Archiv der Kategorie: ätiologisches Märchen

41.3 Die verzauberte Weinkanne oder weswegen Hunde und Katzen Feinde sind

Wie Katze und Hund Feinde wurden, wird in vielen Märchentraditionen irgendwie erklärt. So auch in Korea. Aber lest selbst…

Die verzauberte Weinkanne oder weswegen Hunde und Katzen Feinde sind

Vor langen Jahren lebte an dem Ufer eines großen Flusses, an der Stelle, wo die Boote zu landen pflegten, ein alter Mann mit schneeweißem Haar.

Er war arm, aber ehrlich und gut, hatte weder Weib noch Kind und ernährte sich durch einen Weinausschank. So klein sein Geschäft auch nur war, so hatte dasselbe doch in der ganzen Gegend einen guten Ruf, weil der Wein von der besten Sorte war und der Alte weder Zank noch Schlägereien bei sich erlaubte. Er zog auch die Kundschaft, die nur zu ihm kam Wein zu kaufen, derjenigen vor, welche kam, um bei ihm zu trinken. Er schien nie auf Reisen zu gehen, neue Einkäufe zu besorgen und sein Weinvorrat ging nie zu Ende. Immer schenkte er nur aus der nämlichen Kanne und niemand hatte gesehen, dass der Alte Fässer im Hause hielt, aus denen er seine Kanne füllte und doch blieb diese Kanne stets gefüllt, mochten so viel Leute kommen als da wollten. Die getrocknete, langhalsige, gelbe Kürbisflasche war durch den langen Gebrauch schon ganz schwarz geworden und glänzte wie poliert. Wunderlich war es auch, dass der Schankwirt nicht zu altern schien, er behielt immer dasselbe Aussehen, wie vor undenklichen Zeiten.

All dieses war schon so stadtbekannt, dass gar nicht mehr darüber gesprochen wurde – es sei denn, dass einmal ein Fremder kam, den der sonderbare Krug auffiel und der die Leute danach ausfragte; auch der verließ dann den Platz mit derselben Meinung, dass der Alte ein guter Mann sei, sein Wein aber noch besser. Im übrigen kümmerte sich niemand darum wo der Wein herkam, solange es immer dieselbe gute Sorte war, die man erhielt. Man gewöhnt sich eben an alles.

Die einzigen Genossen, mit denen der alte Mann lebte, waren ein Hund und eine Katze und mit ihnen teilte er auch sein Bett und seine Mahlzeit. Es gab in der ganzen Welt keinen klügeren Hund, obgleich man nicht gerade behaupten konnte, dass er hübsch war. Sehr geduldig und gutmütig von Natur, wurde er nur ungemütlich, wenn sein Herr von irgendeinem Kunden Unbill erlitt, oder wenn ihn die Flöhe von allen Seiten angriffen, – dann aber kam ihm die Katze zu Hilfe und bald waren die Feinde besiegt.

Der Kater war ein Original. Zwar schon längst über die Jahre hinaus, in welchen Katzen sich die größte Mühe geben ihren eigenen Schwanz zu fangen, war er doch ebenso hoch als übermütig. Wenn er seinen Freund, den Hund, schlafen sah, vergnügte er sich manchmal damit, ihm eine tote Ratte auf die Nase fallen zu lassen. Der Hund, auf so unangenehme Weise aus dem Schlaf geweckt, fuhr erschrocken in die Höhe und jagte dann, wie vom Bösen besessen im Zimmer umher, während der schadenfrohe Kater ein sehr würdevolles Gesicht machte, wie die Unschuld selbst, sich über die schlechten Manieren seines Freundes zu wundern schien, einen Katzenbuckel machte und den Schwanz dick aufgeplustert kerzengerade in die Höhe streckte.

Mit ihrem Herrn lebten beide Tiere aber in der größten Eintracht. Ging der Alte abends vor die Tür, um seine Pfeife zu rauchen, so begleiteten sie ihn und bewiesen durch ihr Gebell und Miauen der Nachbarschaft, dass sie noch vergnüglich lebten und jederzeit bereit wären, es mit den besten ihres Geschlechtes im Kampfe aufzunehmen.

