39.1 Das Märchen vom Halbhahn – als Auftakt zur albanischen Märchenwoche

Diese Woche gibt es im Märchensammler albanische Märchen. Ihr dürft euch auf feinen Sinn für Humor, die Kraft der Lüge und schicke Zaubermärchen freuen. Den Anfang macht heute ein Tiermärchen in deutlichem Schwankton. Soll heißen, es ist nicht underb. Seid also gewarnt und lest nun selbst…

Das Märchen vom Halbhahn

Es lebte einmal ein Greis und eine Greisin. Diese zwei alten Leute hatten nichts außer ihr Leben, einen Halbhahn und eine Katze. Der Halbhahn gehörte dem Greis, die Katze aber der Alten. Der Halbhahn aber hatte nur ein Bein.

Eines Tages sagte der Halbhahn zu dem Alten: „Vater, ich gehe auf die Wanderschaft.“ „Ja, willst du mich denn allein lassen?“ fragte der Alte den Halbhahn. „Ja, ich will auf Wanderschaft gehen.“ Und der Halbhahn ging auf die Wanderschaft.

Unterwegs traf er einen Wolf. „Wohin gehst du, Halbhahn?“ fragte der Wolf. „Ich gehe auf Wanderschaft.“ „Kann ich auch mitkommen?“ fragte der Wolf. „Ja, komm nur! Aber du ermüdest gewiss.“ „Nein, ich ermüde nicht.“ Während sie gingen, ermüdete der Wolf. „Halbhahn, ich bin müde!“ „Krieche in meinen Hintern,“ sagte ihm der Halbhahn. Da kroch ihm der Wolf in den Hintern.

Während sie weitergingen, traf der Halbhahn eine Biene. Da fragte die Biene den Halbhahn: „Wohin gehst du, Halbhahn?“ „Ich gehe auf Wanderschaft.“ „Kann ich auch mitkommen?“ fragte die Biene. „Ja, komm nur! Aber du wirst müde werden.“ „Nein, ich werde nicht müde.“ Sie machten sich also gemeinsam auf. Da wurde die Biene müde. „Halbhahn, ich bin müde.“ „Kriech in meinen Hintern.“ Da kroch ihm die Biene in den Hintern.

Während sie weitergingen, traf der Halbhahn auf einen Fluss. Und der Fluss fragte ihn: „Wohin gehst du, Halbhahn?“ „Ich gehe auf Wanderschaft.“ „Kann ich da auch mitkommen?“ „Nein, du wirst müde,“ sagte der Halbhahn. „O nein! Ich komme mit!“ Während sie gingen, ermüdete auch das Wasser. „Halbhahn, ich bin müde!“ „Kriech in meinen Hintern.“ Und der Fluss kroch ihm ihn den Hintern.

Während sie des Weges weiter gingen, stieß er auf eine Kuh. Die Kuh fragte ihn: „Wo gehst du hin, Halbhahn?“ „Ich gehe auf Wanderschaft.“ „Kann ich da auch mitkommen?“ „Komm nur.“ Während sie gingen, ermüdete die Kuh. „Halbhahn, ich bin müde!“ „Kriech in meinen Hintern hinein.“ Und die Kuh kroch in seinen Hintern.

Sie gingen weiter und kamen zu einem großen Hause. Die Nacht hatte sie unterwegs überrascht. Da drang der Halbhahn in einen Gemüsegarten ein und ließ die Kuh aus seinem Hintern heraus, damit sie fresse. Und die Kuh fraß das ganze Gemüse auf.

Als der Tag anbrach, krähte der Halbhahn: „Kikiriki!“ Da kam der Herr jenes Hauses heraus. Und was musste er sehen? Das ganze Gemüse fand er aufgefressen. Er glaubte, der Halbhahn habe diesen Streich verübt. Daher fasste er den Halbhahn und sagte zu seinen Leuten: „Werft ihn unter die Pferde,
damit die Pferde ihn durch Fußtritte töten!“ Aber der Halbhahn ließ den Wolf aus seinem Hintern heraus, und der Wolf biss den Pferden allen die Hälse ab und tötete sie.

