39.7 Die große Lüge – oder: albanische Eulenspiegel-Münchhausereien

Zum Abschluss der albanischen Märchenwoche gibt es noch mal ein ‚schwankiges‘ Märchen mit einem Lügenwettbewerb – also, Münchhausen nix dagegen. Aber lest selbst…

Die große Lüge

Es waren einmal drei Brüder. Die hatten einen alten Vater. Wie die Zeit kam, starb der Vater. Und er hinterließ seinen drei Söhnen je einen Topf mit Geld. Der erste Bruder fasste den Plan, das Geld auf Zinsen zu leihen, statt es tot liegen zu lassen. Daher nahm er den Topf mit Geld und brach auf, um in die Stadt zu wandern. Aber er konnte an einem Tage nicht bis hin kommen und daher musste er bei einem Popen übernachten. Wie die Zeit zum Nachtmahlessen herannahte, sagte der Pope zu ihm: „Was hast du in dem Topf?“ „Etwas Geld, Herr.“ „Wollen wir eine Wette abschließen, wer den anderen mehr anlügen kann? Falls du mich belügst, so sollst du meine Tochter bekommen mit allem Hab und Gut, das ich besitze. Falls du mich aber nicht anlügen kannst, so werde ich dir den Topf mit Geld wegnehmen. Wer fängt zuerst an?“ „Fang du an, Herr!“ sagte der Bursche zu ihm. Der Pope aber entgegnete ihm: „Nein, fang du lieber an!“ Und so fing der Bursche an, eine Lüge zu erzählen: „Wir hatten einen Vater und der Vater starb und ließ uns drei Söhne zurück und außerdem drei Töpfe mit Geld.“ „Das ist doch keine Lüge,“ sagte der Pope darauf, „jetzt hast du schon dein Geld verloren!“ Und der Bursche kehrte ärgerlich nach Hause zurück.

Da fragte ihn der zweite Bruder: „Wie ist die Geldangelegenheit abgelaufen?“ „Ich hab es zu zehn Prozent angelegt.“ „Da wirst du sehen, dass ich es mit fünfzehn Prozent anlege.“ Und nun brach der zweite auf, der Unglückswurm, und auch ihm erging es ebenso wie dem ersten. Und wie er nach Hause kam, fragte ihn der dritte Bruder, der ein Grindkopf war: „Wie hoch hast du dein Geld angelegt, Bruder?“ „Zu fünfzehn Prozent.“ „Ah!“ sagte er da, „da werdet ihr den Grindkopf sehen, meine Lieben! Ich tu’s nicht anders, sondern lege das Geld zu dreißig Prozent an.“

Und der Grindkopf brach mit seinem Geldtopf auf, und auch ihn überraschte die Nacht beim Hause des Popen. Es kam die Zeit, wo der Pope mitsamt dem Grindkopf zu Abend essen wollte. „Was hast du dort, Grindkopf?“ „Einen Topf mit Geld, Herr!“ „Wollen wir zusammen eine Wette eingehen?“ „Wie du befiehlst, Herr.“ „Nun gewiss, wer nämlich den andern mehr anlügen kann! Fang du an, Grindkopf!“

„Wie mein Urgroßvater zur Welt kam, da war ich gerade damit beschäftigt, Schafe zu hüten. Mein Großvater hatte mich verheiratet und sagte zu mir: ‚Sohn, geh und lade die Sterne zur Hochzeit ein.‘ Da nahm ich meinen Esel und machte mich auf den Weg. Und ich kam an einen Platz, da wuchsen Schilfe. Da band ich meinen Esel an die Wurzel der Flaschenschilfe. Und ich selbst kletterte an den Schilfrohren in die Höhe und sagte zu den Sternen: ‚Sterne, kommt zur Hochzeit; denn mein Großvater wird mich verheiraten.‘ Wie ich aber wieder herunterklettern wollte, da hatte mir der Esel die Wurzeln des Flaschenschilfes abgefressen. Daher nahm ich meinen Gürtel und legte ihn einfach zusammen, da reichte er mir nicht. Da nahm ich ihn zweimal zusammengelegt, und jetzt reichte er mir. Darauf musste ich über das Schwarze Meer hinübergehen, um den Zehnten für eine Kuh einzutreiben, die mein Urgroßvater gegen Pachtzins hergeliehen hatte. Wie ich aufbrach, um über das Schwarze Meer zu ziehen, da breitete ich eine Decke aus und legte Hirse auf die Decke. Aber es ließ sich kein Gleichgewicht herstellen. Ich musste daher ein Hirsekorn in die Hälfte teilen. Und ich legte die eine Hälfte auf die eine Seite und die andere Hälfte auf die andere, und nunmehr neigte sich die Decke nicht mehr nach der einen Seite. Wie ich nach Hause kam, da sagte der Urgroßvater zu mir: ‚Sohn, jetzt ist es eine Schande, zu Hause zu sitzen, denn du sollst dich verheiraten. Darum geh also und bewache das Fleisch, damit die Hunde es nicht fressen!‘ Ich ging und nahm eine Axt mit mir. Und wie die Hunde des Nachts kamen, um das Fleisch zu fressen, da rief ich ihnen zu: ‚Weg, Kerle! Weg, Kerle!‘ Die Hunde entfernten sich aber nicht. Da schleuderte ich die Axt nach einem Hunde, und sieh da! Der Stiel der Axt drang dem Hunde in den Hintern. Da schrie der Hund und lief schnell weg. Und im Laufe schnitt er den ganzen Wald ab, und erst nach sechs Monaten sind wir mit dem Wegschaffen des gefällten Holzes fertig geworden. Zum Schlusse fanden wir einen Baumstamm, der so groß war, wie dein Haus, Herr Pope. Da zog ich mein Schwert und teilte ihn in zwei Teile. Und sieh da! Wir fanden einen kaiserlichen Erlass im Innern des Baumes –“

„Was stand da drin zu lesen in dem kaiserlichen Erlass?“ fragte der Pope den Grindkopf. „Drin stand, dass der Herr Pope sich von dem Grindkopf hat anlügen lassen. Und jetzt gib mir dein Mädchen, oder ich bring‘ dich um!“

Da musste der Pope dem Grindkopf seine Tochter geben mit allem Hab und Gut, das er hatte. Und der Grindkopf nahm auch die Geldtöpfe mit, die der Pope seinen Brüdern abgenommen hatte und kehrte freudig nach Hause zurück.

Und das Märchen in Lesch,
Die Gesundheit unsererseits!

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Und habe ich zu viel versprochen? Da muss sich auch noch Eulenspiegel warm anziehen. Muah.

 
Textquelle: Zwischen Drin und Vojusa. Märchen aus Albanien. Hrsg. v. Maximilian Lambertz. Zeichnungen von Axel Leskoschek. Wien 1922, S. 39–42.
Bildquelle: Holzschnitt von 1519, der Till Eulenspiegel zeigt, wie er auf dem Braunschweiger Markt Schälke sät

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