Dem Alten war es nicht immer so gut ergangen wie jetzt, wo er den Weinhandel betrieb. Er hatte auch Zeiten gekannt, in welchen er nicht wusste, woher er seinen Reis für den nächsten Tag nehmen sollte. Seine guten Tage zählten erst von der Zeit, wo er den letzten Trunk aus seiner Weinflasche einem müden, alten Bettler gegeben hatte. Als derselbe sich an dem Wein gelabt hatte, gab er dem Alten einen kleinen Stein, welcher wie Bernstein aussah und sagte: „Hier Alter, wirf das in deine Flasche und solange der Stein darin bleibt wird es dir nie an Wein fehlen.“

Der Alte tat, wie ihm der Bettler geheißen und siehe da, die leere Flasche ward wieder voll und der Alte mochte so viel trinken, wie er nur konnte, die Flasche blieb immer voll und leerte sich nie. Nun betrachtete er sie von allen Seiten, nahm immer wieder einen Schluck, schüttelte sie und trank noch einmal. Dann guckte er hinein und trank von neuem, bis ihm der alte Bettler einfiel, dem er doch nun auch noch einen Trunk anbieten wollte. Doch, siehe da, der Bettler war verschwunden. Weil er nun niemand von seinem Weine anbieten konnte, so trank er allein weiter; das machte ihm aber kein Vergnügen und er dachte bei sich, er könne doch unmöglich den ganzen Tag über trinken, denn da würde er sich berauschen und es käme dann vielleicht jemand, der ihm seine Flasche raubte. So kam er auf den Gedanken einen Weinausschank zu eröffnen. Mit welchem Erfolg sahen wir schon. Er war jedoch weise genug, sein Geschäft ganz klein und in der Stille zu betreiben, um nicht die Habgier diebischer Beamten zu erwecken. Nur der Hund und die Katze wussten um das Geheimnis und sie ließen das Gefäß nie aus den Augen.

Doch jedes Ding währt seine Zeit, so auch hier und der Weinausschank nahm ein plötzliches Ende. Weiterlesen

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26.2 Das Mädchen mit dem Pferdekopf

Das heutige Märchen geht los wie ein normales Zaubermärchen, aber wird dann zur Göttersage. Lest selbst…

Das Mädchen mit dem Pferdekopf

In uralten Zeiten lebte einmal ein Greis, der ging auf Reisen. Niemand war zu Hause, als nur seine einzige Tochter und ein weißer Hengst. Jeden Tag fütterte die Tochter das Pferd. In ihrer Einsamkeit hatte sie Heimweh nach ihrem Vater.

So redete sie einmal im Scherz zu ihrem Pferd: „Wenn du mir meinen Vater zurückbringst, so will ich dich heiraten.“

Kaum hatte das Pferd die Worte gehört, da riss es sich los und lief weg. Es lief in einem fort, bis es an den Ort kam, wo der Vater war. Als der Vater das Pferd erblickte, war er freudig überrascht, fing es ein und setzte sich drauf. Das Pferd wandte sich zurück nach dem Weg, auf dem es gekommen war, und wieherte unablässig.

„Was hat nur das Pferd?“ dachte der Vater. „Sicher muss zu Hause irgendetwas los sein.“

So ließ er ihm denn die Zügel und ritt zurück.

Weil das Pferd so klug gewesen war, so gab er ihm reichliches Futter. Aber das Pferd fraß nichts, und wenn es das Mädchen sah, so schlug es nach ihr und wollte sie beißen. Der Vater verwunderte sich darüber und fragte das Mädchen. Die Tochter sagte ihm alles der Wahrheit gemäß.

„Du darfst keinem Menschen etwas davon sagen,“ sprach der Vater, „wir könnten sonst in übles Gerede kommen.“

Dann nahm er seine Armbrust und schoss das Pferd tot. Seine Haut aber hängte er im Hof zum Trocknen auf. Dann verreiste er wieder.

