39.4 Der heilige Nikolaus und der Teufel in San Giovanni di Medua – oder: Der Preis des Verstandes

Heute gibt es eine Ortslegende, die uns zugleich – voll prickelnder Selbstironie – etwas über die albanische Mentalität verrät. Oder zumindest die albanischer Kaufleute, von der die Hafenstadt San Giovanni di Medua seit der Antike und bis ins Mittelalter lebte. Aber lest selbst…

Der heilige Nikolaus und der Teufel in San Giovanni di Medua

Der liebe Gott hatte, als er den ersten Menschen erschuf, für alle Menschen zusammen, angefangen vom Vater Adam durch alle Generationen bis herab zum letzten Menschen, nur dreihundert Gramm oder Dirhems Verstand. Mehr hatte er nicht, unter sie zu verteilen. Wie hätten nun mit so wenig Verstand so viele Köpfe gefüllt werden sollen, die auf der Erde herumlaufen? Wahrlich, das ging nicht! Gibt’s doch manchen Dickschädel, für den auch sechs Oka nicht ausreichen würden. Geschweige denn, dass dreihundert Dirhems genügt hätten, die unter alle Menschen verteilt werden mussten, wobei auf jeden nur ein ganz kleines Stückehen kommen konnte, das nicht ausgereicht hätte, um einen Gallapfel zu füllen. Daher kommt es, dass die Menschen, so alt sie auch werden, einen Schädel haben, der wie ein leeres Kellergewölbe, oder wie ein ausgehöhlter Kürbis ist. Und darum kann jedermann erkennen, dass wir alle, soviel wir auch auf Erden sind, im Schädel, im Gebälk unseres Gehirns jeder ein Brett zu wenig haben. Das heißt, wir haben alle Mangel an Verstand und jeder seine Portion Narretei: Aber das ist jedermanns eigene Sorge.

Nun aber ging die Sache immer schlechter und schlechter, denn je mehr sich die Köpfe auf Erden vermehrten, umso geringer wurden die Portionen Verstand in den einzelnen Köpfen. Aber Gott, der Allmächtige, der von seinem Throne aus die Schicksale der Menschen sieht und erkennt, er wollte den mit Verstand nur so leicht bepackten Adamssöhnen in ihrer geistigen Armut helfen. Darum sagte er eines Tages zum heiligen Nikolaus: „Wenn ich von meinem Platze aus die Dinge der Welt betrachte, dann staune ich über die Menschen, dass es ihnen noch immer nicht in den Kopf gegangen ist, dass sie Brüder sind auf Erden, und dass es doch keine feine Sache ist, wenn sie einander die Schädel einschlagen. Ursache hiervon ist, glaube ich, nur, weil ich unter sie zu wenig Verstand verteilt habe. Darum begib dich jetzt hinunter auf die Erde und belade eine Galeere mit Verstand und fahre aus und verkaufe Verstand an jeden, der ihn kaufen will. Aber zum Schluss muss ich dir noch einschärfen: Du musst ihn verkaufen so teuer, wie der Sohn, der seine Mutter zu Markte bringt; denn Verstand ist teurer als Schafe!“

Der heilige Nikolaus – er sei gelobt! – saß nun nicht länger und zauderte nicht, sondern er belud seine Barke mit Verstand und er zog nach allen Orten, nach allen Orten und zu allen Nationen, um Verstand und feinen Sinn zu verkaufen. Und der Heilige verkaufte an Verstand, so viel und so wenig er eben verkaufte. Schließlich führte sein Weg ihn nach Schnjin.* Kaum hatte er die Ankertaue dort ins Meer herabgelassen, da kommt eine andere Barke aus Frankreich daher. Der Teufel war nämlich mit seiner Galeere ausgefahren, um auf der Erde Stiefel zu verkaufen.

Sofort verbreitete sich in Albanien die Kunde, dass zwei Barken dort in Schnjin in den Hafen eingelaufen seien: die eine mit alten Stiefeln beladen, mit feinem Verstande die zweite. Da setzten sich die Albaner zusammen und hielten eine Ratsversammlung ab, und sie sprachen einer nach dem andern, und sie fassten den Beschluss: Für Albanien seien Stiefel notwendig und kein Verstand. Und daher verboten sie es unter Verwünschung, ja noch mehr, sie setzten eine Vermögensstrafe fest: Niemand dürfe dem heiligen Nikolaus Verstand abkaufen; wer es täte, habe dafür zu büßen mit Widdern und Kühen.

Dann sandten sie nach Schniin zum Teufel und ließen ihn fragen, wie hoch seine Ware zu stehen komme. Und der Teufel, der alte Drache, der ja nichts anderes wollte, als nur ja seine Ware in Albanien lassen, der ließ ihnen die Stiefel auf Kredit. Und um sich noch kavaliermäßiger zu zeigen, so wollte er gar nicht, dass die Ware an jenem Tage bezahlt werde, er wünschte aber auch nicht, dass den Käufern ein Zahlungstermin festgesetzt werde; er sagte ihnen bloß, es würde schon alles bezahlt werden, wer weiß, wann. Er lasse eben jedem Albaner ein restliches Guthaben zurück. So sprach der Teufel zu ihnen.

Und von da ab in der Folgezeit zogen unsere Vorfahren die Stiefel an. Und sie handelten damit nicht schlecht, wahrlich nicht, bei unserem Herrgott! Denn eine zahnlose Alte hat einmal den Ausspruch getan: „Wer keinen Verstand hat, der muss Beine haben.“

So kommt es, dass die Albaner Verstand und Geschmack nicht schätzen, denn sie haben ja geschworen, sich so etwas nicht zu kaufen.

* Das deutsche Wiki schreibt heute „Shëngjin“, was der albanische Name der Stadt ist, die unter dem Einfluss des ollen römischen Reiches und so eben San Giovanni di Medua hieß.

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Also ich finde dieses Märchen, diese Legende so endlos reizend. Nee, ehrlich. So viel Chuzpe und Selbstironie muss man erstmal aufbringen. Hut ab.

 
Textquelle: Zwischen Drin und Vojusa. Märchen aus Albanien. Hrsg. v. Maximilian Lambertz. Zeichnungen von Axel Leskoschek. Wien 1922, S. 81-83.
Bildquelle: St. Nikolaus rettet das Schiff von Fra Angelico (d.i. Guido di Pietro, 1395–1455)

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