41.2 Hyung Bo und Nahl Bo oder des Schwalbenkönigs Lohn

Auch in Korea gibt es Märchen um reiche und arme Geschwister und um Belohnungen für gute Taten und Bestrafungen für böse. Aber lest selbst…

Hyung Bo und Nahl Bo oder des Schwalbenkönigs Lohn

I.

In der Provinz Chullado, im südlichen Korea, lebten vor vielen, vielen Jahren zwei Brüder, von denen der eine sehr reich, der andere sehr arm war. Der Unterschied in ihren Vermögensverhältnissen entstand dadurch, dass der ältere Bruder beim Tode des Vaters alle Besitztümer an sich riss, statt brüderlich mit dem jüngeren zu teilen, der dadurch in das größte Elend geriet. Nahl Bo, der ältere, hatte neben seiner rechtmäßigen Gattin noch viele Sklavinnen und Konkubinen, aber keine Kinder, während Hyung Bo, der jüngere, nur eine einzige Frau, aber zahlreiche Kinder besaß. Während Nahl Bo sich mit seinen Frauen und diese wieder untereinander oft heftig zankten, lebte Hyung Bo mit seinem Weibe in Frieden und Eintracht, indem beide Eheleute bestrebt waren, einander das schwere Dasein zu erleichtern.

Der ältere Bruder besaß einen schönen, großen Garten mit vielen, im Winter heizbaren Häusern darin und der jüngere hatte nur eine kleine, mit einem Strohdache versehene Hütte, die so schlecht erhalten und so baufällig war, dass nach dem Regen große Wasserlachen auf dem Fussboden standen. Das einzige Zimmer, welches die Hütte enthielt, war so klein, dass Hyung nicht selten im Schlafe, wenn er sich ausstreckte, die dünne Lehmwand mit den Füssen einstieß. Er konnte den Fussboden seiner elenden Hütte auch nicht heizen, wodurch sich das Gewürm auf demselben vermehrte, so dass Hyung öfters diesem Ungeziefer das Zimmer überließ und im Freien mit den Seinigen übernachtete. Begreiflicherweise hatte er kein Geld erspart, denn er war froh genug, wenn er täglich für sich und seine Familie den Lebensunterhalt verdiente. So lange es die Witterung erlaubte arbeitete er als Tagelöhner auf dem Felde und seine Frau verdiente etwas dazu durch Nähen, konnten sie aber beide keine andere Beschäftigung finden, so flochten sie Strohschuhe, die sie auf den benachbarten Dörfern verkauften. In der Zeit, wo sie sich durch ihrer Hände Arbeit ernähren konnten, ging alles ganz gut, sie waren glücklich und zufrieden, aber als einstmals für beide keine Arbeit zu finden war und sie auch kein Geld hatten, um sich das Material zum Flechten der Schuhe zu kaufen, waren die armen Eltern sehr traurig, denn sie wussten nicht wie sie den Hunger ihrer nach Brot schreienden Kinder stillen sollten.

Kein Körnchen Reis war in der Hütte zu finden, so dass auch eine alte Ratte, welche ihr Logis in Hyungs Wohnung aufgeschlagen hatte und nachts herumstöberte, ohne das Geringste zu finden, was sich verzehren ließ, dem Verzweifeln nahe war. Durch Durst und Hunger ganz wütend geworden, stieß das hungrige Tier ein solches Klagegeschrei aus, dass die Nachbarn davon aus dem Schlafe erwachten. Die Ratte behauptete, ihre Beine seien durch das nutzlose Herumlaufen kürzer geworden.

In dieser großen Not schickte Hyungs Frau den ältesten Sohn zu dem reichen Bruder ihres Mannes und ließ ihn bitten, ihr etwas Reis zu borgen, den sie ehrlich wiedergeben würde, sobald sie wieder Geld verdiene. Der Knabe entschloss sich nur zögernd den Auftrag seiner Mutter auszurichten, denn sein Oheim nahm nicht Notiz von ihm, wenn er ihm auf der Straße begegnete und erwiderte nie seinen Gruß, sodass er fürchtete, man würde ihn durchprügeln, wenn er das Haus desselben beträte. Aber dem Befehle der Mutter musste gehorcht werden und so machte er sich schweren Herzens auf den Weg zu seinem Oheim.

Vor dessen Gehöft angekommen, sah er auf dem Felde wohlgenährte, wertvolle Kühe; die Schweineställe waren gefüllt und ganze Hühnervölker trieben ihr Wesen im Hofe, Aber der Oheim hielt auch viele große Hunde, die wütend bellten, als sie ihn erblickten und auf ihn zustürzten und ihm die Kleider vom Leibe rissen. Der Knabe hatte große Angst und wollte schon wieder davonlaufen, als ihm die große Not zu Hause einfiel. Er rief die Hunde freundlich an, einer von ihnen kam wedelnd auf ihn zu und leckte seine Hände, als schäme er sich des Betragens der Übrigen. Eine Magd wollte ihn fortjagen; als er aber sagte, er sei der Neffe ihres Herrn und müsse seinen Oheim sprechen, ließ sie ihn lächelnd den innern Raum betreten, wo er dann seines Vaters Bruder mit gekreuzten Beinen auf einer Veranda sitzend und seine Pfeife rauchend sah.