Eines Tages ging die Tochter mit einer Nachbarin spazieren. Als sie zu dem Hofe kamen, da stieß sie mit dem Fuß an das Pferdefell und sprach: „Ein unvernünftiges Tier wie du – und wolltest ein Menschenmädchen zur Frau! Es geschieht dir ganz recht, dass du jetzt tot bist.“

Aber noch ehe sie ausgeredet, da bewegte sich die Pferdehaut und richtete sich auf. Sie wickelte sich um das Mädchen herum und rannte weg.

Entsetzt lief die Nachbarin zu ihrem Vater und erzählte ihm, was vorgefallen. Überall suchte man nach dem Mädchen, aber es blieb verschwunden.

Endlich nach einigen Tagen sah man in den Zweigen eines Baumes das Mädchen in der Pferdehaut hängen. Allmählich verwandelte sie sich in eine Seidenraupe und verpuppte sich. Die Fäden, in die sie sich einspann, waren stark und dicht. Die Nachbarin nahm sie herunter und ließ sie ausschlüpfen. Dann spann sie die Seide und fand reichlichen Gewinn.

Ihre Angehörigen aber sehnten sich sehr nach ihr. Da erschien eines Tages das Mädchen in den Wolken auf ihrem Pferde reitend mit einem großen Gefolge und sprach: „Im Himmel ist mir nun das Amt übertragen, zu wachen über die Zucht der Seidenraupen. Ihr müsst euch nicht mehr nach mir sehnen.“ Darauf wurden ihr in ihrer Heimat Tempel errichtet, und jedes Jahr zur Zeit der Seidenraupen fleht man sie unter Opfern an um ihren Schutz. Sie heißt die Göttin mit dem Pferdekopf.

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Hr. Wilhelm vermutet als Ursprung dieser Sage Szetschuan. Und er erklärt – danke! – den Zusammenhang von Pferd und Seidenraupe damit, dass das Pferd das Himmelszeichen ist, dass im Frühling angesagt ist, wenn die Seidenraupen gepflegt werden. Tatsächlich habe es in China drei verschiedenen Göttinnen, die im Jahreswechsel für die Seidenraupen zuständig sind. – Haben wir doch wieder was gelernt. 😀

 
Textquelle: Richard Wilhelm: Chinesische Volksmärchen. Jena: Diederichs 1914, S. 47-48.
Bildquelle: Das Gemälde ist nicht so richtig chinesisch, sondern aus einer Pferde-Reihe von Giuseppe Castiglione; dieses heißt „Chaoni’er (超洱骢, literally Exceeding Piebald)“ – so wiki.commons.

20.6 Wie die Hasen zu ihrer Hasenscharte gekommen sind – die mongolische Erklärung

Wie versprochen gibt es heute ein ätiologisches Tiermärchen, dass ein bisschen erklärt, wie aus den schüchternen Hasen in manchen Tiermärchen die selbstbewussten, ja arroganten Hasen in anderen werden konnten. Die Mongolen wissen eben Bescheid. ;D Aber lest selbst…

Wie die Hasen zu ihrer Hasenscharte gekommen sind

In viel, viel früheren Zeiten rief eines Tages der Älteste der Hasen alle seine Brüder in der mongolischen Steppe zusammen und sagte: „Auf der ganzen weiten Welt gibt es kein Lebewesen, das nicht weiß, wie man einem Feind einen Schrecken einjagt oder wie man sich verteidigt. Wir sind doch wirklich die armseligsten Tierchen. Wenn nur die Blätter an den Bäumen im Wind ein wenig rascheln, rutschen uns schon die Herzchen in die Pelzhosen. Brüder, es ist wohl besser, wenn wir uns im kleinen See ertränken, als dass wir so weiterleben und vor allem und jeden Angst haben.“

Die anderen Hasen stimmten dem Ältesten zu und so machten sie sich alle zusammen – ängstlich und traurig – auf den Weg. Als sie schon das Ufer des Sees sehen konnten, begegneten sie einer Elster. Weiterlesen

