39.2 Der Sohn des Königs von China – oder: Wie Lügen wahr werden können

Heute gibt es eines der versprochenen Märchen mit einer ordentlichen Portion Witz, die dem armen – Aber lest selbst…

Der Sohn des Königs von China

Es war, wie’s war! Es war einmal ein Bursche, der ging jeden Tag auf den Markt und sagte dann immer: „Verstand habe ich, Geld habe ich keines.“ Einem Geschäftsmann leuchtete das ein und er rief ihn eines Tages zu sich und sagte zu ihm: „Du gehst so oft hier vorbei und sagst: ‚Verstand habe ich, Geld hab ich aber keines!‘ Und wenn du Geld hättest, was würdest du denn damit anfangen?“ Der Bursche erwiderte: „Ich würde damit Geschäfte machen.“ Da gab der Geschäftsmann dem Burschen tausend Napoleons.

Der Bursche nahm das Geld und kaufte sich dafür königliche Kleider und er zog sie an und ging damit
in die Stadt, wo der König wohnte. Er stieg in einem Gasthaus ab und sagte zum Wirt: „Bring mir einen Kaffee.“ Und der Wirt brachte ihm einen Kaffee und der Bursche trank den Kaffee und er warf dem Wirte fünfzehn Napoleons auf das Servierbrett. Der Wirt überlegte bei sich, wer denn das wohl sein möge; und er fragte den Burschen: „Woher haben wir heute Euer Gnaden hier?“ Jener antwortete: „lch bin der Sohn des Königs von China!“

Dies Wort verbreitete sich in der Stadt, dass der Sohn des Königs von China dorthin gekommen sei. Und der König entsendete zwei Paschas, damit sie eine Zusammenkunft mit jenem Sohne des Königs von China hätten. Die beiden Paschas gingen dorthin ins Wirtshaus und hatten eine Begegnung mit jenem Sohn des Königs von China und sie fragten ihn: „Woher ist Eure Herrlichkeit zu uns gekommen?“ Und jener sagte zu ihnen: „Ich bin der Sohn des Königs von China.“ „Warum,“ fragten sie da, „ist Eure Herrlichkeit denn nicht zu uns gekommen, sondern im Wirtshaus abgestiegen?“ Jener entgegnete: „Ich bin verkleidet ins Blaue gereist.“ Seiner Bildung nach war er ein hochstehender Bursche. Die Paschas fanden Gefallen an ihm und sie gingen und erzählten dem Könige, dass der Prinz ein Mann aus sehr gutem Hause sei.

Am nächsten Tage begab sich der König selbst ins Wirtshaus zu jenem Sohn des Königs von China und er plauderte mit ihm und sprach: „Warum bist du nicht zu mir gekommen, sondern hier eingekehrt?“ „Ich bin verkleidet ins Blaue gezogen; ich bin nicht mit der Erlaubnis meines Vaters hierhergekommen.“ Und der König sprach zum Sohne des Königs von China: „Du mögest geruhen, zu mir zu kommen.“ Dann ging der König nach Hause und sagte zu seinen Paschas: „Ich will ihm mein Mädchen zur Frau geben, denn er ist ein guter Bursch und der König von China ist ein größerer König als ich.“

Und er schickte wiederum die Paschas zu jenem Knaben und die Paschas begannen folgendermaßen zu ihm zu sprechen: „Du sollst die Tochter unseres Königs zur Frau nehmen.“ Der Bursche erwiderte: „Ich bin aber ohne Erlaubnis meines Vaters hierhergereist. Ich habe kein Geld, um mich hier zu verheiraten.“ Da sagten ihm die Paschas: „Geld hat doch der König hier. Warum hast du Sorge um Geld?“ Jener antwortete: „Kommt also! Das Geschäft wird gemacht!“ Und er ging in den Palast des Königs und nahm das Mädchen des Königs zur Frau.

Und nachdem er dort eine Woche mit seiner Frau gewohnt hatte, fragte ihn der König: „Wie viel Geld brauchst du denn?“ Und er öffnete seine Schatzkammern und gab dem Burschen das Geld, soviel er wollte. Der Bursche nahm das Geld und schickte jenem Geschäftsmanne, von dem er damals tausend Napoleons bekommen hatte, dem schickte er jetzt zweitausend Napoleons zurück.

Er blieb noch etwa zwei Monate mit seiner Frau. Aber schließlich sprach er zum König: „Ich will jetzt abreisen und will zu meinem Vater gehen!“ Und er bestieg ein Dampfschiff und auch der König mitsamt der Königin stieg ein und so fuhren sie zum König von China. Hurtig, hurtig über’s Meer! In der Nähe von China wurde der Bursche nachdenklich in seinem Sinne – verflucht noch einmal! – und er schrieb dem König von China eine Karte: „Ich lebe hier unter deinem Namen. Ich bin dein Sohn geworden und ich habe eine Frau genommen, die Tochter eines gewissen Königs, und ich bin jetzt aufgebrochen, um zu dir zu kommen. Und falls du mich als Sohn annimmst, so werde ich kommen; falls du mich aber nicht annimmst, so schreib mir einen Brief; denn dann werde ich mich im Meere ertränken.“

Und der Bursche schickte dem König von China jenen Brief. Und der König von China las den Brief und sagte zu seiner Frau: „Uns ist ein Sohn geboren worden und er ist sogar schon verheiratet. Was sagst du dazu?“ Die Königin dachte nach und sagte dann: „Da er nun einmal unser Sohn unter unserem Namen geworden ist, so ist es notwendig, dass wir ihn zu unserem Sohne machen. Wir wollen ihm schreiben, er möge kommen. Und wir wollen ihn aufnehmen als unseren Sohn!“

Der König schrieb ihm und der Bursche bekam das Schreiben und las es und geriet in große Freude. Und sie gingen in der Stadt ans Land. Und der König von China veranstaltete ein großes Hochzeitsfest, wie wenn sein Sohn nach Hause gekommen wäre, und er fing an, Kanonenschüsse abzugeben, als sein Sohn mit all den Seinigen ans Land kam. Sie umarmten und küssten ihn auf die Stirn als ihren Sohn und ebenso die Prinzessin. Er wurde wie ihr eigener Sohn.

Das Märchen dort,
Die Gesundheit bei uns!

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Wie Herr Lambertz berichtet gibt es ein ähnliches Märchen in Kroatien, wo es allerdings um nicht ganz so viel Geld geht und sich der arme junge Mann als Zarensohn ausgibt. Also nicht ganz so exotisch.

 
Textquelle: Zwischen Drin und Vojusa. Märchen aus Albanien. Hrsg. v. Maximilian Lambertz. Zeichnungen von Axel Leskoschek. Wien 1922, S. 111–114.
Bildquelle: Chinesischer Kaiser mit Konkubinen bei der Inspektion seiner Fantasiefischereiflotte oder auch: ein Gemälde von Jacques Vigouroux Duplessis aus dem frühen 18. Jahrhundert

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