Der Oheim fragte ihn brummend: „Wer bist du?“ „Ich bin dein Neffe,“ antwortete der Knabe. „Wir haben seit drei Tagen nichts gegessen und sind dem Hungertode nahe. Mein Vater ist ausgegangen, um Arbeit zu suchen und ich bitte dich, uns etwas Reis zu leihen, den wir dir ehrlich wiedergeben wollen.“ Der Onkel sah ihn mit einem bösen Blicke von der Seite an, so dass das Kind sich schon nach einem Schlupfwinkel umsah, denn es erwartete nichts Gutes. Endlich erhob der Oheim seine Stimme und sagte zornig: „Mein Reis ist gut verpackt, ich habe Befehl gegeben die Speicher nicht zu öffnen. Mein Mehl ist versiegelt, ich kann die Säcke nicht öffnen. Wenn ich dir kalte Lebensmittel gäbe, würden dich die Hunde anfallen und sie dir entreißen. Gäbe ich dir Träber aus der Weinpresse könnten dich die Schweine angrunzen; Kleie kann ich dir auch nicht geben, denn dann würden meine Kühe dich mit den Hörnern stoßen. Schere dich zum Henker und lasse dich hier nie wieder sehen.“ Mit diesen Worten stand er auf, ergriff den Knaben und warf ihn zum Tor hinaus.

Weinend ging das Kind heim. Seine Mutter erwartete seine Rückkehr mit Sehnsucht, denn sie tröstete die weinenden Kleinen damit, dass sie ihnen sagte, der älteste Bruder würde ihnen vom Oheim etwas zu essen bringen. Als sie die Tränen in den Augen ihres Sohnes bemerkte, fragte sie ihn besorgt: „Hat der Oheim dich geschlagen?“ „Nein,“ antwortete das Kind, „er war gar nicht zu Hause, er ist in Geschäften verreist.“ Er wollte seiner Mutter nicht die volle Wahrheit sagen, um sie nicht noch mehr zu betrüben, auch schämte er sich wegen des schlechten Betragens seines Oheims.

Dann bleibt uns nichts übrig als zu sterben, dachte die Mutter. Doch in demselben Moment fiel ihr ein, dass sie noch ein Paar Strohschuhe hatte. Diese ging sie hin zu verpfänden und kaufte für den Erlös Reis. Nachdem die Kinder sich gesättigt hatten, gingen sie, zum erstenmale nach langer Zeit, fröhlich schlafen; die arme Mutter aber gedachte mit der alten Sorge des nächsten Tages. Am Abend spät kehrte Hyung zurück. Er hatte auf dem Berge Reisig gesammelt und verkauft und löste nun mit dem gewonnenen Gelde die Strohschuhe wieder ein und kaufte für den Rest Lebensmittel. Das Glück schien sich wieder zu nähern, denn am nächsten Tage fand die Mutter Beschäftigung mit Näharbeit und der Vater konnte einem Reisenden das Gepäck tragen, wofür er reichliche Bezahlung und eine gute Mahlzeit erhielt. Dann bekam er von einem Geschäftsmanne den Auftrag einen wichtigen Brief zu besorgen, an dessen schneller Beförderung viel gelegen war und wofür er sehr gut bezahlt wurde.

Als er von seinem Botengang zurückkam, hörte er, dass ein sehr reicher Mann vom Polizeihauptmann fälschlich angeklagt und ins Gefängnis geworfen worden sei und dort nun öffentlich durchgeprügelt werden sollte, wenn er dem Beamten nicht eine große Summe Geldes zahlte. Diesen Mann besuchte Hyung und bot ihm an, sich für ihn durchprügeln zu lassen, wenn er ihm 3000 Cash* als Schmerzensgeld auszahlen ließe. Der Gefangene war sehr erfreut über dies Anerbieten, auch dass er so billig davon kam und Hyung ward öffentlich statt seiner geprügelt.

Leider wurde die Unterschiebung entdeckt, Hyung bekam sein ausbedungenes Geld nicht, der reiche Mann aber dafür die Prügel noch nachträglich und darüber war er so erbost, dass er ihm nicht einmal das kleinste Geschenk aus Mitleid gab. Das Ehepaar war sehr betrübt über dies neue Missgeschick, tröstete sich aber mit den Worten: „Wenn wir recht tun, wird uns schließlich der Lohn des Himmels nicht ausbleiben.“ So fassten sie immer wieder neuen Mut.

Der Frühling zog bald nach dieser Begebenheit ins Land und mit ihm kamen die Schwalben, welche sich Nester am Dachfirst der Hütte bauten. „Es ist mir leid um die armen Vögel,“ sagte Hyung zu seinem Weibe, „dass sie sich gerade an unserm Dache anbauen, denn unsere Hütte ist so schlecht, dass sie uns nächstens über dem Kopf zusammenstürzen wird.“

Die Schwalben hatten bald ihre Nester voll Junge. Hyung freute sich mit seinen Kindern über die Tierchen und fütterte sie von dem Wenigen, was sie selbst hatten, so dass Alte und Junge bald ganz zahm wurden und zutraulich vor der Hütte umherhüpften.