20.5 Der Fuchs und der Hase – in Finnland

Gelernt haben wir auf unserer Reise ja schon, dass der Hase mit verflixt vielen Gesichtern daherkommt. Da fragt man sich doch, ob diese schon fast schizophrenen Züge nicht auch mal erklärt werden? Werden sie. Und dazu machen wir nochmal eine kleine Extrareise. Anfangen tun wir in Finnland. Aber lest selbst…

Der Fuchs und der Hase
(aus Satakunta)

Einstmals traten sich Fuchs und Hase. Der Fuchs sagte zum Hasen: „Dich fürchtet doch Niemand!“ „Wer fürchtet dich denn?“ fragte der Hase. „Mich fürchtet Jedermann,“ meinte der Fuchs, „ich besitze einen langen Schwanz, deshalb hält man mich aus der Ferne für den Wolf und fürchtet mich in Folge dessen. Aber dich fürchtet doch Niemand.“ „Lass uns eine Wette eingehen,“ sagte der Hase, „ich werde dir zeigen, dass auch ich gefürchtet bin.“

Danach wandelten die Beiden miteinander dahin; da erblickte der Hase eine Herde Schafe, die hinter einem Zaune ruhten. Mit einem Satze sprang er mitten unter sie. Im blinden Schrecken darüber stoben die Schafe auseinander, so schnell sie nur irgend konnten. Der Hase war überglücklich, seine Wette gewonnen zu haben und fing an zu lachen, und lachte so unbändig, dass ihm das Mäulchen kreuzweise zerriss. Von der Zeit an tragen alle Hasen die Lippen kreuzweis gespalten.

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Man ist ja fast ein bißchen nervös, so mit einem wettenden Hasen. Aber zum Glück wird ja nicht um die Wette gelaufen, sondern nur erschreckt.

Nett, nett, und jetzt wissen wir, woher die Hasenscharte kommt, aber das erklärt doch nix zum Charakter, denkt hier vielleicht? Schaut morgen wieder vorbei und es gibt die Auflösung. ;D

Textquelle: Finnische Märchen übersetzt von Emmy Schreck. Mit einer Einleitung von Gustav Meyer. Weimar: Hermann Böhlau 1887, S. 228.

16.3 Wie die Fidji-Leute den Bootsbau erlernten

Wir bleiben in Melanesien und zwar auf Fidji und schauen beim Bootebauen zu. Aber lest selbst…

Wie die Fidji-Leute den Bootsbau erlernten
(Melanesien)

uf dem Berge Kau-wandra steht der Tempel von Dengei, der Großen Schlange. In alten Zeiten fürchteten die Fidji-Leute den Ort und zollten ihm Verehrung, denn dort wohnte die Große Schlange, die von ihnen angebetet wurde.

Damals war Bau noch nicht das größte Königreich auf Fidji. Es gab unter uns noch keine Bootbauer; unsere Väter bauten keine Boote, sie wussten nicht, wie sie es machen sollten. Sie lebten sehr einfach und bedürfnislos; jeder Stamm wohnte gesondert in seinem Gebiet; es gab noch keine Boote, mit denen man von einer Insel zur nächsten fahren konnte. Da bekam die Große Schlange Mitleid mit ihnen; sie erwählte sich einen Stamm, dem sie den Namen „der Bootbauer“ gab, und lehrte ihn die Bootbaukunst; sie schenkte ihm auch die Oberherrschaft über ganz Fidji; das war ein mächtiges, großes Volk, und Bau kam daneben gar nicht in Betracht. Es war ja auch eine Kleinigkeit für sie, so groß zu werden, denn sie verstanden von allen Leuten auf Fidji allein den Bootsbau; die Leute kamen von weither und baten um Annahme als Diener, damit sie auch lernten, wie man die wunderbaren Fahrzeuge machte, welche die Menschen sicher über das Wasser trugen. So wurden sie im Laufe der Zeit stolz und hochmütig und gehorchten der Großen Schlange nicht; doch sie war nachsichtig, denn sie hatte sie lieb. Die Große Schlange wohnte also auf dem Berge Kauwandra; und alles Land ringsherum schenkte sie dem auserwählten Stamm; sie bauten sich eine Stadt, die lag hoch oben auf einem Berge; da lebten sie in Sicherheit, denn kein Feind konnte dort hingelangen; häufig erschien auch der Gott und unterhielt sich mit ihnen; er lehrte sie viele Dinge, so dass sie klüger wurden als die übrigen. Das war eine schöne Zeit; sie lebten in Frieden und Überfluss.

