37.6 Pulia und Morgenstern – Griechische Brüderchen und Schwesterchen

Und wir reisen weiter beziehungsweise fast ein Stückchen zurück, nämlich nach Griechenland, wo es fast so scheint, als wäre die türkische Variante von gestern vor allem mit einer besseren Motivation ausgestattet worden. Aber lest selbst…

Pulia und Morgenstern

Das Märchen hebt an, guten Abend, ihr Herrschaften.

Es war einmal ein Jäger, der lebte zusammen mit seiner Frau. Und eines Tages gebar die Frau ein schönes Mägdlein, und sie nannten es Pulia. Aber nach kurzer Zeit starb die Frau, und der Jäger – was sollte er machen – heiratete wieder. Die zweite Frau, die Stiefmutter von Pulia also, gebar nach kurzer Zeit auch und bekam ein Knäblein; das nannten sie Morgenstern.

je größer Pulia wurde, desto eifersüchtiger wurde die Stiefmutter auf sie und wollte sie als Sklavin verkaufen und sprach darüber heimlich mit ihrem Mann. Und Morgenstern hörte, was seine Mutter sagte, und ging hin und verriet es Pulia: „Liebe Pulia, meine Mutter will dich als Sklavin verkaufen, was sollen wir jetzt nur tun?“

Pulia machte sich auf und ging zu einer alten Nachbarin, um sie nämlich um Rat zu fragen. Und die Alte sagte ihr: „Du musst von ihr fortgehen, mein Mädchen. Wenn sie dich für den Basar kämmt,“ sagt sie, „soll Morgenstern dir die Schleife aus den Haaren reißen, du musst ihm nachlaufen, und so werdet ihr fortkommen. Deine Stiefmutter wird euch verfolgen, dann musst du dieses Messer von dir werfen, und es wird ein Feld daraus, das gar kein Ende nimmt. Deine Stiefmutter wird es jedoch schnell durchqueren und euch einholen. Dann sollst du diesen Kamm von dir werfen, und es wird ein dichtes Dornengestrüpp daraus, und auch das wird sie durchqueren und euch einholen. Dann sollst du dieses Salz ausstreuen, und es wird ein großer See daraus, und deine Stiefmutter wird ihn nicht durchqueren können und wird umkehren.“ Sie gab also den Kindern ein Messer, einen Kamm und das Salz und schickte sie mit gute Wünschen fort.

Wie die Kinder wieder zu Hause waren, fing die Stiefmutter an, Pulia zu kämmen, und sang ihr etwas vor und erzählte ihr einen Haufen Lügen. Da riss Morgenstern ihr die Schleife aus dem Zopf und lief hinaus, Pulia hinterher, so kamen sie auf die Straße. Die Stiefmutter lief hinterher und wollte sie einholen. Da warf Pulia das Messer der Alten hin, und es ward ein Feld, das kein Ende hat. Aber die Stiefmutter durchquerte ganz schnell das Feld und holte sie wieder ein. Da warf Pulia den Kamm der Alten hin, und er ward ein dichtes Dornengestrüpp. Sie aber durchquerte auch dieses, und da warf Pulia das Salz hin und es ward ein ungeheuer großer See. Die Stiefmutter wollte ihn durchqueren, konnte es aber nicht. Da verwünschte sie Morgenstern, der doch ihr Kind war und sie verleugnet hatte und mit der Stieftochter ging. „Dort, wohin du kommen wirst, sollst du Durst verspüren,“ sagte sie, „und sollst Wasser trinken. Und in solch ein Tier sollst du verwandelt werden, wie das ist, aus dessen Fußspur du trinkst.“

Wie sie ein gutes Stück gegangen waren, sagte Morgenstern: „Ich habe Durst, Pulia!“ „Geh noch etwas weiter,“ sagt sie zu ihm, „dort weiterhin ist die Quelle des Königs, dort kannst du trinken.“ Wie sie wieder eine Strecke gegangen waren, sagte das Kind: „Ich habe Durst, ich komme um vor Durst!“ Und da fand er eine Fußspur von einem Wolf mit Wasser drin und sagt: „Hieraus will ich trinken.“ „Trinke nicht,“ sagte sie, „denn dann wirst du ein Wolf und frisst mich.“ „Wenn es so ist, trinke ich nicht!“ Sie gingen und gingen und trafen auf die Spur eines Lammes mit Wasser und das Kind sagte: „Hieraus will ich trinken, ich halt es nicht aus, ich komme um vor Durst!“ „Trinke nicht,“ sagte Pulia, „denn du wirst ein Lamm, und sie werden dich schlachten.“ „Ich muss trinken, und wenn sie mich auch schlachten,“ sagte er. Und er trank und wurde ein Lamm und folgte ihr und blökte: „Bäääh, Pulia, Bäääh, Pulia!“ „Komm zu mir,“ sagte Pulia.

