39.5 Das Märchen vom Esel, der Wesir wurde

Heute geht es um clevere Esel, deren Besitzer die eigentlichen Esel sind. Ohne den reizenden Tieren zu nahe zu treten. Aber lest selbst…

Das Märchen vom Esel, der Wesir wurde

Ein Mirdite* machte sich mit seinem mit Kohle beladenen Esel nach Schkodra auf. Unterwegs bemerkte der Mirdite, dass der Esel immer den schattigeren Weg wählte.

„Beim Himmel und der Erde!“ sagte der Mirdite, „der Esel ist gescheiter als ich!“ Und er machte nicht viel Geschichten, sondern nahm seinen Geldbeutel, hing ihn dem Esel um den Hals und sagte zu ihm: „Geh nach Schkodra, verkaufe die Kohlen, kaufe Salz, Kaffee und Zucker!“ Und so ließ er den Esel allein gehen und er selbst kehrte nach Hause zurück.

Er wartete zu Hause etwa fünf Tage. Aber der Esel kehrte nicht nach Hause zurück. „Was mag dem Esel wohl zugestoßen sein?“ dachte er und machte sich nach Schkodra auf. Sobald er den Teil des Bazares, der am Hafen liegt, betreten hatte, fragte er einige Leute: „Habt ihr nicht einen mit Vernunft begabten Esel gesehen?“ „Ja,“ antworteten ihm jene. „Der ist Wesir geworden.“

Ohne jemandem ein Wort zu sagen, machte der Mirdite sich auf und ging geraden Weges auf die Burg und begehrte, mit dem Wesir zu sprechen. Die Posten ließen ihn eintreten, weil sie ja nicht wussten, was er plante.

Sowie der Mirdite ins Zimmer des Wesirs ein getreten war, brach er in ein Gelächter aus und eilte geraden Wegs auf den Wesir zu und, nachdem er sich ihm genähert hatte, versetzte er ihm eine Ohrfeige ins Gesicht und sagte dazu: „Heda, mein liebes Teufelsgefrieß! Sogar einen Bart hast du dir wachsen lassen!“

Der Wesir war über dieses Geschehnis höchlichst erstaunt und gab den Posten den Befehl, den Mirditen zu ergreifen. Wie der Mirdite nun gefesselt vor ihm stand, fragte der Wesir ihn, warum er ihn denn geschlagen und weshalb er so zu ihm gesprochen habe.

„Du bist mein Esel, mein Lieber, und gib mir jetzt nur meinen Geldbeutel wieder, den ich dir umgehängt habe,“ sagte der Mirdite. Da erkannte der Wesir, dass er es mit einem rechten Bauernschädel zu tun habe und er ließ ihn laufen.

Wie Herr Lambertz erklärt, sind die Mirditen der angesehenste Stamm in Nordalbanien und dabei streng katholisch. – Hier kommen sie allerdings so weg, als wären sie außerdem oder gerade deswegen ein bißchen die Ostfriesen Albaniens?

*******

Kurz, lustig, gut. Außer wenn man jetzt Mirdite wäre. Äh…

 
Textquelle: Zwischen Drin und Vojusa. Märchen aus Albanien. Hrsg. v. Maximilian Lambertz. Zeichnungen von Axel Leskoschek. Wien 1922, S. 157–158.
Bildquelle: Szene zwischen Esel und Kind auf einem byzantischen Bodenmosaik aus dem 5. Jahrhundert

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