Gegen Abend begab sich die Große Schlange stets in eine Höhle auf dem Kau-wandra-Berge und legte sich dort zum Schlafen hin. Sobald sie die Augen schloss, wurde es dunkel; dann sagten die Menschen: „Die Nacht ist hereingebrochen“ Wenn sie sich im Schlafe umdrehte, erbebte die Erde, und die Menschen sagten: „Erdbeben“ Und wenn sie gegen Morgen die Augen aufschlug, dann entfloh die Finsternis, und die Menschen sagten: „Es ist Morgen.“ Nun besaß die Schlange eine wunderschöne schwarze Taube, die musste, sobald es Tag werden wollte, sie wecken. Sie schlief auf einem „Baka“, einem Feigenbaum, der stand unmittelbar vor dem Eingang zur Höhle der Großen Schlange. Hier ließ sie ihren Ruf erschallen: „Kru, kru, kru, kru“ und weckte damit die Schlange, wenn die Nacht verschwinden und der Tag seinen Einzug halten wollte. Dann stand sie auf und rief über das Tal zu den Bootbauern hinüber: „Kinder, erhebt euch und arbeitet, der Morgen ist da.“

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16.2 Warum der Kasuar keine Flügel hat

In unserer Reise durch die Südsee geht es heute von Australien in Richtung Nordosten nach Melanesien. Das sind – Zitat Wiki – „die pazifischen Inselgruppen, die von dunkelhäutigen Menschen besiedelt waren oder werden, die weder polynesische noch mikronesische Sprachen sprechen“. Also zum Beispiel neu Guinea und Fidji.

Und weil ich zu meinem Schrecken festgestellt habe, dass ich Tiermärchen sträflich vernachlässigt habe… Eben. Aber lest selbst…

Warum der Kasuar keine Flügel hat
(Melanesien)

rüher konnte der Kasuar, ganz wie andere Vögel, fliegen. Doch er büßte diese Fähigkeit ein. Das geschah auf folgende Weise. Als es eines Tages sehr regnete, saß der Kasuar auf einem Baum und ließ die Regentropfen von sich herunterrieseln.

Da kam ein kleines Vögelchen zu ihm und sagte: „Großväterchen, hebe deinen Flügel doch ein wenig in die Höhe, damit ich darunterschlüpfen kann und nicht nass werde.“ Der gutmütige Kasuar sagte ja, und das Vögelchen schlüpfte behende unter den einen Flügel. Doch es war ein arger Schelm. Es holte Nadel und Faden hervor und nähte den Flügel an dem Kasuar fest. Als es fertig war, sagte es wieder: „Großväterchen, bitte, lass mich unter den anderen Flügel schlüpfen, hier tropft es schon durch.“ Der Kasuar war damit einverstanden, und das Vögelchen versteckte sich unter den anderen Flügel, den es nun ebenso wie den ersten festnähte. Als der Regen vorbei war, und die Sonne wieder schien, sagte das Vögelchen: „So, nun wollen wir weiterfliegen, das Wetter ist ja wieder schön.“ Damit schlüpfte es unter dem Flügel hervor und flog von bannen. Der Kasuar wollte ihm folgen; doch da bemerkte er zu seinem Schrecken, was das Vögelchen angerichtet hatte. So sehr er sich auch abmühte, die Flügel auszubreiten, es gelang ihm nicht, davonzufliegen. Er fiel zur Erde, und seit jenem Tage muss er sich beständig am Boden aufhalten.

