37.7 Der Hammelbruder – ein armenischer Schlusspunkt

Wir beenden unsere Reise in Armenien mit einer schönen Variante von Brüderchen und Schwesterchen, in der sich nicht nur die mitteleuropäischen und die orientalischen Motive mischen, sondern auch ganz andere Märchen anklingen. Aber lest selbst…

Der Hammelbruder

Es lebte eine Witwe und sie hatte eine Tochter. Die Witwe heiratete einen Witwer und dieser hatte von seiner ersten Frau zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Da überredete die Frau ihren Mann: „Führe, ja, führe deine Kinder in die Berge!“ Der Mann konnte ihr nicht widerstehen und siehe, einmal legte er sich Brot in die Tasche, nahm die Kinder und machte sich auf in die Berge.

Sie gingen, gingen und kamen an einen unbewohnten Ort. Da sagte der Vater zu den Kindern: „Ruhet hier ein wenig aus!“ Die Kinder fingen an zu ruhen. Und der Vater wandte sein Gesicht ab und weinte bitter, bitter. Dann wandte er sich wieder zu den Kindern um und sagte: „Kinderchen, esst etwas!“ Diese aßen. Da sagte der Knabe: „Väterchen, ich will trinken.“ Der Vater nahm seinen Stock, steckte ihn in die Erde, warf seinen Rock darüber und sagt: „Komm her, mein Sohn, setz dich in den Schatten meines Rockes und ich werde dir Wasser holen.“ Der Bruder und die Schwester blieben hier und der Vater ging fort und ließ seine Kinder ganz im Stiche. Ob sie kurze oder lange Zeit gewartet haben, bis sie sahen, dass der Vater nicht zurückkommt, ist nicht bekannt; sie gingen nach allen Seiten hin, um ihn zu suchen, aber sahen keine menschliche Seele rings umher. Sie kehrten wieder zu dieser Stelle zurück, fingen an zu weinen und sagten:

„Ach, ach!“

„Siehe, da ist des Vaters Stock, dort sein Rock, aber er kommt nicht und kommt nicht.“

„Ach, ach!“

„Siehe, da ist des Vaters Stock, dort sein Rock, aber er kommt nicht und kommt nicht.“

Ob der Bruder und die Schwester lange oder kurze Zeit hier saßen, ist nicht bekannt, aber sie standen endlich auf und nahmen eins den Stock, das andere den Rock und gingen fort, ohne zu wissen, wohin. Sie gingen, gingen und gingen – sie gingen und sahen die Spuren von Pferdehufen mit Regenwasser angefüllt. „Ich will trinken, Schwesterchen,“ sagte ihr der Bruder. „Trinke nicht, Brüderchen, sonst wirst du zum Füllen!“ sagte die Schwester zu ihm. Sie gingen weiter.

Sie gingen, gingen und sahen die Spuren von Ochsenhufen. „Ach, Schwesterchen, wie durstig ich bin!“ „Trinke nicht, Brüderchen!“ sagte sie zu ihm, „sonst wirst du zum Kalbe!“ Sie gingen weiter. Sie gingen, gingen und sahen die Spuren von Büffelhufen. „Ach, Schwesterchen, wie durstig ich bin!“ „Trinke nicht, Brüderchen, sonst wirst du zum Büffelkalbe!“ Sie gingen weiter. Sie gingen, gingen und sahen die Spuren von Bärentatzen. „Ach, ich bin durstig, Schwesterchen!“ „Trinke nicht, Brüderchen, sonst wirst du zum jungen Bären!“ Sie gingen weiter und sahen die Spuren von Schweinshufen. „Ach, Schwesterchen, ich will trinken!“ „Trinke nicht,“ sagte sie zu ihm, „sonst wirst du zum Ferkel!“ Sie gingen weiter. Sie gingen, gingen und sahen die Spuren von Wolfstatzen. „Ach, Schwesterchen, wie ich durstig bin!“ „Trinke nicht, Brüderchen, sonst wirst du zum Wölflein!“ Sie gingen weiter. Sie gingen, gingen und sahen Spuren von Hammelfüssen. „Ach, Schwesterchen, ich sterbe fast vor Durst!“ „Ach, Brüderchen, wie tust du mir leid!“ sagte sie zu ihm, „du wirst ja zum Hammel, wenn du trinkst.“

Er hielt es nicht mehr aus, trank und verwandelte sich in einen Hammel, fing an zu meckern und lief der Schwester nach. Lange irrten sie so umher und kamen endlich nach Hause.

Da wurde die Stiefmutter schwanger, machte sich an ihren Mann und sagte: „Schlachte deinen Hammel, ich will ihn essen.“ Die Schwester rettete mit knapper Not ihren Bruder Hammel und führte ihn ins Gebirge. Jeden Tag führte sie ihn auf die Weide und sie selbst spann Zwirn. Einmal fiel ihr der Spinnrocken aus der Hand und rollte in eine Höhle. Der Hammel blieb hier weiden und die Schwester ging den Spinnrocken holen.