Voran ging Pulia, hinterher das Lämmchen Morgenstern, sie gingen und gingen und kamen an den Brunnen des Königs. Pulia schöpfte Wasser, tränkte das Lämmchen und trank auch selbst.

Dort neben dem Brunnen war eine hohe, hohe Zypresse, und Pulia bat Gott: „Mein Gott, gib mir Kraft, dass ich auf den Gipfel der Zypresse steigen kann!“ Und kaum hatte sie ihr Gebet beendet, befand sie sich schon oben auf der Zypresse, und dort oben, wo sie saß, war ein goldener Thron, und das Lamm blieb unten und weidete.

Nach kurzer Zeit kamen die Diener des Königs und wollten die Pferde tränken, und als sie sich der Zypresse näherten, scheuten die Pferde und zerrissen die Halfter und flohen vor den Strahlen der Pulia, die oben auf der Zypresse glänzte.

„Steig herunter,“ sagten die Diener zu ihr, „denn die Pferde fürchten sich, Wasser zu trinken.“ „Ich steige nicht herunter,“ erwidert sie, „lasst die Pferde trinken, ich tue ihnen nichts.“ „Steig herunter,“ sagten sie wieder. „Ich steige nicht hinunter.“

Da gingen sie zum Königssohn und sagten ihm das und das: „Bei der Quelle, oben in der Zypresse sitzt ein Mädchen, und ihre Schönheit leuchtet, und vor ihren Strahlen scheuen die Pferde und wollen nicht trinken, und wir haben ihr gesagt, sie solle herabsteigen, aber sie will nicht.“

Wie dies der Königssohn hörte, machte er sich auf und ging hin und sagte auch zu ihr, dass sie heruntersteigen solle. Aber sie wollte nicht, und er sagte es ihr zum zweiten und zum drittenmal. „Steig herunter, wir fällen die Zypresse, wenn du nicht herunterkommst.“ „Fäll sie,“ sagte das Mädchen, „ich steige nicht hinunter.“

Und also holte er Männer, die die Zypresse fällen sollten, und immer wenn sie zuschlugen, kam das Lamm, leckte die Zypresse, und sie wurde doppelt so stark wie vorher. Sie mühten sich und mühten sich, sie zu fällen, sie vermochten es nicht. „Geht alle fort von hier,“ sagt der Königssohn in seinem Zorn. Und so gingen alle fort.

Der Königssohn aber ging voller Kummer zu einer alten Frau und sagte zu ihr: „Wenn du mir das Mädchen von der Zypresse herunterholst, fülle ich dir dein Kopftuch mit Golddukaten.“ „Ich will sie dir wohl herunterholen,“ sagte die Alte.

Und sie nahm einen Backtrog, ein Sieb und Mehl und ging unter die Zypresse. Dort setzte sie den Backtrog umgekehrt hin und das Sieb umgekehrt drauf und siebte auf diese Weise. Das Mädchen sah das von der Zypresse aus und rief laut: „Andersherum, Frau, das Sieb, nimm andersherum auch den Backtrog.“ Die Alte wiederum tat so, als ob sie nicht hören könne, und sagte: „Ich höre nicht gut, liebes Mädchen, komm herunter.“ Und sie siebte wieder falsch herum darauflos. „Andersherum, Frau, das Sieb, nimm andersherum auch den Backtrog,“ rief Pulia zum zweiten- und drittenmal. Und die Alte antwortete wieder: „Ich höre nicht gut, liebes Mädchen, komm herunter und zeig es mir, so wirst du Gottes Segen haben.“

So stieg das Mädchen langsam hinab, und als sie dranging, es der Alten zu zeigen, trat der Königssohn heraus, der dort verborgen war, und ergriff sie, setzte sie auf sein Pferd, und fort ging’s.
Das arme Lämmchen, das dort unter der Zypresse weidete, fing an zu blöken, und auch Pulia rief: „Mein Lämmchen, mein Lämmchen!“ Da sagte der Königssohn zu ihr: „Sei nur nicht böse, ich will dir so viel Lämmer bringen, wie du willst.“ Aber wie sollte Pulia darauf hören? „Ich will es mit nichts in der Welt vertauschen,“ sagt sie.

Was sollte der Königssohn da machen? Er befahl also, dass sie das Lämmchen in die Kammer ins Schloss bringen sollten. Er selbst heiratete Pulia.

