36.3 Die Leber – ein türkisches Kettenmärchen

Heute gibt es ein türkisches Kettenmärchen. Lest selbst…

Die Leber

Einmal wünschte eine alte Frau Leber zu essen. Sie gab also ihrer Tochter einige Para-Stücke, damit sie dafür eine Leber kaufe, dieselbe im Teiche rein wasche und dann nach Hause bringe. Die Maid ging auf den Tscharschi, kaufte die Leber und trug sie zum Teiche, damit sie dieselbe wasche. Während sie die Leber reinigte, flog ein Storch herbei, entriss ihrer Hand die Leber und flog damit weg. Die Maid bat ihn: „Gib mir die Leber zurück, o Storch, damit ich sie meinem Mütterchen bringe, sonst schlägt es mich.“

„Wenn du mir Gerste dafür gibst, so gebe ich dir die Leber zurück,“ versetzte der Storch.

Die Maid ging zum Acker hin und sprach: „Acker, gib mir Gerste, Gerste gebe ich dem Storch; Storch gibt mir die Leber zurück, die trage ich meinem Mütterchen.“

Sprach der Acker: „Wenn du zu Allah um Regen betest, so gebe ich dir Gerste.“

Als sie nun betete: „Gib Regen, o Allah; den Regen gebe ich dem Acker; der Acker gibt mir Gerste, Gerste gebe ich dem Storche; Storch gibt mir die Leber zurück, die Leber gebe ich meinem Mütterchen“ – kam ein Mensch und sagte ihr, dass ohne Weihrauch ihr Gebet nichts wert sei, sie möge sich vom Kaufmann Weihrauch holen.

Sie ging also zum Kaufmann und spracht: „Kaufmann, gib mir Weihrauch, damit ich es vor Allah anzünde; Allah gibt dann Regen, Regen gebe ich dem Acker; Acker gibt mir Gerste, Gerste gebe ich dem Storche; Storch gibt mir die Leber zurück; die Leber gebe ich meinem Mütterchen.“

„Ich gebe dir es,“ sprach der Kaufmann, „wenn du mir Stiefel vom Schuster bringst.“

Die Maid ging zum Schuster und sprach zu ihm: „Schuster, gib mir Stiefel, Stiefel gebe ich dem Kaufmanne; Kaufmann gibt mir Weihrauch, Weihrauch spende ich Allah; Allah gibt mir Regen, Regen gebe ich dem Acker; Acker gibt mir Gerste, Gerste gebe ich dem Storche; Storch gibt mir die Leber zurück; Leber gebe ich meinem Mütterchen!“

Sprach der Schuster: „Bring mir Ochsenleder, dann gebe ich dir Stiefel.“

Die Maid ging zum Lederer und sagte ihm: „Lederer gib mir Leder; Leder gebe ich dem Schuster, Schuster gibt mir Stiefel; Stiefel gebe ich dem Kaufmann, Kaufmann gibt mir Weihrauch; Weihrauch spende ich Allah, Allah gibt mir Regen; Regen gebe ich dem Acker, Acker gibt mir Gerste; Gerste gebe ich dem Storche, Storch gibt mir die Leber zurück; die Leber bringe ich meinem Mütterchen!“

„Bringst du mir ein Fell vom Ochsen, so gebe ich dir Leder,“ versetzte der Gerber.

Die Maid ging zum Ochsen und sprach: „Ochs gib mir Fell, Fell gebe ich dem Lederer; Lederer gibt mir Leder, Leder gebe ich dem Schuster; Schuster gibt mir Stiefel, Stiefel gebe ich dem Kaufmann; Kaufmann gibt mir Weihrauch, Weihrauch spende ich Allah; Allah gibt mir Regen, Regen gebe ich dem Acker; Acker gibt mir Gerste, Gerste gebe ich dem Storche; Storch gibt mir die Leber zurück; die Leber bringe ich meinem Mütterchen!“

Sprach der Ochs: „Wenn du mir Stroh bringst, so gebe ich dafür ein Fell.“

Die Maid ging also zu einem Bauern und sagte ihm: „Bauer gib mir Stroh, Stroh gebe ich dem Ochsen; Ochs gibt mir Fell, Fell gebe ich dem Lederer; Lederer gibt mir Leder, Leder gebe ich dem Schuster; Schuster gibt mir Stiefel, Stiefel gebe ich dem Kaufmann; Kaufmann gibt mir Weihrauch, Weihrauch spende ich Allah; Allah gibt mir Regen, Regen gebe ich dem Acker; Acker gibt mir Gerste, Gerste gebe ich dem Storche; Storch gibt mir die Leber zurück, die Leber bringe ich meinem Mütterchen!“

Sprach der Bauer zur Maid: „Ich gebe dir Stroh, wenn du mich küssest!“

Die Maid dachte bei sich, dass sie ihn doch küssen müsse, sonst würde sie ja ihr Ziel nie erreichen. Sie trat daher an den Bauern heran, küsste ihn und bekam von ihm für den Kuss Stroh. Das Stroh trug sie nun zum Ochsen, der Ochs gab ihr dafür ein Fell. Das Fell trug sie zum Lederer, der ihr dafür Leder gab. Das Leder gab sie für Stiefel dem Schuster hin. Die Stiefel trug sie zum Kaufmann, der ihr dafür Weihrauch gab. Den Weihrauch spendete sie Allah und betete: „Gib Regen, o mein Allah; den Regen gebe ich dem Acker, damit er mir Gerste gebe. Die Gerste gebe ich dem Storche, damit er mir die Leber zurückgebe, die ich meinem Mütterchen nach Hause tragen will!“ Allah gab ihr Regen. Den Regen gab sie dem Acker; der Acker gab ihr Gerste. Die Gerste gab sie dem Storche, der ihr nun die Leber zurückgab; die Leber brachte sie ihrer Mutter; sie kochten sie und aßen sie auf.

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Abgesehen davon, dass ich es grundsätzlich spannend finde, dass es Kettenmärchen in allen möglichen Kulturkreisen gibt, finde ich es besonders spannend, dass hier Allah schlicht als eines von mehreren Kettengliedern eingebaut wird. Er steht nicht einmal am Ende der Reihe, sondern mittendrin. Ein Gott, mit dem verhandelt wird. Sehr sympathisch.

 
Textquelle: Türkische Volksmärchen aus Stambul, gesammelt, ü̈bersetzt und eingeleitet von Dr. Ignaz Kúnos. Leiden: Brill [1905], S. 103-106.

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