36.7 Der Zauberer und sein Lehrling

Zum Abschluss der türkischen Märchenwoche gibt es heute ein etwas anderes Zaubermärchen. Lest selbst…

Der Zauberer und sein Lehrling

Es war einmal eine Frau und die hatte einen Sohn; wohin die Frau ihren Sohn auch in die Lehre gab, nirgends wollte er bleiben, sondern lief davon. Einmal sagte die Frau ihrem Sohne: „Wohin soll ich dich geben?“ Der Sohn antwortete: „Nimm mich mit, gehen wir zusammen; wo’s mir gefällt, dorthin gib mich, von dort werde ich nicht fortlaufen.“ Die Frau nahm ihren Sohn und führte ihn auf den Markt; nachdem sie bei einigen Handwerkern vorbeigegangen waren, kamen sie zuletzt zu einem Zauberer.

Der Sohn erblickte ihn und sagte, die Mutter solle ihn zu dem in die Lehre geben. Die Frau trat zum Zauberer, sagte ihm, dass sie ihren Sohn zu ihm in die Lehre geben möchte. Der Zauberer willigte ein und nahm ihn mit. Es verging ein Tag, es vergingen fünf Tage und der Zauberer lehrte den Jungen alles, was er konnte. Eine Zeitlang beschäftigte sich der Junge damit, als sein Meister ihm eines Tages sagte: „Ich verwandle mich in einen Widder, führe mich auf den Markt und verkaufe mich. Doch den Strick gib nicht hin!“ Der Junge sagt: „’s ist gut.“ Und der Meister verwandelte sich sofort in einen Widder; der Junge führte ihn auf den Markt, übergab ihn dem Ausrufer, der ihn versteigerte. Ein Mann gab fünfhundert Groschen für ihn und kaufte ihn; den Strick aber gab der Junge nicht hin und begab sich nach Hause. Wie es Abend ward, entwich der Meister dem Käufer und kam nach Hause.

Den andern Tag unterwies der Meister den Jungen wieder, wie tags vorher: „Jetzt verwandle ich mich in ein Pferd; führe mich auf den Markt, doch gib gut acht, damit der Strick nicht auch mit verkauft werde.“ Der Junge antwortete: „Ich habe alles verstanden.“ Sofort führte er den Meister zu Markte, übergab ihn dem Ausrufer, der den Preis gleich auf tausend Groschen erhob. Der Junge nahm samt dem Gelde den Strick und kam nach Hause. Da sprach der Junge bei sich: »Das habe ich nun erlernt. Wir werden zu Hause sehen, wie ich mir selbst etwas aufhelfen kann.“ Und ging von da zu seiner Mutter. „Nun Mütterchen, was zu lernen war, habe ich erlernt. Viel Dank, dass du mich zu diesem Meister in die Lehre gegeben hast; ich werde recht viel Geld verdienen.“ Die arme Frau wusste von allem nichts und sagte: „Was ist’s, mein Sohn, was wirst du anfangen? Ich sehe ja nichts bei dir. Ich fürchte, du bist wieder durchgegangen und führst mich wieder hinter’s Licht.“ „Fürchte nichts, Mütterchen,“ sagte der Junge. „Morgen werde ich mich zu einem Bade verwandeln, du wirst mich verkaufen; doch gib acht, dass du den Schlüssel nicht auch mit verkaufst, sonst haben wir nichts erreicht und mit mir ist’s auch aus.“

Während der Junge seine Mutter so des öfteren belehrte, entwich der Meister dem Hause, dem er verkauft wurde und kam nach Hause. Da sah er, dass der Junge fort und nicht zu finden war: »Du Taugenichts! Du hast mich jetzt vollends verkauft! Aber sollst du nur noch einmal in meine Hände geraten, da wirst du’s lernen, einen anzuführen!“ Die Nacht blieb er noch zu Hause, den andern Morgen aber machte er sich auf den Weg, um den Jungen zu suchen.