Eines Tages saß Hyung vor seiner Tür, als eine große Schlange so schnell herzu kroch, dass sie mehrere von den jungen Schwälblein erhaschte, ehe er aufstehen und sie daran verhindern konnte. Eine kleine Schwalbe fiel vor Schreck aus dem Neste und blieb außen daran hängen, so dass sie der immer näher kommenden Schlange als Beute preisgegeben war. Da verscheuchte Hyung die greuliche Amphibie und errettete die Schwalbe, welche beide Beine gebrochen hatte; er verband ihr mit Hilfe seiner Frau die gebrochenen Gliedmaßen und verpflegte sie so lange, bis sie wieder ganz gesund war. Als das Tierchen wieder Gebrauch von seinen Gliedern machen konnte, flog es davon und vereinigte sich freudig mit seinen Genossen.

Der Herbst hatte bereits seine Herrschaft angetreten, als Hyung mit seiner ganzen Familie vor der Tür seiner Hütte saß – es war am neunten Tage des neunten Monats. – Da fiel ihnen auf, dass sich die kleine Schwalbe mit den verkrüppelten Beinchen auf eine Waschleine gesetzt hatte und ihnen zuzuzwitschern schien. „Ich glaube,“ sagte Hyung, „der kleine Vogel bedankt sich bei uns und will Abschied von uns nehmen, bevor er nach dem Süden fliegt.“

Er mochte recht haben, denn sie sahen das Vögelchen auf lange Zeit nicht mehr wieder. Die kleine Schwalbe war nämlich mit vielen andern Vögeln ins Vogelland gezogen, um dem König der Vögel ihre Ehrfurcht zu bezeigen.

Als dieser die kleine krummbeinige Schwalbe erblickte, fragte er sie nach der Ursache ihrer Verunstaltung und erfuhr nun, wie sie beinahe von einer Schlange gefressen worden wäre, aus Furcht aus dem Nest gefallen und mit gebrochenen Beinchen außen daran gehangen habe, bis sie von einem sehr armen, aber sehr gutem Manne gerettet und verpflegt worden sei. Der Vogelkönig war über die Gutherzigkeit des armen Mannes gegen einen seiner Untertanen sehr erfreut und gab der Schwalbe ein Samenkorn, auf welchem goldene Schriftzeichen standen. Dieses Korn, welches zu einer Kürbisart gehörte, sollte sie im Frühjahr ihrem Wohltäter mitbringen.

Nach dem Herbst war der Winter ins Land gezogen und ihm folgte soeben der Frühling. Wäre es möglich, so könnte man annehmen, dass Hyung in der Zeit, in der wir nichts von ihm hörten, noch ärmer geworden sei, so jämmerlich und erbärmlich war sein Aussehen als er an einem sonnigen Frühjahrsmorgen fröhliches Vogelgezwitscher vernahm. Wer beschreibt sein Erstaunen, als er, sich nach dem Sänger umschauend, seinen kleinen Pflegling vom vorigen Jahre erkannte. Das Vögelchen schien ordentlich froh darüber zu sein, dass es die Aufmerksamkeit Hyungs auf sich gelenkt hatte und von ihm augenscheinlich wieder erkannt wurde. Es sang ihm von des Königs und seiner eigenen Dankbarkeit und von dem mitgebrachten Geschenke, ließ das Samenkorn mit der goldenen Inschrift zu Boden fallen und flog dann fort.

Hyung nahm das Korn auf und las die goldenen Schriftzeichen mit größter Verwunderung. Auf der einen Seite war der Name der Kürbisart verzeichnet, auf der andern standen die Worte: „Begrabe mich in weicher Erde und begieße mich fleißig.“ Hyung tat dies und hatte die Freude schon am vierten Tage zu bemerken, dass das Körnchen zu keimen anfing. Sobald der Stempel sich gebildet hatte, wuchs die Pflanze erstaunlich schnell und hatte bald das ganze Dach überrankt, so dass Hyung befürchtete, die baufällige Hütte könne das Gewicht nicht tragen, und würde zusammenbrechen. Bald kamen goldgelbe Blüten hervor, die mit ihrem Duft die Luft erfüllten und nach ihnen zeigten sich vier kleine Kürbisse, die sich in kürzester Zeit zu ganz erstaunlicher Größe entwickelten. Hyung hatte große Eile die Früchte abzuschneiden, aber seine Frau riet dazu, man solle sie lieber bis zum Eintreten des Frostes auf dem Stengel lassen; wenn sie völlig ausgereift wären könne, man das Fleisch essen und die Schalen zu Trinkgefäßen verarbeiten und würde dadurch doppelten Gewinn aus dem Geschenke ziehen.

Hyung wartete also bis zum neunten Monate mit dem Abschneiden und bemerkte, dass jetzt von der Pflanze nichts mehr übrig war als die vier Früchte an ihren Stengeln. In großer Aufregung und voll Neugier holte er Säge und Axt herbei, um den größten Kürbis zu zerteilen. Nach stundenlanger Arbeit war dies geschehen, der Kürbis fiel in zwei Hälften auseinander. Beinahe wäre Hyung aber jetzt in Ohnmacht gefallen, denn er erblickte zwei reizende Kinderchen im Innern der Frucht, welche einen kleinen, reich mit Edelsteinen verzierten Tisch trugen, der aus Opal gearbeitet war. Auf dem Tische standen einige Flaschen Wein und kostbare Trinkbecher.