Doch als sie in die Höhle trat, sah sie dort eine alte tausendjährige Dew liegen.* Diese bemerkte plötzlich das Mädchen und sagte: „Dem gefiederten Vogel, der kriechenden Schlange ist es ja unmöglich, hier einzudringen und wie hast du, Mädchen, es gewagt hier einzutreten?“ Das Mädchen sprach vor Angst: „Aus Liebe zu dir bin ich gekommen, Großmütterchen!“

Die alte Dewmutter hieß das Mädchen sich neben sich hinsetzen und fragte sie nach diesem und jenem. Das Mädchen gefiel der Alten sehr. „Ich will gehen und dir Fische bringen,“ sagte sie, „du bist gewiss hungrig.“ Aber die Fische waren Schlangen und Drachen. Das Mädchen erschrak sehr und fing an vor Angst zu weinen. Die Alte fragte: „Mädchen, warum weinst du?“ Da sagte jene: „Ich habe mich meiner Mutter erinnert und deswegen weine ich.“ Hier erzählte sie der Alten alles, was mit ihr vorgefallen war. „Wenn es so ist,“ sagte die alte Dew, „da setz dich hierher und ich will meinen Kopf auf deine Knie legen und einschlafen.“

Sie machte Feuer an, steckte den Feuerhaken in den Ofen und sagt zum Mädchen: „Wenn das Schwarze herbeifliegt, so wecke mich nicht auf, wenn aber das Regenbogenfarbige herbeifliegt, nimm den glühenden Feuerhaken und lege ihn an meine Füße, damit ich vom Schlafe aufwache.“

Dem Mädchen kroch die Seele vor Angst in die Fersen. Was sollte es tun? Es setzte sich hin, die Alte legte ihren Kopf auf seine Knie und schlief ein. Bald darauf sah es, wie ein schreckliches, schwarzes Ungeheuer vorbeiflog; das Mädchen schwieg. Wieder nach einer Weile sah es, es kommt das Regenbogenfarbige geflogen. Da ergriff es den glühenden Feuerhaken und wirft ihn der Alten an die Füße. Die Alte rief: „Pfui, wie die Flöhe beißen!“ und erwachte. Sie stand auf, hob das Mädchen auf. Vom Glänze des Regenbogenfarbigen waren die Locken und Kleider des Mädchens zu Gold geworden. Da küsste es der Alten die Hand und bat sie um die Erlaubnis, fortgehen zu dürfen. Es ging fort, nahm seinen Hammelbruder mit und ging nach Hause. Die Stiefmutter war nicht zu Hause und das Mädchen grub im Geheimen ein Loch beim Ofen, vergrub dort ihre goldenen Kleider und setzte sich hin und zog die alten an.

Die Stiefmutter kam nach Hause und sah die goldenen Locken des Mädchens. „Wie hast du es denn gemacht, dass deine Locken golden geworden sind?“ fragte sie. Da erzählte ihr das Mädchen alles, was und wie. Am anderen Tage schickte die Stiefmutter ihre eigene Tochter auf jenen Berg. Sie ließ dort absichtlich ihren Spinnrocken fallen und der Spinnrocken rollte in die Höhle. Sie ging ihn holen und hier verwandelte sie die alte Dewmutter in eine Vogelscheuche und schickte sie nach Hause.

In jenen Tagen war eine Hochzeit im königlichen Schlosse. Der König verheiratete einen seiner Söhne; von allen Seiten kam das Volk, um zuzuschauen, sich zu ergötzen. Und die Stiefmutter warf ein Tuch um, putzte den Kopf ihrer Tochter und führte sie, die Hochzeit anzuschauen. Das Mädchen mit den goldenen Locken blieb auch nicht zu Hause, es zog sein goldenes Kleid an und wurde von Kopf bis zu Fuß eine feurige Huris** und ging ihnen nach.

Auf dem Rückwege lief das Mädchen mit den goldenen Locken, so schnell es konnte, um früher als die Stiefmutter nach Hause zu kommen und in der Eile ließ es seinen goldenen Schuh in die Quelle fallen. Man führte die Pferde des Königs zur Tränke; aber als sie den goldenen Schuh in der Quelle erblickten, sprangen sie zurück und tranken nicht. Der König ließ Weise rufen und forderte eine Erklärung. Diese fanden nun den goldenen Schuh. Da ließ der König durch einen Herold bekannt machen, dass er die, der dieser Schuh passte, mit seinem Sohne verheiraten würde.

Man schickte also Leute durch die ganze Stadt, um den Schuh anzuprobieren. Da kamen sie auch in das Haus, wo der Bruder Hammel war. Die Stiefmutter stieß das Mädchen mit den goldenen Locken in den Ofen und versteckte es und zeigte ihre Tochter.