Er wanderte lang, er wanderte kurz und forschte und nicht. Derweil verwandelte sich der Junge in ein schönes Bad, seine Mutter übergab es dem Ausrufer. Die ganze Stadt war über die Pracht des Bades erstaunt und alles sammelte sich dahin. Der Meister hörte auch davon, ging hin und bemerkte, dass das Bad sein Lehrling war. Er sagte kein Wort, und als die Bejs, Paschas und andere reiche Leute das Bad zu einem hohen Preise hinauftrieben, bot der Meister noch eine große Summe darüber; niemand wollte mehr höher und so bekam er das Bad. Die Frau wurde gerufen und als der Meister ihr das Geld überreichen wollte, erklärte sie, dass sie den Schlüssel nicht hingibt. Wie der Meister das hörte, sagte er, dass er das Geld nicht bezahlt, solange er den Schlüssel nicht bekommt und zeigte der Frau viel Geld. „Da kannst du dir einen Schlüssel dafür kaufen, was kann es schaden?“ sagte er und viele Leute stimmen ihm zu. Die Frau wusste den Sachverhalt nicht und als sie das viele Geld sah, ging sie darauf ein. Wie sie den Schlüssel übergab, fühlte der Junge, dass es um ihn geschehen war, verwandelte sich in einen Vogel und flog davon. Der Meister aber wurde zu einem Falken und verfolgte ihn. So flogen sie ein gutes Stück, einander jagend bis in eine andere Stadt, wo der Padischah mit seinen Großen sich im Garten die Zeit vertrieb.

Wie der zum Vogel verwandelte Junge das sah, wurde er plötzlich, um sich zu retten, zu einer schönen roten Rose und fiel dem Schah zu Füßen. Der Schah erblickte die Rose und sprach höchst verwundert zu den Umherstehenden: „Sieh da, welche Jahreszeit ist es denn jetzt, dass ich solch eine Rose gefunden habe? Wie dem immer sei, die Rose ist von Allah; sie ist so schön und duftet so herrlich, nicht einmal zur Blütezeit ist eine ähnliche zu finden.“

Der Meister, der in einen Falken verwandelt war, nahm wieder Menschengestalt an und kam, die Laute in der Hand, das Windspiel hinter ihm, als ein Minnesänger hin und ging seine Lieder singend und die Laute schlagend, als wenn er nur lustwandelte, hin zum Schah. In seinen Liedern bat er den Schah um die Rose; doch der Schah sagte: „Mensch, was sagst du doch! Die Rose ist mir von Allah gegeben. Du begegnest uns von ungefähr, ein Landstreicher, der du bist; wie kannst du mir die Rose abverlangen?“ Der Meister versetzte dagegen: „O mein Schah! Mein Handwerk ist offenbar; ich habe mich in die Rose, die du hältst, verliebt. Ich suche sie schon lange Jahre hindurch und konnte sie bisher nicht finden. Wenn du sie mir nicht gibst, töte ich mich. Wird das nicht schade sein? Ich verfolge sie über Berge und Felsen, und jetzt gerät sie einem so mildherzigen Padischah in die Hände; hast du mit mir Armen kein Mitleid, der ich um ihre Liebe Seele und alles verloren habe? Ziemt es dir wohl, mich so zu betrüben? Bis du mir die Rose nicht gibst, weiche ich nicht von der Stelle.“ So überredete er den Schah, der sagte: „Was kann an einer Rose gelegen sein, möge der Unglückselige sein Ziel erreichen.“ Und übergab ihm die Rose.

Die Rose fiel aber aus des Schahs Händen zur Erde, verwandelte sich in Hirsebrei und verfiel in viele Körner. Der Meister verwandelte sich sofort in einen Hahn und pickte den Hirsebrei auf. Ein Körnchen aber war an dem Schah unter die Füße gefallen, dies hatte der Hahn nicht sehen können. Das Hirsekorn ward wieder zu einem Menschen, packte den Hahn und riss ihm den Kopf ab, mit einem Worte, tötete den Meister. Der Schah war sehr erstaunt und erkundigte sich um die Lösung des Rätsels. Da erzählte nun der Junge die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende. Dem Schah gefiel die Kunst des Jungen, der sonst auch ein gefälliges Äußeres hatte, und ernannte ihn zu seinem Großwesir. Er hatte auch eine Tochter, die gab er ihm zur Frau und die Hochzeit wurde vierzig Tage und vierzig Nächte hindurch gefeiert. Der Junge nahm auch seine Mutter zu sich und da sie nun aller Armut enthoben waren, lebten sie von nun an herrlich und in Freuden.

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Also eigentlich ein Initiationsmärchen, wenn der Schüler den Meister besiegt. Und damit endet die türkische Woche im Märchensammler. Ich hoffe, es hat euch gefallen.

 
Textquelle: Türkische Volksmärchen aus Stambul, gesammelt, ü̈bersetzt und eingeleitet von Dr. Ignaz Kúnos. Leiden: Brill [1905], S. 277-281.
Bildquelle: Paul Gaugins (1848-1903) Le sorcier de Hiva Oa (1902), d.h. Der Zauberer von Hiva-Oa

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