Der Kasuar war sehr böse und rief dem Vögelchen zu: „Warte nur, ich werden deinen Kot behexen, dann musst du sterben!“

Wenn nun das Vögelchen ein Bedürfnis verrichten wollte, setzte es sich so in die Baumkrone, dass der Kot nicht auf den Boden fallen konnte; er blieb am Baum hängen, und der Kasuar konnte ihn nicht behexen. Allmählich zog sich der an den Ästen hängende Kot zu einem langen Faden aus und wurde zu einer Schlingpflanze mit prächtigen roten Blüten.

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Das ist doch irgendwie ungerecht. Der Kasuar kann nicht mehr fliegen und anstatt das der kleine Stressvogel dafür bestraft wird, wird ihm noch der Kot zur schicken Pflanze. Och nöö. Und nee, die habe ich diesmal nicht zu ergoogeln versucht.

 

Textquelle: Südseemärchen aus Australien, Neu-Guinea, Fidji, Karolinen, Samoa, Tonga, Hawaii, Neu-Seeland u.a. Herausgegeben von Paul Hambruch. 7.-16. Tausend. Jena: Eugen Diederichs 1921, S. 45f.

Bildquelle: Illustration eines Kasuar, genauer eines Bennettkasuar, von George Bennett & Initiale aus meiner Textgrundlage zu dieser Tierlegende

16.1 Die Entstehung der Sonne, oder: Märchen der Südsee

Wo das Wetter im Moment mehr April als Sommer ist, habe ich beschlossen, es geht in die Südsee. Zumindest per Märchenreise.

Meine Textgrundlage ist eine Sammlung von Märchen, die der Hamburger Ethnologe Paul Hambruch (1882-1933) in der wundervollen Reihe Märchen der Weltliteratur bei Eugen Diederichs veröffentlicht hat. Hambruch war selbst wiederholt auf Forschungsreise in der Südsee und dann Leiter der entsprechenden Abteilung im Hamburger Völkerkundemuseum. Professor war er auch noch. Aber vor allem ist er der seltene Fall eines Forschers, der zugleich wunderschön schreiben kann. Oder Diederichs hatte da klasse Lektoren. In jedem Fall könnt ihr euch auf zauberhaft erzählte Märchen freuen.

Los geht es heute mit einem ätiologischen Märchen aus Australien, aus dem wir nicht nur lernen, wessen Zank wir die Sonne zu verdanken haben, sondern auch, dass man keinen Hahn nachahmen sollte. Aber lest selbst…

Die Entstehung der Sonne
(Australien)

n alten Zeiten gab es noch keine Sonne; nur Mond und Sterne leuchteten am Himmel. Damals lebten auf der Erde auch keine Menschen, sondern nur Vögel und Tiere, die viel größer waren als heute.

Eines Tages gingen der Emu Dinewan und der Kranich Brälgah auf der großen Ebene am Murrumbidjee spazieren. Sie fingen an sich zu zanken und kriegten miteinander das Prügeln. Brälgah lief in ihrer Wut auf das Nest von Dinewan zu, nahm dort eins der großen Eier weg und warf es mit aller Kraft zum Himmel hinauf. Dort fiel es auf einen Haufen Feuerholz nieder und zerbrach. Der gelbe Dotter lief über das Holz hinweg und setzte es in helle Flammen, so dass die ganze Welt zu jedermanns Verwunderung hell beleuchtet wurde. Denn bis dahin war man nur an eine sanfte Dämmerung gewöhnt gewesen; nun wurde man von der großen Helligkeit fast geblendet.

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14.4 Der Ursprung der Wildschweine

Als Pause von den liebestrunkenen Zaubermärchen gibt es heute ein ätiologisches Tiermärchen. Lest selbst…

Der Ursprung der Wildschweine

Als Christus und der Heilige Petrus auf ihrer Wanderschaft durch die Welt nach den Dingen sahen und sie beurteilten begegneten sie auf weiter Flur vier fettglänzenden kleinen Ferkeln. „Ach, die Ärmsten sind hier ganz verloren.“ „Kümmere dich um sie, Petrus, denn wahrlich ich sage dir, sie haben keinen Herrn. Lass sie in irgendeinem Weiler, auf den wir unterwegs stoßen, auf halbpart großziehen.“ Der Heilige Petrus, der immer auf der Hut war, gedachte des Sprichwortes ‚Wenn man dir ein Ferkel gibt, so binde es gleich an‘, und berührte die vier Spanferkel mit einem Zauberstab.