Hyung rief seine Frau herbei, damit auch sie das Wunder betrachten solle und diese war ebenfalls vor Schreck ganz sprachlos. Die Eheleute erholten sich bald von ihrem freudigen Schreck, als das eine der Kinder mit lieblicher Stimme sagte: „Der König der Vögel sendet euch dies Geschenk aus Dankbarkeit dafür, dass ihr einem seiner Untertanen in der Not und Krankheit so gut gepflegt habt. Die kleine Schwalbe hat von der ihr erwiesenen Wohltat berichtet.“ Ehe Hyung und seine Frau antworten konnten, nahm das Kind eine der Flaschen, die aus Silber gefertigt war, stellte sie vor Hyung hin und sagte: „Der Inhalt dieser Flasche macht Tote wieder lebendig.“ Dann ergriff es eine zweite und sagte: „Dieser gibt Blinden das Augenlicht wieder.“ Darauf nahm es eine dritte, goldene und überreichte sie ihm mit den Worten: „Sie enthält Tabak, nach dessen Gebrauch den Stummen die Stimme wiedergegeben wird.“ Uund endlich ergriff es die zweite goldene und sagte: „Die Tropfen, welche diese Flasche enthält, schützen vor Tod und Alter.“ Dann verneigten sich die Kinderchen und ließen das Ehepaar stumm vor Staunen allein.

Hyung und seine Frau blickten sich einander an und dann wieder auf die Früchte, um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumten. Endlich sagte der Mann: „Jetzt kann ich mich der herrlichen Flaschen nicht freuen, denn ich bin so hungrig, dass ich fürchte umzufallen, wenn ich nicht bald etwas zu essen bekomme. Wir wollen die zweite Frucht öffnen und sie essen.“ Mit vieler Mühe gelang es ihnen, den andern Kürbis zu zerteilen, aber siehe da, er enthielt kein Fleisch, sondern die prachtvollsten Hausgeräte in solcher Menge, dass sie dieselben gar nicht alle in ihrer Hütte unterbringen konnten, sondern den ganzen Raum vor derselben mit allerlei Sachen, schönen Seidenstoffen, Kattun und Wolle belegten, so dass sie nicht im stände waren, alle Schätze zu übersehen. Die Neugier, zu wissen, was die andern Früchte enthielten, ließ Hyung seinen Hunger vergessen; er öffnete den dritten Kürbis und ihm entstiegen eine Menge Zimmerleute mit reichlichem Material versehen, welche in kaum zehn Minuten ein prachtvolles Gebäude aufführten, dazu Häuser für die Dienerschaft, Ställe und Speicher und dann das Ganze mit einer hohen Mauer umgaben. Als alles fertig war, erschien ein unabsehbarer Zug von Ochsen und Pferden, alle mit Reis und Lebensmitteln beladen; andere führten viele männliche und weibliche Diener, die Geld, Kleider und sonstige landesübliche Dinge als Tribut aus der Provinz brachten, in welcher das Gebäude stand.

Das Ehepaar glaubte ins Feenland versetzt zu sein, und vergnügte sich damit, den Dienern ihre Befehle zu erteilen, da selbige doch nun einmal da waren. Hyung ordnete an, dass das Geld in den sahrang**, die Kleider und Stoffe in der tarak***, der Reis und die andern Lebensmittel in den Speichern verwahrt würden und seine Frau wünschte ein Bad bereitet zu haben – beide waren erstaunt darüber, dass ihre Befehle sofort ausgeführt wurden und vergaßen, dass noch ein Kürbis vorhanden war, welcher des Öffnens harrte. Erst die Dienerschaft erinnerte daran und erhielt den Befehl ihn zu öffnen.

Aus dieser letzten Frucht stieg ein so wunderschönes Mädchen, dass Hyung ganz berauscht von seiner Schönheit war, denn Ähnliches hatte er noch nie erblickt. Seine Frau war weniger erfreut, als sie das schöne Wesen erblickte und fragte in ziemlich barschem Tone, wer es sei und was es wolle, denn sie fürchtete eine Rivalin vor sich zu haben. „Ich wurde von dem König der Vögel hierher gesandt, um die Konkubine dieses Mannes zu sein,“ antwortete das schöne Mädchen mit sanfter Stimme. Die Frau Hyungs erwiderte ihr, dann solle sie nur dahin zurückgehen, von wo sie herkäme, ihr Mann brauche keine zweite Frau. Ihrem Manne machte sie aber bittere Vorwürfe, dass er die vierte Frucht habe öffnen lassen und sagte, dieses Mädchen sei die Strafe dafür, dass er mit dem nicht zufrieden gewesen sei, was die drei anderen Kürbisse für sie enthalten hatten.

Doch damit kam sie schön an! Hyung wurde sehr zornig zu seiner Frau und sagte ihr, sie solle sich wegen ihres eifersüchtigen Betragens schämen und lieber bedenken, dass alles Geschenke des Himmels seien und dass sie ohne dieselben Bettler geblieben wären. Dann schickte er sie in die Frauengemächer und drohte ihr, dass er sie in ein alleinstehendes Haus einschließen würde, wenn sie sich noch einmal so unfreundlich betrage. Das schöne Mädchen führte er in die für dasselbe hergerichteten Gemächer.

II.

