber – willkommen zu den eigentlichen Fabeln der deutschen Aufklärung. Denn Anfang machen soll Friedrich von Hagedorn (1708-1754), der als Begründer des Rokoko gilt. Entsprechend sind auch seine 1738 veröffentlichten Versuch in poetischen Fabeln und Erzählungen – sagen wir mal, lebensfroher als von Hrn. Gottsched & Co intendiert. Wenig überraschend war Hagedorn denn auch mit Bodmer befreundet…

Aber praktisch half der ja auch nicht weiter. Nach dem Vorbericht seiner Fabeln orientierte Hagedorn an den von ihm sowieso verehrten antiken Dichtern (hier natürlich vor allem Aesop und Phädrus, wie alle anderen Fabeldichter auch) und La Fontaine. Und er war dabei verdammt offen, welche seiner Fabeln er wem nachgedichtet hat. Das zeigt aber auch, das manche ganz ehrlich nur von ihm sind. Aber lest selbst…

Der Rabe und der Fuchs

Wurst wieder Wurst. Das ist das Spiel der Welt,
Und auch der Inhalt dieser Fabel.
Ein Rabe, welcher sich auf einen Baum gestellt,
Hielt einen Käs’ in seinem Schnabel.
Den Käse roch der Fuchs. Der Hunger riet ihm bald,
Dem schwarzen Räuber sich zu nahen.
Ha! spricht er, sei gegrüßt! Ist hier dein Aufenthalt?
Erblickt man hier die reizende Gestalt?
Dass du gefällst, muss, wer dich kennt, bejahen.
Erlaube mir die Lust, dich jetzo recht zu sehn …
Ja! der Fasan muss dir an Farbe weichen.
Ist dein Gesang nur halb so schön,
So wird, an Seltenheit, dir auch kein Phönix gleichen.
Den Raben täuscht das Lob, das ihm der Falsche gab.
Er kann sich nicht vor stolzer Freude fassen.
Ich, denkt er, muss mich hören lassen,
Und sperrt den Schnabel auf. Sein Käse fällt herab,
Den gleich der Fuchs verschlingt. Er sagt: Mein schönster Rabe,
Ein Schmeichler lebt von dem, der ihn zu gerne hört,
Wie ich dir jetzt bewiesen habe.
Ist diese Lehre nicht zehn solcher Käse wert?
Des Fuchses Schüler schweigt, mit heimlichem Verlangen,
Den schlauen Fänger auch zu fangen.
Der trug einst Speck nach seinem Bau,
Und er begegnet ihm. Wie, spricht er, Hühnerfresser,
Ist jetzo Speck dein Mahl? Du lebest zu genau,
Fast wie ein Mäuschen lebt. Schalk, dein Geschmack war besser. Weiterlesen