Sie gelangten zu einem Anwesen, wo eine Frau an der Tür stand, und der Heilige Petrus schlug ihr den Handel vor. „Kümmert Euch um diese Tierchen und versorgt sie. Und wenn wir in einem Jahr hier vorüberkommen, dann wollen wir sie unter uns aufteilen.“ Die Ferkelchen wuchsen heran und wurden fett und auf dem Markt brachten sie schon einen großen Gewinn ein. Da war ein Jahr herum und die beiden Wanderer kamen wieder des Wegs. Sobald die Bäuerin sie erblickte, verbarg sie die zwei dicksten Schweinchen im Schweinestall. Der Heilige Petrus klopfte an der Tür und die Frau trat heraus. „Hier sind zwei hübsche Schweine. Die beiden anderen sind an einer rätselhaften Krankheit gestorben.“ Da wandte der göttliche Meister die Augen von der Frau und sprach folgendes Urteil:

So werden nur die zwei, die hier sind,
dir und uns gehören.
Und die, die du dort eingeschlossen hast,
sollen durchs Gebirge streifen
und in wilde Tiere verwandelt werden.

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Jetzt wissen wir also Bescheid. Wobei es auch ein bißchen ungerecht ist, dass Petrus offenbar incognito war, denn sonst hätte sich die Frau das vielleicht doch nochmal überlegt.

 

Textquelle: Braga, T.: Contos tradicionaes do povo portuguez. [I:] Contos de fadas – Cassos e facecia – Notas comparativas. 2. Auflage, Lisboa 1914, S. 245-246. (deutsche Übersetzung nach Zeno)
Bildquelle: einfach ein niedliches Wildschwein

9.4 Lippo und Tapio

Heute aber nun ein ätiologisches Märchen. Und zwar geht es nicht um die Erschaffung der blonden Menschen, aber immerhin um den Ursprung der Lappen. Lest selbst…

Lippo und Tapio
(Ans Ilomantsi*)

Lippo, der flinke Mann, der Jäger, begab sich eines Tages mit zwei Gefährten auf die Renntierjagd. Einen ganzen Tag wanderten sie im Walde umher, da brach die Nacht herein, und sie suchten in einer Reisighütte Schutz gegen die Finsternis und die Kälte. Sie brachten die Nacht in der Hütte zu, und als der Tag zu dämmern begann, glitten die drei Männer auf ihren Schneeschuhen weiter. Bevor sie die Hütte verließen, schlug Lippo seine Schneeschuhe aneinander und sagte: „Heute muss mir der Tag Beute bringen; ein Stück dem einen Schneeschuh, ein Stück dem andern, ein drittes meinem Stabe.“

Die Männer hatten sich kaum in Bewegung gesetzt, als sie auch drei Renntierspuren fanden; sie folgten ihnen und erblickten bald die drei Renntiere: zwei nebeneinander, das dritte etwas weiter ab von den andern. Da sagte Lippo zu den Gefährten: „Ihr mögt die beiden Tiere verfolgen, das sei eure Beute; ich will dem einzelnen nachjagen.“ Mit diesen Worten glitt er auf dem Schnee dahin, den ganzen Tag, bis ihn die Nacht überraschte; aber das Rennthier holte er nicht ein, obgleich er der schnellste Schneeschuhläufer war. Weiterlesen

6.3 Strohhalm, Kohle und Bohne

Auch bei den Grimms ist ja nicht alles Zauber- bzw. (Anti-)Heldenmärchen. Und so gibt es heute ein ätiologisches Märchen. Aber lest selbst…

Strohhalm, Kohle und Bohne

In einem Dorfe wohnte eine arme alte Frau, die hatte ein Gericht Bohnen zusammen gebracht und wollte sie kochen. Sie machte also auf ihrem Herd ein Feuer zurecht, und damit es desto schneller brennen sollte, zündete sie es mit einer Hand voll Stroh an. Als sie die Bohnen in den Topf schüttete, entfiel ihr unbemerkt eine, die auf dem Boden neben einen Strohhalm zu liegen kam; bald danach sprang auch eine glühende Kohle vom Herd zu den beiden herab.