Sobald Nahl Bo von diesen Begebenheiten gehört hatte, machte er sich auf den Weg, um seinen Bruder zu besuchen. Er fand das Gerücht von der Pracht seiner Gebäude und seinem Reichtum nicht übertrieben, beschuldigte ihn der Zauberei und wünschte ganz genau zu erfahren, woher ihm die schönen Sachen gekommen wären. Nachdem Hyung seinem Bruder getreulich von Anfang bis Ende alles erzählt hatte, was mit diesem Wunder zusammenhing, war dieser sehr ungehalten, statt sich über das Glück seines Bruders zu freuen. Es schalt ihn einen Dieb, weil er alle schönen Geschenke für sich behalte und nicht mit ihm teilte. Darüber ärgerte sich Hyung zwar sehr, aber, gutherzig, wie er von Natur war, vergab er ihm seine frühere Hartherzigkeit und die bösen Worte, die er soeben gesprochen hatte und beschenkte ihn reichlich aus seinem Überfluss. Er hätte ihm wohl noch mehr gegeben, wenn Nahl Bo nicht das schöne Mädchen erspäht hätte und dieses sogleich auch geschenkt haben wollte. Dagegen sträubte sich aber Hyung ganz energisch und die Brüder trennten sich im Unfrieden.

Nahl Bo beschloss, sich an Hyung Bo zu rächen, in dem er sich des ihm anvertrauten Geheimnisses bediene, um sich dann noch weit größere Schätze, wie sein. Bruder besäße, zu verschaffen. Sobald er in sein Haus heimgekehrt war, gab er seinen Dienern Befehl, nach allen Vögeln mit Steinen zu werfen und mit Stöcken zu schlagen und half ihnen selbst bei dieser Grausamkeit. Nachdem eine Menge kleiner Vögel getötet waren, gelang es ihm endlich einen lebendig zu fangen. Diesem brach er die Beine und heilte sie ihm später wieder zusammen. Als das Tierchen wieder kräftig genug war, flog es mit seinen krummen Gliedmaßen von dannen. Auch dieses Vögelchen wurde vom König der Vögel nach der Ursache seiner missgestalteten Beine gefragt und erzählte von den Grausamkeiten, die der böse Nahl Bo begangen hatte. Der König wusste sogleich, was der Zweck dieser Untaten gewesen und übergab diesem Vogel ebenfalls ein Samenkorn, welches er im nächsten Frühling dem bösen Nahl Bo bringen solle.

Als das Frühjahr gekommen war, saß Nahl Bo vor der Tür seines Hauses und hörte über sich Vogelgesang, der ihm nicht unbekannt zu sein schien. Er sah sich um und erkannte den von ihm verkrüppelten Vogel, der auf einem Baum in der Nähe saß und ein Samenkorn im Schnabel trug. Vor Freude über diesen Anblick ließ er seine lange Pfeife zur Erde fallen, rannte selbst zu dem Baume, auf welchem der Vogel saß und wehrte jedermann ab, ihn zu begleiten. Er war so eilig, dass er vergaß die Schuhe anzuziehen und seine neuen Strümpfe arg beschmutzte, indem er über den feuchten Erdboden lief. Der Vogel ließ das Samenkorn fallen, als Nahl Bo bis dicht zu ihm herangekommen war und schwang sich dann in die Luft.

Der habgierige Nahl Bo nahm das Körnchen auf, pflanzte es eigenhändig ein und verfuhr dabei ganz so wie die Schriftzeichen darauf andeuteten. Die Pflanzen, welche sich daraus entwickelten, wuchsen noch viel schneller als im vorigen Jahre diejenigen von Hyung Bo. Sie waren so stark und mächtig, dass sie alsbald das ganze Haus, die Ställe und Speicher überwucherten, so dass Nahl Bo Angst bekam, seine Gebäude würden dem Gewichte unterliegen. Auch hatten sich nicht vier, sondern zwölf Kürbisse entwickelt, die so groß waren, dass man sie auf dem Dache befestigen musste, weil sie sonst herunter gerollt wären. Der überglückliche Besitzer musste Leute annehmen, um die Früchte des Nachts zu bewachen, denn seitdem der Ursprung von Hyungs Reichtum bekannt geworden war, wollte jedermann einen solchen Kürbis haben und Nahl Bo fürchtete, bestohlen zu werden.

Diese Leute kosteten ihn eine große Summe Geld und die schweren Früchte taten dem Dache und dem Gemäuer viel Schaden; die Ranken krochen unter die Ziegel, nach Sand suchend, und hoben viele Steine aus dem Gefüge. Von den Mauern fiel der Kalk ab, denn sie gaben der Wucht der Pflanze nach und bekamen Risse. Durch den vom Dache abfallenden Kalk wurden die Zimmerdecken, welche von Papier waren, beschädigt und der Regen tropfte in das Innere der Räume. Dies Alles konnte Nahl Bo aber nicht die Vorfreude verringern, mit der er an die Schätze dachte, welche die ausgereiften Kürbisse enthalten würden. Endlich war der Tag herangekommen, an welchem die reifen Früchte von vielen Arbeitern von den Dächern an Tauen herabgelassen werden konnten. Nachdem Nahl Bo alle Kürbisse in seinem innersten Hofe aufgestapelt hatte, schickte er alle Arbeiter fort, behielt nur den Zimmermann und seinen Gesellen bei sich, die ihm beim Öffnen der Früchte helfen sollten, und verschloss die Tore seines Hauses.

In Erwartung der schönen Sachen, die er nun bald besitzen würde, fühlte sich Nahl Bo so großmütig und zufrieden, dass er dem Zimmermanne die verlangten tausend Cash für seine Arbeit bewilligte, obwohl er mit fünfzig Cash reichlich bezahlt gewesen wäre.