Da kam der Hausherr heraus, um nachzusehen. Was musste er da sehen? Er sah alle Pferde verendet. Da geriet er in Wut und sagte zu den Weibern: „Macht den Backofen heiß, damit ich ihn hineinstecke und ihn drin verbrenne!“ Und sie heizten den Backofen, dass er rotglühend wurde. Und die Weiber heizten ihn gut, und sie fassten den Halbhahn und sie steckten ihn in den Ofen, um ihn zu verbrennen. Aber der Halbhahn ließ das Wasser aus seinem Hintern heraus in den Backofen, und der Fluss löschte das Feuer im Backofen ganz aus.

Und der Hausherr öffnete den Backofen, um nachzusehen, ob der Halbhahn verbrannt sei. Und sieh da! Der Ofen war ganz ausgelöscht. Da packte der Hausherr den Halbhahn und warf ihn in den Kuhstall. Aber der Halbhahn ließ die Bienen aus seinem Hintern auf die Kühe los und die Bienen stürzten sich auf die Kühe und stachen die Kühe. Und die Kühe wurden wild und stießen sich gegenseitig.

Da nahmen sie den Halbhahn und steckten ihn in die Geldkiste. „Dort,“ sagte der Hausherr, „wird er Geld fressen und wird draufgehen.“ Und er steckte den Halbhahn in die Kiste. Aber der Halbhahn fraß sich an den türkischen Pfunden und den Napoleondors voll und stellte sich dann, als ob er verreckt wäre.

Da kam der Hausherr, um nachzusehen. Und sieh da! Der Hahn war verendet. In Wirklichkeit war der Halbhahn aber nicht verendet, sondern er stellte sich bloß so. Da packten sie den Halbhahn bei seinem einen Beine und schleuderten ihn weit weg und kümmerten sich nicht mehr um ihn. Da sprang der Halbhahn auf und ging nach Hause zu seinem Alten.

Und er sagte zu seinem Alten: „Vater, leg mir den Speiseteppich auf!“ Der Alte legte ihm den Essteppich auf. Da erbrach der Halbhahn das ganze Geld, das er gefressen hatte und schenkte es dem Alten.

Darüber geriet die Alte in Zorn und sprach zu ihrer Katze: „Geh, mein armes Hascherl, geh auch du fort. So gut wie der Halbhahn dem Alten etwas eingebracht hat, kannst auch du mir etwas einbringen!“ Da ging die Katze fort und fand auf der Straße einige verweste Tierleichen. Davon fraß sie, soviel sie fressen konnte. Dann machte sie sich auf und ging nach Haus und sagte zur Alten: „Leg mir den Speiseteppich auf!“ Die Alte legte ihr den Speiseteppich auf. Da spie die Katze das verweste Aasfleisch aus und schenkte es der Alten. Die Alte aber geriet in Wut und prügelte die Katze. Und die Katze schrie: „Miaaauh! Miaaauh!“

Das Märchen auf der Stiege,
Die Dukaten auf der Stirne!

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Es ist fast ein umgekehrtes Kettenmärchen, wenn der Hahn erst einsammelt, was er dran braucht. Übrigens erklärt Herr Lambertz, der eigentliche Sammler dieses Märchens, dass die Figur des ‚Halbhahns‘ in Griechenland, aber z.B. auch in Frankreich ebenfalls bekannt sei.

 
Textquelle: Zwischen Drin und Vojusa. Märchen aus Albanien. Hrsg. v. Maximilian Lambertz. Zeichnungen von Axel Leskoschek. Wien 1922, S. 141–144.
Bildquelle: Illustration aus Aunt Louisa’s Oft Told Tales (1870er) – einen echten Halbhahn konnte ich nicht finden

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