Da kam ein Hahn auf die Schwelle geflogen und krähte dreimal: „Kikeriki, die schönste der Schönen sitzt im Ofen!“ Die Leute des Königs stießen die Stiefmutter bei Seite und führten das Mädchen mit den goldenen Locken aus dem Ofen heraus, probierten ihr den Schuh an und er saß wie angegossen. „Nun, stehe auf,“ sprachen sie, „du sollst die königliche Braut sein!“

Das Mädchen legte ihr goldenes Kleid an, trieb ihren Bruder Hammel vor sich her und ging ins Schloss; sie wurde mit dem Königssohne vermählt und sieben Tage und sieben Nächte schmausten sie.

Einmal nahm die Stiefmutter ihre Tochter mit sich und ging ins Schloss, um die Stieftochter zu besuchen. Diese betrachtete sie trotz alledem als ihre Mutter und lud sie in den königlichen Garten ein; aus dem Garten gingen sie ans Meeresufer und setzten sich, um auszuruhen. Die Stiefmutter sagte: „Baden wir uns im Meere!“ Sie badeten sich. Da stieß die Stiefmutter die Gemahlin des Königssohnes weit ins Meer hinaus; ein großer Fisch kam geschwommen und verschlang sie. Unterdessen legte die Stiefmutter ihrer Tochter das goldene Kleid an, führt sie in das königliche Schloss und setzt sie an die Stelle, wo immer die junge Gemahlin gesessen hatte. Ihr Gesicht und der Kopf waren ganz verhüllt, damit man sie nicht erkennen möchte.

Und die junge Gemahlin saß immer noch im Fischbauche. Einmal hört sie die Stimme des Glöckners und bat ihn: „Glöckner, du Glöckner, wenn du die Leute in die Kirche gerufen hast, bekreuze dich sieben Mal und, ich beschwöre dich im Namen Gottes, gehe und sage dem Königssohne, er soll meinen Bruder Hammel nicht schlachten.“ Ein-, zweimal hörte der Glöckner diese Stimme und meldete es dem Königssohne.

Der Königssohn nahm den Glöckner mit sich und ging in der Nacht an das Meeresufer. Dieselbe Stimme rief: „Glöckner, du Glöckner, wenn du die Leute in die Kirche gerufen hast, bekreuze dich sieben Mal und, ich beschwöre dich im Namen Gottes, gehe und sage dem Königssohne, er soll meinen Bruder Hammel nicht schlachten.“ Der Königssohn erkannte, dass das seine liebe Gemahlin sei; er legte sein Schwert ab, sprang ins Meer, trennte den Bauch des Fisches auf und zog seine Liebe heraus.

Sie gingen nach Hause. Der Königssohn ließ die Stiefmutter rufen und sagte: „Schwiegermutter, sage, was für ein Geschenk soll ich dir machen, ein mit Gerste gefüttertes Pferd oder ein Messer mit einem schwarzen Griffe?“ Die Schwiegermutter antwortet: „Das Messer mit dem schwarzen Griffe mag die Brust deines Feindes durchbohren und mir gib das mit Gerste gefütterte Pferd!“ Der Königssohn befahl, die Mutter mit der Tochter an den Schwanz des Pferdes zu binden und über Berge und Steine zu jagen, bis von ihnen nichts weiter als die Ohren und ein Haarbüschel übrig blieben.

Darauf lebte der Königssohn mit seiner schönen Gemahlin glücklich und mit ihnen der Bruder Hammel. Jene fanden ihre Strafe und diese ihr Glück.

Vom Himmel fielen drei Äpfel herab.

* Herr Chalatianz erklärt, dass der orientalische Dew – also als Gestalt eines grausig-bösen Riesen – in der armenischen Tradition mit christlichen Momenten vermischt wurde. Vor allem habe er Aspekte des Teufels aufgenommen. Er erklärt leider nix zu weiblichen Dews.
** Da sagt Herr Chalatianz leider auch nix zu. Im arabischen Kulturkreis sind die Huris natürlich die Jungfrauen im Paradies. Aber das passt hier ja nun nicht so ohne weiteres. Le seufz.

*******

Hier mischen sich nun auch Motivkomplexe aus Hänsel & Gretel und Aschenbrödel rein. In Serbien gibt es übrigens ein Märchen, das eben diesen Hänsel & Greteligen Anfang und eine hilfreiche, liebe Alte hat, die dem Mädchen den Kopf in den Schoß legt und ihr hilft. Hier ist es nun eine alte Dew und es gibt noch die üblichen Verwandlungen des Brüderchens. Dabei wird hier aber auch in Bezug auf sein Kernmärchen die orientalische Version (siehe Dew und Fisch) deutlich ‚christianisiert‘.

…und wenn das nicht zum Abschluss der Woche von Brüderchen und Schwesterchen ein prima Beispiel war, wie sich Märchen auf ihren Weltreisen mit anderen mischen und überblenden und so neue Varianten bilden. 🙂

 
Textquelle: Grikor Chalatianz: Armenische Bibliothek. Märchen und Sagen. Leipzig: Wilhelm Friedrich 1887, S. 1-10.
Bildquelle: Ausschnitt aus einem Fresco in Pompeji, das den Zyklop Polyphemus und die Nymphe Galatea in leidenschaftlicher Umarmung zeigt, während u.a. ein Hammel daneben steht

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