Die Zimmerleute machten sich daran, den ersten Kürbis zu zersägen. Bald war die Arbeit geschehen, er lag in zwei Hälften da. Vor den erstaunten Augen der Anwesenden entstieg ihm eine Seiltänzerbande, ganz ebenso wie diejenigen, welche auf den öffentlichen Plätzen in Korea ihre Vorstellungen zu geben pflegen. Auf eine solche Überraschung war Nahl Bo freilich nicht vorbereitet, er machte aber gute Miene zum bösen Spiel und sah zu, wie die Seiltänzer ihre Vorstellung gaben, so gut es eben in dem beschränkten Räume anging. Er und seine Familie, die sich auch dazu gefunden hatte, glaubten sie wären nur erschienen, um die unermesslichen Reichtümer anzuzeigen, welche die anderen Kürbisse enthielten und hatten mit der einen Vorstellung genug, der sie beigewohnt. Nahl Bo sagte ihnen daher, als sie sich gerade zu einer neuen Vorstellung zurecht machten, sie könnten gehen, er wolle nichts mehr sehen. Aber die Seiltänzer wollten nicht eher gehen, als bis sie für ihre Kunstleistung fünftausend Cash erhalten hätten und schworen hoch und teuer, sie würden auf Nahl Bos Kosten so lange bei ihm bleiben, bis sie ihr Geld hätten. Nahl Bo gab nur mit größtem Widerwillen nach und beschuldigte den Zimmermann, der sehr hässlich war, ein blatternnarbiges Gesicht und einen Mund hatte, den eine Hasenscharte verunzierte, dass sich das Gold im Kürbis gewiss verwandelt habe, weil er es mit seiner Hässlichkeit verhext habe, denn er glaube sicher, dass Gold darin gewesen wäre.

Die zweite Frucht brachte kein besseres Resultat zum Vorschein. Eine Schar buddhistischer Priester entstieg ihm, welche für den Bau eines neuen Tempels sammelte und dem Geber viele Kinder als Segen des Himmels versprach, wenn er viel Geld für den Bau hergäbe. Nur um die Mönche so bald als möglich los zu werden, beeilte sich Nahl Bo ihnen fünftausend Cash auszuzahlen, verlangte aber, dass sie sofort sein Haus verließen, denn er wartete nur auf ihr Fortgehen, um die dritte Frucht zu öffnen, in welcher er sicher Gold vermutete, welches er nicht der Habgier der Bettelmönche preisgeben wollte.

Nun kam der dritte Kürbis an die Reihe. Mit seinem Inhalt war es aber sehr traurig bestellt; es war ein Leichenzug, der langsam aus der Mitte hervorstieg. Die Leidtragenden weinten und heulten in ohrenzerreissender Weise und baten um Geld, den Leichnam, den sie mit sich führten, beerdigen zu können. Nahl Bo befahl ihnen, sich fortzupacken, er kenne sie nicht und wolle nichts geben. Sie antworteten aber, dass sie ohne ein Geldgeschenk nicht gehen würden und so wusste er sich nicht anders zu helfen, als ihnen auch fünftausend Cash auszuzahlen, worauf die Sargträger den Sarg aufnahmen und zum Tore hinauszogen.

Nun erschien Nahls Frau im innern Hofe und überhäufte den Zimmermann ihrerseits mit Vorwürfen und Schimpfreden, indem sie sagte, alle diese Auslagen habe man seiner Hässlichkeit wegen zu zahlen. Darüber ärgerte sich der Mann so sehr, dass er sein Geld begehrte und sich weigerte, die anderen Kürbisse zu öffnen. Nahl Bo sah ein, dass es jetzt zu spät war einen anderen Zimmermann zu holen und einigte sich mit dem Mann mit der Hasenscharte, indem er ihn für die drei geöffneten Früchte bezahlte und ihm auf die anderen einen Vorschuss gab, denn er sah mit fieberhafter Angst auf die Öffnung vom vierten Kürbis.

Gold enthielt auch er nicht, sondern eine Schar von Gee Sang**** tanzte aus ihm heraus. Jeder Provinz des Königreichs gehörte eine Tänzerin an und eine jede führte den Tanz auf, der in ihrer Heimat Sitte war und eine jede sang ein Lied. Die eine sang von Yang Wang, dem Gotte der Winde, eine andere von Sung Jee, dem Gelde, welches man bei der Geburt eines Kindes auf den Dachstuhl des Hauses legt, eine dritte sang das Lied vom Kuckuck. Auch von dem Baume sangen sie, der so alt war, dass er ganz hohl und verdorrt war, der aber doch in jedem neuen Frühling wieder frische Blüten hervorbringt. Den Gesang vom Lachen und den Gesang von der Trauer stimmten sie an, woran sie eine Warnung knüpften, nicht die Reisopfer zu vergessen, welche man den Verstorbenen darzubringen hat. Der letzte Gesang handelte von den zwölf Monaten des Jahres, von den dreißig Tagen des Monats und von den vierundzwanzig Stunden des Tages, die den Tag und die Nacht bilden; von der Geburt des neuen und von dem Tode des alten Jahres, welches alles Leid der Menschheit mit sich nimmt und die Menschen mahnt, dem neuen Jahre mit reinen Gewändern entgegen zu gehen und es mit Festmählern zu feiern, damit es sich ihnen glücklich und günstig erweise. Als die Gee Sang ihre Gesänge beendigt hatten, verlangten auch sie ihre Bezahlung, welche Nahl Bo wohl oder übel leisten musste, wodurch er wieder um fünftausend Cash ärmer ward.