Der König liebte seine Schwiegertochter sehr, aber die Königin beneidete sie, und eines Tages, als der Königssohn fort war zur Jagd, nahm sie ihre Schwiegertochter, wie sie sagte, zu einem Spaziergang mit in den Garten. Als sie so spazieren gingen, kamen sie an einen ausgetrockneten Brunnen. Die Schwiegermutter gab Pulia einen Stoß und warf sie in den Brunnen. Das Lamm merkte dies und begann zu blöken, und um ihm das Maul zu stopfen, ging die Schwiegermutter dran, es zu schlachten.

Als der Königssohn zurückkam und Pulia nicht sah, fragte er seine Mutter: „Mutter, wo ist die Braut?“ „Draußen,“ antwortete sie, „und es trifft sich gut, denn wir wollen das Lamm schlachten.“

Das hörte das Lamm und lief zum Brunnen und sagte zu seiner Schwester: „Pulia, sie wollen mich schlachten!“ „Sei still, mein Herzblatt, sie schlachten dich nicht.“ „Sieh, sie wetzen die Messer, sie haben mich gegriffen, sie wollen mich schlachten!“ „Was kann ich tun, mein Herzblatt?“ sagt sie, „du siehst ja, wo ich bin.“

Da ergriffen die Knechte der Königin das Lamm und gingen dran, es zu schlachten, und als sie das Messer ansetzen wollten, betete Pulia zu Gott und sagte: „Mein Gott, meinen Bruder schlachten sie, und ich sitze im Brunnen!“

Mit einem Mal vermochte sie sich aus dem Brunnen zu schwingen und lief zum Lamm, dem sie den Hals durchschnitten hatten. Sie weinte und rief, sie sollten davon ablassen. Sie hatten es geschlachtet.

„Mein Lamm,“ sagte sie, jammerte und rief: „Mein Lamm!“ Trost fand sie nicht.
Der unglückliche Königssohn versprach ihr alle Lämmer der Welt. Sie wollte keines. „Mein Lamm, mein Lamm!“ rief sie immer nur.

Recht und schlecht brieten sie das Lamm und brachten es auf den Tisch. „Komm zum Essen,“ sagten sie zu ihr. „Ich habe gegessen,“ sagte sie, „ich esse jetzt nichts mehr.“ „Komm, Liebe, komm“ sagten sie. „Esst nur, ich sage euch ja, ich habe gegessen.“

Und als die andern das Mahl beendet hatten, ging sie hin und sammelte alle Knochen und tat sie in einen Krug und begrub ihn im Garten.

Am nächsten Morgen sahen sie, dass ein hoher, hoher Orangenbaum an jener Stelle entsprossen war mit einer goldenen Orange an der Spitze. Kaum sah das die Hexe, die Schwiegermutter, fing sie an zu schreien: „Ich will die Orange, ich will die Orange!“ Aber als niemand sie erreichen konnte, wurde sie wütend und fing selbst an hinaufzusteigen. Da wandten sich die Zweige gegen sie und drangen ihr geradewegs in die Augen und stachen sie ihr aus.

Pulia sah dies von ferne und sagte: „Lasst mich die Frucht herunterholen.“ Wie sie sich näherte, neigte die Orange sich von selbst herunter und sagte: „Greif mich fest, Pulia!“ Und als sie sie ergriff, gab es einen Donnerschlag, und sie flog hoch in den Himmel und sagte: „Leb wohl, lieber Schwiegervater und du, guter Königssohn. Ich kann auf dieser Welt nicht leben. Aus den Händen der bösen Stiefmutter fiel ich in die Hände der bösen Schwiegermutter.“

Und seitdem gibt es zwei neue Sternbilder am Himmel, Pulia, das Siebengestirn, und den Morgenstern.

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Ich finde immernoch, dieses Märchen liest sich wie das Resultat von zu viel Gemecker an den bisherigen Varianten. So ist Pulia hier doch wieder älter, was ihre Verantwortung z.B. bei Grimms erklärt, und die Tierverwandlung ist kein zufälliger Zauber, wie er im Märchen passieren kann, sondern ein Fluch. Dabei ist der Bruder nun nicht Beschätzer, sondern eher abwesend. Vielleicht weil es auch Halbgeschwister sind?

 
Textquelle: Georgios A. Megas: Griechische Volksmärchen. München: Eugen Diederichs 1965, S. 34-39. – Zitiert nach Hekaya.de
Bildquelle: Albert Langs (1847-1933) Zypressenhain

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