Da fing der Strohhalm an und sprach: „Liebe Freunde, von wannen kommt ihr her?“ Die Kohle antwortete: „Ich bin zu gutem Glück dem Feuer entsprungen, und hätte ich das nicht mit Gewalt durchgesetzt, so war mir der Tod gewiss: ich wäre zu Asche verbrannt.“ Die Bohne sagte: „Ich bin auch noch mit heiler Haut davon gekommen, aber hätte mich die Alte in den Topf gebracht, ich wäre ohne Barmherzigkeit zu Brei gekocht worden, wie meine Kameraden.“ „Wäre mir denn ein besser Schicksal zu Teil geworden?“ sprach das Stroh, „alle meine Brüder hat die Alte in Feuer und Rauch aufgehen lassen, sechzig hat sie auf einmal gepackt und ums Leben gebracht. Glücklicherweise bin ich ihr zwischen den Fingern durchgeschlüpft.“ „Was sollen wir aber nun anfangen?“ sprach die Kohle. „Ich meine,“ antwortete die Bohne, „weil wir so glücklich dem Tode entronnen sind, so wollen wir uns als gute Gesellen zusammen halten und, damit uns hier nicht wieder ein neues Unglück ereilt, gemeinschaftlich auswandern und in ein fremdes Land ziehen.“

Der Vorschlag gefiel den beiden andern, und sie machten sich miteinander auf den Weg. Bald aber kamen sie an einen kleinen Bach, und da keine Brücke oder Steg da war, so wussten sie nicht, wie sie hinüber kommen sollten. Der Strohhalm fand guten Rat und sprach: „Ich will mich quer über legen, so könnt ihr auf mir wie auf einer Brücke hinüber gehen.“ Der Strohhalm streckte sich also von einem Ufer zum andern, und die Kohle, die von hitziger Natur war, trippelte auch ganz keck auf die neugebaute Brücke. Als sie aber in die Mitte gekommen war und unter ihr das Wasser rauschen hörte, ward ihr doch angst; sie blieb stehen und getraute sich nicht weiter. Der Strohhalm aber fing an zu brennen, zerbrach in zwei Stücke und fiel in den Bach. Die Kohle rutschte nach, zischte wie sie ins Wasser kam und gab den Geist auf.

Die Bohne, die vorsichtigerweise noch auf dem Ufer zurückgeblieben war, musste über die Geschichte lachen, konnte nicht aufhören und lachte so gewaltig, dass sie zerplatzte. Nun war es ebenfalls um sie geschehen, wenn nicht zu gutem Glück ein Schneider, der auf der Wanderschaft war, sich an dem Bach ausgeruht hätte. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so holte er Nadel und Zwirn heraus und nähte sie zusammen. Die Bohne bedankte sich bei ihm aufs schönste, aber da er schwarzen Zwirn gebraucht hatte, so haben seit der Zeit alle Bohnen eine schwarze Naht.

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Bei solchen ätiologischen Märchen frage ich mich ja immer, wer da wie auf die Idee kam? Ist wirklich einer Frau eine Bohne, ein Strohhalm und eine Kohle runtergefallen und als sie so hat liegen sehen…?

 

Textquelle: Kinder und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm. Erster Band. Große Ausgabe. Siebente Auflage. Göttingen: Verlag der Dieterichschen Buchhandlung 1857, S. 98f.
Bildquelle: Illustration zum Märchen von dem berühmten englischen Künstler und Kinderbuchillustrator Walter Crane (1845–1915))