Nun versuchte Nahls Frau, ihn vom Öffnen der übrigen Früchte abzubringen, wovon er aber nichts hören wollte, um so mehr, als der Zimmermann versprach die nächsten Früchte für fünfhundert Cash aufzumachen, denn er amüsierte sich königlich bei all den schönen Aufführungen. Nahl Bo befahl ihm also den fünften Kürbis zu öffnen. Als die Frucht beinahe offen war, glaubten die Umherstehenden darin eine gelbe Masse zu erblicken, die sie für Gold hielten. Man spornte den Zimmermann zu größter Eile an – aber o Schrecken! Statt des ersehnten Goldes kam ein alter Mann zum Vorschein, der einen als Mädchen verkleideten Knaben bei der Hand führte. Diesen setzte er auf seine Schulter und tanzte mit ihm, indem er ihn sehr kunstvoll balancierte und dazu sang. Sein Lied handelte von einem schlechten Könige, der seine Untertanen durch sein verschwenderisches Leben sehr ärgerte und wie jener sich ein großes Haus erbaut habe, dessen Fussböden aus Quecksilber und dessen Wände aus den köstlichsten Edelsteinen gemacht waren. Tausende von Lampen ließen das Haus nachts wie bei Tageslicht hell erscheinen; die besten Weine und die leckersten Speisen wurden aufgetragen, Musiker spielten Tag und Nacht und der König verbrachte seine Zeit mit den schönsten Tänzerinnen. Dieses Leben ging so lange bis seine Feinde davon hörten, den König plötzlich überfielen und der Pracht ein Ende machten.

Auch hier musste Nahl Bo wieder fünftausend Cash zahlen, denn der Akrobat weigerte sich seine Schaustellungen aufzugeben, bevor er sein Geld habe. Trotz allen Abratens ließ Nahl Bo doch die sechste Frucht öffnen. Aus ihr heraus sprang ein Spaßmacher, welcher sofort das Geld für seine lange Reise verlangte. Diesen bezahlte Nahl Bo sofort, indem er meinte, mit ihm einen klugen Streich ausführen zu können. Er nahm den Narren beiseite und fragte ihn, welche der Früchte Gold enthielte? Der Narr beroch und betastete die Kürbisse, hämmerte an ihnen herum und meinte dann, ein jeder von ihnen enthielte Gold.

Man schritt also zum Öffnen der nächsten Frucht, der siebenten. Dabei wäre Nahl Bo beinahe ohnmächtig niedergefallen, denn er sah eine Anzahl Polizeidiener, von einem höheren Beamten gefolgt, aus dem Innern hervorsteigen. Der halbtote Nahl Bo wollte sich durch schnelle Flucht vor den Männern des Gesetzes retten, denn er ahnte wohl, dass diese Leute eine Unmenge Geldes von ihm erpressen würden. Als die Beamten das aber bemerkten, ergriffen sie ihn und prügelten ihn tüchtig durch und der Führer rief seinen Sekretär herbei, der ein großes Schriftstück verlesen musste, in welchem stand, dass Nahl Bo der Leibeigene jenes Beamten sei und ihm einen hohen Tribut zu zahlen habe. Nahl Bo erklärte, keinen Cash im Hause zu haben und musste daher den Polizeibeamten, welche sich anders nicht zufrieden geben wollten, Schuldverschreibungen auf sein ganzes bewegliches und unbewegliches Besitztum ausstellen und erst als sie diese auf ihre Richtigkeit geprüft hatten, entfernten sie sich.

Nun standen die Sachen aber so schlimm für Nahl Bo, dass er weinte und sagte: „Noch mehr Unannehmlichkeit kann mir nicht geschehen; ich lasse jetzt alle noch übrigen Kürbisse öffnen, mag kommen, was will.“

Aus der zunächst geöffneten Frucht stieg eine Schar Moo Tang, also Wahrsagerinnen, welche sich anheischig machten böse Geister zu bannen, Krankheiten zu vertreiben und Sterbenskranke gesund zu machen. Sobald sie alle versammelt waren entrollten sie ihre Banner, schlugen Wirbel auf ihren Trommeln und verlangten Reis und Kleidungsstücke, um damit den Geistern Brandopfer zu bringen. „Schert euch fort von hier,“ schrie sie der wütend gewordene Nahl Bo an. „Ich brauche eures Gleichen nicht, denn ich bin weder krank, noch habe ich böse Geister in meinem Hause! Sucht euch einen anderen Pah Sok Ye***** der eurem Unsinn Glauben schenkt.“ Der Befehl war leichter gegeben als ausgeführt. Die Weiber waren ebensowenig zu bewegen das Haus zu verlassen wie ihre männlichen Vorgänger und es blieb Nahl Bo nichts anderes übrig, als ihnen auch fünftausend Cash zu geben, um sie los zu werden, so dass er in seinem Ärger gar nicht die Eröffnung der nächsten Frucht beachtete.

Dieser neunte Kürbis enthielt einen Taschenspieler, ein kleines unscheinbares, vom Alter zusammengeschrumpftes Männchen. Nahl Bo glaubte mit dem Knirps bald fertig zu werden und ergriff ihn bei den Haaren, um ihn aus der Tür zu werfen. Doch dieser fasste ihn um die Hüften und warf ihn über seine Schulter hinweg auf den Erdboden, so dass er bewusstlos liegen blieb. Dann band er ihm Hände und Füße zusammen und stellte sich in drohender Stellung über den immer noch bewusstlosen Nahl Bo. Nahls Frau beeilte sich dem kleinen Unhold fünftausend Cash zu geben, damit er das Leben ihres Mannes schone.

Aus dem zehnten geöffneten Kürbis kam eine Menge blinder Bettler, welche ihren Weg mit den langen Stöcken, auf die sie sich stützten, entlang tasteten und ihre glanzlosen, toten Augen gen Himmel richteten. Sie läuteten mit ihren Glocken und sangen dazu das Lied von den vier guten Geistern, welche an den vier Ecken des Weltalls stehen und dasselbe geduldig tragen. Dann schüttelten sie ihre Würfelbecher und Nahl Bo, in tausend Ängsten, sie möchten ihm Tod oder sonstiges Unheil verkünden, zahlte ihnen schnell eine große Summe Geldes und seufzte erleichtert auf, als sie fort waren.

Bei dem nächsten Kürbis wollte Nahl Bo sehr vorsichtig zu Werke gehen, jedoch genügte schon der erste kleine Einschnitt, um die Schale zu sprengen, die sich auseinanderteilte und einen Riesen aussteigen ließ. Seine Stimme klang wie Donner und er machte nicht viel Federlesen mit dem totenbleich gewordenen Nahl Bo, sondern warf ihn einfach, wie ein Bündel Flicken, über die Schulter und machte Miene mit ihm davon zu gehen. Nahls Frau kniete vor dem Riesen auf die Erde, flehte ihn an, ihren Mann nicht fortzuschleppen und versprach seine Forderung zu erfüllen. Auch er begehrte fünftausend Cash und war mit vielem Brummen, welches wie Meeresbrausen ertönte, mit einem Schuldschein zufrieden, denn bares Geld war nicht mehr im Hause.

Der Zimmermann, den diese letzte Erscheinung sehr ängstlich gemacht hatte, verlangte den Rest des ausbedungenen Geldes und wollte gehen. Doch nachdem Nahl Bo ihm diesen bezahlt und noch ein Extra-Geschenk gegeben hatte, machte er sich daran, den letzten Kürbis zu zersägen, da Nahl Bo die Hoffnung, darin etwas Wertvolles zu finden, nicht aufgeben wollte. Kaum setzte der Mann seine Säge an, als die Frucht wie von selbst aufplatzte und den ganzen Raum mit so fürchterlichem Gestank erfüllte, dass alle Anwesenden so schnell als möglich davon liefen. Dieser Gestank verhüllte bald wie ein Nebel das Gebäude und trieb alle Bewohner ins Freie. Ein ungeheurer Wind erhob sich und warf alle Häuser, Speicher und Ställe um; was nicht umfiel, zerstörte das Feuer, welches ausbrach und an allen Mauern emporzüngelte. Nahl Bo stand mit den Seinen von Ferne und betrachtete schweren Herzens die Zerstörung seines Besitztums, ohne etwas retten zu können.

So brachte das Samenkorn des Vogelkönigs Glück und Segen für Hyung, den guten, ehrlichen Mann, aber Pein und Unglück für Nahl, den hartherzigen Bruder. Hyung Bo aber erbarmte sich Nahl Bo’s, nahm ihn zu sich und verpflegte ihn bis an sein Lebensende.

* Wie schon gestern erklärt, war ‚Cash‘ nie die Bezeichnung einer koreanischen Währung. Stattdessen hießen die Kupfermünzen der Joseon Dynastie von 1633 bis 1892 Mun; danach kam der (die, das?) koreanische Yang als erste Dezimalwährung in Korea zum Zuge. Allerdings nur bis 1902.
** Sarang hieß/heißt das Studierzimmer für die Männer des eh in geschlechterspezifische Bereiche geteilten Hauses. Hr. Allen erklärt hier nur lapidar, es sei das Empfangszimmer, was wahrscheinlich hinkommt, aber für Unsereinen ja noch nicht viel mehr sagt.
*** Ein Tarak war/ist Teil eines traditionellen koreanischen Haus. Hr. Allen erklärt, es ist eine Art Zwischen/Dachboden über dem Ofen.
**** Hier verkürzt Hr. Arnous unverständlich; es handelt sich bei Gee Sang offenbar um Mädchen, die professionell singen und tanzen.
***** Ich zitiere Hrn. Arnous Einschub: einen acht Monat alten Mann, so viel als Narr.

 

Reiche und arme Geschwister sind ja auch in unseren Landen in Märchen meist Männer. Das Motiv mit dem Imitieren-wollen der hilfreichen Tat kenne ich dagegen eher mit Frauen. Die sind dafür meistens auch nicht so fies wie hier Nahl Bo, wenn der erst so viele Vögelchen quält.

Textquelle: H. G. Arnous: Korea. Märchen und Legenden nebst einer Einleitung über Land und Leute, Sitten und Gebräuche Koreas. Leipzig: Wilhelm Friedrich [1896], S. 33–52.
Bildquelle: Gemälde namens Hwajodo, das zum Genre der koreanischen Volksmalerei, nämlich Minhwa, gehört

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